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Ober-Ingelheims Geschichte und die Stationen des historischen Rundganges

 

Autor: Hartmut Geißler
im Oktober 2020

 

Vorbemerkung:

Da die bisherigen Texte des historischen Rundganges und insbesondere die Texte auf der Informationsstele im Rosengarten überholt sind und zudem neue Stationen hinzugenommen wurden, was zu einer neuen Nummerierung führte, kann die bisherige Informationsstele nicht mehr  verwendet werden.

Zur Geschichte Ober-Ingelheims:

Beim allmählichen Zusammenbruch der römischen Wirtschagts- und Sozialstruktur seit dem 4. Jahrhundert löste sich das System der römischen Landvillen auf, die für den städtischen Bedarf z. B. von Mainz produzierten, und es bildeten sich Siedlungen germanischer Höfe, die sich selbst versorgten.

Die germanische Bevölkerung des Ingelheimer Raumes stammte wahrscheinlich aus den Regionen rechts des Rheines, wie man aus der Dialektgleichheit schließen kann. Sie geriet allerdings im 6. Jahrhundert unter den Einfluss des Frankenreiches mit Kern in Nordfrankreich und den Niederlanden und damit auch unter christlichen Einfluss. So wurde die Kirche in Nieder-Ingelheim nach dem Hl. Remigius (s. Reims) benannt und die Burgkirche nach dem Hl. Wigbert, dem Patron des Klosters Hersfeld. Er war Missionarsgefährte von Bonifatius und erster Abt eines Benediktinerklosters in Fritzlar.

Bei Ausgrabungen im 20. und 21. Jh. stießen bzw. stoßen die Archäologen an verschiedenen Stellen des Ingelheimer Königsgutes immer wieder auf germanische Gräber, die frühesten aus dem späten 5. Jahrhundert, zuerst noch mit heidnischen Grabbeigaben (wenn sie nicht ausgeraubt waren), spätere dann unter christlichem Einfluss ohne Grabbeigaben. Diese Gräberfelder lassen auf die Nähe von Höfen schließen, deren Pfostenarchitektur selbst schwer nachweisbar ist. Möglicherweise wurden solche Hofgüter mit Wall, Graben und Palisaden umgeben, worauf der ungewöhnliche, kreisförmige Verlauf der Ringgasse hindeuten könnte.

Solche „fränkischen“ Gräber wurden bisher bei der Burgkirche, im Bereich der Adelshöfe Stiegelgasse/ Edelgasse, bei der Remigiuskirche und vor allem in großer Zahl westlich der Rotweinstraße gefunden. Aus der hohen Zahl der Gräber kann man auf eine relativ starke Besiedelungsdichte Ingelheims (bzw. auch Ober-Ingelheims) schon in merowingischer Zeit (5. - 8. Jh.) schließen.


Die Geschichte der Burgkirche:

Auf dem Gräberfeld bei der Burgkirche für Bewohner der Güter an der Ringgasse und in der Aufhofstraße, die dem Reichskloster Hersfeld geschenkt worden waren, wurde wahrscheinlich zuerst eine hölzerne Gedächtniskapelle für die Toten errichtet, eine Memorialkirche. Aus dieser entstand eine erste Kirche, über die wir bislang noch nichts wissen. Aus ihr, so nimmt man an, entwickelte sich im Hochmittelalter die Bestattungskirche des einheimischen Adels. Sie erhielt St. Wigbert als Patron, was auf Hersfeld hinweist.

Der Turm von St. Wigbert stammt noch aus der Zeit Heinrichs IV. um 1100, während das um zwei Seitenschiffe verbreiterte und zudem verlängerte heutige Kirchenschiff im 15. Jh. erbaut wurde. So gewann man mehr Platz für Adelsepitaphien. Seit der Reformation (bzw. endgültig nach der Pfälzer Kirchenteilung 1707) wurde sie zur reformierten „Kirch“ und verlor ihren Namenspatron St. Wigbert.


Die Entwicklung von Nieder- und Ober-Ingelheim:

Nieder-Ingelheim mit seinen wichtigen Durchgangsstraßen wurde im Frühmittelalter der Sitz einer karolingischen Pfalz, die jedoch ihre Funktion mit dem Aufblühen der Städte in salischer und staufischer Zeit verlor und zur Reichsburg umgebaut wurde.

Demgegenüber erlangte Ober-Ingelheim seine Bedeutung durch den hier teilweise ansässigen oder auch nur begüterten Landadel. Der könnte sich aus den Familien von Dienstmannen ("Ministarialen") entwickelt haben, die für die Verwaltung und Sicherheit der Pfalz zuständig (gewesen) waren. Der Schwerpunkt seiner Höfe lag im Südwesten von Ober-Ingelheim, im Bereich der unteren Stiegelgasse und der Edel“-Gasse. Die bedeutendste Adelsfamilie von dort trägt bis heute ihren Herkunftsort im Namen: die Reichsgrafen „von Ingelheim, genannt Echter von und zu Mespelbrunn“. Im Südwesten von Ober-Ingelheim wurde auch ein Zisterzienserinnen-Kloster für adlige Frauen gestiftet, Engelthal.

Zwar baute sich keine der Adelsfamilien hier eine eigene Burg oder einen Geschlechterturm, aber man wird den finanzkräftigen Adel wohl als die treibende Kraft hinter dem Bau der Ringmauer mit vielen Türmen und mehreren Toren im 14. und 15. Jh. und hinter dem Erweiterungsbau der Kirche im 15. Jh. sehen können.

Durch den Adelsschwerpunkt in Ober-Ingelheim wurde der Ort auch zum Sitz einer Adelsvereinigung, der „Gelübd. Ihre Akten wurden jahrhundertelang in der Burgkirche aufbewahrt, ebenso wie die Protokollbücher des Ingelheimer Reichsgerichtes („Haderbücher“ und „Oberhof“-Protokolle). Diese Gerichtstradition führte wohl dazu, dass Ober-Ingelheim in französischer Zeit (um 1800) Sitz eines Friedensgerichtes wurde und danach Sitz eines Amtsgerichtes (bis 1980), dessen beeindruckender Bau im Neuweg zu sehen ist.

Während der Ort Nieder-Ingelheim mehrfach bei militärischen Aseinandersetzungen zerstört wurde, blieb dieses Schicksal dem abseits im Selztal gelegenenen Ober-Ingelheim wohl erspart; jedenfalls hat man bisher noch keine schriftlichen oder archäologischen Zeugnisse dafür gefunden. Im Gegenteil: Wiederholt wurde Ober-Ingelheim Sitz der Befehlshaber von Truppen, die die Festung Mainz belagerten, Franzosen oder Reichstruppen.

Da sich die Industrialisierung Ingelheims seit dem Ende des 19. Jhs. wegen der Verkehrsverbindungen (Rhein, Straßen, Eisenbahn) ganz überwiegend in Nieder-Ingelheim abspielte, blieb der liebenswerte Charakter des niemals zerstörten oder niedergebrannten Reichsdorfes Ober-Ingelheim erhalten, was den Ort heute zu einem bevorzugten Wohnort macht. (Gs)

 

Die Stationen des Historischen Rundganges:

Die folgenden NEU NUMMERIERTEN Stationstexte wurden vom Verfasser stark überarbeitet. Sie beziehen sich ale auf die Geschichte Ober-Ingelheims mit dem Schwerpunkt der spätmittelalterlichen Ortsbefestigung. Ihre Stationen lassen sich kaum mehr in einem einzigen Rundgang bewältigen, aber in zwei Rundgängen, einem östlichen im Bereich der Burgkirche und einem westlichen zur Selz hin, kann man alle gut bewältigen. Als Trennlinie bieten sich Bahnhofstraße/Neuweg an.

 

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Gs, erstmals: 04.03.17; Stand: 24.10.20