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Die "Saalkirche"


Von der Festkapelle Ottos des Großen zur heutigen evangelischen Gemeindekirche

Autoren: André Ball 2005/06 und Hartmut Geißler (Fotos und spätere Ergänzungen)
Letzte große Überarbeitung am 21. Februar 2017

Apsis und Querschiffe mit den drei Türmen, den beiden Chorflankentürmen aus staufischer Zeit und dem modernen Glockenturm von 1861 im August 2016



1. Die ottonischen Sakralbauten

Seit merowingischer Zeit (Holger Grewe: zweite Hälfte des 7. Jahrhunderts) gab es eine große Steinkirche beim Königshof am Belzer, die St. Remigius geweiht war, die heutige Remigiuskirche.

Sie war es, die zur Feier von Weihnachten und Ostern durch Karl den Großen 787/88 und zur großen Synode von 948 unter Otto I. als Pfalzkirche gedient haben muss. Sie bestand weiter fort, bekam auch das Patrozinium von St. Kilian und wurde in staufischer Zeit umgebaut.

Der neue Kirchenbau unter Otto I. innerhalb des Palatiums - die Saalkirche - liegt in der Mitte zwischen Aula Regia und Halbkreisbau, dessen Südflügel zu diesem Zweck möglicherweise abgerissen wurde und dessen Steine zum Bau der Kirche verwendet wurden, wie Saalwächter (BIG 14, S. 28) vermutet. 

Zur Verwendung oder Ausstattung dieser zweiten Kirche (zusätzlich zur Remigiuskirche) gibt es keinerlei literarischen oder archäologischen Zeugnisse. Man kann nur vermuten, dass sie bei den Osterfesten der Ottonen eine wichtige Rolle spielte, für die die Remigiuskirche vielleicht zu weit entfernt lag (ca. 500 m). Da sie keine Pfarrkirche war, bekam sie anscheinend auch kein Patrozinium.

Die Bodenöffnung durch Holger Grewe auf dem Saalplatz nördlich der Saalkirche förderte 2004 außerdem die hier vermuteten Reste zweier weiterer Sakralbauten zu Tage, erstens einen kleinen Trikonchenbau ("Trikonchos, Kirche I") nach byzantinischen Vorbildern, dessen Ursprung in die anfängliche, karolingische Bauzeit fällt. Dieser wurde später (im 9./10. Jh. nach Grewe) durch einen größeren Kapellenneubau an gleicher Stelle ersetzt ("Apsidensaal, Kirche II"), geostet, einschiffig mit halbrunder Apsis.

 

 

 

 

"Apsidensaal" = Kirche II,
zu erkennen auch auf der Videoprojektion in der Saalkirche

 

Diese Kapelle ("Kirche II") stand noch, als die Saalkirche bereits errichtet worden war, so dass lange Zeit zwei Sakralbauten im Saal nebeneinander bestanden haben. Das kann seine Ursache darin haben, dass für die Festkrönungen des 10. und 11. Jahrhunderts in der Regel zwei Kirchen gebraucht wurden, eine kleinere zum religiös-rituellen Einkleiden des Königs (und ggf. der Königin) im vollen Krönungsornat und eine größere für die eigentliche Festmesse. Die kleine Kapelle könnte daher zur Aufbewahrung der (heiligen) königlichen Insignien bei Besuchen hier gedient haben.

Grabungsbefunde (unten) der drei Kirchen im Saalgebiet, mit freundlicher Genehmigung von Holger Grewe: oben rechts der ältere, kleinere Trikonchenbau (gelb) und die ihn ersetzende spätere Kirche (blau), jeweils mit den noch erhaltenen Fundamentresten; darunter die lange Zeit verkürzte Saalkirche (violett) mit den Grabungsbefunden von Walter Sage (s.u.)


Mit dem Ende des Frankenreiches unter Karl und Ludwig und seinen Teilungen war auch die Bedeutung der Ingelheimer Pfalz gesunken. Aber nach dem Aufstieg des sächsischen Herrschergeschlechts der Ottonen im Ostfrankenreich, dem späteren Hl. Römischen Reich Dt. Nation, erlebte die Ingelheimer Pfalz ihre zweite Hochphase.

Otto I., "der Große", (936-973) war um die Festigung und Stärkung seiner Macht und Sicherung der Reichseinheit nach innen sowie um die Absicherung des Reiches gegen äußere Bedrohung bestrebt. Er sah sich zudem in der Nachfolge der fränkischen Herrscher, in der Tradition Karls des Großen, von dem man durch Einhards Biografie wusste, dass er in Ingelheim ein herrausragendes Palatium hatte bauen lassen. Programmatisch verstanden sich die Könige seit Karls Vater Pippin sowohl als weltliche Herrscher als auch als Beschützer von Kirche, Papsttum und Christenheit, womit die Herrschaft über Italien zwangsläufig verbunden war.

Geistiger Hintergrund und politische Rechtfertigung dieses Machtanspruchs war die augustinische Lehre der Einheit von imperium und sacerdotium (weltlicher und geistlicher Macht, Gottesstaat), von Königtum und Priestertum. In diesem Kontext steht auch die Universalsynode von 948 in Ingelheim im Beisein Ottos I. und des „französischen“, d.h. des letzten westkarolingischen Königs Ludwigs IV., sowie einer großen Zahl geistlicher Würdenträger.

Diese Synode soll nach eindeutigen Quellen in der "Pfalz", aber in der etwa 500 Meter von den Palastgebäuden entfernten Remigiuskirche stattgefunden haben. Denkbar ist, dass es diese erlebte Entfernung war, die Otto zum Neubau einer Kirche direkt im Palastareal bewogen hat, wo wahrscheinlich die weltlichen Begleitveranstaltungen stattfanden.

Denn nach dem Fund von Pingsdorfer Ware wurde die neue Pfalzkirche in der Mitte des 10. Jahrhunderts errichtet, also unter Otto I., und zwar im rechten Winkel neben der Aula regia. Vor dieser Erkenntnis wurde die Saalkirche oft als die von Karl dem Großen erbaute Remigiuskirche betrachtet; aber diese beiden Annahmen haben sich als falsch herausgestellt.

Für einen Bau in der Mitte des 10. Jahrhunderts sprechen auch historische Aspekte, denn mit dem Jahr 958 setzen gehäuft die Osterfeiern in Ingelheim ein, für die man wohl die Benutzung der neuen Kirche als Festkirche annehmen muss. Sichtbar manifestierte sich nämlich das Herrschaftsverständnis der ottonischen und salischen Herrscher in Festkrönungen bei vielen Feiern zu den kirchlichen Hauptfesten zwischen 958 und 1040, bei denn die Ingelheimer Pfalz zu einer bevorzugten Osterpfalz wurde, wenn die Könige im Herzogtum Franken weilten, während das Weihnachts- und das Pfingstfest an anderen Orten gefeiert wurden. Über die Ursache für den Schwerpunkt an Ostern kann man nur spekulieren, es dürften praktische Gründe gewesen sein. Denn neben ihrer religiösen Funktion wurden die kirchlichen Festtage auch als bevorzugte Termine für Hoftage benutzt, die im Anschluss an die Feiern stattfanden, und dafür könnte an Ostern Ingelheim besonders günstig gelegen haben.

Im Unterschied zu Aachen, wo die Pfalzkapelle zugleich eine Stiftskirche und Grabeskirche war, blieb die Ingelheimer Kirche im Palatium lange anscheinend nur eine Kapelle zur Benutzung durch den König und seine Gäste, sie war keine Gemeindekirche, diente nicht zu Bestattungen und hatte, soweit wir wissen, kein Patrozinium. Denn während die Aachener Pfalzkapelle der Mutter Gottes Maria geweiht war, ist nichts über ein damaliges Patrozinium der Kirche im Saal bekannt, so dass sie keinen davon abgeleiteten Namen hatte. Deshalb wurde sie offenbar nur beschreibend "Saal-Kirche" (oder ähnlich) oder auch "Kreuzkirche" (Sebastian Münster) genannt, nach ihrer neuen kreuzweisen Bauform.

Nach der Vereinigung der Ingelheimer Hauptorte zur Stadt im Jahr 1939 heißt sie zur Unterscheidung von den anderen evangelischen Kirchen im Stadtgebiet auch offiziell "Kirche im Saal" (Gesetz- und Verodnungsblatt der Evangelischen Landeskirche Nassau-Hessen vom 16. Februar 1940) oder kurz "Saalkirche".

 

 

 

 

Andere Gebäudeteile der Pfalz waren vor dem Bau der Kirche offenbar niedergelegt worden, denn die Grabungen von Holger Grewe 2005 an der Ostwand des nördlichen Querschiffes haben ergeben, dass es dort unter das Kirchenfundament reichende und damit ältere Mauerreste gibt, deren Deutung allerdings abzuwarten bleibt. Zu einer Vorgängerkirche scheinen sie nach bisherigen Erkenntnissen nicht gehört zu haben.

 

Foto (Geißler): Grabungsleiter Holger Grewe erläutert die Grundmauerfunde an der Apsis (29.09.2005)

 

In der Anordnung von Sakral- zu Profanbau (Aula regia) lassen sich bautraditionelle wie programmatische Aspekte erkennen. So weist die Capella regia in der üblichen Ostung mit der Achse des Chores und dem Westportal auf den Ostzugang der nordsüdlich ausgerichteten Aula regia - Saalkirche und Königssaal zeigen sich in mittelalterlicher Einheit.

Sie eigneten sich anlässlich von Festkrönungen in dieser aufeinander bezogenen Anordnung hervorragend für die "Prozession" nach der Festmesse in der Saalkirche hinüber in die Aula regia, wo vermutlich das übliche Festessen stattfand.

Rechts: Blick von der Wehrmauer über die Apsis der Aula regia zur nahen Saalkirche

Grundriss der Saalkirche in der Videoprojektion.

Die Grabungen unter Walter Sage (1960 - 63) haben neben der Entstehungszeit auch die Einschiffigkeit und die Kreuzform dieses Kirchenbaus belegt. Diese Form hat die Kirche auch heute wieder, nachdem sie durch Nichtbenutzung und Zerstörungen im 17. Jahrhundert lange Zeit verkürzt auf die Apsis und die Seitenschiffe beschränkt war (s.u.). Das Langhaus bzw. Kirchenschiff hat eine Länge von über 20 m und eine lichte Weite von 11 m, nördliches und südliches Querhaus je 8 m. In die dazwischen befindliche Vierung öffnet sich die flache Ostapsis, die von zwei viereckigen Chortürmchen flankiert wird. Die Gesamtlänge des Baukörpers beträgt ca. 36 m.

Der Chorraum innen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein spätgotisches Reliefbild, dessen ursprünglicher Aufstellungsort unbekannt ist und das heute an der östlichen Innenseite des südlichen Querhauses angebracht ist, wird stilistisch dem 14. Jahrhundert zugeordnet und stellt vielleicht den als Heiligen verehrten Karl den Großen dar. Lamey sah den Stein bei seinem Besuch von Ingelheim 1764 im Boden vor der Kanzel eingelassen und hielt ihn wie sein Lehrer Schöpflin für ein Bild der Hildegard, einer Gemahlin Karls des Großen, sicher eine Fehlinterpretation.

Alle anderen heute noch sichtbaren Ausschmückungen sind das Ergebnis des staufischerzeitlichen Neubaus, bei der die Kirche nach Sages Erkenntnissen - zumindest im Chorbereich - von den Fundamenten aufwärts völlig neu erbaut wurde. Bauschmuck aus dem 10. Jahrhundert ist bisher nicht bekannt geworden.

 

 

 

Vom sicher vielfältigen Bauschmuck aus der Stauferzeit sind innen nur noch wenige Friese, Kämpfer und Kapitelle erhalten, weiterhin die Masken an den Konsolen (Mauervorsprüngen) im Innern über der Apsis;

 

 

 

außerdem die Schmuckformen am Äußeren der Apsis und ein Löwenrelief am nördlichen Chortürmchen, das einen Löwen zeigt, der ein Lamm reißt, ein typisches Motiv der Stauferzeit.

Chor der Saalkirche nach neuem Anstrich 2016 (Foto: Gs)


An der Außenseite der Apsis wurden Rundbogen-Röllchenfriese angebracht, die Wand durch Lisenen unterteilt, also durch flache, senkrechte Mauerstreifen zur Gliederung der Wand, die durch die Rundbogenfriese miteinander verbunden sind. Damit zeigt die Kirche auf ihrer Ostseite heute weitgehend das Resultat des staufischerzeitlichen Neubaus, in rötlicher Farbe gehalten, während die Bausubstanz des 19. und 20. Jahrhunderts (Glockenturm und Langhaus) durch ockerfarbene Gestaltung davon abgesetzt ist.

Am rechten Chorflankenturm sieht man Löwe und Lamm. Über deren Funktion so weit oben an diesem Turm gibt es noch keine Erkenntnisse. Vielleicht besteht ein Zusammenhang zu Gerichtssitzungen darunter.

Seit 2005 sind im nördlichen Querhaus die Präsentation der ottonischen Pfalzgeschichte und die drei Phasen der Sakralbaugeschichte (in Vitrinen und einer Lichtprojektion) untergebracht und normalerweise zu den Öffnungszeiten des Museums durch den nördlichen Seitenschiffeingang zugänglich.

 

2. Ereignisgeschichte und Kirchenneubau im Hochmittelalter (12. Jh.)

Eine dritte Phase ihrer Bedeutung erlebte die Ingelheimer Pfalz unter den Staufern. Friedrich I., „Barbarossa“ (1152-1190) versuchte die unter seinen Vorgängern geschwächte Herrscherstellung wieder zu festigen, dabei die bürgerkriegsähnlichen Zustände in Deutschland zu beseitigen und die an die norditalienischen Städte verlorenen Regalien (königliche Rechte) zurückzugewinnen.

In diesem Zusammenhang muss man sein Burgensystem sehen, ausgehend von den schwäbisch-staufischen Kernlanden. Zu diesem System gehörte wohl auch die Ingelheimer Pfalz, deren ehemals repräsentativer, aber seit 1043, dem letzten Reichsfest hier, verfallener Palast zu einer wehrhaften Burganlage umgebaut wurde. In ihr siedelten königliche Ritter.

Während bei den fortifikatorischen Maßnahmen die Außenmauern der ruinösen Palastgebäude in den Wehrmauerring einbezogen wurden, so handelte es sich bei der Kirche um einen Neubau von den Fundamenten aufwärts, bei dem die alte Gebäudegestalt, wie es scheint, erhalten blieb. Die ehemalige Festkirche der Ottonen diente nun den dort ansässigen Rittern wahrscheinlich als ziemlich große Burgkapelle. Inwieweit sie schon damals auch zum Gedächtnis an Karl den Großen bemutzt wurde, lässt sich nicht feststellen, aber die Verehrung Karls des Großen, dessen Heiligsprechung an Weihnachten 1165 in Aachen vorgenommen wurde, wird vielfach als ein weiteres Motiv für den Umbau bzw. die Renovierung "seines" Palatiums mit dieser Kirche angesehen (Rahewin: "reparavit").


3. Im Spätmittelalter – das Augustiner-Chorherrenstift für die Aachenpilger

Karl IV. (1346-1378, böhmischer und deutscher König, ab 1355 römischer Kaiser) vergab nach mehreren kürzeren Verpfändungen am 12. Februar 1375 die Stadt Oppenheim mit dem dazu gehörigen Ingelheimer Grund dauerhaft als Reichspfandschaft an die Kurpfalz, bei der sie vier Jahrhunderte bis zur Abtretung an Frankreich 1797/1801 verblieb.

Weiterhin im Blickfeld Karls IV. blieb Ingelheim durch die Gründung des Augustinerchorherrenstifts (1354) durch ihn, einen großen Verehrer des großen Karl. Hauptsächlich beabsichtigt war damit aber die religiöse Betreuung der durchziehenden Pilger aus Ost-Mitteleuropa, der Aachen-Wallfahrer zum Grab Karls des Großen, denn die Chorherren mussten alle der tschechischen Sprache mächtig sein.

Saalwächter (BIG 14, S. 30 f.), der diesem Aufsatz leider auch einige fehlerhafte frühere Vorstellungen über die Entstehung und Funktion dieser Kirche zugrunde legt, rekonstruiert jedoch aus verstreuten Urkundenerwähnungen sicher richtig ihre weitere Nutzung, die einerseits für die Aachenwallfahrer gedient habe, andererseits aber auch als Kirche für die Bewohner des Saales und der Höfe auf dem Böhl.

In der Kirche gab es mehrere Altäre, an denen die Pilger beten und Ablass erwerben konnten, darunter auch einen Nupurgis-Altar, wie es ein Privileg des Mainzer Erzbischofs Johann vom 3. Mai 1407 zusammen mit der Nupurgis-Verehrung überhaupt bestätigte (Würdtwein, S. 264). Über die dort verehrte Jungfrau hat sich bisher nichts herausfinden lassen.

Ein Patrozinium sei aber auch zu dieser Zeit nicht nachweisbar; wie Saalwächter aus dem Termin eines Kirchweihfestes im Saal (am Sonntag Misericoria Domini im April) schließt, könne es weder der Apostel Petrus sein, nach dem eine Peterskapelle benannt wurde (Festtag 29. Juni), die am 4.11.1346 im "königlichen Saal" (wahrscheinlich in der namenlosen Kirche selbst) gestiftet wurde (Baur, Urkunden III, S. 274, Nr. 1193), noch St. Kilian (8. Juli), noch St. Remigius (1. Oktober).

Zwei Jahrhunderte später (1550) beschreibt Sebastian Münster in seiner Cosmographia alle dem Stift zugehörigen Gebäude als fast völlig verfallen, das Stift zu dieser Zeit verwaist, aber die "Creutzkirch" sei  noch gut erhalten. Vielleicht wurde sie aufgrund der Nutzung durch die Bewohner des Saales und des Böhls damals noch vor dem Verfall bewahrt.

Emmerling berichtet schließlich von einem letzten Gottesdienst in der Kirche im Jahre 1576. Anschließend sei der Bau von den nunmehr reformierten Nieder-Ingelheimern zu weltlichen Zwecken (Getreidespeicher) verwendet worden und später zum Steinbruch verfallen.

Nach einem Bericht von Nicolaus Lindenmayr aus dem Jahre 1638 (bei Emmerling) wurde das Gebäude im Dreißigjährigen Krieg während der Schwedenzeit (1631-1634) bis auf den Chor zerstört. Durch diesen Krieg sei der letzte Rest der Kirchenausstattung des 14. Jahrhunderts zugrunde gegangen. Die Saalkirche als Ruine zeigt eine Illustration Schöpflins in seinem Aufsatz von 1766.

Schöpflins Tabula III


4. Neuzeit – aus Trümmern zur Gemeindekirche

Nach 1705 fiel die Kirchenruine im Rahmen der kurpfälzischen Kirchenteilung als Gemeindekirche an die Reformierten, die sich an einen Teil-Wiederaufbau machten, während die Katholiken von Nieder-Ingelheim wieder in die Remigiuskirche einziehen konnten; bald nach 1707 konnte wohl der erste Gottesdienst  abgehalten werden. Lamey beschreibt sie 1764 als uneingeschränkt im Gebrauch der Reformierten, mit Kanzel. Schöpflins Tafel I zeigt sie - im Widerspruch zu seiner Tafel III - hier mit Turmdach und Dach auf dem Querschiff.

Ausschnitt aus Schöpflins Tabula I


In der Folge der Französischen Revolution wurde Ingelheim von 1792 an immer wieder von französischen Revolutionstruppen und von Reichstruppen besetzt, was empfindliche Folgen für die Ingelheimer und auch für die Saalkirche hatte.

1794 beschlagnahmten die Franzosen auch die Saalkirche. Das meiste Inventar wurde dabei beschädigt oder vernichtet. Sie diente nun als Pferdestall, Hospital und Militärgefängnis und war später nur noch als Heu- und Strohmagazin zu gebrauchen. Die reformierten Nieder-Ingelheimer durften in dieser Zeit die Remigiuskirche mitbenutzen.

Eine erneute Instandsetzung begann 1803 in napoleonischer Zeit, und der erste Gottesdienst fand 1804 statt. Aber das alte Langhaus aus ottonischer Zeit wurde nicht wieder aufgebaut, sondern man begnügte sich weiterhin mit den vorhandenen, unten rot markierten Teilen, d.h. mit den beiden Seitenschiffen, der Apsis und einem kurzem Stummel des Langhauses.

Unter Pfarrer Dr. Ludwig Walther (1854 - 1895) erfolgte eine umfassende Renovierung der Kirche. Außerdem wurde am 4. März 1861 der Grundstein zum Bau des 132 Fuß (33 bis 38 Meter) hohen  Glockenturms (grün) gelegt. Bei dieser Renovierung spendete der reiche reformierte niederländische Kaufmann de Rook (1787-1867) viel Geld.

Innenaufnahme der verkürzten Kirche; rechts die Apsis, links das nördliche Seitenschiff mit der Orgel, die Kanzel gegenüber der heutigen Stelle. Beide Seitenschiffe zusammen wurden als Kirche benutzt.

Als die Gemeinde aufgrund der zahlreichen Zuzüge nach dem Zweiten Weltkrieg gewachsen war, wurde zwischen 1962 und 1964 unter Dekan Heusel auch das Langhaus auf den ottonischen Fundamenten (blau markiert) neu errichtet, ermöglicht durch die seitliche Lage des Glockenturms. In diesem Zusammenhang konnten auch die Grabungen von Sage, Ament und Wengenroth durchgeführt werden. Leider wurden durch den Einbau einer Heizung im Keller am Westende die ottonischen Fundamente dieses Bereichs beseitigt. Am 1. November 1964 wurde die Kirche zum Reformationsfest neu eröffnet, die Festpredigt hielt D. Martin Niemöller.

1996 wurde unter Pfarrer Dr. Fellechner die erneut notwendige Außenrenovierung abgeschlossen.

In den Jahren 2003/2004 folgten der Anbau eines Versorgungstraktes mit Toiletten im Kirchgarten (Nordseite) und die Innensanierung.

Dabei wurde von Holger Grewe die Präsentation der ottonischen Pfalzgeschichte mit den drei Phasen der Sakralbaugeschichte (Lichtprojektion) im nördlichen Seitenschiff eingerichtet.

Im Jahre 2008 wurde die Orgel versetzt, und zwar von der hinteren Empore auf eine neugeschaffene Empore im südlichen Seitenschiff, und in diesem Zusammenhang auch das obige Relief Karls. 

Vor dem Rheinland-Pfalz-Tag in Ingelheim (2012) erhielt das Gotteshaus auch einen neuen Anstrich.

 

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Gs, erstmals 14.08.05; Stand: 08.04.17