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Die Revolution in Ingelheim 1918


Autor: Hartmut Geißler


Mit Datum vom 9. November meldete der Ingelheimer Anzeiger aus Berlin:

"9. November 1918 - Berlin. Sieg der Arbeiter und Soldaten in Berlin. Hier hat die Revolution einen glänzenden, fast unblutigen Sieg errungen. Der am Morgen ausgebrochene Generalstreik führte zu der Stillegung sämtlicher Betriebe. Um die zehnte Morgenstunde ging das Naumburger Jägerregiment zum Volke über und schickte eine Delegation zum Arbeiter- und Soldatenrat. Weitere Truppenteile schlossen sich in rascher Folge an. Die Offiziere flüchteten. In der Stadt herrscht vollkommene Ruhe und Ordnung. Vom 'Vorwärts'-Gebäude weht die rote Fahne. Es herrscht ungeheurer Jubel und große Begeisterung. In vielen Städten haben sich Arbeiter- und Soldatenräte gebildet. Auch in Frankfurt liegt die Gewalt in den Händen der Räte."

... und fünf Tage später aus Darmstadt:

"14. November 1918 - Hessen ist Republik. Am 11. November hat der Arbeiter- und Soldatenrat Hessen zur Republik ausgerufen und den Großherzog für abgesetzt erklärt. Ein Aufruf hat folgenden Wortlaut: Arbeiter und Bürger! Die Regierungsgewalt ist auf das Volk übergegangen. Es ist frei und mündig, um sein Schicksal selbst zu bestimmen. Soldaten, Arbeiter, Bürger, schließt die Reihen! Ein freies Volk schafft seine freie Zukunft. In den folgenden Punkten faßt der Arbeiter- und Soldatenrat seine Ansicht zusammen:
- 1. Der sozialistischen Fraktion der seitherigen zweiten Kammer wird die Bildung des Ministeriums übertragen.
- 2. Der von dieser gebildeten Regierung wird aufgetragen, binnen 3 Tagen ein Gesetz zur Wahl einer Landesversammlung vorzulegen, das den Grundsätzen der Verhältniswahl entspricht. Wahlberechtigt soll jeder großjährige Hesse sein.
- 3. Großherzog Ernst Ludwig wird abgesetzt und das Großherzogtum als Republik erklärt. Die großherzoglichen Domänen verfallen dem Lande.
- 4. Alle Sonderrechte der Geburt und des Standes werden beseitigt.
- 5. Sämtliche im Großherzogtum bestehenden Fideikommisse sind aufzulösen.
- 6. Vollständige Glaubens- und Gewissensfreiheit wird gewährleistet.
- 7. Trennung von Kirche und Staat.

... und aus Ingelheim selbst:

14. November 1918 - O.-I.: Die Politik schlägt Wellen. Am 12. November um 1 Uhr weilte hier eine Abordnung des Mainzer Soldatenrats. Es wurde auf dem Marktplatz vor dem Rathause an die hier z. Zt. einquartierten Offiziere und Mannschaften eine Ansprache gehalten und zur Bildung eines Soldatenrates aufgefordert.

16. November 1918 - O.-I.: Bürgerwehr gegründet. Die Bürgermeisterei erläßt einen Aufruf an die Bürgerschaft von Oberingelheim, in dem sie aufgefordert wird, Ruhe zu bewahren und nicht zu verzagen. Zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und zum Schutze privaten Eigentums wurde eine Bürgerwehr organisiert, der ältere, mit Ausweis versehene Männer angehören, die mit Waffen ausgerüstet ihren Dienst versehen. N.-I.: Arbeiterrat gebildet. Im Rathaussaal fand unter dem Vorsitz des Gemeinderats Christian Schweikhard eine Versammlung statt, in der ein Arbeiterrat gewählt wurde. Nach Möglichkeit wurde allen Berufen und Ständen Rechnung getragen.

19. November 1918 - O.-I. Bildung einer Volkswehr. Eine sehr stark besuchte Versammlung wehrfähiger Männer, zwischen 25 und 55 Jahre alt, fand im Rathaussaale am gestrigen Sonntag statt, wobei die Bildung einer Volkswehr vorgenommen wurde. Bürgermeister Bauer begrüßte und wies zunächst auf den Zweck und die Notwendigkeit der Bildung dieser Wehr hin. Es wurde ein Vollzugsausschuß gewählt, bestehend aus Bürgermeister Bauer, Beigeordneter Freund, Rechtsanwalt Schreiber und Feuerwehr-Kommandant Hofmann. Rechtsanwalt Schreiber ergriff sodann das Wort und gedachte des äußeren und inneren Zusammenbruches unseres Vaterlandes. Er ermahnte die Anwesenden, nicht mehr nach den Gründen der Katastrophen zu forschen, sondern sich in der Tatsache abzufinden und in einmütigem Zusammenarbeiten mit der neuen Regierung, jeder für seine Person, ohne Unterschied der Partei, unverdrossen an dem Wiederaufbau Deutschlands mitzuwirken. Von seinem juristischen Standpunkte aus und als Vorsitzender des Standgerichtes in Mainz, dem auch Oberingelheim unterstellt ist, verbreitete er sich sodann über Rechte und Pflichten der Volkswehr. Beschaffung von Massenquartieren. Die beiden Ingelheim zählen zu den Gemeinden, die zur Beschaffung von Massenquartieren für die von der Front zurückkehrenden Truppen verpflichtet sind. Sämtliche Schulen und nötigenfalls auch die Kirchen sind sofort zu räumen. Die Gemeinden haben die Pflicht, zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung sowie der Sicherung des Privateigentums Arbeiter- und Soldatenräte und Volkswehren auf Grund der Anordnung des Darmstädter Innenministeriums zu errichten.

23. November 1918 - N.-I.: Arbeiter- und Bauernrat. In einer Bekanntmachung für die Gemeinde Niederingelheim wird mitgeteilt, daß sich hier ein Arbeiter- und Bauernrat [sic!] mit Einverständnis des Arbeiter- und Soldatenrates Mainz gebildet hat und daß derselbe mit allen ihm zu Gebote stehenden Rechten für das Allgemeinwohl eintreten will, und zwar: 1. für die Rechte des schaffenden Volkes, 2. Lebensmittelversorgung, 3. Arbeitslosenfürsorge, 4. öffentliche Sicherheit. Im Rathausgebäude werden an jedem Montag- und Freitag-Nachmittag von 5-7 Uhr Geschäftsstunden gehalten. Der erste Vorsitzende des Arbeiter- und Bauernrates ist Georg Zink.

26. November 1918 - O.-I.: Abschied. Der Abtransport der Russen und anderer Kriegsgefangenen erfolgte hier am Samstag. In manchem Hause mag der Abschied nicht so leicht geworden sein. Im großen und ganzen waren die Russen gutmütige und willige Burschen, die durch Fleiß und Treue in mancher Familie in gutem Andenken bleiben werden. Der Großherzog feiert Geburtstag. Unser früherer Großherzog Ernst Ludwig von Hessen vollendet heute, 25. 11., sein 50. Lebensjahr. über 26 Jahre stand er an der Spitze der Regierung, die er mild und weise geführt hat. Wie wenige Fürsten genoß er die Liebe und Achtung auch des freien Mannes.

28. November 1918 - O.-I.: Es herrscht Betrieb. Gestern Vormittag kamen hier Teile der 22sten Reserve-Infanterie-Division in Quartier, die heute früh wieder abrückten. Heute früh kam Fußartillerie hier an, und so wird sich jetzt jeden Tag das Bild der Einquartierung hier ändern, bis in etwa 14 Tagen die feindliche Besatzung eintreffen wird.

28. November 1918 - N.-I.: Am Donnerstag hielt die hiesige Zentrumspartei eine sehr stark besuchte Versammlung ab, in welcher ein Bürgerrat gewählt wurde. Derselbe soll dem bereits bestehenden Arbeiter- und Bauernrat angegliedert werden. Ihm gehören an: Kaufmann Anton Bieger, Fritz Struth, Johann Struth, Lehrer Ries, Landwirt Hirschmann und A. Köhler, Sporkenheim. F.-W. Volkswehr und Bürgerrat. Auch in der hiesigen Gemeinde hat sich eine Volkswehr sowie ein Bürgerrat gebildet. Die Wehr wird hauptsächlich von entlassenen Soldaten gestellt. In dem Bürgerrat sind alle Stände und Berufsklassen vertreten. Heute herrscht reges Leben hier, unser Ort hat 500 Mann Einquartierung erhalten.

5. Dezember 1918 - N.-I.:Aufruf an die rheinhessische Bevölkerung! Unsere tapferen Helden, die aus dem Weltkriege zurückkehren durften, sind durch unsere Provinz gezogen. In wenigen Tagen erfolgt die Besetzung unseres Landes durch den Feind. Nunmehr ist es an der Zeit, daß unsere rheinhessische Bevölkerung gemeinsam derer gedenkt, die ihr Leben für uns und für den Schutz der Heimat gelassen haben. In Dankbarkeit sollten wir ihres Heldentodes gedenken und gemeinsam das Gelöbnis ablegen: 'Wir wollen Deutsch bleiben für immer.' An allen Orten der Provinz sollten Angehörige aller Parteien und Konfessionen sofort zusammentreten und eine für alle gemeinsame Feier festlegen. Die Zeit drängt: Laßt uns unsere Dankschuld und unser Gelübde sofort bekennen. Gezeichnet: Boehringer, Helbig, Dr. Klapproth, Korell, Karl Mett, Muntermann, P. Chr. Saalwächter, Zink.

7. Dezember 1918 - O.-I.: In Erwartung des Feindes. Von der Bürgermeisterei werden die Bürger aufgefordert, den Gegner, der den heimischen Mauern naht, mit Anstand und Würde zu empfangen und vor allem Ruhe und Ordnung zu bewahren. Gebt ihm durch keine unüberlegten Reden und Handlungen Veranlassung zu irgendwelchen Maßnahmen. Nur so werden wir bei ihm Achtung vor uns freien Rheinhessen erzwingen. Die Ordnung wird von den Wachmannschaften der Volkswehr aufrechterhalten, sie sind an den weiß-roten Armbinden erkenntlich.

12. Dezember 1918 - O.-I.: Die Franzosen sind da. Am 10. Dezember vormittags 9 Uhr traf das französische Kommando hier ein. Am Nachmittag kamen die ersten Kolonnen Artillerie, die nur für kurze Zeit hier einquartiert werden. Die Besatzung wird in den nächsten Tagen hier eintreffen. Heute, 11.12., vormittags 9 Uhr, wurde vor dem Rathaus durch Bürgermeister Bauer die Polizeiverordnung bekannt gemacht. Sie besagt, daß von 8 Uhr abends bis 6 Uhr morgens jeder Verkehr grundsätzlich untersagt ist. Auf Antrag erteilt die Ortsmilitärbehörde entsprechende Ausnahmeregelung. Zum Verkehr nach außerhalb sowie zum Verkehr zwischen den einzelnen Landgemeinden bedarf es außer der Legitimationskarte noch eines Erlaubnisscheines. Dieser ist bei den Bürgermeistern zu beantragen. Den Anträgen muß zum Nachweis der Richtigkeit der Angaben eine Bestätigung der Bürgermeisterei oder des Arbeitgebers beigefügt werden."

(Alle Zitate aus der Ingelheimer Chronik, S. 90-92)

 

Gs, erstmals: 13.10.07; Stand: 20.02.17