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Ingelheim von der Stauferzeit bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts


Autor und Fotos: Hartmut Geißler

nach Quellentexten der MGH,
nach Veröffentlichungen von Classen, Opll, Deutinger und Hinweisen von Holger Grewe

 

Inhalt:
1. Verfall des Palastes und Umbau zur Burg
2. Der Ingelheimer Saal - die ehemalige Pfalz - in der Funktion einer Reichsburg
3. Die Vogtei der Bolander über Ingelheimer Reichsbesitz
4. Heinrichs VI. und Urkunden Friedrichs II. und Heinrichs VII. in Ingelheim
5. Von der Vogtei zu "Schultheißen" und "Schöffen"
6. Letzte angenommene Königsaufenthalte und Verpachtungen

 

1. Verfall des Palastes und Umbau zur Burg 

In der Zeit der Salier-Könige (im 11./12. Jh.) wurde es still um den Ingelheimer Palast, der seit dem Hochzeitsfest von Heinrich III. im Jahre 1043 nie wieder für Großveranstaltungen genutzt wurde. So wurde ein Jahrhundert später das Hochzeitsfest Barbarossas mit der Burgunderin Beatrix (1156) nicht etwa in Ingelheim gefeiert, sondern in Würzburg. Die Salier bevorzugten in unserer Gegend die Bischofsstadt Mainz. Nur zur Absetzung des "Canossa-Kaisers" Heinrichs IV. am 31. Dezember des Jahres 1105 kamen die Reichsfürsten wohl nur für einige Stunden vom Reichstag in Mainz nach "Ingelheim", möglicherweise weil sie sich zu diesem Zweck hier von den Burgmannen besser geschützt fühlten als in Mainz unter unruhigen Bürgern, die als Anhänger Heinrichs IV. galten.

Von den beiden auf den Heinrich V. folgenden Königen, Lothar III. und dem ersten Staufer Konrad III., sind keine Aufenthalte mehr in Ingelheim überliefert.

Rauch fragte sich deshalb völlig zu Recht (BIG 11, S. 16), ob nicht die Pfalz schon während der ausgehenden Salierzeit dem Verfall preisgegeben worden sei. Reichsgut (sog. Tafelgut zur Versorgung des königlichen Hofes) blieb der Fiscus Ingelheim allerdings noch lange. Zu diesem nun so genannten Ingelheimer Grund stellte Classen fest: "Seit dem 12. Jahrhundert ist das Ingelheimer Reichsgut ein Gebiet königlicher Dienstmannen oder Ministerialen, die bei persönlicher Unfreiheit als Eigenleute des Königs ein ritterliches Leben führen." (S. 122)

Der Mönch Rahewin, Sekretär und Fortsetzer des Barbarossa rühmenden Tatenberichtes des Freisinger Bischofs Otto, beschreibt (etwa 1158/1160, also schon 6-8 Jahre nach Regierungsantritt des neuen Königs!) den Zustand der ehemaligen Palastgebäude und die Baumaßnahmen unter Friedrich I. "Barbarossa" folgendermaßen:

"Palatia siquidem a Karolo Magno quondam pulcherrima fabricata et regias clarissimo opere decoratas aput Noviomagum et iuxta villam Inglinheim, opera quidem fortissima, sed iam tam neglectu quam vetustate fessa, decentissime reparavit et in eis maximam innatam sibi animi magnitudinem demonstravit" (IV, cap. 76)

Übersetzung (Gs):
"Pfalzen/Paläste, die von Karl dem Großen einstmals wunderschön erbaut, und Königshöfe, die mit wunderbarem Material verziert waren, bei Nimwegen, [und] neben dem Königshof Ingelheim, eigentlich sehr starke Bauwerke, die aber mittlerweile einerseits durch Vernachlässigung und andererseits durch ihr Alter baufällig geworden waren, hat er aufs Schönste wiederherstellen lassen und an ihnen seine ihm angeborene Großzügigkeit demonstriert." 

Diese seine Worte werden häufig viel zu unkritisch als "Renovierung der Pfalz" aufgefasst, obwohl Rahewin selbst hier einen begrifflichen Unterschied zwischen "palatia" und "regias" macht. Das führt dazu, dass manche von einem Fortbestand des "Palastes" in staufischer Zeit ausgehen. Das Abkürzungswort "regia" (= "die königliche" für "domus regia" - Binding, 1996, S. 73: "Königssitz") benutzt auch Einhard für den Bau der Aachener Residenz (22,6).

Rahewin fährt fort:

"Bei (Kaisers-) Lautern hat er für einen Königshof (domus regalis), der aus roten Steinen gebaut ist, mit nicht geringerer Freigebigkeit gesorgt. Auf der einen Seite nämlich hat er ihn mit einer sehr starken Wehrmauer umgeben; auf der anderen Seite umgibt ihn ein Teich wie ein See, der Fische und Wasservögel jeder Art zum Vergnügen enthält, zum Anschauen ebenso wie zum Verzehren. Er hat auch einen anschließenden Tiergarten mit einer Menge von Hirschen und Ziegen..."

Auch in Italien bei Monza, Lodi (beide Orte in der Umgebung von Mailand) und in anderen Orten und Städten habe er beim Renovieren von Palästen ("palatiis") und kirchlichen Gebäuden eine solche finanzielle Großzügigkeit gezeigt, dass das ganze Reich auf ewig nicht aufhöre, die Schenkung und die Erinnerung eines solchen Kaisers zu pflegen.

So wie das hier Rahewin ausdrückt, waren das (Um-) Baumaßnahmen, die aus der königlichen Kasse großzügig bezuschusst oder finanziert wurden. Deutinger vermutet, dass Rahewin sich diese königliche Großzügigkeit auch für den Dom in Freising erhoffte, der bei einem Großbrand 1159 starken Schaden genommen hatte.

Seine Formulierung zu Nijmegen und Ingelheim lehnt sich in Auswahl der Bauwerke und in Diktion stark an Einhards Karlsbiografie an, die Rahewin in der Freisinger Dombibliothek vorfand, wie er auch in anderer Hinsicht Barbarossa mehrfach mit Karl dem Großen vergleicht. Die Stelle über Barbarossas Bautätigkeit ist eingebettet in einen überschwänglichen Lobpreis der Herrscherpersönlichkeit des Kaisers in dem zusammenfassenden Schlusskapitel. Er habe auf den Wiesen der Taten des Kaisers Blumen gepflückt und einen schönen Kranz geflochten. So Rahewin.

Ob er, der höchstwahrscheinlich selbst nie in Ingelheim war, sich aber Informationen während eines Italienaufenthaltes (Mai/Juni 1157 in Pavia) vom Königshof beschafft hatte (Deutinger), wirklich Genaueres über die hiesigen (Um-) Baumaßnahmen und die neue Nutzung des Ingelheimer Saales wusste, wird dadurch eher unwahrscheinlich. Er war zwar mit seinem Bischof Otto auf den Reichsversammlungen von Würzburg, Augsburg und Roncaglia, aber etwas Vergleichbares, an dem er hätte teilnehmen können, fand eben in Ingelheim schon lange nicht mehr statt.

Der Begriff "reparavit" (= "stellte wieder her") legt durch die Wahl des Perfekts eine Fertigstellung der Baumaßnahmen in der knappen Zeit von 1152 bis zur Fertigstellung von Rahewins Büchern im Juni 1160 nahe. Was Nijmegen angeht, so ermahnt Barbarossa seinen Sohn Heinrich in einem Brief noch 1184, dass er sich um die Fertigstellung der Pfalz Nijmegen kümmern möge, die offenbar noch immer nicht fertig war, obwohl Barbarossa dort - im Unterschied zu Ingelheim - mehrfach nachzuweisen ist und Heinrich in dieser von den Staufern tatsächlich benutzten Pfalz 1165 geboren wurde. Man kann also wohl annehmen, dass sich auch die Ingelheimer Umbaumaßnahmen, das heißt die Um- oder Neubauten der wahrscheinlich verfallenen Pfalzgebäude, der Kirche und der Erweiterung zum Zuckerberg, durchaus über eine längere Zeit hingezogen haben.

Dolch (Reichsburg KL, S. 90) bemerkt zur Reichsburg Kaiserslautern:

"Kaiser Friedrich hatte sich seinen Palast als königliches Haus (domum regalem, wie Rahewin schrieb) errichtet, in dem Hoftage vorgesehen waren und auch statt­fanden. Es mussten in der Anlage repräsentative Räume, Gästezimmer und größe­re Vorratslager zur Verfügung stehen. Das Burgareal bot ausreichend Platz für Häuser der Burgmannenfamilien, gelegentlich anwesende oder hinzugezogene Herren der Region hielten sich zunehmend außerhalb der eigentlichen Reichsburg, aber innerhalb der Stadtmauern, auf dem später so genannten Rittersberg ihre ei­genen Häuser. Die Erstausstattung der Burg scheint mit erfahrenen Ministerialen aus dem Dienst am pfalzgräflichen Hof in Alzey (Pfalzgraf Konrad war ein Halb­bruder des Kaisers) und dem bischöflichen Hofe zu Worms erfolgt zu sein. Der Kaiser fand unter ihnen geeignete und willige Männer für Ämter an seinem Hofe und in der Verwaltung und im Rechtswesen, besonders auch für seine Züge nach Italien.“

Im altehrwürdigen Ingelheim Palatium jedoch wurden schon seit langem keine königlichen Geschäfte mehr getätigt. Man brauchte hier deshalb kein "renoviertes" Palatium, keine domus regalis mehr, das Gelände der verfallenen Pfalz stand wahrscheinlich völlig den Reichs-Burgmannen zur Verfügung. Ähnliches weist auch Brühl für die Pfalzen in Italien nach (S. 605 ff.). Dort wurden einige Königspfalzen, die in Städten oder bei Klöstern lagen, erneuert, andere jedoch verfielen, z. B. die in Ravenna und sogar die in Rom.

Gleichwohl behielt im literarischen Bewusstsein jener Zeit  "Ingel(n)heim" als Stichwort für die berühmte Pfalz Karls des Großen immer noch einen festen Platz, um den sich mittlerweile viele Legenden rankten (Kaiserchronik, Legende vom Geburtsort Karls und das Treffen Hildegards von Bingen mit Friedrich Barbarossa).

Was deshalb bei den archäologisch vielfach nachweisbaren Bauarbeiten in staufischer Zeit entstand, war kein Königs-Palast mehr, keine "Pfalz", sondern eine Burganlage, bewohnt von Burgmannen. Außenmauern der ehemaligen Pfalzgebäude wurden zu Wehrmauern mit Bogenscharten umgebaut (nachweisbar im Nordflügel und im Halbkreisbau), die ursprüngliche Pfeilerhalle des Halbkreisbaues wurde zugemauert, einer der vorgelagerten Türme abgerissen und der gesamte Halbkreisbau wurde zur Wehrarchitektur umgestaltet, die alte Pfalzkirche (die heutige Saalkirche) wurde von den Grundmauern aufwärts völlig neu errichtet, die "Aula regia" erlebte Umbaumaßnahmen, wurde aber wohl als Gebäude erhalten, eine neue Wasserleitung aus ineinander gesteckten Tonröhren wurde in die alte, karolingische Leitung zum Nordflügel gelegt, ein Kachelofen diente zum komfortablen Heizen eines Hauses. Und es müssen allmählich so viele königlichen Burgmannen im und am "Saal" gewohnt haben, dass die große Süderweiterung nötig wurde (der "Zuckerberg"). Solche Erweiterungen von Wehrmauern finden sich auch überall in mittelalterlichen Städten, um Vorstädte in den Schutz der Mauern mit einzubeziehen. Deshalb ist auch für den Ingelheimer Saal zu vermuten, dass die Zuckerbergsiedlung schon vor der Mauererweiterung bestand und durch sie einbezogen wurde, obwohl man so die Länge der Mauer und damit den Aufwand einer möglichen Verteidigung erheblich vergrößerte.

Gleichwohl entspricht dieses umgebaute Ingelheimer Gebäudeensemble nicht so ganz dem Bild, das man sich in der Forschung von einer staufischen Burg macht: Turm, Ringmauer, Tor; Palas und Kemenate als Wohnbauten; Küchen, Stallungen, Scheunen als Wirtschaftsbauten (Hotz, S. 20). Einige davon mag freilich noch nachgewiesen sein. Insbesondere fehlen ein Turm und ein Palas - es sei denn, man hält die fortbestehende Aula regia dafür. Der an der Außenmauer ihrer Apsis gefundene Röhren-Kachelofen könnte auf eine Kemenate hindeuten.

Auch die für staufische Burgen so typischen Buckelquader (z.B. bei der Schwabsburg Nähe Nierstein zu sehen) findet man in Ingelheim nicht; wenn dies an der Art der Steine lag, die man verwendete, nämlich Kalksandsteine aus den hiesigen Steinbrüchen, dann wäre es vielleicht ein Hinweis, dass man die Kosten scheute oder es nicht für notwendig hielt, beeindruckende Buckelquadermauern aus teuren Steinen anderer Steinbrüche behauen und transportieren zu lassen, um sie hier zu verbauen.


Auf dieser Übersicht, die dem Faltblatt zur Stauferausstellung im Museum 2010/11 entnommen wurde, sieht man stauferzeitliche Baumaßnahmenim Saal, in großen Kreisen gesicherte, in kleinen vermutete Bauten. Allerdings haben sich an keiner dieser Stellen bisher solche wertenvollen Bauschmuckstücke finden lassen, wie wir sie aus typischen staufischen Reichsburgen wie Bad Wimpfern, Gelnhausen oder dem Trifels kennen oder vom Wormser Dom, der nach Baumuntersuchungen um 1162 erbaut worden sein soll (s. Hotz). Die Ingelheimer Reichsburg, wenn wir sie trotzdem so nennen dürfen, wurde also offenbar nicht für neue königliche Veranstaltungen und Repräsentationsbedürfnisse umgebaut, sondern diente auf einfache Weise wohl nur dem Schutz königlicher Burgmannen.

Der Turnierplan von 1184:

Im Zusammenhang mit dem besonders prächtig gefeierten Hoffest Barbarossas aus Anlass der Festkrönung und Schwertleite seiner Söhne Heinrich und Friedrich in Mainz an Pfingsten 1184 war für die vielen Gäste (nach Gislebert von Mons, Chronicon Hanoniense, S. 142, 20.000 Ritter; andere berichten sogar von 70.000 Gästen) ein Turnier in Ingelheim geplant, acht Tage nach diesem Pfingstfest. Das Turnier wurde aber nach einer Beratung der Fürsten abgesagt, weil während eines Unwetters am Dienstag nach Pfingsten eine eigens für die Mainzer Festkrönung errichtete Holzkirche auf der Maarau sowie andere provisorische Holzbauten beim Zeltdorf einstürzten und Zelte fortgerissen wurden, mit 15 Toten, wie Arnold von Lübeck in seiner Slawenchronik III, 10 und Gislebert berichten.

Dieser nennt auch die Zahlen der Ritter, die mit den wichtigsten Fürsten gekommen waren:

- der Herzog von Böhmen mit 2000 Rittern
- der Herzog von Österreich mit 500 Rittern
- der Herzog von Sachsen mit 700 Rittern
- der Pfalzgraf bei Rhein mit 1000 ("oder mehr") Rittern
- der Landgraf von Thüringen mit 1000 ("oder mehr") Rittern
- Herr Konrad, Erzbischof von Mainz, mit 1000 Rittern
- Herr Philipp, Erzbischof von Köln, mit 1700 Rittern
- der Erzbischof von Magdeburg mit 600
- der Abt Conrad von Fulda mit 500 Rittern

Das allein sind, wenn die Zahlen korrekt sind, schon 9.000 Ritter, ohne ihre ca. drei regelmäßigen Begleiter und ihr sonstiges Gefolge. Offenbar konnte man damals auf oder neben dem weitläufigen Gelände der ehemaligen Ingelheimer Pfalz weiterhin Feste mit einem solch großen Personenkreis feiern, nicht nur gegenüber von Mainz.

 

Reisewege in unserer Region:

Classen will freundlicherweise zwar nicht ausschließen, dass Barbarossa "gelegentlich" in Ingelheim Halt gemacht haben könnte:

"Wenn von den rund 1000 Urkunden Barbarossas keine einzige in Ingelheim datiert ist und von den nicht wenigen annalistischen Quellen der Zeit keine einzige einen Kaiserbesuch dort nennt, so besagt das nur, daß die Pfalz nicht für wichtige Geschäfte benutzt wurde; einen gelegentlichen Aufenthalt schließt es nicht aus" (S. 125/26).

Wann aber hätte Barbarossa Gelegenheit dazu gehabt? Wenn die König zwischen Mainz und Bingen rheinabwärts den Transport mit Rheinschiffen vorzogen, dann fuhren sie zwar an der alten Pfalz vorbei, dürften hier aber nicht Station gemacht haben; oder aber, wenn sie rheinaufwärts ritten oder treidelten, dann dürften sie in unserer Region die übliche rechtsrheinische Treidelstrecke im Rheingau benutzt haben, ggf. auch den dortigen Rheinhöhenweg in Richtung Frankfurt. In beiden Fällen hätte ein Halt in Ingelheim keinen Nutzen gebracht.

Wahrscheinlich ist es auch, dass sie linksrheinisch die direkte Route Bingen - Alzey - Worms wählten, wenn sie von Bingen nach Worms (und umgekehrt) reisen wollten, denn ein Umweg über das Mainzer Rheinknie bedeutete über 16 Kilometer mehr zu laufen bzw. zu reiten.

In der langen Zeit seines Konfliktes mit der Stadt Mainz (1163-1183) ist Barbarossa sowieso nicht dort gewesen und damit, so wird man schließen müssen, auch nicht in Ingelheim.

Leider aber muss man grundsätzlich festhalten, dass wir über die Reisegewohnheiten der Könige (und Kaufleute) damals recht wenig wissen.

In drei unter ihm neu gebauten Pfalzen bzw. Burgen ist Barbarossa mehrfach (wahrscheinlich) nachweisbar:

- in Kaiserslautern 7 Mal
- in Gelnhausen 6 Mal
- und in Wimpfen 1 Mal

Und was die umliegenden Städte angeht, so ist er

- 10 Mal in Frankfurt nachweisbar
-   5 Mal in Mainz,
-   4 Mal in Sinzig am Mittelrhein, wo die Straße vom Rhein in Richtung Aachen abzweigte,
- 10 Mal in Speyer und
- 16 Mal in Worms, einer Stadt, der er besonders verbunden war.

Aber kein Mal in Ingelheim.

Auch schon von Barbarossas drei Vorgängern Heinrich V. (abgesehen von dem Tag der Absetzung seines Vaters), Lothar und Konrad ist kein Aufenthalt mehr in Ingelheim überliefert.

2. Die alte Pfalz in der Funktion einer staufischen Reichsburg

Aus der berühmten Versammlungs-, Repräsentations- und Festtagspfalz der Karolinger, Ottonen und der frühen Salier war also im 12. Jahrhundert eine befestigte Burg geworden. Allerdings dürfe man ihre Verteidigungsfähigkeit damals als nicht besonders hoch veranschlagen, schränkt Classen ein. So fehlten ein Bergfried (wie z. B. in Bad Wimpfen) oder Wohntürme, und die lange Mauer war durch die Einbeziehung des Zuckerberges eigentlich nur von einer zahlenmäßig sehr großen Truppe zu verteidigen. Andererseits bot sie geschützten Wohnraum für wahrscheinlich einige Burgmannen (-familien), die als bewaffnete Ritter den Kaiser auf seinen Feldzügen begleiten konnten und im Ingelheimer Reichsgebiet ihren Grundbesitz hatten. 

Völlig unklar ist jedoch dabei, für welchen Zweck die Saalkirche damals von Grund auf neu gebaut wurde. Ihr noch erhaltener spärlicher Bauschmuck stammt aus dieser Epoche. Wohl kaum wurde sie für den hypothetischen Fall gebaut, dass noch einmal ein König hier ein Osterfest feiern wollte, wie zweihundert Jahre zuvor die Ottonen. Diente sie nur den im Saal ansässigen Rittern (und der Bevölkerung ringsum) als zweites Gotteshaus zusätzlich zur Remigiuskirche? Die vergleichbar große Burgkapelle inmitten einer Burg in Querfurt, die 1162, also etwa zur selben Zeit erbaut wurde, besaß ein schon vorher gegründetes Chorherrenstift und ein Patrozinium, während das Chorherrenstift in Ingelheim erst von Karl IV. 1354 gegründet wurde, also erst zweihundert Jahre später als der Bau der Saalkirche, die für deren Pilgerbetreuung eigens renoviert werden musste. Und einem zutreffenden Patrozinium der Saalkirche hat schon Andreas Saalwächter vergebens nachgespürt, der sie noch für die Kirche des St. Remigius hielt (BIG 14, S. 30/31).

Die südliche Erweiterungsmauer setzte im Osten an der Außenmauer des Südflügels des ehemaligen Halbkreisbaues an, der als Gebäude, wie Saalwächter (BIG 14, S.28) vermutet, schon im 10. Jahrhundert beim Bau der Saalkirche niedergelegt sein könnte. Die Stelle ist durch entsprechende Pflasterung in der Straße Im Saal gekennzeichnet.

Immerhin war diese Reichsburg doch so stark befestigt, dass sie ein halbes Jahrhundert später, 1249, einer Belagerung durch Wilhelm von Holland anscheinend ca. 40 Tage lang standhielt, wenn es denn überhaupt eine Belagerung war, denn deren Einzelheiten bleiben unklar (vgl. Classen). Vielleicht hat Wilhelm hier auch nur in und um die Reichsburg Quartier genommen, weil er lange zögerte, sich Mainz direkt zu nähern.

Die folgende Tafel des historischen Rundweges zeigt das vermutlich karolingische Pfalzareal in Blau (Bild links, genordet) und die staufische Erweiterung in Rot. Daneben ein Luftbild des Saalgebietes aus den 1930er Jahren (nach Süden), auf dem man noch gut den Verlauf der ehemaligen Wehrmauern und des Grabens an der heutigen runden Bebauung erkennen kann:

Fotos: HV/Geißler

Schon Rahewin akzentuiert die neue Funktion der alten Pfalz, indem er den Schwerpunkt der Baubeschreibung von den "opera egregia" Einhards ("wunderschöne Kunstwerke") in seiner eigenen Formulierung zu "opera fortissima" ("sehr starke Bauwerke") verschiebt, die Friedrich "decentissime" ("aufs Schönste") habe renovieren lassen ("reparavit").

Von dem Wehrmauerring sind noch erhebliche Reste erhalten, die allerdings in den oberen Mauerbereichen erst aus späteren Epochen stammen (ab 14. Jh.).

Hier als Beispiel das seit der Mitte des 19. Jh. von auswärtigen Historikern, nie von Einheimischen, so genannte "Heidesheimer Tor", fotografiert von außen über den ehemaligen, aufgeschütteten Burggraben hinweg, von der Straße "Auf dem Graben".

Das hohe herausragende Wehrmauerstück links im Bild ist der fortifikatorisch umgebaute Mittelbau der karolingischen Pfeilerhalle im Halbkreisbau; aus ihr und anderen Außenmauern der karolingischen Pfalz entstand eine hoch- und spätmittelalterliche Wehrmauer, die als Außenwände späterer Bauernhäuser teilweise erhalten blieb:

Wehrmauern am "Heidesheimer Tor" (Foto: Gs)



In der Umgebung von Mainz, dessen Bürgerschaft durch die Ermordung des Erzbischofs Arnold von Selenhofen 1160, eines von Barbarossa geschätzten Beraters, einen massiven Konflikt mit Barbarossa hatte, der zum zeitweiligen Schleifen der Mainzer Mauern führte, ergänzten sich somit rheinaufwärts die Feste Landskrone in Oppenheim und rheinabwärts sozusagen "die Feste Ingelheim".

Die Staufer hielten am Ingelheimer Reichsbesitz fest, da er im Ingelheimer Grund reich begütert war und so die staufischen Dienstmannen und Ritter besser ernähren konnte als manche stärkere Burg, meint Classen (S. 122). Siehe Servitien!

3. Die Vogtei der Bolander über Ingelheimer Reichsbesitz

Vogtei bedeutete Vertetung des Königs. Der Vogt hatte den Vorsitz im Gericht und war für die Landesverteidigung zuständig. Sein Amtssitz lag meist in einer Burg, in Ingelheim wohl im Saal, wo es später ein Gebäude der "Fauthei" gab (heute: Im Saal Nr. 14).

Die Vogtei über den gesamten Ingelheimer Grund war zumindest seit den 1160er Jahren dem Reichsministeriale Werner II. von Bolanden übertragen worden, einem engen Vertrauten Barbarossas, der ihm am Rhein und im Worms- und Nahegau viele Güter verliehen hatte. Werners große Bedeutung für Barbarossa kann man wahrscheinlich an einer politischen Aktion erkennen, bei der er im Mai 1187 auf Befehl des Kaisers den Bischof Bertram von Metz aus seinem Bistum und Besitz vertrieb, als "Bote des Kaisers" ("per Wernerum de Bolant, nuncium imperatoris"; Chronica regia Coloniensis, IV, p. 135 zu 1187).

Kommt dieser Werner von Bolanden vielleicht als Organisator der Pfalzrenovierung bzw. des Umbaus zu einer Burg und des Turnierprojektes in Betracht? Dann ließe sich auch eine gerade Linie zu einer Zollburg der Bolander im Saal ziehen. Noch im Jahr der Gründung des Rheinischen Städtebundes (1254) zerstörten die Mainzer nämlich eine solche Zollburg des Bolanders Werner IV. "in Ingelheim", wie es in der Wormser Chronik heißt, ähnlich wie schon vier Jahre zuvor die Weisenauer Burg, deren Reste heute völlig verschwunden sind.

Werners Lehensbuch (von 1194/98) verzeichnet u.a.:
"Die Vogtei über beide Ingelheim, über Winternheim, über Bubenheim in der oberen Straße, auch über Wackernheim und Weinheim, über das Kloster Hausen; und ich habe das Lehen des Waldes zwischen Appenheim und Ingelheim und das Dorf Daxweiler und alles im Soonwald liegende, was zu dem Hof (Ingelheim?) gehört; die Münze in Ingelheim (!), den Weinzehnt in Ingelheim und den Hof zu Mannendahl"
(= Mandel bei Bad Kreuznach).

Classen (S. 123) nennt dies die erste Beschreibung dessen, was man später "Ingelheimer Reich" oder "Ingelheimer Grund" nennt. Elsheim gehörte damals noch nicht dazu, erst ab 1382.

4. Heinrichs VI. und Urkunden Friedrichs II. und Heinrichs VII. in Ingelheim

Möglicherweise war der zweite Sohn Barbarossas, Heinrich VI., einmal in Ingelheim, und zwar anlässlich eines Treffens mit dem Grafen Balduin aus dem Hennegau (Gisleberti Chronicon Hanonien. SS 21, 556).  Dazu heißt es in der Chronik, dass der Graf nach Ostern 1188 über Luxemburg und Trier dem König Heinrich entgegen zog und diesen "apud Engelehen imperiale palatium" (bei dem Kaiserpalast Ingelheim?) traf. Das lateinische Wort "apud" meint in dieser Zeit ein Treffen an irgendwelchen Orten (wie das französische à), es muss aber kein bestimmtes Gebäude damit gemeint sein. Nach der Besprechung habe ihn Heinrich mit einigen seiner Sekretäre zu seinem Vater (Barbarossa) nach Seligenstadt geschickt.

Nach Barbarossas Tod beim Kreuzzug in Kleinasien und dem frühen Tod dieses Sohnes Heinrich VI. brachen Thronstreitigkeiten aus, in denen sich schließlich der Sizilianer und Enkel Barbarossas Friedrich II. als deutscher König durchsetzte. Sein Interessenschwerpunkt lag aber bekanntlich im Mittelmeerraum und nicht in Deutschland.

Bei seinen seltenen Besuchen in Deutschland benutzte er, wenn überhaupt eine Pfalz, dann die Pfalz seines Großvaters Barbarossa in Hagenau im Elsass, u. a. wegen ihrer großen Bibliothek. Seine Hoftage fanden überwiegend in Städten statt, z. B. in Basel. Nach dem Urkundenbuch der Abtei Eberbach, hg. v. Rossel, soll allerdings eine umstrittene Urkunde von ihm in (wieder: "apud") Ingelheim ausgestellt worden, ohne Jahresangabe, vermutet wird 1214 (oder 1217).

Ebenso soll eine Urkunde von seinem Sohn Heinrich VII. (bzw. von dessen Vormund Erzbischof Engelbert v. Köln, denn Heinrich war zu der Zeit erst 14 Jahre alt) auf der Durchreise am 23. August 1225 (umstritten) "apud Ingelnheim" ausgefertigt worden sein, wieder für das Kloster Eberbach, vielleicht ein Hinweis darauf, dass die verkehrsgünstig gelegene Pfalz Ingelheim - das Hofgut und/oder die Burganlage - immer noch für die gelegentliche Beherbergung hoher Gäste geeignet war. Größere Veranstaltungen fanden hier jedoch nicht mehr statt.

Die Staufer bevorzugten Oppenheim, aber auch Boppard, Oberwesel und Andernach.

5. Von der Vogtei zu "Schultheißen" und "Schöffen"

Die Einrichtung einer Vogtei über die Ingelheimer Dörfer scheint nach Classen unter den späteren Staufern einer anderen Verwaltungsform gewichen zu sein, denn in Urkunden tauchen nun (1194/98, 1205) "Schultheißen" auf - je einer für die beiden Ingelheim - und "Schöffen" von Ingelheim, Einwohner von Ingelheim und Personal der Ingelheimer Gerichte.

Trotz der turbulenten Zeiten des Interregnums wurde das Ingelheimer Reichsgebiet damals noch nicht dem königlichen Besitz entfremdet. Auch wenn für längere Zeit kein Besuch eines Königs in Ingelheim nachzuweisen ist, so blieb es doch Reichsland.

"Friedrich Barbarossa hatte die „Kaiserpfalz“ erneuert, aber mit Recht nennt der Kölner Chronist sie kaum ein Jahrhundert später „königliche Burg“. Eine andere Quelle spricht anläßlich der Belagerung Wilhelms von Holland gar nur vom königlichen Wirtschaftshof (curtis). Die Eroberungen von 1249 und 1254 beenden aber auch die Geschichte der Reichsburg Ingelheim. Was bleibt, ist ein sich unter königlicher Hoheit selbständig verwaltender Bereich von Reichsgütern mit befestigten Dörfern und einer Ritterschaft, die ihre Reichsfreiheit zu bewahren sucht. Der von Barbarossa erneuerte Palast ist darin kaum mehr als ein Zeugnis vergangener Größe.“ (Classen, S. 129)

6. Letzte Königsaufenthalte und Verpfändungen

Letzte Königsaufenthalte in Ingelheim waren nach den Ortsangaben von Urkunden die Besuche von

- Wilhelm von Holland bei der Belagerung des Saales 1249

- Adolf von Nassau, der in Ingelheim übernachtet haben könnte, weil drei Urkunden am 25. und 26. Oktober 1292 hier ausgestellt worden sein sollen, und von
- Albrecht I. von Österreich nach einer Urkunde vom 1. September 1298

Demgegenüber stehen 27 Aufenthalte der Könige von Rudolf I. bis Albrecht I. in Oppenheim.

Die königlichen Einkünfte des Ingelheimer Reichsgrundes jedoch die höchsten aus den nichtstädtischen Besitzungen, sie gab es immer noch. Dieses Königsland wurde in den Verpfändungsurkunden (Classen S. 132) bezeichnet als "Ingelnheim und Ingelnheim, Winternheim und was dazu gehört".

Die dem königlichen Fiscus verbliebenen Einnahmen daraus wurden nun - wie schon die Einkünfte anderer Reichsgüter zuvor - im 14. Jahrhundert mehrfach verpfändet:

- erstmals vermutlich durch König Adolf von Nassau an die Grafen Johannes und Simon von Sponheim (indirekt aus einer späteren Urkunde erschlossen)
- im Januar 1315 durch König Ludwig von Bayern für 2000 Kölnische Mark an den Erzbischof von Mainz

Allerdings wurde die Ingelheimer Gerichtsbarkeit nicht eingeschränkt und die Ingelheimer blieben persönlich frei, "freie Reichsleute", die einen eigenen "Personalverband auf territorialer Grundlage" bildeten, wie Classen ihn charakterisiert. Deshalb wurden sie auch im Spätmittelalter mitunter "Bürger" genannt;

- und in den Jahren 1375/76 schließlich an den Kurfürsten von der Pfalz bei Rhein

Dadurch wurde der Ingelheimer "Saal", wie das Burgareal nun allgemein genannt wurde, eine pfälzische Burg und war als solche noch in langer Benutzung, aber diente nie mehr als Ort für politische Treffen; auch nicht für die vielen Treffen des pfälzischen Kurfürsten Ludwig III. mit seinen anderen rheinischen Kurkollegen - sie alle fanden in Koblenz, Oberwesel, Bacharach, Boppard oder Bingen statt.

Sebastian Münster schreibt in der Mitte des 16. Jahrhunderts etwas melancholisch über den Zustand des Saales in seinem Geburtsort (Nieder-) Ingelheim:

"Dann do ligt ein schlosß / das man jetztunt den Ingelheimer sal nent / das vor acht hundert jaren des grossen keyser Carles pallast gewesen ist... Alle alten gebew seind auch fast verfallen / on die Creützkirch. Die rinckmaur und der graben seind auch noch in gutem wesen..."

Denn da liegt ein Schloss (d.h. eine Burg), das man jetzt den Ingelheimer Sal nennt, das vor achthundert Jahren des großen Kaiser Karls Palast gewesen ist... Alle alten Gebäude sind auch ziemlich verfallen, abgesehen von der Kreuzkirche (d. h. der heutigen Saalkirche). Die Ringmauer und der Graben sind auch noch in gutem Zustand.

Zu seiner Zeit nahm man den ehemaligen Palast Karls nur noch als die von einer Wehrmauer umgebene Burganlage wahr und hatte keine Ahnung mehr vom Königshof bei der Remigiuskirche, vom Nordflügel und dem imposanten Halbkreisbau im Osten des Palatiums. Denn deren Mauerreste  waren im Wehrmauerring aufgegangen und ihre Grundmauern lagenbis zu drei Meter tief im angewachsenen Boden.

Dies sieht man auch auf den beiden Abbildungen Sebastian Münsters. Und wenn man damals Spuren Karls suchte, so vermutete man sie nur noch in den sichtbaren, z. T. aber auch schon ruinösen Bauten im Westen des Saales, also in der heute sogenannten Aula regia, deren Apsis und Seitenwände zum Teil noch standen, und in den sich nach Norden anschließenden Bauten, die seit dem 14. Jh. als Sitz des Augustiner-Chorherrenstiftes dienten und nach dessen Säkularisation als Sitz des Kurpfälzer Schaffners. Im 17. und 18. Jahrhundert (und auch oft danach) hielt man die immer noch sichtbaren Reste der Aula regia sogar für die Kirche der Augustiner, obwohl diese Königshalle gesüdet, nicht geostet war.

Durch die Literatur aber, vor allem durch Einhard und die Annalen, lebte die Erinnerung an Karls Pfalz in Ingelheim weiter. Erst die Archäologen des 20. Jahrhunderts haben diesen Palast wieder aufgedeckt.

 

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Gs, erstmals: 20.08.05; Stand: 03.05.17