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Adel und Nichtadlige im Ingelheimer Grund


Autor und Fotos: Hartmut Geißler
nach Alexander Burger und Peter Classen


Zum Betrieb einer Pfalz gehörten Menschen, die die Gebäude und ihre Einrichtung in Ordnung hielten und für den sehr aufwändigen Unterhalt eines Königshofes mit seinen vielen hungrigen Gästen sorgten.

Das waren nach einer Urkunde vom 6. Februar 835 (Urkundenbuch des Klosters Prüm)
- die dem Könige direkt unterstellten Bauern und Handwerker, die auf dem Königsgut ("fiscus") arbeiteten, lateinisch daher "fiscalines" genannt (etwa = "Königsleute"),
- die "liberi homines", die adligen Freiherren, später auch "manen des richs" genannt, ansässig auf Königshufen in den Selztaldörfern, insbesondere in Ober-Ingelheim und Großwinternheim.

In der Urkunde, die einen Besitztausch regelt, erfahren wir auch die Namen der "Ingelheimer", die sie unterzeichnet bzw. gesiegelt haben (aus Schmitz, S. 353); es sind nach unseren heutigen Gewohnheiten ausschließlich "Vornamen", denn zu "Familiennamen" ging man erst seit dem Hochmittelalter allmählich über.

- Liberi Homines: Gernand, Duodonius, Atto, Willibert;
- Fiscalines: Hugo der Ältere, Williger, Hiltbreth, Albunc, Guntar, Tegandolf, Otger, Hildibald, Guntbreth;
- dazu noch zwei Presbyter (Erlarius und Anno)
- sowie ein Notar namens Ragingar.

Dass es zu den Blütezeiten der Pfalz, also etwa vom 8. Jahrhundert (Karl der Große) bis ins 11. Jahrhundert (bis zu den Saliern) adlige Pfalzverwalter auch unmittelbar im Saal gegeben haben muss, in Nieder-Ingelheim, leuchtet ein, auch wenn er nicht belegt ist. Schon den ersten Herren von Ingelheim wird deshalb in der Genealogie von Echters Stammbaum der Titel eines "Pfalzgrafen" zugeteilt, obwohl dieser Titel für Ingelheim nicht nachweisbar ist.

Spätestens seit dem Ende der Stauferzeit aber scheint Nieder-Ingelheim mit dem Saal kein attraktiver Wohnsitz für den Ingelheimer Adel mehr gewesen zu sein. Man hatte zwar noch Höfe  dort, wohnte jedoch woanders.

Classen beschreibt die Standesstruktur des Ingelheimer Grundes folgendermaßen (S. 133/34):

"Die Bevölkerung Ingelheims besteht aus zwei ständisch getrennten Gruppen, dem Adel ("Ritter und Edelknechte") und den Nichtadligen; aber beide haben gleichen Anteil an der Reichsfreiheit, beiden steht die Wahl zum Schöffen wie das Schultheißenamt offen. Konflikte zwischen beiden Gruppen können wir in der von uns zu behandelnden Zeit noch nicht beobachten. Schon die Urkunden des 13. und frühen 14. Jahrhunderts lassen erkennen, daß der Adel fast ausschließlich in Ober-Ingelheim [und Großwinternheim; Gs] wohnt und dort begütert ist. Aber seine Verbindungen reichen weit über das Ingelheimer Reich hinaus.

Die Familien, die zum Teil Namen führen, die auf Herkunft von anderen Orten deuten - von Ockenheim, von Appenheim und andere - sind verschwägert mit dem Adel des Reichsgutbereiches von Oppenheim, Nierstein und Schwabsburg, aber auch mit dem rheingauischen Adel und der Mainzer Ministerialität; und wie die familiären Beziehungen, so reichen auch die Besitzungen in diese Gebiete. Zu den weltlichen kommen die geistlichen Verbindungen: wir finden in den vornehmen Mainzer Stiftern Kanoniker aus dem Ingelheimer Adel."

 

 

 

 

 

 

 

 

Wappen eines "Johan von Ingelhaim" als angeblicher Teilnehmer eines Ritterturniers zu Worms im Jahre 1209 nach Rüxner; Abb. aus: wikipedia

 

Weiter Classen zum Adel:

"Am engsten ist Ingelheim, wie es die politischen und rechtlichen Verhältnisse ergeben, mit Oppenheim verbunden; Oppenheimer Burgmannen tragen Lehen in Ingelheim, und zum Amtsgut des Reichsschultheißen von Oppenheim gehören auch Ingelheimer Besitzungen. Die verwandtschaftlichen Beziehungen dorthin sind zahlreich; ein Reichsschultheiß von Oppenheim aus der Zeit um 1300 ist mütterlicherseits Sproß der Familie "von Ingelheim". Einzelne Ingelheimer Ritter erreichten die Aufnahme in die Oppenheimer Burgmannschaft; eine eigene Burgverfassung mit Burgmannenrecht konnte sich in Ingelheim nicht herausbilden, wohl aber erhielt die Genossenschaft des Ingelheimer Adels, die "Gelübd", im späten 14. Jahrhundert das Recht der Friedberger Burgmannen.

Das Ingelheimer Gericht jedoch wurde zwar für zahlreiche andere Orte zum Oberhof, nicht aber für den Oppenheimer Bereich. Das weist auf das hohe Alter seiner Verfassung.

Der Ingelheimer Adel lebt von seinen landwirtschaftlich genutzten Besitzungen, die oft recht zersplittert innerhalb und außerhalb des Ingelheimer Reichsgutbezirkes liegen. Zugleich leistet er Kriegsdienste im Solde verschiedener Herren; in einer Mainzer Soldabrechnungsliste von 1318 werden allein 20 Ingelheimer Ritter angeführt. "
(soweit Classen)

Zum Heereszug des Ritters Philipp von Ingelheim 1431 nach Lothringen siehe hier!

Diese Ingelheimer Freiherren waren im frühen und hohen Mittelalter nur dem jeweiligen König untertan, also reichsunmittelbar, und erhielten sich Vorrechte dieses Status, der von einigen Abgaben und Pflichten befreite, auch nach 1375/76, als der Ingelheimer Grund an das Kurfürstentum der Pfalz verpfändet wurde.

Eine Zusammenstellung dieser adligen "Freiheiten und Gnaden" ist in einer Urkunde vom 7.6.1392 überliefert.

 

 

 

 

 

 

Rechts: Epitaphien der Ritter Hans von Ingelheim und Wilhelm von Ockenheim in der Burgkirche, 15. Jh.

Die Wappen wurden während der französischen Revolutionszeit herausgemeißelt. Foto: Archiv des Historischen Vereins

Zum Ritter Philipp von Ingelheim

 


Den Status der Reichsunmittelbarkeit spiegeln auch die überlieferten Wappen der Ingelheimer Ursprungsorte wider. Sie alle zeigen den staufischen Kaiseradler:

 

Die im Ingelheimer Grund ansässigen bzw. begüterten Adelsfamilien waren in der Regel Mitglieder in der "Gelübd" (weiblich), einer Genossenschaft, zu der alle Adligen des Reichsgrundes gehören mussten, wenn sie in den Genuss der Freiheiten kommen wollten.

Sie kannte Aufnahmeeide (wohl daher die Bezeichnung "Gelübd"), hatte schriftliche Statuten, eigene Ämter ("die Drei" und "die Zwei"), Mechanismen zur inneren Konfliktregelung wie Schiedsverfahren und eine gegenseitige Beistandspflicht. Einmal im Jahr tagte die Gelübd in Ober-Ingelheim.

Auch nichtadlige "Bürger", die in den Ingelheimer Reichsgrund zuziehen wollten, mussten einen "Bürgereid schwören.

Dem Ingelheimer Adel gelang es nicht wie anderen Adelsfamilien im Reich, sich durch Burgenbau aus der anderen bäuerlichen Bevölkerung herauszuheben (abgesehen von denjenigen "Burgmannen", die im befestigten Saal wohnten), sondern er wohnte jahrhundertelang inmitten der nichtadligen Ingelheimer in den verschiedenen Reichsdörfern.

Allerdings wurden die beiden Orte, in denen seine Höfe lagen, im Spätmittelalter durch Wehrmauern umgeben: Ober-Ingelheim und Großwinternheim. Auf diese Weise erhielten beide Orte ein burgähnliches Aussehen, das aber nur noch an den Ober-Ingelheimer Wehrmauern bis heute gut zu erkennen ist.

Zu den Burgmannen im "Saal"

Die stattlichen Höfe solcher Adligen standen in der Aufhofstraße ("Uffhub") oder stehen z. T. noch in der , der Stiegel- und Edelgasse Ober-Ingelheims.

Besonders seien hier die "Edlen", dann "Freiherrn", schließlich die "Grafen von Ingelheim" genannt, die heute noch in Geisenheim und in Mespelbrunn ansässig sind.

 

 

 

 

 

 

Bilder von oben nach unten:

1. Standort des ehemaligen Hofgutes derer "von Ingelheim" in der Stiegelgasse 50/52

 

 

 

 

 

 

 

 

2. Hof der "Wolf von Sponheim", Edelgasse 1

 

 

 

 

 

 

 

 

3. Spätmittelalter: Sitz der "Buser/Beuser von Ingelheim", Stiegelgasse 65 (gegenwärtiges Gebäude jünger)

 

 

 

 

 

 

4. Hofgut Westerhaus am Westhang gegenüber von Großwinternheim, im 18. Jahrhundert erbaut von den "Grafen von Ingelheim"

 

 

 

 

 

 

5. Palais der "von Obentraut" in Großwinternheim

 

Die Schultheißen (eine Art Orts- und Gerichtsvorsteher) der Orte stammten sehr häufig aus den Familien "von Obentraut" oder "von Ingelheim".

Keiner dieser Ritterfamilien gelang es, eine regionale Vormachtstellung zu erringen und etwa eine Familien-Wohnburg zu errichten.

Beide Bevölkerungsgruppen - die freien Bauern und Handwerker sowie die Adligen - existierten weiter, auch als aus dem königlichen Fiscalgut ein kurpfälzisches Territorium wurde. Sie kamen dreimal im Jahr zum "Ungebotenen Ding" zusammen, wobei das Nichterscheinen mit Bußgeld bedroht war, also zu einer Art Volksversammlung der Freien. "Ungeboten" hieß dieses Thing deshalb, weil es das Regeltreffen war, zu dem nicht extra eingeladen ("geboten") wurde. Es fand in Nieder-Ingelheim unter der Linde statt, die Hugo Loersch und ihm folgend Anna Saalwächter im "Saal" lokalisierte, andere neben der Remigiuskirche, die als Gemeindekirche mit Glockenturm auch zu Gemeindeankündigungen diente; bei schlechtem Wetter in der Michaelskapelle daneben. Es wurde durch den Schultheißen von Nieder-Ingelheim geleitet ("gehegt") und fand regelmäßig statt am
- am Montag nach Martini (11. November)
- am Montag nach Johannes Baptist (24. Juni)
- und am zweiten Montag nach Ostern.

Von seiner in frühen Zeiten wahrscheinlich sehr weitreichenden Zuständigkeit, auch in strafrechtlichen Fragen, war seit dem Spätmittelalter nicht mehr viel übrig geblieben. (Anna Saalwächter, S. 20). In den Zeiten der Oberhof-Dokumente und Haderbücher (14./15./frühes 16. Jh.) befasste sich das Ding wohl nur noch mit
- Verwaltungsangelegenheiten, wie Zöllen
- der Aufnahme von fremden Untertanen ("Ausleuten")
- Kompetenzüberschreitung des geistlichen Gerichtes
- Jagdvergehen
- Amtsverletzungen von Beamten und
- Strafsachen

Ab 1580 zog das kurfürstliche Gericht in Heidelberg endgültig auch die lokalen Strafsachen an sich.

Beide Gruppen - Adel und Nichtadlige - standen zusammen, wenn es um die Verteidigung ihrer Rechte gegen die zentralistischen Bestrebungen der Pfälzer Regierung ging; sie hatten aber auch immer wieder lang andauernde und zähe Konflikte miteinander, wenn zum Beispiel ...

- die Mitgliedschaft in den Gerichten
- das freie Ausschankrecht
- und vor allem das Jagdrecht

... betroffen war.

Eine Aufstellung solche Konfliktpunkte findet sich im Heidelberger Entscheid vom 5. Dezember 1609, durch den die kurpfälzische Regierung zwischen beiden Gruppen zu schlichten versuchte.


Durch die Adelsfamilien erlangte Ober-Ingelheim nach dem Niedergang der Nieder-Ingelheimer Pfalz eine deutliche Vorrangstellung gegenüber den anderen Dörfern des Grundes (Ingelheim "superior", was anfangs wohl geographisch gemeint war, später aber rangmäßig gedeutet wurde). Sie erfuhr durch den Oberhof - auch Rittergericht genannt - vom 14. Jahrhundert an eine weitere Verstärkung.

 

Adalbert Erler beschrieb den „Obirhof“ als Rechtshilfe- und Berufungsinstanz des alten deutschen Rechts.

Er dürfte seine Wurzeln im Königsgericht des frühen Mittelalters gehabt haben, sein Sitz war in Ober-Ingelheim. Über 80 Ortsgerichte zwischen Bacharach, Alzey und Friedberg gingen bis zum 30-jährigen Krieg, Rechtshilfe suchend, beim Ober-Ingelheimer Oberhof „zu Haupte“. Bezeichnenderweise führte er den Kaiseradler im Siegel (links).

Während im Hochmittelalter noch Nichtadlige Mitglieder dieses Gerichtes sein konnten, ergänzte sich die Schöffenbank seit dem Spätmittelalter nur noch durch Berufung aus der „Adelsgelübd“.

Ober-Ingelheimer Wehrmauer am Seufzerpfad

Im Jahre 1756 antworteten die Ortsverwaltungen von Frei-Weinheim und Nieder-Ingelheim auf eine Anfrage des pfälzischen Oberamtes in Oppenheim, dass „seit undenklichen Zeiten“ in ihren Orten keine Adligen ansässig gewesen seien. Wohl deshalb konnten sich nur die Orte Ober-Ingelheim und Großwinternheim im 13./14. Jahrhundert mit starken Wehrmauern umgeben, während die Bauern des Nieder- Ingelheimer Dorfes zwar hinter den Mauern des "Saals" Schutz finden konnten, ihr eigentliches Dorf an der Remigiuskirche aber schutzlos war und mehrfach zerstört wurde.

 

Andere Reichsdörfer wie Elsheim, Schwabenheim, Bubenheim waren mit Wall und Graben umgeben.

Widder berichtet aus dem Jahre 1787 noch von folgendem Adelsbesitz in der Ober-Ingelheimer Gemarkung:

"An dieser Waldung hat der Freiherr von Horneck 175 M., der Graf von Ingelheim 85 M. und der Freiherr von Walbrunn 115 Morgen.
Adeliche Höfe nebst den dazu gehörigen Feldgründen besizen die Grafen von Ingelheim, die Freiherren von Geismar, von Nagel, von Walbrunn, von Buseck, von Horneck, und die Dompräsenz zu Mainz. Ferner der Graf von Ingelheim einen nur eine viertel Stunde vom Orte gelegenen Hof, Westerhaus genannt, den er von der Kurpfalz zu Lehen trägt."
(Widder III, S. 312)

Adelshöfe in Nieder-Ingelheim gab es nach Widder zu dieser Zeit nur noch spärlich, nämlich zwei Höfe außerhalb des eigentlichen Ortes: Sporkenheim als kurpfälzisches Lehen im Besitz der Grafen von Ingelheim und den Haxthäuser Hof mit 200 M. Land im Besitz der Freiherren von Haxthausen.

"Die übrigen in der Gemarkung gelegenen Freigüter (also kirchliche und adlige) gehören der Kurfürstlichen Hofkammer, der geistlichen Verwaltung, den Freiherren von Walbrunn, von Erthal, von Horneck, dem St. Stephansstift, dem Katholischen Pfarrer und Schulmeister etc." (Widder III, S, 309)

Diese Besitzverhältnisse änderten sich durch und nach der französischen Revolution.

Diese Vorrangstellung Ober-Ingelheims hatte aber auch noch am Ende des alten Reiches Bestand, als in der französischen Zeit 1802 eine neue Verwaltungseinheit geschaffen wurde, der "Kanton Ober-Ingelheim", und noch weiter im 19. Jahrhundert, bis die Industrialisierung, die wegen der Eisenbahnanbindung und der durchgehenden Straße in Nieder-Ingelheim stattfand, nun diesen Ort allmählich zum bevölkerungsreichsten und finanzstärksten der Ingelheimer Dörfer machte.

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Gs, erstmals 28.02.06; Stand 25.02.17