Sie sind hier:   Erster Weltkrieg und Weimarer Republik > Separatismus in Ingelheim

Separatismus in Ingelheim


Autor: Hartmut Geißler
nach: Bänsch, Roland: Kämpfe um die Rheinische Republik - lokaler Separatismus in: Meyer/Klausing, S. 49 ff.

Vorgeschichte:

Aus verschiedenen Gründen entstanden nach dem Ersten Weltkrieg im Rheinland Bestrebungen, sich entweder vom Staat Preußen zu trennen, aber im Deutschen Reich zu bleiben (dies vor allem in der überwiegend katholischen preußischen Rheinprovinz), oder aber das gesamte linksrheinische Gebiet (wie schon unter Napoleon) vom Reich zu trennen und zu einem selbständigen deutschen Staat umzugestalten oder es sogar an Frankreich anzuschließen.

Alle diese politischen Bestrebungen fasst man unter dem Begriff "Separatismus" zusammen.

Träger dieser politischen Versuche waren aber stets Minderheiten der Bevölkerung, z. T. katholische Zentrumspolitiker, aber auch andere lokale Politiker und Abenteurer, die von einer "Rheinischen Republik" Vorteile in einer ansonsten chaotischen Situation des Deutschen Reiches erhofften, für die Region und/oder für sich persönlich. Roland Bänsch stellt in seinem Beitrag den Lebenslauf zweier Personen vor, Georg Erbes und Ferdinand Trapp; der eine ein Informant der Franzosen und Unterstützer des Separatismus, der andere ein nationalistischer Kämpfer gegen den Separatismus und späterer radfikaler Nationalsozialist, der kurz vor Kriegsende den Oberbefehl über den Ingelheimer Volkssturm von Hermann Berndes übernehmen wollte/sollte.

Die französische Besatzungsmacht verfolgte solche Bestrebungen natürlich aus Sicherheitsgründen mit Sympathie und unterstützte sie vielfach, stieß dabei aber auf den Widerspruch der beiden anderen Siegermächte, der USA und Großbritanniens.

Deshalb brach die erste Ausrufung einer Rheinischen Republik durch den Juristen Dr. Hans Adam Dorten am 1. Juni 1919 in Wiesbaden schon nach einer Woche wegen des Widerstandes der Bevölkerung in sich zusammen, ohne Auswirkungen in Ingelheim.

 

Separatistenherrschaft in Ingelheim im Jahr 1923:

Drei Jahre später jedoch, als im Krisenjahr 1923 die Inflation der Mark immer schneller galoppierte und Franzosen und Belgier wegen nicht erfüllter Reparationsverpflichtungen das Ruhrgebiet besetzten und die Reichsregierung daraufhin einen Generalstreik ausrief, unternahmen die rheinischen Separatisten einen zweiten Anlauf, eine Rheinische Republik zu gründen, eine Umgestaltung, die diesmal auch für zwei Monate (November und Dezember 1923) auch die Ingelheimer Orte erreichte.

Nachdem in der Nacht vom 20. auf den 21. Oktober 1923 in Aachen unter dem Schutz der belgischen Besatzungstruppen eine "Rheinische Republik" ausgerufen worden war, gelang der gleiche Versuch in Mainz erst am 30. Oktober mit Unterstützung des französischen Militärs. Einer der Anführer war erneut Dr. Dorten, der auch von Frankeich finanzielle Hilfe bekam. Er erklärte den neuen Staat zu einer selbständigen "Republik im Vebande des Deutschen Reiches" (Bänsch, S. 59). Sie sollte das (preußische) Rheinland, Alt-Nassau, Rheinhessen und die bayerische Rheinpfalz umfassen.

Am folgenden Tage, dem 31.10.1923, wurde nun auch in Nieder-Ingelheim, Ober-Ingelheim und Frei-Weinheim diese "Rheinische Republik" ausgerufen.

Roland Bänsch berichtet (S. 61/62):

"Am 30. Oktober 1923 wurde schließlich auch in Nieder-Ingelheim, Ober-Ingelheim und in Frei-Weinheim die Rheinische Republik ausgerufen. Auf dem Ober-Ingelheimer Rathaus wurde die grün-weiß-rote Fahne der Republik gehisst und die Separatisten richteten unter der Leitung des Ober-Ingelheimers Seppel Haus hier eine militärische Wache ein. Die Bevölkerung nahm die Vorgänge zunächst ruhig auf.

Eine Anfrage beim Kreisamt in Bingen brachte nur die lapidare Antwort, dass ihm die Hände gebunden seien, weil die Franzosen dahinterständen. In den Geschäften wurden Nahrungsmittel und Cognac für die Rheinische Miliz requiriert und die Banken und das Finanzamt besetzt. In Bingen ernannte sich der aus Kastellaun stammende Klein zum Kreisdirektor. Gleichzeitig wurde von dem französischen Kreisdelegierten Jean Vermeil mitgeteilt, dass Haus zum Zugführer der „Rheinischen Miliz“ ernannt worden sei. Ortskommandant wurde der aus Frankfurt stammende Schlosser und Zuhälter William Ruppert.

Die Sympathien für die separatistische Bewegung waren in den einzelnen Gemeinden unterschiedlich stark ausgeprägt. Über die Anhängerzahl liegen keine gesicherten Angaben vor, eine Liste nennt für Sporkenheim (Stadtteil von Nieder-Ingelheim) 21, für Nieder-Ingelheim drei, für Frei-Weinheim fünf Separatisten namentlich.

Für Ober-Ingelheim werden in diesem Zusammenhang 33 Personen genannt. Zum Teil handelte es sich dabei um vorbestrafte Kriminelle. Franz Josef Weiner hatte das Amt des Ortskommandanten übernommen.

Zu den erklärten Kontrahenten des Separatismus vor Ort gehörten in Ingelheim vor allem die Sozialdemokraten Linger, Flohr und Fritz Müller.

In Nieder-Ingelheim scheint es relativ ruhig geblieben zu sein, jedenfalls finden sich keine Hinweise auf Vorfälle.

In Frei-Weinheim gab es wohl nur eine kleine separatistische Gruppe, die nicht durch größere Unternehmungen auf sich aufmerksam machte. Allerdings hissten Unbekannte in der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober am Haus des Bürgermeisters Franz-Josef Kitzinger die Separatistenfahne, die aber noch in der Nacht wieder heruntergeholt wurde.

Die meiste Unterstützung erhielten die Separatisten allem Anschein nach in Ober-Ingelheim, welches zu den Hauptstützpunkten der Bewegung zählte."

Auf einer Konferenz aller Bürgermeister, ihrer Stellvertreter, der Kreistags- und Kreisausschussmitglieder am 3. November in Bingen mussten diese erklären, dass sie nichts zum Nachteil der Rheinischen Republik unternähmen.

Statt der alten inflationären Mark und auch statt der neuen Währung im Deutschen Reich, der Rentenmark, sollte nun im Kreis Bingen ein eigenes Notgeld gelten, das der separatistische Polizeichef von Bingen Schorn herausgab, das sog. Schorngeld, das sogleich inflationär in großen Mengen auch in Ober-Ingelheim umlief, so dass viele Geschäftsinhaber sich weigerten, es weiterhin anzunehmen. Sie wurden aber starkem Druck ausgesetzt bis zu körperlichen Misshandlungen.


Der Anti-Separatistenaufstand in Ober-Ingelheim (17./18. November)

Diese Situation führte schließlich dazu, dass sich viele Ober-Ingelheimer auf dem Marktplatz versammelten, die Separatistenfahne verbrannten und versuchten, das Rathaus zu stürmen, bis sie durch Schüsse vertrieben wurden. Die sich anschließende Belagerung des Rathauses wurde erst durch französische Feldgendarmen aus Bingen beendet. Dabei und bei den folgenden Vernehmungen verhafteter Personen kam es wiederholt zu Misshandlungen der Separatistengegner. Am 20. November wurde der Aufruhr mit einer nächtlichen Ausgangssperre beendet.

Nach einem Rechtsgutachten des Ober-Ingelheimer Amtsrichters Dr. Karl Sack wurde es den Bürgern schließlich freigestellt, ob sie die neue Währung annehmen oder nicht.


Das Ende der Separatisten:

Inzwischen aber löste sich die Separatistenherrschaft allmählich auf, weil sich die Franzosen zunehmend von den Separatisten distanzierten. In Nieder-Ingelheim wurde am 29. November das Wachkommando der Rheinischen Republik abgezogen und die Fahnen der Republik in Nieder- und Ober-Ingelheim eingezogen. Im Verlaufe des Dezember und des Januar 1924 brach die Separatistenmacht überall zusammen.

Eine Folge der Rheinlandbesetzung und des Separatismus war die politische Unsicherheit, ob die linksrheinischen Gebiete auf Dauer beim Deutschen Reich bleiben würden. Aus diesem Grunde suchte Albert Boehringer für sein Unternehmen ein zweites Standbein, das er in einem Werk in Hamburg-Moorflet fand, wo die Alkaloid-Produktion (Morphine u.ä.) konzentriert wurde. Während der Zeit der völligen wirtschaftlichen Abschnürung des Rheinlandes, aber auch noch danach blieb die Kommunikation zwischen Hamburg, dem Sitz des 1923/24 ausgewiesen Firmengründers, und Ingelheim sehr schwierig.

 

Zurück zum Seitenanfang

Gs, erstmals: 14.11.11; Stand: 20.02.17