Sie sind hier:   Adel in Ingelheim > von Obentraut

Die Obentrauts in Großwinternheim

 

Autor: Dr. Joachim Gerhard
als Vortrag gehalten vor dem Rotarylub am 30. Juli 2015

 

Mit diesem Kurzvortrag möchte ich die Erinnerung an das Rittergeschlecht der Obentrauts wach halten und in den Kontext der Groß-Winternheimer Geschichte stellen. Bei meinem kleinen Exkurs werde ich mich im Wesentlichen auf die Groß-Winternheimer Linie der Obentrauts beziehen und andere Obentraut-Themen, wie z.B. die genealogischen Beziehungen zwischen den von Obentrauts und Karl dem Großen, das Leben des berühmtesten von Obentraut, Johann Michael Elias, der böhmische Linie der von Obentrauts sowie die Heuchelheimer Linie nicht oder nur am Rande streifen.

Die Bedeutung der von Obentrauts in Groß-Winternheim ist nur zu verstehen wenn man einerseits die Verwandtschaft mit dem berühmtesten von Obentraut, Johann Michael, genannt Elias, auch als „Deutscher Michel“ in die Geschichte eingegangen, und die Privilegien der Reichritterschaft unter den Pfalzgrafen und pfälzischen Kurfürsten bei Rhein berücksichtigt. Bestandteil dieser Privilegien war auch die Schöffentätigkeit am Ingelheimer Oberhof, den zwischen den 14. und dem 16. Jahrhundert ca. 70 z.T. weit umliegende lokale Gerichte als Beratungsinstanz aufsuchten.

Humbracht, Genealogie der Obentrauts, linke Seite von 59; Repro: Gs

Hilger v. Obentraut gehörte auch zu diesen adligen Schöffen. So waren die Rittergeschlechter reichsunmittelbar, d. h. nur dem König unterstellt. Auf Besitzungen und Erträge daraus war keine Abgabe zu leisten was den Bestand des Vermögens bewahrte bzw. wachsen ließ. Sie bildeten keinen Reichsstand, nahmen somit nicht an Reichstagen teil, waren aber verpflichtet dem König Kriegsdienste zu leisten. Diese konnten später durch entsprechende Geldzahlungen abgelöst werden.

Die Reichsritterschaft in Schwaben, in Franken und am Rhein verfügte zu dieser Zeit über eine verfasste Ordnung. Seit 1422 hatte König Sigismund die „Ritterbünde“ zugelassen. Sie wurden aber erst 1495 auf dem Reichstag von Worms als Korporationen anerkannt.

Nach der o.g. Ordnung gab es 3 Ritterkreise, die ihrerseits wieder in Orte, Kantone und Quartiere unterteilt waren. Die Geschäfte der - 2 - Kantone, die besondere Kanzleien hatten, führte ein Direktor oder Hauptmann, dem Ritterräte und Ausschüsse zur Seite standen. Groß-Winternheim und der Ingelheimer Grund zählten zum „löblichen oberrheinischen Ritter-Canton“, wie es Anno 1644 der Schreiber des Reichsrittergerichtes, Conrad Susenbeth (Nennungen 1634, 1653) darstellte. In seinem „Special-Extract“ schreibt er über die Ableitung dieser Privilegien und deren Bestätigung durch die Könige und Kurfürsten bei Rhein beginnend mit König Wenzel (1376-1400) im Jahre 1380. In der letzten Huldigung und „Privilegienkonfirmation“ unter Kurfürst Karl Theodor 1747 wird insbesondere eine Regelung zum Groß-Winternheimer Weinzehnt getroffen, wonach der Weinzehnt freiwillig und mit einer Rückerstattung von 3 Pf. je Legel Most verbunden war.

In den Quellen zum oberrheinischen Ritter-Canton sind eine Reihe von Personen aus den Geschlecht derer von Obentraut zu finden: Hilger v. O. 1495, Barthel v. O. 1505 (Vater des Deutschen Michels), Hilgart, Heinrich und Johann v. O. (ohne Zeitangabe), 1600-1643: Hans Michael v. O. und Heinrich v. O. (letzter adliger Schultheiß von Groß-Winternheim bis 1653).

Ohne diese besondere Stellung und Organisation wäre es nur schwer möglich gewesen, das Rittertum in seiner Substanz über Jahrhunderte zu erhalten.

Das Geschlecht derer von Obentraut stammt ursprünglich aus dem Westerwald und nannte sich nach einer Wüstung zwischen Langendernbach und Wilsenroth (8 km südostwärts von Westerburg) mit dem Namen „Abintrode“. Die erste Erwähnung dieses Ortes finden wir 1129 in den Regesten des Mainzer Erzbischofes (Abbenrode). Der Stammvater derer von Obentraut ist „Henricus de Abenrode“, der erstmals 1215 als Burgmann von Westerburg erscheint und in einer Urkunde aus Frankfurt von 1250 genannt wird. Dieses Geschlecht gehörte zu den Ministerialen, die den Herren von Runkel (7 km ostwärts von Limburg) dienten. Sie waren Burgleute zu Westerburg, Hachenburg, Montabaur und hatten Besitzungen im Westerwald und im Taunus.

Unter Wilhelm v. Obentraut (1348-1363) wechselt der Name Abentrode mit seinen unterschiedlichen Abwandlungen zu Obentraut, wenn auch der „alte Name“ hin und wieder in den Quellen auftaucht. Ende des 16. Jahrhunderts wanderten sie nach Bacharach, Manubach, Diebach und nach Heddesheim heute Guldental) aus.

1602 verkauft Barthel von Obentraut, der Vater des „Deutschen Michel“ und kurfürstlicher Amtmann zu Stromberg, das Hofhaus des Geschlechtes in Langendernbach. Es ist im Rahmen dieses Vortrages nicht möglich alle Quellen und Hinweise auf die von Obentrauts von 1215 bis zum Beginn der Groß-Winternheimer Linie zu nennen. Mit Hilger von Obentraut beginnt die Groß-Winternheimer Linie der Familie.

Im Jahre 1529 belehnte der Abt des Klosters St. Maximin in Trier, welches seit dem 10. Jahrhundert in Schwabenheim über Besitzungen verfügte, Hilger v. O. mit dem 3.Teil des großen Zehnten zu Winternheim und mit verschiedenen Weingärten, nachdem er sich im Jahre 1500 mit in das Lehen eingekauft hatte. Hilger v. O. (*1486, + 1557) heiratet Kunigunde Flach v. Schwartzenburg (+ 1550), eine Dame aus dem ortsansässigen Adel, denn deren Angehörige (Vater oder Brüder) Hans und Jörg Flach von Schwartzenburg gehörten bereits 1488 bzw. 1501 zum Schöffenstuhl des Oberhofes in Ingelheim. Sie hatten gemeinsam 11 Kinder.

Hilger v. O. wird 1541 als Reichsschultheiß von Groß-Winternheim, wohl aber des gesamten Ingelheimer Grundes verzeichnet. Hilger v. O. taucht ebenfalls im Schöffenregister des Oberhofes auf, allerdings mit seinem früheren Namen Abentrode (Abentrütt). Sein Sohn Asmus war Ritter des Johanniterordens. Die Stammfolge übernimmt Christoph v. Obentraut, der Dorothea von der Hauben heiratet und mit ihr 6 Kinder hat. Christoph v. O. quittiert 1588 ein Dokument, welches sich mit der - 4 - „rückständigen Türkensteuer“ befasst, die offenbar von einigen Mitgliedern der Ritterschaft des Rheinkreises und der Wetterau nicht entrichtet wurde.

Von 1594 stammt ein Güterverzeichnis des Christoph v. Obentraut, in dem dessen „Haus, Hof, Wingerte und Wiesen“ in der Groß-Winternheimer Gemarkung aufgelistet sind. Interessant sind dabei insbesondere alte Lagebezeichnungen und Namen von Eigentümern und Pächtern, wie z. B.: Am Häuserweg, Am Schwarzenbaum, Faulhaber, von Gemünden, Biebesheimer.

Aus dem Jahr 1618 ist uns eine „Cession“, eine Abtretungserklärung, überliefert, in der Christophs Sohn, Hans Michael seinem Bruder Ludwig das Eigentum und seine Lehensgüter für 14000 Gulden vermacht. Ursächlich hierfür war nach Fritschler offenbar ein im ersten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts erfolgter Brand, der das Obentraut`sche Anwesen restlos zerstört hatte.

Erstaunlich ist aber, dass am Schlussstein der Toreinfahrt des Renaissancebaus die Initialen „H.M. V.O.-1609 zu finden sind, die darauf schließen lassen, dass zu diesem Zeitpunkt der Bau bereits von Hans-Michael wieder renoviert worden war.

Interessant ist auch eine Urkunde, in der die Gemeinde den „Freien Platz“ oder Teile davon an den Ludwig v. Obentraut verkaufen, um mit dem Erlös eine „notwendige, christliche Schul für die Jugendt“ zu errichten. Ein anderer Sohn des Christoph v. O., Philipp v. Obentraut, heiratet Maria Cleophe, Ritterin v. Urendorff (5 Kinder). Erstaunlicherweise sind zu seiner Familie nur wenige für Groß-Winternheim spezifische Quellen auffindbar. Hierfür könnte der voll im Gang befindliche 30-jährige Krieg ursächlich sein.

Johann Heinrich v. Obentraut, der Stammhalter von Philipp und Marie, ist in erster Ehe mit Helene Kitscher (+ 1657) und in zweiter Ehe mit Barbara von Liechtenstein verheiratet. Diesen Verbindungen entstammen 3 Kinder. Johann Heinrich v. O. war Obristleutnant im 30-jährigen Krieg und 1653 letzter adliger Schultheiß zu Groß-Winternheim.

Zu erwähnen ist auch eine Erbauseinandersetzung mit Albert Reichard v. O. aus der Heddesheimer Linie im Jahre 1645, bei der es offenbar um noch bestehendes Besitztum von Johanns Vater in Heddesheim geht. Johann Heinrich v. O. stirbt am 21.03.1673. Barbara von Liechtenstein wird 1670 und 1683 in Akten des Reichskammergerichtes im Zusammenhang mit dem Nachlass der Familie von Coppenstein (Gemünden, Hunsrück) erwähnt. Seine erste Frau war offensichtlich, obwohl ihr Mann Calvinist war, „der Römischen Religion zugethan“, hatte sie doch privaten, katholischen Gottesdienst in ihrem Haus abhalten lassen. Jener Sachverhalt hatte den Schreiber von Oppenheim veranlasst, Meldung zu erstatten. Ihr Mann, der Calvinist, verteidigte sie gegenüber dem Kurfürsten. Johann Heinrich v. O. haben wir auch das guterhaltenen Epitaph zu verdanken, das er offenbar für seine erste Frau schaffen ließ und der in dieser katholischen Kirche in Groß-Winternheim einen würdigen Platz gefunden hat.

Franz Volrad v. O. (*1620, +1700) und seine katholische Frau Anna Barbara von Eltz (*1621, +1708) haben 7 Kinder. In Urkunden von 1695 und 1696 wird deutlich, dass die Obentrauts erhebliche Geldprobleme hatten. Franz Volrad leiht sich in beiden Fällen Geld vom Mainzer Domkapitel und gibt als Sicherheit Grundstücke von denen insbesondere 5 Morgen Weingarten im Bockstein bemerkenswert sind. Franz Volrad v. O. stirbt im Jahr 1700. Nach dem Tod ihres Mannes verschuldet sich Anna Barbara nochmals beim „Hospital St. Catharina in Mayntz“. Sie stirbt 1710. Ihr Sohn, Franz Albrecht, tilgt die Obligationen seiner Mutter erst 1729, obwohl er selbst in Geldnöten ist. Überliefert ist ein Ehevertrag zwischen der Tochter Franz Volrads, Maria Barbara, und dem Obristleutnant Ferdinando Francisco Robbiano aus dem Jahr 1703, in dem die Mitgift von 1000 Reichstalern und die Morgengabe von 300 Gulden sowie Verzichts- und Erbschaftsregelungen zu finden sind. Mit Interesse kann man feststellen, dass dieser Vertrag nicht nur Regelungen zwischen den beiden Eheleuten enthält, sondern auch solche, die den Ausgleich zwischen allen Geschwistern der Braut betreffen.

Franz Albrecht v. O. ist verheiratet mit Maria Elisabetha von Loboß. Er ist der letzte von Obentraut in Groß-Winternheim. Im Jahre 1719 wird uns ein „Protokoll der Reichsritterschaft“ bekannt, in dem Franz Albrecht seinen Gläubiger, den Churmainzischen Hofrat und Leibmedicus Franz Sebastian von Vorster um Aufschub seiner Rückzahlungen von immerhin 22.000 Gulden bittet und dabei, quasi als Sicherheit, die „löbliche oberrheinische Reichs-Ritterschaft“ bemüht. Gleiche Person begegnet uns 1725 als Landobrist Franz Albrecht Freiherr v. O. in einem Ukas des Kurfürsten Carl Philipp, wobei es hier um die Regelung der Besoldung unter Berücksichtigung verschiedener Aufträge im militärischen Bereich geht. Franz Albrecht v. O. wird im gleichen Jahr Obristkommandant des 6. Königlichen Bayrischen Infanterie-Regiments. Aus dem Jahr 1733 bleibt uns ein Testament von Franz Albrecht v. O. überliefert, das die gegenseitige Erbschaft im Todesfall des jeweils anderen Ehepartners zum Inhalt hat. Kurfürst Karl Theodor ernennt Franz Albrecht v. O. 1743 zum Oberschultheiß von Heddesheim. Franz Albrecht v. O. stirbt dort im Jahr 1750 ohne Stammfolge.

Ab 1728 beginnt der grundherrschaftliche Niedergang der von Obentrauts in Groß-Winternheim. Das „Hohe Domkapitel zu Speyer gewährt dem Herrn „Obristen von Obentraut die Summe von 30000 Gulden auf seine frei-ritterschaftlichen Güter zu Groß-Winternheim“. Falls innerhalb von 2 Jahren keine Zinsen beglichen werden und innerhalb von 10 Jahren das Kapital nicht zurückgezahlt ist, fällt das adlige Gut an das Speyrer Domkapitel. Nach einer Besitzaufstellung des Jahres 1729 besteht das Obentraut`sche Gut aus einem „wohlgebauten Haus, Hof, Stallung, Garten und Mühle (Eulenmühle)“ sowie 250 Morgen Ackerland, 38 Morgen Wiesen und 24 Morgen Wingert. Sowohl der kurmainzische Hofrat von Vorster als auch das Speyrer Domkapitel setzen Franz Albrecht v. O. unter Druck, weil die ordentlichen Zahlungen nicht erfolgten. Im Januar 1732 ist die Angelegenheit beim Reichskammergericht in Wetzlar anhängig. Im März 1732 bittet er nochmal um Aufschub bis Ende des Jahres.

Anno 1733 ist dann der Obentraut`sche Besitz samt Mahlmühle als Eigentum des Speyrer Domkapitels aktenkundig geworden. Wann Herr von Vorster sein Geld bekommen hat, ist nicht bekannt. An dieser Stelle ist noch eine nicht unwichtige Notiz aus dem Stadtarchiv Ingelheim von 1686 zu erwähnen, wonach der „Herr von Obentraut zwei adlige Häuser und Güter besitzt, nämlich das Obentrautische und das Löwensteinische“. Aus dem Heddesheimer Steinbuch ist schon 1589 zu entnehmen, dass die Löwensteiner und die Obentrauts über Lehen verbunden waren. Bei dem Löwenstein`schen Hof dürfte es sich um das Anwesen – heute Obentrautstraße 3 – handeln, das zwischen 1570/1580 einzuordnen ist. Offenbar gehörte dieses Anwesen eine gewisse Zeit auch zum Besitz der Obentrauts.

1632 zog der Verwalter des Abteivogtes, Mathias Doll, in dieses Haus. Ende des 18.Jahrhunderts lebte dort eine Familie Zielluf, die seit 1594 in Groß-Winternheim ansässig war. Offenbar ist dieses Anwesen aber im Besitz der Familie Doll verblieben, denn auf einer Weinkarte der heutigen Besitzer, der Familie Wenckenbach von 1993 ist zu lesen: „Hof Obentraut, Besitzer Friedrich Doll Erben: Gisela Wenckenbach.

Bemerkenswert ist noch eine Akte von 1739 mit dem Titel „Donationis inter Vivos“ – Schenkung unter Lebenden – in der die Witwe des Tobias Streubel von Weydenau, (Oberschultheiß zu Heddesheim) und Tochter des Franz Albrecht v. O., Anna Luisa, ihre Besitzungen dem Reichsgrafen Franz Adolf Dieterich von Ingelheim vermacht.

Interessante Spuren der ehemals Obentraut`schen Besitzungen finden wir noch in einer Akte von 1755, die überschrieben ist mit dem Titel „Renovatio“. In ihr sind inhaltsreich die landwirtschaftlichen Grundstücke und Häuser aufgeführt. Diese Akte ist eine Fundgrube für Gemarkungsbezeichnungen wie z.B. Potzenacker, In den Hollern oder Appenheimer Schnorr und Namen in Groß-Winternheim wie z.B. Adam Roletter, Jacob Faulhaber, Philipp Gehreth, Jacob Schöneck, General von Haxthausen, von Wallbrunn oder von Erthal.

Mitte des 18. Jahrhunderts, 500 Jahre seit Bestehen des Geschlechtes, endet die Zeit der Obentrauts in Groß-Winternheim, in dem sie 200 Jahre zu den Adligen des Dorfes und des Ingelheimer Grundes gehörten. Neben den Dokumenten in Archiven und Bibliotheken, dem Haus am Freien Platz, dem Epitaph in dieser Kirche und der gleichnamigen Straße hält eine Schmuck-Stammtafel, gestaltet von Monika und Karl-Heinz Rehor, die Erinnerung an die Adligen von Obentraut und ihre Bedeutung für Groß-Winternheim in besonders inhaltsreicher Weise wach.

 

Gs, erstmals: 25.10.20; Stand: 25.10.20