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Der Bau der Ingelheimer Pfalz - ein Szenario


Autor: Hartmut Geißler


Anders als für Aachen gibt es zum Bau der Ingelheimer Pfalz keine schriftlichen Quellen, die die Arbeit an dem Ingelheimer Pfalzkomplex beschreiben. Aber aus archäologischen Funden und auch aus Bemerkungen zum Bau anderer Anlagen, z. B. der Pfalzen in Aachen und Paderborn, lassen sich einige Rückschlüsse ziehen, aus denen hier ein Szenario versucht wird.

Sicherlich gab es sehr viel Arbeit für die hier Ansässigen und auch für Königsleute auf anderen Königshöfen der Umgebung, und zwar als Fronarbeit; inwieweit sie diese Frondienste für ihren Herren, den König, als eine drückende Last empfanden, oder ob nicht auch willkommene Vorteile damit verbunden waren, lässt sich schwer entscheiden. Von den Steinbrüchen der Umgebung, aber auch vom Rheinhafen herauf zur Pfalz mussten jedenfalls mühselige Fuhrdienste geleistet werden. Der Verlauf der 7 km langen unterirdischen Wasserleitung musste ausgehoben, gemauert und wieder zugeschüttet werden. Ob man hier wie beim Bau der Aachener Pfalz darüber murrte (Epperlein, S. 16), wissen wir nicht.

Da das antike Wissen im Frankenreich, auch das Bauwissen, außerhalb von vereinzelten Klöstern, weitgehend verloren gegangen war, musste die Bauleitung Karls sehr wahrscheinlich auswärtige Bauspezialisten und qualifizierte Handwerker aus Oberitalien, aus Ravenna, der ehemaligen Hauptstadt des byzantinischen Exarchats, und vielleicht sogar mit päpstlicher Unterstützung aus Rom selbst herbeiholen, was dem "König der Lombarden" (seit 774) nicht schwergefallen sein dürfte. Notker Balbulus schreibt ein Jahrhundert später, dass Karl zum Bau der Aachener Pfalz und ihrer Marienkirche Meister und Handwerker aus allen Gebieten nördlich des Mittelmeeres habe holen lassen (I, 28 und 31). Das dürfte für die Ingelheimer Pfalz nicht viel anders gewesen sein. Den Bau der Aachener Marienkirche kurz vor der Jahrhundertwende soll nach einer überlieferten Inschrift ein Meister ("magister") Odo aus Metz geleitet haben. Namen von Personen, die die Ingelheimer Bauten geleitet haben, sind nicht überliefert.

Diese auswärtigen Fachleute müssen eigene Hütten, Häuser und Werkstätten in der Nähe des Bauplatzes erhalten haben, so dass man mit einer Handwerkersiedlung in der Nähe der Pfalz rechnen muss, wie sie in Paderborn nachgewiesen wurde. Dadurch dass solche auswärtigen Baufachleute nach Ingelheim kamen, die fremde Sprachen benutzten (Italiener, Griechen), kam ein Hauch der großen weiten Welt nach Ingelheim, erst recht mit den späteren hohen Gästen aus ganz Europa. Die Ingelheimer, die beim Bau und beim Betrieb der Pfalz mithelfen mussten oder durften, werden viel gestaunt und gelernt haben.

Ob in Ingelheim auch schon gleich eigene Häuser für Mitglieder des Hofes gebaut worden sind, wie in Aachen z. B. für Einhard, ist eher unwahrscheinlich, wenn man die geringe Benutzung durch Karl bedenkt. Unter seinem Sohn Ludwig könnte es aber anders geworden sein. Notger berichtet für Aachen davon.

Insgesamt kann man von einer wachsenden Bevölkerungszahl auf dem Ingelheimer Königsland ("Fiscus") ausgehen. Nicht nur diese wachsende Bevölkerung, sondern auch die gewachsene Vorratshaltung für die neue Pfalz, deren Erfordernisse wahrscheinlich über die des bisherigen Königshofes beträchtlich hinaus gingen, erforderte eine Ausweitung der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Loersch rechnet sogar damit, dass der Umfang des Königslandes, das damals zur Versorgung der Pfalz diente, etwa doppelt so groß gewesen sei wie später der "Ingelheimer Grund" mit seinen acht Dörfern. Die Heiden und Wälder (Mainzer Berg, Rheinauen) waren gebannt und unterstanden einer eigenen Forstverwaltung, so dass für zusätzliche Urbarmachung nur andere Flächen in Frage kamen, möglicherweise weitere sumpfige Gebiete im Selztal aufwärts, die nun entwässert und nutzbar gemacht wurden. Die Bestimmungen zur Vorratshaltung solcher königlicher Höfe (nicht der Paläste!) werden uns in einer Regierungsverordnung überliefert, in dem "Capitulare de villis vel curtis imperii".

 

 

Der Grundbedarf an Mauer-Steinen konnte aus den hiesigen Kalksandsteinbrüchen am Hang des Mainzer Berges gedeckt werden; solche heute als dekorativ empfundenen Kalk-Bruchsteine werden nach wie vor in Ingelheim gern verwendet. Sie verwittern allerdings unverputzt relativ schnell.

Links ein Privathaus im Pfalzbereich, in der Sebastian-Münster-Straße, wo das Mauerwerk dekorativ freigelegt wurde.


Da die Produktion von Marmorsäulen und anderen Kunstwerken in den Steinbrüchen von Carrara bzw. St.-Beat (Pyrenäen) seit dem 6. bzw. 7. Jahrhundert zum Erliegen gekommen war, mussten Steinbauten mit künstlerischen Ansprüchen seitdem mit Spolien (wiederverwendetem Material) aus früheren Bauten errichtet werden: "Fast alle erhaltenen Kirchenbauten Italiens aus der Zeit vor 1000 sind überwiegend aus Spolienmaterial errichtet. Spolien wurden zum wichtigsten Baumaterial öffentlicher Architektur." (Legler, S. 133).

So wurden auch zur Zeit Karls Säulen aus hartem Gestein oder bunte Platten aus Marmor und Porphyr zur Verkleidung und Verzierung von Fußböden und Wänden aus anderen Bauten geholt, wahrscheinlich auch aus römischen Ruinen, und auf Flößen rheinabwärts transportiert; Ermoldus Nigellus berichtet (übertreibend), es seien 100 Säulen gewesen. Lange Zeit hat man angenommen, dass auch diese Säulen der Pfalz römischen Ruinen im Rheintal entnommen wurden, von denen es damals noch viele gegeben haben muss. Denn einen Transport von tonnenschweren Säulenschäften aus dem Mittelmeerraum über die Alpen an den Rhein konnte man sich für die karolingische Zeit nur schwer vorstellen.

 

Einige von ihnen schienen aus dem Odenwälder Melaquarzdiorit zu bestehen (früher auch als "Hornblendegranit" oder "Syenit" bezeichnet, heute als "Tonalit"), die man aus den römischen Steinbrüchen bei Bensheim ("Felsenmeer") kennt; offenbar aber nicht die zwei hier abgebildeten Säulen im Ingelheimer Museum, wie nun feststeht. Siehe die Themenseite "wandernde Säulen".


Sebastian Münster zitiert in der Cosmographie aus einem Gedicht des 9. Jahrhunderts (Poeta Saxo), dass mit päpstlicher Genehmigung Säulen aus dem Palast des ehemaligen (bis 751) byzantinischen Statthalters in Ravenna geholt worden seien, nachdem die Stadt unter Karls Vater Pippin 754/56 aus dem langobardischen in den fränkischen Machtbereich übergegangen und als Teil des späteren „Kirchenstaates“ der weltlichen Verwaltung des Papstes „geschenkt“ worden war. Karl selbst war 774, 787 und 801 in Ravenna und wird sich die dortigen ehemals byzantinischen Bauten angesehen haben. Für den Pfalzbau in Aachen wird ein solcher Säulentransport von Ravenna auch von Einhard überliefert. Jedenfalls hat Papst Hadrian I, (wahrscheinlich 784) brieflich Karl erlaubt, kostbares Material (Mosaiken und Marmor, vom Boden und von den Wänden) aus einem Palast in Ravenna - dem ehemaligen byzantinischen Statthalterpalast? - zu entnehmen ("Palatii Ravennatis civitatis mosiva atque marmora ceteraque exempla tam in strato quam in parietis sita" ).

So könnten z. B. die folgenden Plattenfragmente aus Kalkstein, Marmor und Porphyr (im Ingelheimer Museum) tatsächlich aus Ravenna stammen, die mit Sicherheit ursprünglich in griechischen und ägyptischen Steinbrüchen (Assuan - Syene; daher die ältere Bezeichnung "Syenit") des Mittelmeerraumes produziert worden sind (Abbildung aus: BIG 43, S. 115):

 

Materialtransporte, wie sie zum Bau und auch zur späteren Unterhaltung der Pfalz nötig waren, setzten eine erhebliche Ausweitung und Verbesserung der Verkehrs-Infrastruktur voraus, d. h. der Wege und vor allem der Hafenanlagen in Frei-Weinheim für die Anlandungen schwerer Lasten, die natürlich den Rhein und seine Nebenflüsse herunter bzw. von Trier herauf transportiert wurden. Über Frei-Weinheim gelangten aber nicht nur die Baumaterialien wie Granitsäulen zur Pfalz, sondern auch Massengüter zur Unterhaltung der Pfalz, also z. B. Brennholz, das in Ingelheim knapp war, und Getreide. Die bei Reichsversammlungen oftmals Tausende von Besuchern konnten aber mit Sicherheit nicht alle den Wasserweg benutzen, allein aus Kapazitätsgründen des Hafens, sondern dürften überwiegend auf Straßen zur Pfalz gelangt sein, auf der Mainzer/Binger Straße und auf der Talstraße über Budenheim, Heidesheim, die unterhalb der Pfalz verläuft (heute Turnierstraße).

Die Unterhaltung der Hafenanlagen war eine Aufgabe der Weinheimer, die zu den deswegen (militärdienst-) freien Königsmannen des Königsgutes gehörten und auch manche Abgaben nicht leisten mussten. Über Frei-Weinheim wurde noch lange auch Wein exportiert, der z. B. klösterliche Grundherren in Hersfeld erreichen sollte. Es könnte also schon damals einen einfachen Kran zum Verladen von Weinfässern gegeben haben.

 

 

 

 

Wie nunmehr feststeht, wurde in karolingischer Zeit (nicht schon in römischer, wie auch vermutet wurde) eine über 7 km lange unterirdische Wasserleitung von Heidesheim nach Ingelheim gebaut, in alter römischer Technik, mit etwa dem gleichem leichtem Gefälle (0,64%), gespeist aus einem wasserreichen Quellgebiet am Hang der damaligen Heide auf dem Mainzer Berg, heute südöstlich von Heidesheim, zur Versorgung der Pfalz und ihrer Gäste mit fließendem Frischwasser.

Foto von 1906 mit Mitgliedern des Hist. Vereins.

 

 

 

 

Die dauerhafte Unterhaltungsaufgabe der Pfalz und ihrer Vorräte muss auch erhebliche soziale Wandlungen in Ingelheim zur Folge gehabt haben. Man rechnet mit ca. 800 bis 1000 Menschen, die zur ständigen Versorgung der Ingelheimer Pfalz benötigt wurden. In der Regel hatte ein "Pfalzgraf" die Oberaufsicht über eine Pfalz. Aber in keiner schriftlichen Quelle wird eine solche Bezeichnung für die Ingelheimer Pfalz überliefert. Aus einer Urkunde des Jahres 835 erfahren wir jedoch von einem "venerabilis vir" namens Agano mit dem Titel "exactor palatii", der damals als Verwalter des Ingelheimer Königshofes (Brühl: der "Pfalz") einen Gebietstausch mit dem Kloster Prüm notariell abschloss. Er ist tatsächlich die einzige Person, die wir namentlich aus der langen Geschichte der Pfalzverwaltung bisher kennen, hält Classen fest (S. 100). In Aachen hieß der Verwalter des "Fiscus", des königlichen Grundbesitzes, "Actor" (Fried, S. 405).

Über die Ingelheimer Adelsfamilien, die teilweise aus der Verwaltung von Königshof und Palast hervorgegangen sein dürften, berichtet Philipp Krämer in BIG 45 anhand von Prozessakten. Sie prägten mit den Schwerpunkten Ober-Ingelheim und Großwinternheim das Bild Ingelheims bis ins 17./18. Jahrhundert hinein.

 

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Gs, erstmals: 02.08.05; Stand: 30.01.17