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Ingelheim zur Zeit der sächsischen und salischen Könige (10.-12. Jh. n. Chr.)


Autor: Hartmut Geißler


Nach dem Baubeginn unter Karl dem Großen ist die Ingelheimer Pfalz unter seinem Sohn Ludwig oft benutzt worden, dann aber etwa ein Jahrhundert lang wenig, jedenfalls nicht zu Großveranstaltungen. Deshalb scheint sie unter den späten Karolingern nicht mehr gepflegt worden zu sein, sodass ihre Gebäude und wahrscheinlich auch die Wasserleitung ziemlich gelitten haben dürften.

Als aber im 10. Jahrhundert die Herzöge aus dem norddeutschen (Nieder-) Sachsen die Nachfolge der Karolinger antraten, als sie mit Heinrich I. den deutschen König stellten und mit dessen Sohn Otto I. auch wieder einen Kaiser, da knüpften diese "Ottonen" gezielt an karolingische Traditionen an, z. B. an die Krönung in Aachen und auch an Hoftage in der Pfalz Ingelheim, wenn sie im Herzogtum Franken waren. Außerdem hielten sie in der Ingelheimer Remigiuskirche mehrere Synoden ab.

Classen (S. 105) weist auf die erste erneute Erwähnung der Ingelheimer Pfalz in jener Epoche hin, in den kurzen (exzerpierten) Salzburger Annalen, wo in einer "trockenen" Bemerkung zum Jahr 928 festgehalten ist: "Estas sicca fuit. Colloquium ad Ingilheim" (= "Der Sommer war trocken. Unterredung in Ingelheim"; Annales ex Annalibus Iuvavensibus antiquis excerpti S. 743). Es ist überhaupt die einzige Erwähnung eines Kolloquiums in diesen Annalen, die einen Zeitraum von 844 bis 956 behandeln, also mehr als ein Jahrhundert; daraus kann man schließen, dass die Tatsache an sich, dass wieder einmal eine Adelsberatung in Ingelheim stattfand, dem exzerpierenden Mönch sehr wichtig erschien.

Als Jahreszeit dieser Versammlung, die man heute in der ottonsichen Zeit meistens "Hoftag" nennt, nicht mehr "Reichsversammlung", vermutet Classen (trotz der Erwähnung gleich nach dem trockenen Sommer) kurz vor oder kurz nach dem Weihnachtsfest, das Heinrich in Mainz feierte. Die überwiegende Nichtbenutzung der Ingelheimer Pfalz während des Winters in der Karolinger-Epoche spricht aber dagegen.

Die Ingelheimer Pfalz scheint also unter König Heinrich I. erstmals wieder zu einem Treffen des Königs mit dem Reichsadel benutzt worden zu sein, das man heute in der ottonischen Zeit "Hoftag" zu nennen pflegt. Da man aber keinerlei Einzelheiten zum Ablauf solcher "Besprechungen" kennt und damit auch nicht ihren Gebäudebedarf, weiß man auch nicht, was nun im Königshof oder in einem renovierten oder umgebauten Palatium oder im Freien geschah. Als sicher gilt eine Weiterbenutzung der Aula regia. Auch ein Nachfolgebau der Trikonchenkapelle wurde noch lange benutzt, während es die Saalkirche noch nicht gab.

Man wusste sicherlich weiterhin den guten Wein aus Ingelheim zu schätzen, denn Otto I. schenkte gleich nach seiner Königswahl 936 dem neugestifteten Kloster Quedlinburg östlich des Harzes u.a. 10 Wagenladungen (Fuder) Wein aus "Ingelenheim" (MGH DD O I 1), und zwar als erste Weinausstattung des Klosters.

In dieser Zeit der sächsischen Könige (kurz oft "Ottonen" genannt wegen der Aufeinanderfolge der ersten drei namensgleichen Könige) und der auf Heinrich II. folgenden ersten Könige aus der salischen Familie erlebte "Ingelheim" mt der ehemaligen Pfalz Karls des Großen einen erneuten Aufschwung, sie war der Ort vieler großer und gerühmter Feste, sie hatte ihre zweite Blütezeit, die fast ein Jahrhundert anhielt, bedeutender als in der karolingischen Zeit. Festhalten muss man allerdings, dass etwa seit Otto II. der Begriff "palatium" zugunsten des reinen Ortsnamens - wie überall im Reich - aus den Urkunden und Chroniken verschwandt, sodass man daran nicht festmachen kann, was noch im alten Palatium stattfand und was in anderen Gebäuden des Königsgutes in der Nähe der Remigiuskirche. Dass man auch damals noch beides durchaus begrifflich unterscheiden konnte, geht aus der Urkunde vom 22.09.994 hervor, die die Schenkung eines Grundstücks zur Errichtung eines Hauses an den Markgrafen der Toskana Hugo von Tuscien bestätigte (siehe unten).

Der Ruf "Ingel(n)heims" wurde nach dem Ende der Großveranstaltungen (die letzte 1043) im folgenden 12. Jahrhundert geradezu legendär.

Wahrscheinliche Herrscheraufenthalte der sächsischen Könige:

Heinrich I. (919- 936) einmal: 928

Otto I. (936- 973) neunmal: 937, 941, 948, (953 Besuchsabsicht aus Sicherheitsgründen abgebrochen), 956, 958, 961, 965 (2), 972

Otto II. (973- 983) vier- bis sechsmal: eventuell schon 963 und 965 (mit 3 Urkunden), 972 mit seinem Vater auf der Rückreise von Italien; als König: 976, 977, 980

Otto III. (983-1002) etwa zehnmal als Kind: 984, 985, 987, 988, 989, 992, 993, 994, 996, 1000 (?); die meisten seiner Aufenthalte fallen noch in die Zeit seiner Unmündigkeit, als seine Mutter Theophanu und seine Großmutter Adelheid in enger Abstimmung mit den Bischöfen von Mainz (Willigis) und Worms (Hildebold) die Regentschaft für ihn führten.

Für Theophanu (auch griechisch Theophano geschrieben), die byzantinischen Mutter des jungen Otto III., war Ingelheim geradezu ein "Hauptstützpunkt ihrer Regierung" (Grewe). Nach seiner Kaiserkrönung in Rom 996 und mit einem anderen Berater (Gerbert von Reims) änderte sich das: Nun wurde Aachen die nach Rom zweite Residenz, Ingelheim musste zurücktreten. Eine Rolle dürfte dabei auch Entfremdung Ottos III. von seinem bisherigen Berater, dem Erzbischof Willigis von Mainz, gespielt haben.

Elfenbeintafel unbekannter Herkunft und Verwendung in byzantinischem Stil, auf der nach der später angebrachten Beschriftung Otto II. und Theophanu als "Kaiserin" ("IMP AC") abgebildet sein sollen, die von Jesus gekrönt werden (wikipedia)


sowie:
Heinrich II. (1002-1024) sechsmal: 1006, 1008, 1009, 1011, 1017, 1018

 

Herrscheraufenthalte der Könige aus der Salierfamilie:

Konrad II. (1024-1039) dreimal: 1024, 1030 (Ostern), 1036

Heinrich III. (1039-1056) zweimal: 1040, 1043 (= letztes Fest in der Pfalz)

Heinrich IV. (1056-1106) ein- oder zweimal: 1065 (zusammen mit dem hessischen Gaugrafen Werner III. - sehr fraglich) und 1105 (unfreiwillig zur eigenen Absetzung)

Heinrich V. (1106-1125) einmal: 1105 (zur Absetzung des Vaters), danach nie wieder

Stammbaum der Salierfamilie aus der Chronik des Ekkehard von Aura (um 1130): Conrad II. auf dem Thron mit seinen Nachfolgern in Medaillons. Wikipedia (Staatsbibliothek Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Cod. lat. 295, fol. 81v)

 

Weil die Großen des Reiches in dieser Epoche - Mitte 10. bis Mitte 11. Jhs. - nicht selten nach Ingelheim kommen mussten, beschafften sich einige sogar Bauplätze für feste Häuser, um nicht nur auf Zelte angewiesen zu sein. Denn die Gebäude des Königshofes konnten bei weitem nicht alle hohen Gäste beherbergen. In welchem Zustand die Gebäude des kaolingischen Palatiums waren und wozu sie dienen konnten, ist noch nicht austreichend erforscht.

Als Beispiel hier die Angaben aus einer Schenkungsurkunde Ottos III. vom 22.09.994 (aus Sohlingen bei Uslar am Solling!), Dipl. Ottos III, 147: Wegen der bisherigen häufigen und hilfsbereiten Beherbergung seines Vaters (Ottos II.), seiner Mutter Theophanu und seiner eigenen Bewirtung durch Markgraf Hugo von Tuscien (Toskana) schenkt Otto III. - oder besser: Theophanu selbst - diesem einen Bauplatz in Ingelheim und ein Bauerngut in Ober-Ingelheim:

"... desiderio ac petitioni illius concessimus et dedimus infra curtem et palatium nostrum Inglinheim vocatum locum unum habentem sexaginta duos pedes in longitudine iuxta eum locum quem dedimus Argentinensis ecclesie Viderolto episcopo eiusdem mensure situm, ut ibi faciat aedificia sibi congrua in quibus manere possit, quotienscumque imperialis vel regalis conventus paschali aut alio tempore ibi habeatur..."

Übersetzung:
... auf sein Verlangen und Bitten hin haben wir [ihm] überlassen und gegeben ein Grundstück ("locum") innerhalb/unterhalb unseren Hofgutes und unseres Palastes, genannt Inglinheim, von 62 Fuß in der Länge (ca. 20 m) neben dem Grundstück, das wir dem Bischof der Kirche von Straßburg, Wilderold, gegeben haben, mit denselben Maßen, damit er sich dort passende Gebäude errichten kann, in denen er unterkommen kann, sooft dort kaiserliche oder königliche Hoftage abgehalten werden, an Ostern oder zu einer anderen Zeit."

Wahrscheinlich hat es also zu jener Zeit der häufigen Benutzung der Ingelheimer Pfalz eine ganze Reihe solcher Gästehäuser gegeben, auf Streifengrundstücken nebeneinander, deren Streifenbreite selbstverständlich war und deshalb nicht angeben wurde, nur die Länge.

Streifenhäuser der römischen Vici hatten normalerweise eine Breite zwischen 5 und 16 m und eine Länge bis zu 40 m (das Haus!). Solche "mansiones" der Großen des Reiches sind nach Schmitz, Fiskus, S. 170, auch aus anderen Königspfalzen bekannt: aus Frankfurt, Regensburg, Pavia und Aachen. Wo in Ingelheim sie genau lagen, lässt sich diesem Wortlaut nicht entnehmen. Saalwächter vermutete sie im Saal selbst (BIG 14, S. 35). Dazu hätten aber schon einige der karolingischen Bauten beseitigt worden sein müssen. Wenn mit dem überlieferten lateinischen Wort infra aber hier - wie sonst oft - nicht intra=innerhalb, sondern wie im klassischen Latein tatsächlich ein unterhalb gemeint war, dann wäre die Stelle dieser Gästehäuser vielleicht unten an der Erlangerstraße zu suchen.


Wichtige Ereignisse jener Epoche in Ingelheim:

- 941 setzte Otto seinen aufständischen Bruder Heinrich, den Herzog von Bayern, in Ingelheim in Haft.

- 948 Generalsynode in St. Remigius in Anwesenheit König Ottos I. und des französischen Königs Ludwigs IV. zur Schlichtung von Streitigkeiten um die Besetzung des Bistums Reims

- 972 im Herbst eine große Synode für die gesamte deutsche Kirche

- 974 erneute Gefangenshaft eines Herzogs von Bayern in Ingelheim: Heinrich "der Zänker", Sohn des Herzog Heinrich, der 941 hier gefangen war

- 980 zu Ostern eine große deutsche Synode unter Otto II.

- 1017 Heinrich II. feiert ein prächtiges Osterfest in Ingelheim

- 1018 Heinrich II. feiert das Pfingstfest in Ingelheim

- 1030 Konrads II. feiert das Osterfest in Ingelheim; gleichzeitig Synode, Hoftag und Hochverratsprozess gegen den Schwabenherzog Ernst

- 1036 Konrad II. feiert das Osterfest in Ingelheim

- 1040 Heinrich III. feiert Ostern (6. April)

Dies war das letzte königliche Osterfest in Ingelheim. Heinrichs längerer Aufenthalt dauerte bis Ende April (drei bis vier Wochen). Es kamen u. a. burgundische Große, dem König zu huldigen, und Erzbischof Aribert von Mailand, dem durch Vermittlung der versammelten Fürsten Versöhnung gewährt wurde. Der originale Text mit Übersetzung und Kommentar ist hier zu finden.

Drei Jahre später folgte noch Heinrichs Hochzeitsfest, das letzte große Reichsfest in Ingelheim:

- 1043 Hochzeitsfest Heinrichs III. mit Agnes von Poitou

Was sich ein halbes Jahrhundert später hier als letzte politische Reichshandlung abspielte, war nur mehr ein dramatisches Nachspiel:

- 1105, am 31. Dezember, wird Heinrich IV. (bekannt von seinem "Gang nach Canossa") von seinem Sohn in Ingelheim zur Abdankung gezwungen, in Anwesenheit von Fürsten eines Mainzer Weihnachts-Hoftages.


Diese Vorgänge zeigen, dass sich das Leben im 11. Jh. wandelte; für Hoftage bevorzugt bzw. benötigt wurden nun nicht mehr ländliche Pfalzen wie Ingelheim, sondern die durch anwachsenden Handel aufblühenden Städte: z. B. Worms, Mainz, Frankfurt.

Ein wichtiger Grund dafür könnte die damit verbundene wachsende Geldwirtschaft gewesen sein, die es auch dem königlichen Hof ermöglichte, die Versorgungsleistungen nicht mehr nur auf naturalwirtschaftlicher Grundlage zu beziehen, sondern zunehmend von städtischen Märkten gegen Bezahlung.

Festtage, bei denen König und Königin "unter der Krone gingen" (s.u.) wurden nun in Bischofsstädten gefeiert. Zu diesem Zweck erhielten viele Bischofskirchen schon unter Heinrich II. ausgedehnte Schenkungen an Grundbesitz und Hoheitsrechten, eine Tendenz, die sich unter seinen Nachfolgern fortsetzte. Eindrucksvolle Zeichen dieses Wandels sind die großen Dombauten in Mainz, Lüttich, Worms, Basel, Paderborn, Merseburg, Straßburg und Speyer - der Speyerer Dom wurde geradezu zum Symbol eines romanischen Kaiserdomes.

Osterfestkrönungen

Während die karolingische Pfalz in Ingelheim einen vorwiegend weltlichen Charakter gehabt hatte, wandelte sich ihre Funktion unter den Ottonen zu einer derjenigen Pfalzen, in denen in enger Verflechtung von weltlicher Macht und geistlicher Organisation (imperium und sacerdotium) große Reichstreffen mit kirchlichen Treffen (Synoden) kombiniert wurden.

Denn die neuen Könige benutzten Ingelheim mit der renovierten Pfalz außer zu Hoftagen häufig zu Bischofssynoden (in St. Remigius) und Festtagsfeiern an Ostern. Sie wurden stets begleitet von feierlichen Auftritten von König und Königin im vollen Krönungsornat, sog. "Festkrönungen", unter den Ottonen mindestens siebenmal in Ingelheim, unter den Saliern noch mindestens dreimal.


Was wissen wir über die Ingelheimer Verhältnisse jener Zeit?

Classen stellte fest: "Und doch vermag auch diese Zeit den Geschichtsschreiber des Ortes nicht voll zu befriedigen. Was wir erzählen können, das sind die Ereignisse weniger Tage und Wochen, an denen der Herrscher und seine Umgebung sich am Orte aufhielten. Von dem Orte selbst und seinen Bewohnern dagegen erfahren wir fast überhaupt nichts.

Es klingt wie eine Ironie, aber die einzigen, von denen wir wissen, daß sie längere Zeit am Ort gewohnt haben, waren die Gefangenen; denn Ingelheim diente auch als Gefängnis für Personen fürstlichen Ranges. Heinrich, der Bruder Ottos des Großen, wurde etwa vom Mai bis Dezember 941 dort festgesetzt, bis er am Weihnachtsfest in Frankfurt des Königs Verzeihung erhielt; und sein Sohn Herzog Heinrich II. von Bayern, "der Zänker", war vom Sommer 974 bis zum Beginn des Jahres 976 in Ingelheim der Gefangene seines Vetters, Kaiser Ottos II.

Unwillkürlich erhebt sich die Frage, wer die Pfalz in Abwesenheit des Königs verwaltete, wer für die Bewahrung der Gefangenen verantwortlich war; eine Frage, die um so brennender wird, als es beiden Heinrichen gelang, sich zu befreien. Wir hören nur, daß 941 ein Diakon der Mainzer Kirche seine Hand im Spiel gehabt haben soll, erfahren aber nichts über die eigentlichen Wächter und Verwalter der Pfalz". (S. 115)

Befriedigende Antworten auf diese Fragen gibt es bis heute nicht. Aber, um einen Vergleich mit unseren Zeit zu wagen: Was weiß man heuzutage gemeinhin über das Leben der Einheimischen in beliebten Urlaubsgebieten, die doch jeder zu kennen glaubt?

Classen kann wenigstens ein Faktum anschließen, das aber auch nicht viel Aufschluss bringt: Ingelheim war in jener Zeit - ähnlich wie in der Römerzeit - durch Rechte und Pflichten noch eng mit der benachbarten Metropole Mainz verbunden. Wie andere Dörfer beiderseits von Rhein und Mainmündung waren auch die Ingelheimer zur Instandhaltung von 25 Zinnen der Mainzer Stadtbefestigung verpflichtet (Tribur 30, Nieder-Olm 24, Oppenheim mit Dienheim 18, Algesheim 16 Zinnen). Dafür genossen sie Schutzrecht in der Stadt und Abgabenfreiheit auf ihren Märkten.


Funktionswandel

Auch nach dem Ende der Nutzung des Ingelheimer Palastes für Großveranstaltungen blieben der Ingelheimer Königshof und das damit zusammenhängende Reichsgebiet, der später in Kurpfälzer Zeit so genannte "Ingelheimer Grund", mit seinen Dörfern Königsbesitz, und die Einheimischen blieben reichsunmittelbar, ob Adlige oder nicht, sie blieben Mannen des Königs. Und diejenigen Erträge ihrer Höfe, die ursprünglich für den Unterhalt der Pfalz gedacht waren, flossen weiterhin in die königliche Kasse, sofern sie nicht auf Dauer an andere vergeben waren.

Der ehemalige Palast machte jedoch einen Funktionswandel durch. Denn vielleicht schon seit Heinrich IV., aber spätestens in der Stauferzeit wurde aus der repräsentativen Veranstaltungs-Pfalz Karls des Großen eine burgähnliche Anlage, mit Wehrmauern umgeben, die die Außenmauern des verfallenen Palastes mit benutzten und von Burgmannen bewohnt war. Sie hatten nun Häuser im alten und im neuen, nach Süden erweiterten ("Zuckerberg") Pfalzgelände und bauten es für ihre Zwecke um, ob auf eigene Initiative oder auf königlichen Befehl hin: Der Palast wurde zur Burg und zum "Ingelheimer Saal". Salland war Herrenland, hier Land des Königs. Dieser in Ingelheim ausschließlich benutzte Begriff könnte ein Hinweis darauf sein, dass es fast nur noch das Salgebiet war, das dem König im 13./14. Jh. gehörte.

Zugleich verschwand jede Erinnerung an die karolingisch-ottonische Zeit und man verband aufgrund der schriftlichen Überlieferung, z. B. Einhard, unter der Ingelheimer Pfalz nur noch den Saal, während Remigiuskirche und Königshof keine Gegenstände der Erinnerung mehr waren. Auch die Erinnerung an den riesigen Halbkreisbau und die vielen Säulen war verschwunden, sodass sich Sebastian Münster den Ingelheimer Saal 1545 nur noch so vorstellen konnte, als eine verfallende Ritterburg mit Gebäuderesten im Westen.

Gs, erstmals: 12.08.07; Stand: 17.10.20