Sie sind hier:   Erster Weltkrieg und Weimarer Republik

Ingelheim vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zur Ernennung Hitlers zum Reichskanzler (1914-1933)


Autor: Hartmut Geißler

Der folgende Epochenüberblick stützt sich vor allem auf die Meldungen der Ingelheimer Zeitungen, entweder aus ihnen direkt (aus dem Stadtarchiv) oder aus ihren (verlässlichen) Auszügen in der "Ingelheimer Chronik".

In jüngster Zeit erschienen sind folgende Untersuchungen:

Bänsch, Roland: Kämpfe um die Rheinische Republik - lokaler Separatismus (S. 49-69) und

Würz, Markus: Der Aufstieg des Nationalsozialismus (S. 49-94), beide im Sammelband: Meyer/Klausing: Freudige Gefolgschaft und bedingungslose Einordnung...? Ingelheim, 2011

Sehr hilfreich zum Verständnis dieser Zeit des Krieges und der Weimarer Republik ist das 1. Kapitel Ausgangslage und Vorgeschichte im aktuellen Buch von Prof. Michael Kißener 2015 Boehringer Ingelheim im Nationalsozialimus, S. 25-52, in dem die Umgebungswelt dieser Ingelheimer Familie in der Vorgeschichte des Nationalsozialismus behandelt wird.

Kopf der "Ingelheimer Zeitung" vom 7.11.1924 aus dem Ingelheimer Stadtarchiv

 

Inhaltsübersicht:


1. Eine kurze, aber dramatische Epoche
2. Der "Weltkrieg" und die Revolution
3. Die Nachkriegszeit bis 1923
4. 1924 bis zur Weltwirtschaftskrise
5. Die Weltwirtschaftskrise und das Anwachsen der Nationalsozialisten

 

1. Eine kurze, aber dramatische Epoche

Die Geschichte Ingelheims in dieser an sich kurzen, aber dramatischen Epoche von nur 19 Jahren ist sehr stark von der allgemeinen deutschen Geschichte jener zwei Jahrzehnte bestimmt; sie brachte ... :

- viele Kriegstote durch den Ersten Weltkrieg (in OI, NI, FW und GW zusammen mindestens 288)
- Revolution in Reich und Ländern, so dass aus dem Großherzogtum Hessen der republikanische "Volksstaat Hessen" wurde
- französische Besetzung
- Bemühungen von Separatisten eine vom Reich losgelöste Rheinische Republik zu gründen
- Inflation, Notgeld, Währungsreform
- einen kurzen witschaftlichen Aufschwung in der zweiten Hälfte der 20er Jahre
- die Weltwirtschaftskrise mit stark anwachsender Arbeitslosigkeit
- Hilflosigkeit des Berliner Parlamentarismus und
- Erstarken der Nationalsozialisten.

Während im Mittelpunkt der historischen Darstellung des 19. Jahrhunderts eher die strukturellen, aber tiefgreifenden Wandlungen in Bevölkerung, Bebauung und Beschäftigung standen, die für unsere Gegenwart die Basis des modernen Ingelheim gelegt haben, wird die Wahrnehmung der kurzen Epoche der Weimarer Republik dominiert vom vorausgehenden Weltkrieg und den Folgen der deutschen Niederlage, von der Revolution mit dem Wandel zur Republik, von kurzfristigen wirtschaftlichen und politischen Konstellationen, von dauernden Wahlkämpfen und wechselnden Wahlergebnissen, sozusagen vom Fieber einer jungen und bei vielen unbeliebten Parteien-Demokratie. Viele trauerten der angeblich guten alten Zeit des Kaiserreiches nach, weil sich die Weimarer Republik in den Augen vieler Zeitgenossen nur schlecht zu bewähren schien, zumal sie mit schweren Finanz- und Wirtschaftskrisen zu kämpfen hatte.

Unabhängig von dieser politischen Aufgeregtheit gab es auch während dieser Zeit in Ingelheim eine fortschreitende Industrialisierung, eine fortschreitende Technisierung und Auto-Mobilisierung, eine weiter wachsende Bevölkerung, weitere Wohnbebauung und ein sich ausweitendes Vereinsleben in großer kultureller Vielfalt und Produktivität.

Unten: Bus des "Kraftverkehrsvereins Selztal" am Ingelheim Bahnhof; im Hintergrund die "Restauration zum Bahnhof" von Robert Pitzer

Ein Bus, der parallel zur Selztalbahn fuhr (Foto: Privatbesitz Weiland)



2. Der "Weltkrieg" und die Revolution

Zur Themenseite "Der Erste Weltkrieg in Ingelheim"

Viele Ingelheimer Männer meldeten sich aus nationaler Begeisterung freiwillig zum Kriegsdienst, darunter auch Albert Boehringer und seine beiden Söhne Ernst und Albert jr.

Im Herbst 1914 wurden rings um die Festung Mainz in Erwartung eines französischen Gegenangriffs auch auf den Höhen von Nieder-Ingelheim, Heidesheim und Wackernheim Feldbefestigungen erbaut, die glücklicherweise nie benötigt und im März 1927 wieder gesprengt wurden.

Ingelheim musste Lazarettplätze für verwundete Soldaten zur Verfügung stellen und hatte davon im Jahr 1914 100 Betten im Ludwigstift, bei Boehringer (im Arbeiterspeiseraum) und in Schulen.

Pfarrer Korell organisierte Landferien für 65 Großstadtkinder aus Barmen (heute ein Teil Wuppertals) in Nieder-Ingelheim, Großwinternheim und Schwabenheim. Er hielt auch eine "vaterländische Feier" in der evangelischen Kirche ab und pries die "Quellen deutscher Kraft".

Einige Kirchenglocken wurden eingeschmolzen.

Zum Zwecke der Energieersparung wurde ab 1. Mai 1916 erstmalig die Sommerzeit eingeführt.

Die große Grippe-Epidemie 1918 forderte auch in Ingelheim Todesopfer; zeitweise wurden deswegen die Schulen geschlossen.

Im November 1918 wurden nach den Revolutionen in Berlin und den Landeshauptstädten, die zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten und zur Absetzung der Fürstenregierungen führten, auch in den Ingelheimer Orten Arbeiter- und Bauernräte sowie Bürgerwehren gebildet, meist nicht in wirklich revolutionärer Absicht, sondern um Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten.

Beide Ingelheim dienten als Quartierorte für die von der Westfront zurückkehrenden Truppen (Massenquartiere in Schulen und Kirchen).

Bis nach Japan hatte es Soldaten aus Ingelheim als Kriegsgefangene verschlagen; im März 1920 kehrten von dort drei Ingelheimer heim: August Weitzel (Uffub), Georg Krollmann (Neuweg) und Georg Saalwächter; außerdem noch Friedrich Bauer aus Frei-Weinheim am 4. April 1920.

Für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges wurden später in Nieder- und in Ober-Ingelheim, in Frei-Weinheim sowie in Großwinternheim Kriegerdenkmäler errichtet. Darauf sind insgesamt 288 Namen verzeichnet.

Kriegerdenkmal, noch mit umgedrehtem Schwert auf dem Dach (Foto: Gs)

 

 

In Nieder-Ingelheim ließ Albert Boehringer in einem Park an der Binger Straße einen Kuppel-Pavillon errichten, in dem ein Christus (?) auf einen neben ihm niedergesunkenen Gefallenen weist.

Der Park mit dem Pavillon wurde 1924 durch einen Grundstückstausch Albert Boehringers mit der Gemeinde Nieder-Ingelheim dieser zur ewigen Pflege übertragen. An den Innenseiten des Pavillons, der 1926 eingeweiht wurde, sind Tafeln mit den Namen der Gefallenen angebracht. Durch eine entsprechende Beschriftung außen und eine Platte im Boden wurde dieses Mahnmal auch für die Opfer des Zweiten Weltkrieges ergänzt. Das Bild zeigt den älteren Zustand.

Zum Vergrößern bitte anklicken

Foto: Gs

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In Ober-Ingelheim wurde 1931 auf dem Platz vor der Burgkirche ein Obelisk mit den Namen der Gefallenen eingeweiht, von Professor Jobst aus Darmstadt geschaffen.

 

 

 

Der Gedenkstein für die Gefallenen aus Frei-Weinheim wurde 1934 in einem kleinen Park direkt außerhalb des Deiches aufgestellt und zu Beginn der 70er Jahre bei der Neugestaltung des Hafengeländes auf den Frei-Weinheimer Friedhof verlegt.

 

 

 

 

 

In Großwinternheim wurden zwei Gedenktafeln für die katholischen Gefallenen gestiftet, angebracht innen an der Kirchhofmauer.

 

3. Die Nachkriegszeit bis 1923: Besetzung, Separatismus, Inflation

Am 12. Dezember 1918 trafen die ersten französischen Besatzungstruppen hier ein. Von da ab standen auch die Ingelheimer Orte bis Ende Juni 1930 unter einem besonderen Besatzungsregime, das sich in vielen Bereichen des Ingelheimer Lebens auswirkte, bis zum 1. Dezember 1925 unter französischer Kontrolle, von da ab bis 1930 unter britischer, allerdings ohne dass britische Soldaten in Ingelheim stationiert waren.

Die französische Besatzungsmacht unterstützte anfangs die separatistischen Bemühungen. Denn seit dem Kriegsende gab es immer wieder politische Initiativen, die preußische Rheinprovinz entweder nur von Preußen oder das ganze (linke) Rheinland vom Reich loszulösen ("Separatismus"). Eine wichtige Rolle spielte dabei in der preußischen Rheinprovinz der aus dem 19. Jahrhundert herrührende Gegensatz zwischen den katholischen Rheinländern und den protestantischen Preußen.

Am 1. Juni 1919 wurde nach Vorgesprächen mit hochrangigen französischen Offizieren in Wiesbaden  eine "Rheinische Republik" ausgerufen, unter Leitung von Dr. Hans Adam Dorten. Wiesbaden gehörte als einer der rechtsrheinischen Brückenköpfe auch zum französischen Besatzungsgebiet. Dagegen wendeten sich die Vorstände der rheinhessischen DVP, DDP, SPD und Zentrum in einer gemeinsamen Erklärung. Nach einer Woche brach dieser erste Versuch zur Gründung einer Rheinischen Republik aufgrund des Widerstandes der Bevölkerung und wegen mangelnder militärischen Unterstützung durch die Franzosen wieder in sich zusammen und Dorten musste fliehen.

In Ingelheim wirkte sich dieser erste Versuch einer Rheinischen Republik noch nicht aus. Es überwogen stattdessen hier in den ersten Nachkriegsjahren wiederholte Zusammenstöße mit der französischen Besatzungsmacht.

Im Juni 1920 wurde das Hissen der alten Nationalfarben (schwarz-weiß-rot) und der neuen (schwarz-rot-gold) von den Besatzungsmächten in den Orten des besetzten Rheinlandes verboten.

Die Nahrungsmittelknappheit des Krieges hielt auch nach dem Krieg an. Am 31. Januar 1920 meldete der Ingelheimer Anzeiger, dass die Gemeindeverwaltung von Ober-Ingelheim zur Sicherung der nächstjährigen Kartoffelversorgung 600 Zentner Saatkartoffeln gekauft habe, die den Landwirten mit einem kleinen Aufschlag überlassen würden, wenn diese ihrer Ablieferungspflicht an Speisekartoffeln nachkämen.

Ein erstaunlich reges Vereinsleben mit Musik- und Theaterdarbietungen versuchte von den Misslichkeiten des Alltags abzulenken. Der Ingelheimer Anzeiger berichtete darüber aus dem Februar 1920:

"Die Vereine haben die Kriegszeit gut überstanden. Während der zurückliegenden Wochen fanden wieder die beliebten Abendunterhaltungen mit Musik- und Theaterdarbietungen statt. U.a. haben der evangelische Jungmädchenbund, die Gesangvereine Germania und Einigkeit, die konfessionellen Frauenvereinigungen, die Turngemeinde mit Fechtschule und der Carneval-Verein Wäschbächer große Erfolge erzielt. Viele Vereine halten auch Gedenkfeiern für ihre gefallenen Mitglieder ab. Frau Baronin von Wolzogen gab einen vielgelobten Liederabend und die Direktorin Würtenberger gastierte mit dem "Meineidbauer" von Anzengruber. Ein öffentliches Maskentreiben hat die Militärbehörde allerdings verboten." (Chronik, S. 96)

Im Juli 1920 fand ein großes Gau-Turnfest in Nieder-Ingelheim statt und im selben Jahr etablierten sich die ersten Kinos in Ober- und Nieder-Ingelheim.

Im Zusammenhang mit der Ruhrbesetzung durch die Franzosen 1923 wurden von deutscher Seite die Eisenbahner zu Streiks aufgerufen. Zahlreiche Personen wurden aus Ingelheim ausgewiesen, darunter 46 Eisenbahner, der Nieder-Ingelheimer Bürgermeister Muntermann, der Frei-Weinheimer Bürgermeister Kitzinger, der Pfarrer und Reichstagsabgeordnete Korell sowie Kommerzienrat Albert Boehringer mit seinem Sohn und Dr. Bopp von der Chemischen Fabrik Frei-Weinheim mit seiner Frau. Erst im Sommer 1924 durften sie wieder in ihre Ingelheimer Orte zurückkehren.

Dabei gab es in und um Ingelheim drei Anschläge auf Personenzüge:
- Im Februar 1923 wurde der D-Zug Mainz-Paris bei Ingelheim durch eine falsche Weichenstellung auf ein totes Gleis gelenkt, konnte aber noch rechtzeitig gestoppt werden.
- Wenig später wurden ein Stück weit die Schienen entfernt, so dass die Lok des Kölner Zuges entgleiste und umkippte; zu Verlusten von Menschenleben ist es aber wegen der langsamen Fahrt des Zuges nicht gekommen.
- Im Juni wurde auf den Schnellzug nach Paris ein Bombenattentat verübt, bei dem zwischen Uhlerborn und Budenheim eine Bombe unter dem Zug explodierte, einen Wagon beschädigte und 10 Personen verletzte.

Die politisch zugelassene (und damit gewollte) Inflation begann 1923 immer stärker zu "galoppieren".

Boehringer-Archiv

Wegen der wachsenden Bargeldnot gab die Firma Boehringer deshalb seit dem 10. August 1923 nur noch Gutscheine für Löhne und Gehälter heraus, die von den Banken eingelöst werden sollten. Die Abbildung wurde freundlicherweise vom Boehringer-Archiv zur Verfügung gestellt.

Die Separatisten in Bingen ließen in großen Mengen ungedecktes Notgeld drucken.

 

Der Lehrer Philipp Dexheimer berichtet aus Frei-Weinheim über die Folgen dieser Inflation, dass ein Hausbauer  mit einem inflationären Monatsgehalt wenige Zeit später alle seine Bauschulden zurückzahlen konnte, dass aber andererseits ein Arbeiter sich noch am Zahltage von seinem Wochenlohn nur mehr einen halben Schoppen Wein und eine Zigarre kaufen konnte. Er selbst war neben seiner Lehrertätigkeit auch aushilfsweise für den ausgewiesenen Bürgermeister Kitzinger tätig. Nachdem er den Frei-Weinheimer Wirtschaftsplan für 1924 aufgestellt hatte, mussten schon alle Zahlen von Millionen auf Milliarden abgeändert werden, und die Gemeinderechnung konnte von der Oberrechnungskammer deswegen gar nicht mehr geprüft werden.

Die Inflation endete auch in Ingelheim am 18. Oktober 1923 mit der Umstellung auf die "Rentenmark". Durch die gigantische Inflation der alten Mark waren alle Geldbesitzer und Gläubiger praktisch enteignet worden, weil ihr Erspartes und ihre Schuld-Guthaben nichts mehr wert waren, eine der vielen Ursachen dafür, dass sich die dadurch verarmte bürgerliche Mittelschicht mit diesem Staat, dieser "Weimarer Republik", wie man sie wohl eher verächtlich nannte, und ihrer Parteiendemokratie immer weniger identifizieren mochte.

Erneut riefen in diesem Krisenjahr 1923 Separatisten links des Rheines eine "Rheinische Republik" aus, in beiden Ingelheim am 31.10.1923. Zeitweise amtieren nun deren Repräsentanten als Kommunalverwaltung, ihre grün-weiß-roten Fahnen wehten über den Rathäusern. In der Binger Festhalle verpflichtete der Kreiskommissar der Separatistenregierung Schorn am 7.11.1923 die Bürgermeister des Kreises zur Mitarbeit. Die Anwesenden erklärten, dass sie im Interesse der Bevölkerung auf ihrem Posten blieben, ihre Geschäfte weiter führen und nichts gegen die "Rheinische Republik" unternehmen würden.

Einen Monat später versuchten Gegner der Separatisten, die sich auf dem Ober-Ingelheimer Rathausplatz versammelt hatten, das dortige Rathaus zu erstürmen. Mangels Schusswaffen scheiterte das Unterfangen aber, und bewaffnete Separatisten aus Bingen stellten die bisherigen Machtverhältnisse wieder her. Verschiedene Teilnehmer des Aufstandes wurden verhaftet, einige konnten fliehen.

Die französische Besatzungsmacht hielt sich nunmehr aber mit der Unterstützung der Separatisten zurück. Am 18.12.1923 ging schließlich die Episode der Separatisten in Ingelheim zu Ende, am 7. Februar 1924 auch in Bingen. Für Frei-Weinheim schätzt Philipp Dexheimer die Zahl der Separatistenanhänger auf "fünf bis acht junge Leute".

 

4. 1924 bis zur Weltwirtschaftskrise

"Golden" waren die Zwanziger Jahre nach dem Ende der Inflation auch in Ingelheim nicht. Zwar normalisierte sich vieles, die letzten Ausgewiesenen durften nach Ingelheim zurückkehren, es wurden aber immer wieder Klagen über Wohnungsnot, über mangelnde Handwerkeraufträge, über schleppende Weingeschäfte und über viele Arbeitslose laut. So wurden z. B. Ober-Ingelheimer Arbeitslose bei der Selzregulierung in den Jahren 1926/27 beschäftigt.

Die fortdauernde Wohnungsnot veranlasste die Ober-Ingelheimer Gemeindeverwaltung, bei der Reichsbahndirektion drei Eisenbahnwagen als Notunterkünfte zu bestellen.

Im Jahre 1927 belebte sich die Bautätigkeit in Ingelheim aber erheblich, so dass auch die Zahl der Arbeitslosen abnahm. Im Mai 1925 verlieh eine vielbesuchte Gewerbeschau in der alten Nieder-Ingelheimer Markthalle dem wachsenden Konjunkturoptimismus Ausdruck.

Im März 1926 gründete sich in Ingelheim ein Radio-Klub. Wer sich noch kein eigenes Radio leisten konnte, hatte auch die Möglichkeit, für 30 Pfennig pro Person und Abend Radiokonzerte u. ä. bei der Firma Genzler und Baumgärtner in der Bahnhofstraße 3 zu hören (Annonce in der IZ vom 16.01.1926).

Der schlechte Zustand des Museums in Nieder-Ingelheim sowie der Reste der Kaiserpfalz gaben in der Öffentlichkeit zur Besorgnis Anlass. Auch der Zustand der Rheinklause auf der Lebertsau wurde 1928 öffentlich bemängelt.

 

 

 

Die Existenz der Realschule in Ober-Ingelheim ("Höhere Bürgerschule") war 1927 wieder einmal durch große finanzielle Schwierigkeiten bedroht, die aber bis 1930 durch rigorose Sparmaßnahmen behoben werden konnten. Das Gebäude des "Alten Gymnasiums" vor dem Um- und Anbau (2006, Gs).



Zur Verbesserung der Infrastruktur, aber auch als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme wurde 1928 in Nieder-Ingelheim der Bau einer Kanalisation begonnen, wobei zeitweise nur Erwerbslose eingesetzt waren. Rechts die Mainzer Straße am früher sog. Kleinen Markt oberhalb der Remigiuskirche. Am unteren Bildrand sieht man einen Jungen, der ein Schwein treibt.

Im Jahre 1927 führte Ober-Ingelheim eine Müllabfuhr ein, die einmal wöchentlich den Abfall in eine Baugrube abfuhr.

Im Juli 1927 wurde in Nieder-Ingelheim das 46. Rheinhessische Gauturnfest mit großem Aufwand und viel Anerkennung durchgeführt.

Mitte Februar 1929 war der Rhein in seiner ganzen Breite zugefroren, so dass man trockenen Fußes auf die andere Seite laufen konnte. Zu dem Spektakel setzte die Selztalbahn sogar Sonderomnibusse vom Bahnhof nach Frei-Weinheim ein.

 

5. Die Weltwirtschaftskrise und das Anwachsen der Nationalsozialisten

In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1930 endete die Besatzungszeit. In beiden Ingelheim und Frei-Weinheim fanden Befreiungsfeiern statt. Aber besser wurde die allgemeine Lage durch diese "Befreiung" auch nicht.

Dies macht z.B. die finanzielle Lage der Gemeinde Nieder-Ingelheim im neuen Jahr 1930 deutlich:

- steigende Soziallasten durch wachsende Arbeitslosigkeit
- sinkende Einnahmen
- wachsende Schulenlast.

Illustriert wird das durch die folgende Zeitungsmeldung:
"7. Januar 1930 - Die Lage der Gemeinde Nieder-Ingelheim. Während der Sitzung des Gemeinderates gab Bürgermeister Muntermann einen Überblick über die Lage der Gemeinde. Der Bürgermeister bedauerte, daß den Gemeinden in den letzten Jahren immer mehr Aufgaben und Lasten aufgebürdet worden seien. 1928 hätte die Gemeinde zum Beispiel 33.000 Mark an Soziallasten aufzubringen. Dieselben wurden 1929 noch höher, weil die Ausgesteuerten und die Arbeitslosen, denen es nicht gelungen sei, für 26 Wochen Arbeit zu finden, der allgemeinen Wohlfahrtspflege zur Last fielen. Hierzu käme, daß die Einnahmen der Gemeinde immer mehr beschnitten werden.

Es sei Aufgabe der Gemeinde, vor allen Dingen bei der ungünstigen Wirtschaftslage, unter der alle Erwerbsstände zu leiden hätten, jede Erhöhung der Umlagen zu vermeiden. Es müsse deshalb auch weiterhin von dem Umbau des Rathauses, obwohl dieser bereits vor 5 Jahren auf der Tagesordnung stand, abgesehen werden, desgleichen von dem Umbau des Waisenhauses in ein Hospital. Auch andere Arbeiten müßten zurückgestellt werden.

Die Vermögenslage der Gemeinde am 1. Januar 1930: Das Gesamtvermögen der Gemeinde beträgt: 3.105.000, - Mark. Die Gesamtschulden betragen: 527.745,- Mark..."
- (Chronik, S. 132-133)

Wirtschaft: Meldungen über eine sich wieder verschlechternde Wirtschaftslage häuften sich nun. In Ober-Ingelheim wurde ein Notstandsprogramm aufgelegt, nach dem Erwerbslose beim Bau von Straßen, Kanalisation und Pflasterung beschäftigt wurden; für 90.000 Mark nahm die Gemeinde dafür ein zinsverbilligtes Darlehen vom Reich auf. Im Angesicht der sich verschärfenden Notlage schränkten die Nieder- und Ober-Ingelheimer Vereine im Winter 1930/31 ihre Festlichkeiten stark ein. Trotz der allgemeinen Wirtschaftskrise hatte Boehringer Ingelheim zu Beginn des Jahres 1931 immer noch einen guten Auftragsbestand, so dass die ca. 550 Mitarbeiter noch in drei Schichten arbeiten konnten bzw. mussten.

Die Erwerbslosenzahlen in Ober-Ingelheim erreichten 1931 gleichwohl einen neuen Höchststand mit 135 Personen (zuzüglich 64 Ausgesteuerte, die von kommunaler Sozialhilfe leben müssen), und mit 146 Erwerbslosen in Nieder-Ingelheim (zuzüglich 76 Ausgesteuerte).

Aufgrund der sich weiter verschlechternden finanziellen Lage der Gemeinden mussten die Gehälter der kommunalen Bediensteten gekürzt werden.

Zum Jahresende 1931 verschlechterte sich die Wirtschaftslage in Ingelheim so dramatisch, dass man nur noch mit Winterhilfssammlungen die Arbeitslosen und Ausgesteuerten unterstützen konnte. Irmgard von Opel führte auf Schloss Westerhaus eine Weihnachtsbescherung für 120 Kinder durch.

Im August 1931 mussten die Gemeinden der beiden Ingelheim wegen der schwierigen Finanzlage die Gehälter ihrer Beamten weiter kürzen. Gekürzt wurden Ende des Jahres auch die Wohlfahrtssätze. Anfang 1932 wurde für Nieder-Ingelheim eine Erwerbslosenzahl von 1400 Personen (allerdings einschließlich der Familienangehörigen) errechnet.

Aufgrund der sich immer mehr zuspitzenden Finanzlage mussten sich die Gemeinden weiter verschulden. Im Voranschlag des Gemeinde-Etats für 1932 rechnete daher die Gemeindeverwaltung von Ober-Ingelheim mit einem Fehlbetrag von 113.000 Mark.

Der Hessische Handwerkerker- und Gewerbetag in beiden Ingelheim im September 1932, der stark besucht war, versuchte zwar Hoffnung auf bessere wirtschaftliche Zeiten zu machen, aber gleichzeitig nahmen die Zwangversteigerungen von Immobilien Ingelheimer Bürger zu.

Kultur: "Der Regisseur Niedecken-Gebhardt von der Berliner Staatsoper, früher Intendant in Münster, ist für die nächste Spielzeit als Oberregisseur an die Metropolitan Oper nach New York verpflichtet worden." - (Ingelheimer Zeitung, 9.5.1931. - Der Regisseur Dr. Hanns N.-G. war ein gebürtiger Ober-Ingelheimer)

Wahlzettel aus dem Stadtarchiv

 

 

Politik: Vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise gewann die neue, noch "unverbraucht" wirkende "Bewegung" der Nationalsozialisten im Reich und auch in Ingelheim immer mehr Anhänger.

Zwar trat sie vor 1933 zu keiner Kommunalwahl in den Ingelheimer Orten an. Aber bei Landtags- und Reichstags-Wahlen betrieb sie einen aggressiven hetzerischen Wahlkampf und erhielt z. B. bei den Reichstagswahlen im September 1930 auf Anhieb viele Stimmen: in Ober-Ingelheim 260 (die viertmeisten), in Nieder-Ingelheim 306 (die drittmeisten), aber nur wenige (23) im vorwiegend katholischen Frei-Weinheim. Rechts: Landtags-Wahlzettel aus dem Stadtarchiv

Repro: Gs

 

 

 

Die vielen Wahlkämpfe der folgenden Monate, zu denen 1932 noch eine doppelte Reichspräsidentenwahl hinzukam, spielten sich auch in Ingelheim zunehmend gewalttätig ab, mit Prügeleien in Sälen und auf den Straßen.

Links: Ingelheimer Reichsbannerfahne aus Henn, S. 127

 

Denn sowohl Nationalsozialisten als auch Kommunisten als auch die drei staatstragenden Parteien (SPD, Zentrum, DDP/DStP mit dem "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold") hatten sich Privat-"Armeen" zugelegt, die sich gegenseitig bekämpften. Hinzu kam 1930 der "Stahlhelm" mit einer eigenen Ingelheimer Ortsgruppe, der rechts-nationale "Reichsbund der Frontsoldaten".

"Stahlhelm" und NSDAP arbeiteten seit 1931 mit anderen rechtsgerichteten Organisationen in der sog. "Harzburger Front" gegen die demokratische Republik zusammen. Bei den Wahlen zum hessischen Landtag am 15.11.1931 bekamen die Nationalsozialisten in beiden Ingelheim erstmals die (relativ) meisten Stimmen, während bei beiden Wahlgängen zur Reichspräsidentenwahl im März und April 1932 Hindenburg in beiden Ingelheim und Frei-Weinheim unangefochten (vor Hitler) an der Spitze lag.

Die zwei Reichstagswahlen dieses letzten Jahres der "Weimarer Republik" im Juli und November 1932 brachten ein weiteres Ansteigen und dann wieder eine leichte Abnahme der NSDAP-Stimmen (wie allgemein im Reich), aber noch keine absolute Mehrheit in den Ingelheimer Orten.

In den noch immer weitgehend landwirtschaftlichen Ingelheimer Orten mag die Nazi-Propaganda mit ihrer Betonung der bäuerlichen Familienbetriebe und agrarpolitischen Forderungen, die weitgehend den bisherigen Forderungen der Bauernverbände entsprachen, auf offene Ohren gestoßen sein (s. Seidl, S. 252).

Ende Oktober 1932 konnte der jüdische Frauenverein zwar noch ungestört sein 100jähriges Bestehen in der Ober-Ingelheimer Synagoge feiern. Unter den zahlreichen Ehrengästen befand sich auch Bürgermeister Dr. Rückert.

Am 4.11.1932 meldete die Ingelheimer Zeitung aus Ober-Ingelheim, dass der Hauptschriftleiter des "Völkischen Beobachters" und Verfasser des "Mythos des 20. Jahrhunderts", Alfred Rosenberg, Mitglied des Reichstages, "in einer Wahlkundgebung der NSDAP für die zweite Reichstagswahl am 6. November vor 600 Menschen [sprach], die seine Rede begeistert aufnahmen".

Den großen Aufmarsch der NSDAP am 22. Januar 1933 - acht Tage vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler - mit 1.000 (!) Teilnehmern aus SA und SS durch beide Ingelheim wagten die Verteidiger der Demokratie schon nicht mehr zu stören.

Auch in Ingelheim war das Terrain für die "Machtergreifung" Hitlers bereitet.

Zurück zum Seitenanfang

Gs, erstmals: 03.02.07; Stand: 20.02.17