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Die Wehrmauern von Ober-Ingelheim

 

Autor und Fotos: Hartmut Geißler
nach: Karl Heinz Henn: Die Ortsbefestigung von Ober-Ingelheim. Sein Text ist kursiv gedruckt.
Ortsplan aus Rauch, Die Kunstdenkmäler des Kreises Bingen, 1934,
weiter bearbeitet von Klaus Peter Wörns, 2016

Karl Heinz Henn stellte 1987 fest:

Wann es zur Umwehrung des Reichsdorfes Ober-Ingelheim mit Mauern, Türmen und Toren gekommen ist, kann nicht genau festgestellt werden, da hierüber keinerlei Urkunden vorliegen...

und er vermutete:

Die Einwohner Ober-Ingelheims und Groß-Winternheims ... dürften in den Jahrzehnten nach 1254 (dem Ende der Stauferzeit; Gs) unter der Führung des ortsansässigen Adels mit dem Bau der beschriebenen Befestigungsanlagen begonnen haben. Sicher wurden diese im Laufe der Jahrhunderte immer wieder ergänzt und erneuert ...

Auf Anregung von Dieter Krienke von der Generaldirektion Kulturelles Erbe hat der Verein Pro Ingelheim 2013 eine dendrochronologische Untersuchung von zwei Balken, die im Wehrmauerturm an der Bahnhofstraße gefunden wurden, durchführen lassen. Im Februar 2014 erbrachte die Untersuchung des Büros für Bauforschung in Mainz das Ergebnis, dass die Bäume im Winter 1472/73 gefällt wurden. Damit steht fest, dass es um 1473 einen größeren Ausbau der Ober-Ingelheimer Wehrmauer gegeben hat, der zumindest die vorgelagerten Spitzkegeltürme betraf. (AZ, 24.02.14)

Ingelheim um 1800, bearbeitet von Klaus Peter Wörns


Der Ortsplan von etwa 1800 lässt noch gut den spätmittelalterlichen Mauerring und die dünne Bebauung entlang weniger Straßen bzw. Wege erkennen.

Das Bild ist nicht genordet, sondern oben ist Ost-Südost (s. Kreuz oben links).

Am oberen Bildrand sieht man die Kirchen der drei Konfessionen, die reformierte Burgkirche (Nr. 1) mit ihrer zusätzlichen Ummauerung, darunter die katholische Kirche St. Michael (Nr. 3) und die später abgerissene lutherische Kirche (Nr. 2), beide am Neuweg, der um 1800 noch nicht die Wehrmauer durchbrach. Dazu kam es erst, als die durchgehende Grundstraße 1830 gebaut wurde. Nach dem Bahnhofsbau wurde 1876 die Bahnhofstraße angelegt, wofür gleichfalls die Wehrmauer an dieser Stelle abgerissen werden musste.

Wahrscheinlich ist, dass die Wehrmauer an der Selz durch ein Gebück ersetzt wurde. Links und rechts davon könnten Palisaden gestanden haben.

 

 


Das Stiegelgässer Tor im Süden aus Richtung Großwinternheim

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Uffhubtor nach Osten aus Richtung Mainz

 

 

 

Das Rinderbachtor nach Norden aus Richtung Nieder-­Ingelheim
Wo hier heute die Rinderbachstraße endet, stand früher das sehr baufällige Rinderbachtor, das mit Wohnungen überbaut war. Ein Teil seines rechten Pfeilers ist noch rechts am Gebäude der alten Apotheke erhalten.

 

 

 

 

 

Das Ohrenbrücker Tor am unteren Ende der Edelgasse

 

Das Hammergässer Tor und das Altengässer Tor auf der Westseite in Richtung Gau-Algesheim sind schon lange abgerissen (letzteres auf dem Plan an zwei Stellen eingezeichnet).

(Weiter Henn:)
Der Ringmauer war ein Graben als Annäherungshindernis vorgelegt, der zwischen Burgkirche und Rinderbachtor noch gut zu beobachten ist.

Auf dieser Strecke ist auch die Mauer selbst noch so gut erhalten, daß ein zureichender Eindruck des ehemaligen Bildes vermittelt wird:

Wehrmauer mit Vorturm und Graben am "Seufzerpfad"


Innerhalb des mauerumzogenen Raumes gab es im Verlauf des Mittelalters sehr viele Freiflächen, die als Gärten, Weinberge und Weiden genutzt wurden. Keinesfalls hätte die Einwohnerschaft von Ober-Ingelheim den Ring ihrer Wehrmauern im massiven Ernstfall zu wirksamer Verteidigung (zahlenmäßig ausreichend; Gs) besetzen können.

Deshalb wohl entstand mit den Wehranlagen um die Burgkirche, die vom Dorf selbst außer durch zinnenbekrönte Mauern auch durch einen Graben getrennt war, ein fliehburgartiges Refugium, wie es vor allem aus Siebenbürgen in Rumänien geläufig, aber auch aus dem gesamtsüdwestdeutschen Raum nicht unbekannt ist.

Die Lageskizze oben zeigt die 1934 noch vorhandenen bzw. erschlossenen Wehrmauern um die Burgkirche herum.

Rauch hat die zweite äußere Zwingermauer, vor der ein Teil oben rechts noch vorhanden ist (s. Foto unten), um die gesamte östliche Wehrmauer zum Mainzer Berg hin herumgezogen, außerdem (gesichert) eine Fortsetzung der gebogenen nördlichen Mauer durch den Friedhof hindurch bis zur südlichen (hellen) Mauer. Auch die beiden Türme - der große "Malakoffturm" rechts (Richtung Süden) und der kleinere in der nordöstlichen Spitze der Wehrmauer (beide jetzt begehbar) - sind gut zu erkennen. Von ihnen zweigt erst die eigentliche Wehrmauer ab, die den ganzen Ort umschloss (siehe Karte oben; abgesehen wahrscheinlich vom Selzufer). Im Westen erinnert der Name der "Grabengasse" an den ehemals dort herumgezogenen Wehrgraben, der auch zum Mainzer Berg hin vorhanden war, heute aber im Bereich der Burgkirche völlig zugeschüttet ist (Festplatz).

Der freie Bereich beim Brunnen diente im 19. und noch im 20. Jahrhundert als Gemeindebleiche. Im Mittelalter war dieser doppelt gesicherte Bereich wahrscheinlich mit Häusern eng bebaut.

Es folgen vier Fotos, die Wehrmauern rings um die Burgkirche zeigen.

1. ein Blick auf Wehrmauer und Burgkirche vom Mainzer Berg her, über den Festplatz (den zugeschütteten Graben) hinweg

2. ein Blick auf die südliche Doppelmauer, deren Vorplatz seit dem 20. Jahrhundert als Bühne für Freilichtaufführungen genutzt wird


3. ein Blick durch das Mauertor von der Ortsseite her, das man durchschreiten muss, wenn man von Rathaus die frühere "Kirchgasse" und heutige Straße "An der Burgkirche" zur Kirche hin läuft. Man sieht durch das Tor das Kriegerdenkmal für die Ober-Ingelheimer Gefallenen des Ersten Weltkrieges und die Kirche selbst dahinter;

4. und ein Blick auf den mächtigen Malakoffturm, den Hauptwachturm der Wehranlage mit einem Verlies im Keller, über dessen Nutzung aber nichts bekannt ist.

 

Markantester Teil der Burgkirchenanlage als Refugium ist der Malakoffturm. Dieser Name ist nicht ursprünglich. Im Krimkrieg (1854 -1856) kam es zur spektakulären Erstürmung des Forts Malakoff, wodurch die Einnahme der Festung Sewastopol möglich wurde. Nicht nur in Ingelheim, auch beispielsweise im Festungsbereich von Mainz ging damals auf herausragende Gebäude durch Übertragung der Name Malakoff über; denn der Krimkrieg war in Mittel- und Westeuropa als Sensation und Abenteuer intensiv mit- und nacherlebt worden." (Henn S. 13 ff.)

Weiteren Wehrmauerreste und Wehrtürme in Ober-Ingelheim:

 

Von oben nach unten:

1. Wehrmauerrest Burgunderstraße mit Turm (bewohnt)

2. Wehrmauerrest am unteren Zwerchweg, in ein Haus integriert

3. Spitzkegelturm auf dem unteren Zwerchweg ("die Schnecke"), in die Häuserflucht eingebaut - Herkunft des Namens unbekannt -  Der wuchtige Bau aus dem Ende des 14. Jahrhunderts stand noch um 1900 unverputzt, so dass sich die interessante Technik der trulliartigen Steinsetzungen von Unterbau und Spitzkegeldach hier besonders gut erkennen ließ. (Texttafel 13 zur "Schnecke").

4. Spitzkegelturm an der Kreuzung Neuweg/Burgunderstraße (im Hintergrund das alte E-Werk)

 

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Gs, erstmals: 11.03.06; Stand: 31.10.17