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Mittelalterlicher Kirchenbesitz in Ingelheim (Ingelheimer Grund)


Autor: Hartmut Geißler
unter Verwendung von: Peter Classen
(Überschriften und Fettdruck in den Zitaten durch Gs)


1. Kloster Eberbach im Rheingau

Neben und zwischen dem Besitz von adligen und bäuerlichen Reichsleuten liegt der der Kirche. Seit dem Beginn des 13. Jahrhunderts ist eine neue geistliche Herrschaft mit ihrem Grundbesitz in beiden Ingelheim eingedrungen: die Zisterzienserabtei Eberbach im Rheingau. Die Mönche erwarben überall beiderseits des Rheines, im Rheingau wie im alten Wormsgau, Güter, zumeist aber nicht große Komplexe auf einem Male, sondern zahlreiche einzelne Grundstücke, Äcker, Weinberge, Häuser und auch Renten in kleinen Schenkungen, Kauf- und Tauschverträgen mit den Einwohnern der Dörfer. Die streng lebenden Mönche genossen hohes geistliches Ansehen, und manch einer sah sich veranlaßt, sein Seelenheil dem Gebet der Mönche anzuvertrauen, dessen er sich durch eine Schenkung versicherte.

Durch ihre sorgfältig organisierte Wirtschaftsführung waren die Zisterzienser aber auch in der Lage, bares Geld auszugeben, dessen die Ritter und Bauern nur allzu oft entbehrten. So kam es zu den häufigen Rentenkäufen mit Grundstücksverpfändungen, bei denen das Kloster ein Kapital gab, für das der Empfänger einen jährlichen Zins zu zahlen und als Bürgschaft liegendes Gut zu setzen hatte, wie eine Hypothek, die dann oft genug zum Ansatzpunkt für den endgültigen Erwerb des Grundes durch das Kloster wurde.

Wir wissen nicht, wann Eberbach zum ersten Mal in Ingelheim Besitz erwarb; denn wir können nicht damit rechnen, daß die zahlreichen kleinen Geschäfte schon im 12. Jahrhundert urkundlich bezeugt wurden, und trotz der guten Überlieferung des Eberbacher Archivs erst recht nicht damit, daß alle Urkunden erhalten sind. Die älteste uns überlieferte Urkunde stammt aus dem Jahre 1213 und bezeugt, daß der Ober-Ingelheimer Amtmann Berlewin und seine Ehefrau einen Weinberg von 4 Tagewerk »gelegen zwischen dem Kreuz und dem Burgtor am Ausgang nach Nieder-Ingelheim zu«, dazu eine halbe Hofstelle und einen halben Weinberg auf ihren Todesfall an das Kloster schenkten. Für das Kloster übernimmt ein Mönch die Güter, der selbst aus Ingelheim stammt.

Die Veräußerer besaßen ihr Gut freilich nicht zu freiem Eigen; es war das alte Königsgut, auf dem sie siedelten, und das nun an das Kloster kam. Eine Einwilligung des Königs brauchten sie zwar nicht mehr einzuholen; aber die Rechte des Königs lasteten jetzt in Form eines festen Zinses auf dem Besitz, und diesen Zins mußte der Erwerber mit übernehmen: 1/4 Fuder Wein und 4 Pfennige von dem ganzen Weinberg, 2/4 Fuder Wein und 2 Pfennige von der Hofstelle und dem halben Weinberg betrug er jährlich. Ähnlich hören wir in einer Urkunde von 1243, in der die Eberbacher Güter - deren Umfang nicht genannt ist - für 5 kölnische Schillinge jährlich verpachteten, daß der Pächter alle Abgaben mit übernehmen mußte. Die Zisterzienser suchten sich der Lasten durch königliches Privileg zu entziehen. 1252 befreite Wilhelm von Holland sie von der Pflicht, von ihren Ingelheimer Gütern jährlich 5 Mark kölnisch Abgaben zu leisten. 5 Mark entsprachen 960 Pfennigen; bedenkt man, daß die Abgaben 1213 in der Größenordnung von 4 Pfennigen für einen Weinberg lagen - wozu allerdings noch Naturalabgaben an Wein kamen - so läßt sich der ungewöhnliche Umfang der Eberbacher Güter in beiden Ingelheim ermessen. Doch scheinen die Abgaben nicht immer fixiert gewesen zu sein; die Könige konnten besondere Beden erheben, und darum war es für das Kloster von großem Wert, daß König Adolf 1295 die Abgaben der Eberbacher auf ein Prozent der Gesamtsumme, die Ingelheim jeweils zu leisten hatte, fixierte, und zwar unabhängig davon, wie viel Besitz das Kloster in Ingelheim noch in Zukunft erwerben sollte. Man braucht kaum zu betonen, daß die Zisterzienser gewiß ein Vielfaches von einem Prozent der dem König zinspflichtigen Güter im Ingelheimer Reich besaßen. Je mehr Güter aber die Eberbacher erwarben, desto höher mußten die Lasten des übrigen Besitzes werden, wenn Ingelheim eine Gesamtschuld zu leisten hatte. Zur Verwaltung des verstreuten Besitzes richteten die Zisterzienser eine Grangie, einen Wirtschaftshof, in Ingelheim ein; er wird zuerst in der päpstlichen Besitzbestätigung von 1238 genannt; vielleicht lag er schon damals auf dem Böhl in Nieder-Ingelheim nördlich des Saales, wo er später nachweisbar ist.


2. Engelthal und Ingelheimerhausen

So wie wir früh Männer aus Ingelheim im Eberbacher Konvent finden, werden wir die Zisterzienser aus dem Rheingau auch als die Anreger für die Gründung eines eigenen Zisterzienserinnenklosters in Ober-Ingelheim anzusehen haben. Das Kloster Engelthal, dessen Gebäudereste in der Edelgasse am Selzbach in Ober-Ingelheim noch heute zu beobachten sind, muß im Laufe des 13. Jahrhunderts entstanden sein; urkundlich ist es erstmals 1290 nachweisbar.

Hier schuf der Ober-Ingelheimer Adel sich eine Stätte für seine Töchter, zusätzlich zum älteren Kloster Ingelheimerhausen.

In Nieder-Ingelheim finden wir seit der Mitte des 14. Jahrhunderts Nachweise für das Bestehen eines geistlichen Spitals.


3. Quedlinburg, Michelstadt, Augsburg, Bamberg, Aachen

Während so neue geistliche Grundherrschaften in Ingelheim einrücken, ziehen die alten sich zum Teil zurück. Von den an Quedlinburg, Michelstadt, Augsburg, Bamberg gegebenen Gütern und Abgaben hören wir nach den oben genannten Schenkungsurkunden gar nichts mehr.

Für Aachen liegt nach den Schenkungen Ottos III. und Heinrichs II. nur noch das erwähnte Mandat von etwa 1205 und eine Besitzbestätigung Heinrichs (VII.) von 1222 vor, die aber erweisen, wie sich eine königliche Schenkung oder zumindest ein Rechtsanspruch über mehr als 200 Jahre behauptet hat, ohne daß zwischendurch Zeugnisse vorliegen.

Ob das Aachener Adalbertstift in der Lage war, sein Recht zu realisieren, und wann es dieses Recht veräußerte, meldet keine Quelle. Da sich die den Aachenern zustehenden Abgaben nicht lokalisieren lassen, ist auch kein Rechtsnachfolger zu ermitteln. Als Karl IV. das Stift im Saal begründete, war von keinem Recht Aachens an der Pfalzkapelle mehr die Rede - aber damals gab es auch schon Ingelheimer Bürger im Saal.


4. Würzburg, St. Stephan in Mainz

Nachdem die Würzburger über fünf Jahrhunderte hindurch die Kirche zu Nieder-Ingelheim besessen hatten, verkauften Dekan und Domkapitel im Jahre 1270 den gesamten Ingelheimer Besitz, nämlich Hof, Acker und Weinberge, sowie alle Einkünfte, Zehnte und das Patronatsrecht für 200 Kölnische Mark an den Dekan Walter vom St. Stephansstift in Mainz. Der Verkauf fand während einer Sedisvakanz in Würzburg statt, vielleicht brauchte das Kapitel Geld, um die Wahl seines Dekans Berthold durchzusetzen, der, Bischof geworden, den von ihm selbst als Dekan betriebenen Verkauf bestätigte. Dekan Walter von St. Stephan schenkte das so erworbene Gut drei Jahre später seinem eigenen Stift. Damit war das nahe Mainzer Stift an die Stelle des fernen Würzburg in die Kirchenherrschaft in Nieder- Ingelheim eingetreten. Es hat seinen Besitz, sein Zehnt- und Patronatsrecht über die Reformation hinaus zu bewahren gewußt, bis die französische Besetzung seit 1792 alle kirchlichen Rechte in Frage stellte.


5. Hersfeld

Zäher als Würzburg in Nieder-Ingelheim behauptete sich Hersfeld in Ober-Ingelheim. Erst 1296 veräußerte der Abt von Hersfeld das Patronatsrecht über St. Wigbert und ein Drittel des Ober-Ingelheimer Zehnts an das Mainzer Domkapitel, was Erzbischof Gerhard II. wenig später bestätigte. Eine Rente von Ingelheimer Gütern verkauften die Hersfelder 1310 an einen Friedberger Burgmann. Wieder war Mainz an die Stelle des ferneren Besitzers gerückt, aber Hersfeld behielt noch einen Teil des Zehntes zurück, und dieser ist bis über die Reformation hinaus, als Hersfeld säkularisiert wurde und die hessischen Landgrafen seine Rechte übernahmen, behauptet worden.


6. St. Bartholomäus in Frankfurt, Deutscher Orden in Mainz

Auch das Frankfurter Stift St. Bartholomäus hielt seine im 9. Jahrhundert erworbene Nona nicht auf die Dauer fest. Es begann hier wie bei den Zehntinhabern mit Schwierigkeiten bei der Einsammlung der Abgaben. 1275 mußte Erzbischof Werner von Mainz auf Ersuchen der Frankfurter den Scholaster vom Mainzer Marien-Greden-Stift - dies Stift hatte den Archidiakonat im Ingelheimer Bereich inne - beauftragten, »die Amtsträger des Herrn Königs zu Ingelheim sowie einige von deren Hintersassen und die Besitzer der Reichsgüter« zur Zahlung der Nona anzuhalten und im Weigerungsfalle zum Prozeß zu schreiten. Wir wissen nicht, welchen Erfolg der Scholaster hatte. Einige Jahre vorher schon hatte ein Ingelheimer Schöffenweistum die nonenpflichtigen Äcker feststellen müssen.

1325 verpachtete das Bartholomäusstift die Nona in beiden Ingelheim auf zehn Jahre an einen Mainzer Domherren. Dieser, Giselbert, stammte aus dem Rittergeschlecht derer von Ingelheim und wird leichter als die Frankfurter Kanoniker die Möglichkeit gehabt haben, am Stammsitz seiner Familie und mit Unterstützung der Mainzer Geistlichkeit die Abgaben einzutreiben. Schließlich verkaufte das Stift 1341 seinen Nieder­ Ingelheimer Besitz an das Deutschordenshaus in Mainz.

Die Deutschordensherren hatten schon früher in Ingelheim Fuß gefaßt; König Wilhelm hatte sie 1254 von allen dortigen Reichsabgaben befreit, und 1333 verlieh Ludwig der Bayer aufs neue Schutz und Abgabenfreiheit für die Ordensleute in Ingelheim.


7. Nahegelegene Stifter in Mainz und dem Rheingau als Grundherren in Ingelheim

Die genannten Besitzveränderungen lösen Ingelheim aus weiten und alten Verflechtungen; auf der anderen Seite treten die nahegelegenen geistlichen Stifter nicht nur das Erbe der fernen an, sondern rücken auch an anderen Stellen in Ingelheim ein. Durch Kauf, Tausch, Schenkung und Testament erwerben die Mainzer Stifter St. Maria im Feld, St. Stephan, St. Peter, St. Moritz sowie die Gemeinschaft der vier Mainzer Frauenstifter, auch das Nonnenkloster vom Binger Rupertsberg und die Karthäuser von Petersthal im Rheingau (die ihren Sitz 1322 vor die Tore von Mainz verlegten) Grundbesitz und Renten in beiden Ingelheim. (S. 134 - 136)

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Gs, erstmals 21.03.06; Stand: 27.02.17