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Kulturelles Leben in Ingelheim 1919 - 1933


Autor Hartmut Geißler


Was ist "Kultur"?

Welche Aktivitäten jener Zeit unter diesem Titel zusammengefasst werden können, darüber ließe sich natürlich lange streiten. Hier ist der Bogen relativ weit gespannt und alles das zusammengetragen, was man auch nur ungefähr zur Kultur zählen kann, z. B. auch die Fassenacht.

Die Angaben stammen überwiegend aus der Ingelheimer Chronik, d.h. aus Zeitungsmeldungen.

Die neuen französischen Besatzer versuchten kurz nach ihrer Ankunft eine Geste guten Willens:

"20. Januar 1919 - O.-I. Die hiesige französische Besatzung veranstaltete in den Räumen der Casinogesellschaft einen Tanzabend, zu dem auch die hiesige Bevölkerung eingeladen war. Es ging dabei ganz gemütlich her. Nach unserer Ansicht sind die Zeiten für uns Deutsche aber zu ernst, um Terpsichore schon wieder zu huldigen." (Chronik, S. 93)

Und sie versuchten den Deutschen Französisch beizubringen:

"10. Februar 1919 - Die französische Militärbehörde hat verfügt, daß zum Zwecke der besseren Verständigung zwischen Besatzungstruppen und der deutschen Zivilbevölkerung der Unterricht in der französischen Sprache in allen Volksschulen der Provinz Rheinhessen obligatorisch einzuführen sei. In Oberingelheim nehmen über 200 Personen an dem unentgeltlichen französischen Sprachkurs teil." (S. 93)

Natürlich hatte ihre Kulturarbeit politische Hintergedanken:

"15. April 1919 - O.-I. Lesehalle eingeweiht. Die von Leutnant Choisy, dem derzeitigen Ortskommandanten, eingerichtete Lesehalle wurde feierlich eröffnet. Der Kreis-Administrator (Administrateur du Cercle) Drüssel (Drussel) sprach die Hoffnung aus, daß die Lesehalle die Beziehungen zwischen den Besatzungstruppen und der Bevölkerung enger knüpfen möge. Sie soll der Bevölkerung die Einführung in das französische Geistes- und Wirtschaftsleben erleichtern und die beiden Völker einander näher bringen. Oberst Chevillot, Kommandeur des 2. Hus.- Rgts. meinte, daß die schönen Länder am Rhein glücklich sein dürften, daß ihnen durch den Schutz der Besatzungstruppen die Zustände, die im anderen Deutschland herrschen (Chaotische Streikverhältnisse, Spartakistische Bewegungen etc.), erspart blieben. Bürgermeister Bauer dankte und beschwor das gute Einvernehmen zwischen Besatzung und Bevölkerung." (S. 94)

Aber es gab auch schon wieder eigene Anstrengungen:

"20. März 1919 - O.-I. Im Schaufenster der Firma Georg Trapp Wwe. ist ein Gemälde des Ober-Ingelheimer Malers August Priester ausgestellt. Der Künstler nahm nach Studienreisen in Italien, Südfrankreich etc. am Krieg teil und weilt jetzt in seiner Heimat. Das Bild 'Stiller Teich' erinnert an Böcklin'sche Motive und berechtigt zu den größten Hoffnungen." (S. 94)

"29. Mai 1919 - O.-I. Zu einer Kunstausstellung in der Erbauungshalle hat der Ober-Ingelheimer junge Künstler Ernst Winternheimer zwei Bilder zur Verfügung gestellt 'Aufgang in Algier' und 'Sonnenuntergang - Klause auf der Lebertsau'." - (S. 94)

"30. Oktober 1920 - O.-I. Dr. Hans Niedecken-Gebhard hält in der Freireligiösen Erbauungshalle einen Vortrag über "Der Expressionismus in der Kunst unserer Zeit". Damit soll das selbst in gebildeten Kreisen herrschende Unverständnis für den Ausdruckswillen unserer heutigen künstlerischen Jugend erhellt werden. Kubismus, Futurismus und Expressionismus in Dichtung, Malerei und Musik werden als Erscheinungen unseres heutigen auch politischen Lebens dargestellt. Durch Vorlesen neuester Dichtung sowie eine kleine Ausstellung expressionistischer Bilder werden die gedanklichen Ausführungen lebendige Abschauung gewinnen." (S. 98; Foto S. 147)

"11. Juli 1921 - O.-I. Der Dramaturg des Frankfurter Opernhauses, Dr. Hanns Niedecken-Gebhard, der seit 1919 den hiesigen evangel. Kirchenchor leitete, wurde als Oberregisseur der Oper an das Stadttheater Münster i. W. berufen." (S. 100)

Am 9. Mai 1931 konnte man über ihn erfahren:

"Ein berühmter Ober-Ingelheimer. Der Regisseur Niedecken-Gebhardt von der Berliner Staatsoper, früher Intendant in Münster, ist für die nächste Spielzeit als Oberregisseur an die Metropolitan Oper nach New York verpflichtet worden." (S. 147)

(zu seinem gesamten Lebenslauf siehe wikipedia)

"21. Dezember 1920 - O.-I. Für den Gabentisch. Heinrich Nahm bietet sein im Selbstverlag (Ober-Ingelheim) erschienenes Buch "Heideblumen" zum Preis von 6 Mark an: Lieder vom einfachsten Volkston bis zur formvollendeten und klangreichen Sprache. Echte Poesie weht uns aus allen entgegen." (S. 99)

"12. April 1928 - O.-I. Kunstausstellung. Im Schaufenster der Tabakwaren-Handlung Georg Bambach sind Bilder des Kunstmalers W. Raabe, Rheininsel Nonnenau bei Heidesheim, eines Schülers der Düsseldorfer Kunstakademie, und des bekannten Berliner Malers Lovis Corinth ausgestellt. Es handelt sich in erster Linie um Motive aus der engeren rheinhessischen Heimat und um Portraits." (S. 126)

"18. Oktober 1930 - Der in Nieder-Ingelheim gebürtige Ludwig Göbel, Kunstmaler in Höchst am Main, Sohn des verstorbenen Distrikteinnehmers Göbel, stellt im Rathaussaal 80 Arbeiten aus. Der von der Münchener Schule geprägte Maler zeigt Portraits und Landschaften der engeren Heimat. Die evangel. Kirchengemeinde hat Göbel vor einigen Jahren die Möglichkeit der Gestaltung eines großen Wandbildes gegeben." (S. 141)

"6. Juni 1931 - Fr.-W. Gedächtnisfeier. Im Gasthaus Schaurer findet eine Laskaris-Gedächtnisfeier statt. Herr Laskaris war ein bedeutender Grafiker und Kunstgewerbler, der weit über die Grenzen der engeren Heimat bekannt war. Um sein Werk weiter zu erhalten, haben die Frei-Weinheimer Vereine eine Ausstellung seiner Arbeiten dankenswerterweise veranstaltet." (S. 147)

Konstantin Komnenos-Laskaris war auch Mitbegründer und Schriftführer des Frei-Weinheimer Rudervereins. Er gehörte außerdem zum Ehrenmal-Ausschuss, der Spenden für ein Kriegerdenkmal in Frei-Weinheim sammelte.


Nicht nur einzelne Persönlichkeiten, sondern vor allem die vielen Ingelheimer Vereine entfalteten eine rege kulturelle Tätigkeit. Es gab eigentlich keine Vereinsfeier ohne Musik- und Theaterdarbietungen:

"Februar 1920 - Reges Vereinsleben. Die Vereine haben die Kriegszeit gut überstanden. Während der zurückliegenden Wochen fanden wieder die beliebten Abendunterhaltungen mit Musik- und Theaterdarbietungen statt. U. a. haben der evangelische Jungmädchenbund, die Gesangvereine Germania und Einigkeit, die konfessionellen Frauenvereinigungen, die Turngemeinde mit Fechtschule, der Carneval-Verein Wäschbächer große Erfolge erzielt. Viele Vereine halten auch Gedenkfeiern für ihre gefallenen Mitglieder ab. Frau Baronin von Wolzogen gab einen vielgelobten Liederabend und die Direktorin Würtenberger gastierte mit dem 'Meineidbauer' von Anzengruber. Ein öffentliches Maskentreiben hat die Militärbehörde allerdings verboten." (S. 96)

"Zum Zwecke gemeinsamer Volksbildung in Ingelheim wurde ein erweiterter Ausschuß gebildet, dem je ein Vertreter aus jedem Verein angehört. Im engeren Arbeitsausschuß sind aus Ober-Ingelheim Rektor Schickert, Pfarrer Scharmann, Ludwig Greif, aus Nieder-Ingelheim Eduard Michel, Wiegand Sinning und Siegfried Odernheimer." (S. 98)

Dieser Volksbildungsverein hatte freilich eine überwiegend politische Aufgabe:

"Die Heimatfeier des Volksbildungsvereines Ingelheim war für unsere Zeit der Demütigung und Erniedrigung eine erhebende Feier unseres Deutschtums. Die Nieder-Ingelheimer Turnhalle konnte kaum alle Besucher fassen. Ansprachen, Musikstücke, Gesangs- und Rezitationsdarbietungen sowie turnerische Vorführungen und die Darbietung zweier Schwänke von Hans Sachs fanden lebhafte Zustimmung." (S. 98)

Dieser Volksbildungsverein stellte sich auch "mit einem Volksliederabend in den Dienst der Wohltätigkeit. Verschiedene Vereine, Solisten und ein Orchester tragen dazu bei. Auch der Gesangverein Germania, der Reichsbund der Kriegsbeschädigten und andere machen mit im Dienst an der Kinderhilfe." (S. 99)

Eine "Liga zum Schutz der deutschen Kultur" veröffentlichte im Februar 1921 in Ober-Ingelheim einen Aufruf, "in dem die Arbeiter und Bürger aufgefordert werden, sich gegenseitig als Staatsbürger und Angehörige einer Gemeinschaft anzuerkennen und zu achten, zusammenzuhalten, gegenseitiges Vertrauen und gegenseitige Achtung zu schaffen und so eine Gewähr zu geben für eine bessere Zukunft des gesamten Volkes." (S. 99)

Neue Chöre bildeten sich und alte sangen weiter:

- im November 1919 in Ober-Ingelheim ein katholischer Kirchenchor mit Lehrer Nahm als Dirigenten
- im Januar 1921 ein "Volkschor" als "freier" Gesangverein
- und im Juni 1924 das noch heute existierende "Schubert-Quartett".

"29. April 1925 - N.-I. Der Gesangverein "Einigkeit" feierte mit einem großen Konzert sein 40jähriges Bestehen." (S. 113)

Im September 1930 fand in Nieder-Ingelheim der 4. Gau-Liedertag des Sängergaues Bingen statt, und zwar in Verbindung mit dem 45jährigen Bestehen des MGV "Einigkeit". Er "war für die Teilnehmer, die im Festgewand glänzende gastgebende Gemeinde und die vielen Gäste ein Erlebnis. Der Tag stand im Zeichen der romantischer Liedkunst (Schubert, Schumann, Mendelssohn)." (S. 140)

Schön müssen auch die Parkfeste im ehemaligen Solm'schen Garten (Jesuitenmission) gewesen sein:

"15. August 1932 - Parkfest. Mit dem "Jazzorchester Rheingold" feierte das. Schubert-Quartett im Solmsschen Garten sein Parkfest, das gut besucht war." (S. 156)

Zu den traditionellen Kunstformen trat ein neues Medium, das sehr schnell eine hohe Anziehungskraft entwickelte, das Kino - zuerst noch mit Stummfilmen, später mit Tonfilmen. Im September 1919 meldeten August Becker und Eduard Braun einen Kinobetrieb in Ober-Ingelheim an. (S. 95).

Und im Dezember 1920 konnte die Ingelheimer Zeitung melden:

"Kino hat sich durchgesetzt. Die Ingelheimer Lichtspiele (Ober-Ingelheim) bringen am zweiten Weihnachtstag den großen Monumentalfilm "Nero". Im Lichtspielhaus "Goldener Hirsch" (Nieder-lngelheim) wird das Filmwerk "Die Herrin der Welt" vorgeführt. Der Film-Zyklus umfaßt 8 Abteilungen. In der Ankündigung eines russischen Filmes „Der Adler“ im Nieder-Ingelheimer Kino wurde 1927 Rudolf Valentino als "schönster Mann der Welt" apostrophiert." (S. 120)

"4. Juni 1930 - N.-I. Die Lichtspiele Nieder-Ingelheim teilen mit, daß die Anlage zu einem Tonfilm-Theater umgebaut wurde und daß durch die größte Erfindung des letzten Jahrhunderts sämtliche Ufa-Tonfilme hier zur Aufführung gelangen. Den Auftakt bildet die Tonfilm-Operette 'Liebeswalzer' mit Willy Fritsch und Lilian Harvey." (S. 138)

"20. September 1930 - Lichtspiele Nieder-Ingelheim. Noch nie hat ein Film das Publikum so interessiert und entzückt wie der Ton- und Sprech-Film "Der blaue Engel" mit Emil Jannings. Dieses besondere Erlebnis wird wärmstens empfohlen." (S. 140)


Während der Besatzungszeit mischte sich die Besatzungsmacht - 1927 waren dies die Engländer - mehrfach in die Auswahl der gezeigten Filme ein, wohl um die schlimmsten Auswüchse an Nationalismus zu bremsen; hier die Durchschrift eines Schreibens der Binger Kreisverwaltung an die Ingelheimer Bürgermeister (Stadtarchiv Ingelheim):


Andererseits verbot die deutsche Filmoberprüfstelle den pazifistischen Film "Im Westen nichts Neues" nach dem Roman von Erich Maria Remarque im Dezember 1930, "weil er das Ansehen der Kriegsteilnehmer empfindlich verletze, weil er ein Film der deutschen Niederlage etc." (IZ; 12.12.1930)

Dennoch ermöglichten Reichsbanner, Friedensgesellschaft und freie Organisationen den Ingelheimern in einer geschlossenen Veranstaltung vor etwa 500 Besuchern die Vorführung von etwa 70 Ausschnitten aus diesem Film. Anschließend wurde eine Resolution gefasst:

"Eine außerordentlich stark besuchte Versammlung von Reichsbannerleuten und Friedensfreunden des alten demokratischen Ingelheimer Grundes drückt ihr Erstaunen darüber aus, daß dem deutschen Volk durch das Verbot eine eigene Urteilsbildung über den Remarque-Film entzogen worden ist. Sie drückt ihre Empörung darüber aus, daß auf der anderen Seite Filme mit einer billigen kriegsverherrlichenden Tendenz weiter geduldet werden." (IZ, 2. März 1931)


Auf Anregung des "Ausschusses für Volksbildung" wurde 1921 der Versuch gemacht werden, den Platz am Malakoffturm als Naturbühne auszunützen und mit Hilfe der Turngemeinde eine Freilichtaufführung von Schillers Drama 'Wallensteins Lager' unter der künstlerischen Leitung von Oberregisseur Dr. Niedecken-Gebhard mit einheimischen Kräften zu verwirklichen. Am 16. August 1921 konnte die Ingelheimer Zeitung vermelden:

"Mit 90 Laienspielern wurde die Aufführung 'Wallensteins Lager' auf der Ingelheimer Freilichtbühne ein großartiger Erfolg, der von Besuchern aus nah und fern Anerkennung fand. Ludwig Greif ist es zu verdanken, daß die Werbetrommel so rührig geschlagen wurde. Die Hauptvorstellung war von 1800 Personen besucht."

Aber auch andere Vereine versuchten sich im Theaterspiel:

"21. Januar 1925 - N.-I. Nachdem im vorigen Jahr der Gesangverein "Freiheit" das Schillersche Schauspiel "Kabale und Liebe" meisterlich darzubieten verstand, erfreute der Verein seine Freunde jetzt mit der ungekürzten Aufführung der "Räuber" von Schiller." (S. 112)

Der größte Laienspielerfolg in Ingelheim war jedoch Carl Zuckmayers "Schinderhannes" im März 1928 in Ober-Ingelheim:

"26. März 1928 - Die Aufführung des "Schinderhannes" durch Ober-Ingelheimer Laienspieler hat ungewöhnlich großen Anklang gefunden. Gerade die Urwüchsigkeit der Laiendarsteller hat ungemein beeindruckt. Wie wir erfahren, hat der Dichter nach der hiesigen Darstellung, der er selbst beiwohnte, sich im gleichen Sinne geäußert, als er sagte, er habe schon vielen Darstellungen seines Stückes beigewohnt, sei aber durch die von den hiesigen Laienspielern auf die Bühne gebrachte innerlich so vollständig ergriffen worden, daß er nicht wünsche, andere Darstellungen sehen zu müssen. Das Schauspiel selbst ist zweifellos hervorragend. Die Handlung nimmt gefangen, ja sie reißt mit. Sie ist reich an lebendigen Bildern und guten rednerischen Einfällen. Vielfach derb, ja durchweg derb, aber natürlich. Superlative fehlen nicht gerade, fallen aber nicht auf. Wenn der Dichter aus der Ober-Ingelheimer Aufführung noch einen besonderen Vorteil ziehen sollte, dann hat er das aber, und er gibt es ja selbst zu, in hohem Grade der Aufopferung der Spieler und ihres Einstudierers (Dr. Niedecken-Gebhard) zu verdanken. Zunächst hatte der Einstudierer insofern Glück, als er für die Hauptrollen, besonders auch für die Titelrolle selbst, hervorragend geeignete Persönlichkeiten gefunden hat. Das begeisterte Publikum rief zum Schluß Dichter, Einstudierer und die Träger der Hauptrollen auf die offene Bühne zur Entgegennahme des Dankes und der Anerkennung für die geistigen und körperlichen Leistungen des Gesamtspiels. In einer weiteren Rezension Schinderhannes-Aufführung wurde u. a. geschrieben Manchem wird an diesem Abend vielleicht erst klar geworden sein, welch ein Reichtum, ja welch ein Glück die eigene Mundart ist, ohne die in unserem Falle das ganze Kunstwerk schlechterdings nicht zu denken wäre. Sie ist nun einmal weit mehr als das Hochdeutsche die unbestechliche Dolmetscherin der wahren und echten Gefühle eines Volkes. Und darin liegt meines Erachtens nicht zuletzt das Hauptgeheimnis des großen Erfolges am Samstag. Eine besonders hervorragende Leistung bot Hugo Simon, der aus dem rheinischen Rebell ganz im Sinne des Dichters einen "echten Kerl" gemacht hat. Fräulein K. Weisbach war ihm als Julchen eine außerordentlich geschickte kongeniale Partnerin. Gedacht sei ferner noch der 4 Hauptvertreter des Bücklerschen Anhangs, der Herren Herbert, W. Schweisfurth, Schreiber und Schubert, die in ihrem fein abschattierten Spiel einen wirkungsvollen Hintergrund für die Hauptfigur abgaben. Auch das Bühnenbild fand besonderen Beifall, das A. Priester nach den Entwürfen von H. Heckroth (Essen) gefertigt hatte." (S. 125)

"13. April 1928 - O.-I. In der Osternummer der "Vossischen Zeitung" in Berlin ist im Unterhaltungsblatt unter dem Gesamttitel "Der Dichter und sein Werk" ein vier Spalten langer Aufsatz von Carl Zuckmayer über den "Schinderhannes in Ober-Ingelheim", worin der Dichter seiner Bewunderung über die hiesige Aufführung beredten Ausdruck verleiht." (S. 126)

Dieser große Erfolg animierte zu weiteren Aufführungen:

"29. Oktober 1928 - O.-I. Während des 80jährigen Jubiläums der Turngemeinde mit Fechtschule wird ein von dem Turner Hermann Conradi geschriebenes Festspiel "Einst und Jetzt" in 18 Bildern mit ungefähr 120 Personen gespielt." (S. 129)

"24. November 1928 - Ingelheim. Jetzt beginnen wieder die Abend-Veranstaltungen, die Darbietungen von Theaterstücken, Lustspielen, Dramen und Possen, die vielen bunten Abende und die närrischen Zusammenkünfte, mit denen alle Vereine ihre Mitglieder während der Wintermonate in besonders reichen Maße versorgen." (S. 129-130)

"6. Dezember 1928 - Ingelheim. Ein großer Erfolg war die Darstellung der Darmstädter Lokalposse "Der Datterich", die der Arbeiter-, Turn- und Sportverein auf die Bühne brachte." (S. 130)

"18. Juni 1929 - "Spuk im Rheinland". Unter diesem Titel hat Hermann Conradi ein Schauspiel aus der Separatistenzeit geschrieben, dessen Rollen von den bewährten Darstellern des Schinderhannesstückes gespielt wurden, als das neue Schauspiel mit großem Erfolg der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. August Priester hatte ein eindrucksvolles Bühnenbild geschaffen. Das Stück versetzte uns in die Zeit des rheinischen Separatismus mit jenen bekannten Ereignissen unserer engeren Heimat, weswegen die in Mundart erfolgte Darstellung ihre besondere Lebendigkeit und Frische erhielt. Das Aufflackern der Bestrebungen, das gewaltsame Fußfassen gegen den Willen der Bevölkerung und der Zusammenbruch durch den einmütigen Widerstand des rheinischen Volkes wurden so auf die Bühne gebracht, daß alle Regungen und Handlungen glaubhaft und überzeugend waren. Der Verfasser selbst spielte die Hauptrolle, ihm zur Seite Katharina Weisbach als Braut, seine alte Mutter war Therese Weis. Weitere Darsteller waren Valentin Schubert, Franz Pfennig, Karl Müller, Hugo Simon, Franz Jung, H. Weitzel, Franz Alsenz (als Spengler besondere Klasse), Heini Hirsch, Hanna Derscheid, Franz Moroff. Besonderen Anklang fanden die humorvollen Stellen des Stücks, die natürlich auf Kosten der "strammen" Milizsoldaten gingen." (Chronik, S. 131)

"24. Dezember 1930 - O.-I. Die Turngemeinde lädt zum Theaterabend "Raub der Sabinerinnen" ein." (S. 143)

"9. Januar 1931 - O.-I. Information durch Theater. Die Sozialdemokratische Partei und der sozialistische Kulturbund laden zur Aufführung des Stückes "Die Tat des Genossen Rafael Winiewski" von Wendel ein. In diesem Stück wird das Verhängnis behandelt, das der europäischen Zivilisation durch die Anwendung der Gaswaffe droht. Außerdem wird der große Film "Giftgas" aufgeführt."  (S. 143)

"15. Januar 1931 - O.-I. Bei der karnevalistischen Sitzung der Turngemeinde mit Fechtschule 1848 Ober-Ingelheim wird ein Eröffnungsspiel vorgeführt. Von Ober-Ingelheim ausgehend, begleiten uns die lustigen Einfälle des Autors (Vorsitzender des Elferrates) durch eine afrikanische Wüste, in die Prinz Karneval von den abziehenden Utschebebbes (farbige Kolonialsoldaten) entführt worden ist, und wieder zurück zum befreiten Rheinland." (S. 144)

"8. Dezember 1931 - O.-I. Die Spielschar der Turngemeinde mit Fechtschule, die unter der Leitung von Hermann Conradi steht, wird zu Gunsten der Winterhilfe einen Theaterabend gestalten." (S. 150)


Auch die Nationalsozialisten nutzten die Laienspieltradition in Ingelheim für ihre politische Propaganda:

"18. November 1931 - SS-Schutzstaffel. Die Schutzstaffel Ingelheim der NSDAP veranstaltet mit der Nationalsozialistischen Laienbühne Mainz einen Theaterabend. Aufgeführt wird das Stück "Blut". Die Bühne steht unter der Leitung des Parteigenossen (Pg.) Hans Fischer­-Schlotthauer." (S. 150)


Die politischen Auseinandersetzungen des Jahres 1923 über Reparationen, Separatisten, Ruhrbesetzung und Eisenbahnboykott wirkten sich auch auf das Ingelheimer Vereins- und Kulturleben aus:

"10. Februar 1923 - Lustbarkeitsverbot. Die Besatzungsbehörde hat das Lustbarkeitsverbot des hessischen Ministeriums verboten. Es ergeht Aufruf an die Bevölkerung, deshalb freiwillig auf Lustbarkeiten und Veranstaltungen zu verzichten - Vereinsversammlungen sind verboten, wenn nicht innerhalb von 24 Stunden nach Einsendung der Antragstellung die Genehmigung erteilt ist." (S. 104)

Aber nach dem Ende des "Ruhrkampfes" besserte sich 1924 die Situation:

"Mit der Besserung der Lage gibt es kaum einen Verein, der nicht mit Abendveranstaltungen, Theateraufführungen etc. wieder an die Öffentlichkeit tritt. Das Vereinsleben hat einen ungeahnten Aufschwung genommen, auch wenn einzelne Vereine angesichts wirtschaftlicher Schwierigkeiten sehr zu kämpfen haben." (S. 109)

Und 1926: "In einem sich überschlagenden Reigen feiern die Vereine, allen voran die Karnevalisten aus Ober- und Nieder-Ingelheim, wieder Maskenbälle, Abendveranstaltungen mit Theaterdarbietungen und karnevalistische Sitzungen. Nachdem die Beschränkungen aufgehoben sind, gibt es trotz der wirtschaftlichen Schwierigkeiten kein Halten." (S. 116)


Während die kulturellen Tätigkeiten von Menschen mit großer Begeisterung relativ billig zu haben waren, fehlte den Gemeinden damals wohl das Geld für größere Ausgaben für archäologische Denkmäler, die sich das heutige Ingelheim glücklicherweise leisten kann. Immerhin wurde zur Hebung der Gemeindefinanzen in Nieder-Ingelheim sogar einmal an eine Klaviersteuer gedacht:

"29. April 1925 - N.-I. Von der Erhebung einer Klaviersteuer wurde abgesehen, weil der Ertrag zum Erhebungsaufwand in keinem Verhältnis steht." (S. 113)

"14. Januar 1926 - Ingelheim. Kein Ruhmesblatt. Der Rheinische Heimatverein Mainz wandelte auf den Spuren Karls des Großen. Darüber wird Bericht gegeben. Es heißt da u. a.: Auch ein Haus wurde besichtigt, das mit seiner schwarzen Marmortafel mit der in goldenen Lettern eingemeißelten Inschrift "Museum" die Neugierde recht rege gemacht hatte. Doch schon beim Betreten dieses Museums konnte sich der Besucher eines leisen Schauerns nicht erwehren, als sein Fuß durch moderndes Packmaterial schreiten mußte, um zu einem Raum zu gelangen, der wiederum mit einer schwarzen Marmortafel die Aufschrift "Historischer Verein" trug. Neben einem halb ausgepackten und schon ramponierten Gipsmodell der Kaiserpfalz lagen interessante Stein- und Metallfunde in einer Aufmachung, die dem Wert dieser Raritäten ganz unwürdig war. Im ersten Stock befand sich eine Vogelsammlung, deren hoher Sammelwert sich auch unter der daselbst nur wenig herrschenden Sauberkeit bemerkbar machte. Vor dem Hause lagen als Umrahmung einer recht ansehnlichen Düngerstätte 2 alte Meilensteine und ein noch sehr gut erhaltenes römisches Grabdenkmal. (!!!)" (S. 115)

"10. Mai 1926 - Kaiserpfalz. Eine Korrespondenz schreibt über die berühmte Ingelheimer Kaiserpfalz: Verwahrloster kann in Deutschland keine Stätte großer geschichtlicher Erinnerung sein. Die Bewohner holen nach Belieben aus den Mauern Steine und Steinplatten für ihre Privatbauten. Keine Verwaltung, keine Regierung und kein Historiker kümmert sich um diese Stätte." (S. 114)

"11. April 1928 - N.-I. Eine Kulturschande. Zu was Kunstbauten immer noch Verwendung finden können, zeigte sich vielen Ausflüglern, die während der Osterfeiertage der Lebertsau einen Besuch abstatteten. Das Innere der "Rheinklause", jenes herrliche und mit großen Kosten von dem verstorbenen Baron von Erlanger errichtete Bauwerk am Rhein, bietet dem Besucher einen wirklich geschmacklosen Anblick. Der ganze Raum dieser Kapelle ist mit Dickwurz voll gelagert. Durch den Dunst des zum Teil faulen Viehfutters sind die Inschriften an den Wänden nicht mehr leserlich, wie überhaupt das ganze Innere einen verwitterten Eindruck macht. Es ist anzunehmen, daß dies nicht im Sinne des Erbauers liegt. Es soll auch darauf hingewiesen werden, daß die "Karolinenhöhe", nach dem Namen der verstorbenen Frau Baronin von Erlanger benannt, verschwinden mußte und heute ein verödetes Feld ist. Die schattigen Bäume sind das Opfer der Holzhauer geworden." (S. 126)

Aber nicht alles bleib so liegen:

"26. April 1930 - N.-I. Der alte Judenfriedhof im Saal, der unter Denkmal-Schutz steht, wird, wie der Gemeinderat beschloß, durch die Gemeinde erhalten." (S. 137)

"2. Juni 1930 - Historisches Denkmal. Der historische Brunnen am Heiserhof, der zu dem ehemaligen Kloster gehörte, wird durch die Gemeinde renoviert. Eine Sehenswürdigkeit. Der alte israelitische Friedhof links am Eingang der Saalstraße, der unter Denkmalschutz steht, wurde durch die Gemeinde neu hergerichtet und bildet mit seinen 25 Denkmälern eine Sehenswürdigkeit." (S. 131)

Und auch der Historische Verein trat wieder in die Öffentlichkeit:

"7. Januar 1933 - Der Historische Verein Ingelheim, der nach langjährigem Schweigen 1932 wieder auf die Bühne getreten war, hatte Prof. Dr. Zeller, Breslau, zu Gast, der über "Die Reste der Kaiserpfalz Ingelheim" referierte, die er im vergangenen Sommer eingehend untersuchte. Zeller zog für seine Darstellung die Zeichnung von Cohausen (1852) ebenso wie die Stadtbeschreibung von Sebastian Münster und seine Darstellung im Bild heran." (S. 159)

Die anhaltenden Streitigkeiten über die Vereinigung der Ingelheimer Orte und die allgemeine politische Lage fanden auch im Ingelheimer Fastnachts-Liedgut ihren Niederschlag:

"Ein Gedicht von Anton Lieb

Ob Ober oder Nieder

Einst pflanzte Karl bei Ingelheim
Am Berghang seine Reben.
Da dacht er wohl ein bess'res Heim,
Wird's anderswo nicht geben.

Drum läßt er bauen hier ein Schloß,
Und ließ sich häuslich nieder,
Mit seinem Volk zu Fuß und Roß,
In Ober und in Nieder.

Drum gibt es nur ein Ingelheim.
Ob Ober oder Nieder -
Beim roten oder weißen Wein,
Singt man dieselben Lieder."

(Chronik, S. 124, 26. Januar 1928)

und am 30. Dezember 1929:

"Neujahrsgedicht.

Das Jahr war voll Kümmernissen,
Der Staatsanwalt fand fette Bissen,
"Lustlos" die Börse, wie das Leben,
Schien rings nur Dalles es zu geben.

Mit Volksentscheid und Volksbegehren
Tat unsre Sorgen man vermehren.
Gefährlich war die Steuernot,
Von Pleite selbst Berlin bedroht.

Man hofft, daß dies vorüber ist,
Und bleibt getrost ein Optimist.
Den Pessimisten sei empfohlen,
Sich etwas Alkohol zu holen.

Ein guter Tropfen ist ein Trost ­
Darum zum neuen Jahre Prost!"

(Chronik, S. 132)


Und Fassenacht wurde fast in jedem Jahr gefeiert, auch als die Zeichen der Zeit immer düsterer wurden:

"2 Februar 1926 - Karneval und Bälle. In einem sich überschlagenden Reigen feiern die Vereine, allen voran die Karnevalisten aus Ober- und Nieder-Ingelheim, wieder Maskenbälle, Abendveranstaltungen mit Theaterdarbietungen und karnevalistische Sitzungen. Nachdem die Beschränkungen aufgehoben sind, gibt es trotz der wirtschaftlichen Schwierigkeiten kein Halten." (S. 116)

"24. November 1928 - Jetzt beginnen wieder die Abend-Veranstaltungen, die Darbietungen von Theaterstücken, Lustspielen, Dramen und Possen, die vielen bunten Abende und die närrischen Zusammenkünfte, mit denen alle Vereine ihre Mitglieder während der Wintermonate in besonders reichen Maße versorgen." (S. 129-130)

"15. Januar 1931 - Der Karnevalverein Ober-Ingelheim feiert in diesem Jahr sein 33jähriges Bestehen. Im Jahre 1897/98 wurde der Verein von Männern mit echt rheinischem Humor und unter dem Motto „Mer wolle gern schaffe, solange mer do sinn, uns aber ergötze am rheinischen Frohsinn“ ins Leben gerufen. Aus diesem Anlaß wird eine prunkvolle Jubiläumsfeier durchgeführt." (S. 144)

"3. Februar 1932 - N.-I. Fastnacht wird eifrig gefeiert. Alle Vereine sind eifrig dabei, karnevalistische Veranstaltungen zu gestalten. Auch der Mandolinenklub "Edelweiß" wird närrisch aktiv." (S. 152)

"17. Januar 1933 - In diesen Wochen feiern alle Vereine ihre Familienabende, gestalten Bälle oder lustige Karnevalsveranstaltungen. Meist werden musikalische und theatralische Genüsse verknüpft, aber auch Vorträge etc. werden zur Unterhaltung der vielen Vereinsmitglieder geboten." (S. 159)

 

 

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Gs, erstmals: 12.10.07; Stand: 21.02.17