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Reichsversammlungen und die Nutzung der Pfalz-Gebäude

 

Autor: Hartmut Geissler

Auf der Basis von Hinkmar, de ordine palatii (882/1980), dmgh, Fontes iuris Germanici antiqui in usum scholarum separatim editi (Fontes iuris) 3
Seyfarth
, Reichsversammlungen (1910),
Weber, Reichsversammlungen im ostfränkischen Reich (1962)
Zotz, Palatium (in: Staab, 1990)
Eichler, Fränk. Reichsversammlungen (2007)
Eichler, Karol. Höfe und Vers. (2011)

 


Pfalzen, ihre Veranstaltungen und ihre Gebäude

Hermann Heimpel definierte eine Pfalz als eine mit einem Wirtschaftshof und meist mit einer Befestigung verbundene ... Zurüstung zur mehr oder weniger langen Aufnahme des gewisse „Kernräume“ des Reiches . . . durchziehenden Herrschers und seines Gefolges. Der König soll im Raum „regieren“ können: schlafen, beten, essen, trinken, spielen, jagen, richten, urkunden, den Armen wohltun und im Stil einer fast ausschließlich mündlichen Regierungsweise Hoftage und Synoden abhalten können. (GWU 1965, S. 473) Brühl (Fodrum) übernahm sie 1968.

Für diese Tätigkeiten brauchten die Könige natürlich Gebäude, denn nicht alles ließ sich wie das Jagen und die Heeresversammlung unter freiem Himmel erledigen,

also Räume

- zum Schlafen, zum Essen und Trinken und zum Spielen
- zum Beten
- zum Regieren, d. h. für Hoftage und Synoden, für Empfänge von Gesandtschaften, zum Richten, Ausstellen von Urkunden, für viele Gespräche
- zur Demonstration seiner Wohltätigkeit

Drei Bauglieder davon zählte Gauert (1965, S. 5) zum Grundstock einer Pfalz:

- eine Königsunterkunft
- einen Reichssaal
- und eine Pfalzkapelle

Ähnlich äußerte sich auch noch Annie Renoux (2001) zu den Pfalzen des westfränkischen Reiches nach den Reichsteilungen, betont allerdings ihre Weitläufigkeit, die das Ingelheimer Pfalzmodell nicht widerspiegelt: Es waren weitläufige Anlagen, in denen sich ein glanzvolles Zentrum von schlichten Nebengebäuden abhob. Dieses Zentrum war von großer symbolischer und praktischer Bedeutung und umfasste in seiner Mitte die aula, die camera (Königswohnung; Gs) und den kirchlichen Kern der Anlage. (S. 37)

Über die Raumbedürfnisse der vielfältigen Regierungshandlungen haben sich beide nicht weiter geäußert.

In Ingelheim kennen wir die Aula regia als Königssaal, die Remigiuskirche als Pfalzkapelle in karolingischer Zeit (seit dem 10. Jahrhundert dann die Saalkirche). Eine kleine Kapelle, der Trikonchienbau, existierte im Saal schon seit karolingischer Zeit, konnte aber natürlich nicht die Bedürfnisse einer großen Festkirche erfüllen.

Wo aber war die camera, die Königsunterkunft, wo konnte der König mit all' seinen Angehörigen, Bediensteten, Beratern und seiner Leibwache schlafen, essen, trinken, spielen? Und in welchen Gebäuden wurde Politik gemacht, wurde regiert?

In den Grundrisszeichnungen anderer Pfalzen sind zwar, wo möglich, ebenfalls Kirche und Königssaal identifiziert, aber kaum eine Königsunterkunft, wohl weil diese archäologisch als solche schwer nachzuweisen ist. Auch in Ingelheim bewegen wir uns bei der Suche nach einer Königsunterkunft in bloßen Vermutungen: Diente eines der beiden anderen großen Gebäude im Palastbereich als Unterkunft für den König (und seine Familie mit Gefolge?), mit Räumen zum Schlafen, Essen und anderen privaten oder öffentlichen Tätigkeiten? Dafür spräche die hoch- und spätmittelalterliche Tradition, die Könige hätten in den (westlichen) Gebäuden des Komplexes gewohnt (Stauferzeit: Karl der Große sei darin geboren; Sebastian Münster: hausieret). Goethe bekam bei seinem Besuch in Nieder-Ingelheim 1814 Knochen von Wildtieren im Burggraben gezeigt, woraus man auf die Lage der Palastküche schließen wollte.

Dagegen spricht jedoch die Tatsache, dass bei allen Grabungen seit 1909 keinerlei Anzeichen für Küchen oder Wohnräume gefunden wurden, sondern lediglich Indizien für aufwändig gestaltete Repräsentationsräume (Wandbemalung, Bodenbeläge), und zwar sowohl im Bereich des langen Nordflügels als auch im Bereich des Halbkreisbaues.

Damit stellt sich neben der Frage nach einer Königsunterkunft die Frage:

Wozu wurden diese anderen außergewöhnlichen Gebäude der Kaiserpfalz geplant und genutzt?  Die stilistische Einordnung als "Herrschaftsarchitektur" hilft nicht viel weiter.

Heinrich Weber schrieb zu der Gebäudefrage 1962 in seiner Promotion über die Reichsversammlungen im ostfränkischen Reich, bezogen auf die von ihm untersuchte Epoche im 9./10. Jh.:

Auf keine andere Frage ist es so schwer, eine Antwort zu geben, wie gerade auf die nach den Räumlichkeiten, den Verhandlungsvorgängen, der Zeitdauer und den Formen der Entlassung. Die Quellen sind in den Andeutungen so karg und knapp, daß sich nur schwer eine Vorstellung gewinnen läßt. Es fehlt jeglicher Hinweis auf die Größe und Anordnung der Versammlungsräume. (S. 72)

Er kannte zwar Hinkmars Schrift und Seyfarths Untersuchung, konnte sich aber 1961 auf der Basis der ihm zur Verfügung stehenden Grundrisszeichnungen oder Modelle karolingischer Pfalzen keine Vorstellung davon machen, in welchen Räumen was wie ablief. Nur die kurze Erwähnung eines Unfalls hat er gefunden, wie bei einer Versammlung in Forchheim 896 die Decke eines Obergeschosses (?) unter der zu großen Last der vielen Versammelten einbrach und auch der Kaiser Arnulf schwer verletzt wurde (S. 73). Das Normale wurde und wird eben nicht aufgeschrieben.

Hinkmar von Reims: De ordine palatii

Hinkmar, berühmter Erzbischof von Reims, ist der einzige Autor des Frühmittelalters, der im Jahre 882 den idealtypischen Verlauf von karolingischen Reichsversammlungen festhielt, und zwar im zweiten Teil seiner Schrift de ordine palatii – wörtlich: über die Ordnung des Palastes. Die jüngsten Karlsbiographien beziehen Hinkmars Schrift zwar ausführlich in ihre Darstellung des Königshofes ein; McKitterick attestiert dem von ihm beschriebenen Ablauf der Reichsversammlungen sogar eine ziemliche Detailgenauigkeit (S. 136), Weinfurter bezeichnet die Überlieferung als einen außerordentlichen Glücksumstand (S. 144). Aber welche Konsequenzen solche Abläufe für den Raumbedarf in einer Pfalz haben, darauf ging keiner dieser Autoren ein, ja, soweit ich sehe, ist seine Darstellung noch nie unter diesem Aspekt interpretiert worden. Dies soll im Folgenden versucht werden.

Der Adlige Hinkmar wurde noch zu Lebzeiten Karls des Großen geboren und lernte unter dessen Sohn Ludwig (dem Frommen) in den zwanziger Jahren des 9. Jahrhunderts auch die Kirchen- und Regierungspolitik und ihre Prozeduren am königlichen Hofe genauestens kennen. Dabei dürfte er zweifellos Ludwig auch zu mehreren Veranstaltungen in Ingelheim begleitet haben. Unter Ludwigs Sohn Karl (dem Kahlen), westfränkischer König 843-877, wurde Hinkmar 845 Erzbischof von Reims, nachdem sein Vorgänger Ebo zum Rücktritt gezwungen worden war. Das ist übrigens derselbe Ebo, den Ermoldus Nigellus als Missionar der Dänen und Auslöser für den Taufwunsch des Dänenkönigs Heriold rühmte. Hinkmar war auch der Fortsetzer der sog. Annales Bertiniani, und deren Quellenwert charakterisierte Schrörs (1884) so: Als erster Ratgeber des Königs und bei allen wichtigen Staatsgeschäften beteiligt, durchschaute er wie kein anderer die Gründe und Ziele der Politik. (S. 456)

Den Titel seiner Denkschrift de ordine palatii sollte man besser mit Über das gute Regieren übersetzen, weil er mit ordine die richtige, die gute politisch-religiöse Ordnung meinte, und mit palatii keinen Gebäudekomplex, sondern die Institution Palast im Sinne von Regierung, Hof, denn auch dafür wird im übertragenen Sinne dieser Begriff oft verwendet, nicht selten in spätrömisch-byzantinischer Tradition auch sacrum palatium - heiliger Palast genannt (seit dem letzten Drittel des 3. Jahrhunderts; Castritius, S. 17).

Zum Gebrauch des Begriffes palatium für Regierungsgebäude schreibt Hinkmar: praetoria, quae nunc regia, usitatius palatia nominantur - Regierungsgebäude (in klassisch-römischer Zeit eigentlich Statthaltersitze), die jetzt regia (von griechisch βασίλεια rückübersetzt) oder häufiger palatia genannt werden (cap. IV, Z 259). Palatia als Gebäude sind also für ihn eindeutig Regierungsgebäude.

Die Schrift war an die Bischöfe des westfränkischen Reiches und an den jungen (sechzehnjährigen), von Hinkmar geförderten König Karlmann II. (Enkel Karls des Kahlen, *866, König 879-884) gerichtet. Sie wurde Ende des Jahres 882 verfasst und beschrieb das, was Hinkmar für gute Politik hielt.

In den Wirren des westfränkischen Reiches scheint diese Art von politischer Willensbildung Karls und Ludwigs aber nicht mehr praktiziert worden zu sein, wie sie der Bischof aus seiner Jugend und aus schriftlichen und mündlichen Quellen sowie aus eigener Anschauung noch kannte. Und da die Reichsversammlungen zweifelsohne einen Kernbestandteil karolingischer Herrschaftspraxis darstellen (Eichler, S. 2 f.), wird man wohl in der Annahme nicht fehlgehen, dass ihre praktischen Bedürfnisse ebenso wie ihr Inszenierungscharakter (S. 4) beim Neubau von Pfalzgebäuden eine maßgebliche Rolle gespielt haben. Als seine wichtigste Quelle hebt Hinkmar die verloren gegangene Schrift eines Stiefvetters Karls des Großen hervor, Adalhard, Abt von Corbie, der die Regentschaft für einen Sohn Karls (Pippin) und ein zweites Mal für dessen unmündigen Sohn Bernhard von Karl übertragen bekommen hatte und zweifellos das Leben am Königshof gleichfalls bestens kannte.

Man kann sich Hinkmars Schrift heute sowohl in Latein als auch in deutscher Übersetzung problemlos unter Hincmarus aus den digitalen Monumenta Germaniae historica (dmgh) laden und sich ein eigenes Urteil bilden:

http://www.dmgh.de/de/fs1/object/display/bsb00000658_00003.html?text=true&sort=score&order=desc&context=hinkmar+de+ordine+palatii&divisionTitle_str=&hl=false&fulltext=hinkmar+de+ordine+palatii&sortIndex=020:080:0003:010:00:00

Als Einleitung schrieb er an die Adressaten seiner Schrift:

Wegen meines Lebensalters und der Erfahrung in diesem heiligen Stand habt ihr Jüngeren, gute und weise Männer, meine Wenigkeit gebeten, dass ich zur Unterrichtung dieses unseren jungen jetzigen Königs und zur Wiedererrichtung der Stellung und des Friedens der Kirche und des Reiches die [gute] kirchliche Ordnung und Organisation des königlichen Hofes im heiligen Palast aufzeige, wie ich sie gehört und gesehen habe. Denn ich war ja [schon] an den Kirchen- und Regierungsgeschäften beteiligt, als sie zur Zeit der Größe und Einheit des Reiches noch erfolgreich betrieben wurden, und ich habe die Ratschläge und die Überzeugung derjenigen [selbst noch] gehört, die die heilige Kirche in Heiligkeit und Gerechtigkeit geleitet haben, wie auch derjenigen, die die Stärke des Reichs in früherer Zeit glücklicher gestaltet haben. Ich habe durch deren Anleitung die Tradition ihrer Vorfahren gelernt und auch nach dem Heimgang des Herrn und Kaisers Ludwig [und] im Gehorsam gegenüber denjenigen, die für seine Söhne, damals unsere Könige, in Eintracht sich geplagt haben, auf meine persönliche Art mit vielen Reisen, mich mündlich und schriftlich darum bemüht.

Gute Organisation von Kirche und Staat - der Eiferer für die Kirche (Weber, S. 46) nennt beides immer in dieser Reihenfolge - , das lag ihm an Herzen. Früher hat er sie noch miterlebt, von ihren Quellen auch erzählt bekommen, ja, er hat sich selbst darum bemüht. Über die Zustände zu seiner Zeit (882) ist er jedoch alles andere als glücklich. Seine Schrift ist also zwar eine Art idealisierender Rückblick, der aber nicht zu Zweifeln an der prinzipiellen Richtigkeit der berichteten Abläufe zwingt. Auch Eichler betont 2007 den Quellenwert von Hinkmars Beschreibungen der karolingischen Reichsversammlungen trotz aller Idealisierungen und trotz der Veränderungen im Laufe der Zeit, denen auch sie sicher unterworfen waren.

Generell unterscheidet Hinkmar zwischen zwei Versammlungsarten (zu seiner Zeit nur noch placitum genannt, nicht mehr conventus oder synodus), die vom König einberufen wurden und in der Regel je einmal im Jahr stattgefunden haben. 

a) Eine Generalversammlung (generale placitum) im Sommer, bei der der Zustand des ganzen Königreiches (status totius regni) für das laufende Jahr (gerechnet von Ostern zu Ostern) verbindlich festgelegt worden sei. Wir würden vielleicht heute sagen: das Regierungsprogramm für das laufende Jahr. Zu dieser Versammlung kamen alle Adligen (maiores) zusammen, Kleriker ebenso wie Laien, und zwar die höheren Adligen (seniores) in ihrer Rolle als Berater des Königs und die niederen (minores), um die Beschlüsse entgegenzunehmen. Manchmal wurden auch die letzteren als Sachverständige zu den Beratungen mit hinzu gezogen. Aber alle kamen sie auch, um die "Geschenke", also ihre Jahressteuern für den König, abzugeben.

b) Zu einer zweiten Versammlung in den anderen Zeiten des Jahres wurden nur die Hochadligen (seniores) und bevorzugten Berater (praecipui consiliarii) eingeladen (Weber: Hoftag); dabei seien im kleineren Kreis die politischen Projekte für das folgende Jahr (ab Ostern) beraten worden, zum Beispiel, was man nach dem Auslaufen eines befristeten Waffenstillstands unternehmen sollte. Als solche Berater seien, so Hinkmar, nur diejenigen Kleriker und Laien ausgewählt worden, die - idealisiert - in unverbrüchlicher und unbestechlicher Treue zu König und Reich gestanden hätten. Die beiden wichtigsten Mitglieder der königlichen Regierung, der Apocrisiarius (ein byzantinischer Begriff für einen hohen Kleriker, im Frankenreich auch Kaplan oder Hüter des Palastes genannt) und der Camerarius (Kämmerer) waren durch ihre Ämter ständige Teilnehmer dieser Beraterversammlung (cap. VI, S. 88). Auch weitere vertrauenswürdige Mitglieder der königlichen Regierung (ministerialibus - Ministeriale) wurden zu solchen Beraterversammlungen zugelassen bzw. entsandt, um die Reichspolitik kennen zu lernen und ggf. kurzfristig nötige selbständige Entscheidungen treffen zu können. In ihre Kompetenz fielen vor allem Entscheidungen, die nicht das Reich insgesamt betrafen, sondern die Anliegen einzelner Personen.

Man muss also bei beiden Versammlungen mit einer größeren Zahl nicht nur von Vasallen, sondern auch von Regierungsmitgliedern mit ihrem vielfältigen Raumbedarf rechnen.

Eichler bezweifelt zwar eine solche strikte Einteilung und zieht eine flexiblere Betrachtung vor, hält aber am Begriff Reichsversammlung fest, und zwar in einem denkbar weiten Sinn (Reichsversammlungen S. 51). Die Diskussion der zeitlichen Zuordnung soll hier nicht näher dargestellt werden. Listen bei Seyfarth.

Zu ihrem Ablauf (nach Hinkmars Beschreibung im Kapitel VII, S. 90 ff., ausführlich bei Seyfarth S. 107 ff. und unverändert bei Eichler, Reichsversammlungen S. 90 f.):

Die Teilnehmer beider Arten von Versammlungen bekamen bei ihrem Eintreffen eine schriftliche Aufstellung der zu entscheidenden Probleme, untergliedert in Tagesordnungspunkte (damals Kapitel genannt; siehe Kapitularien) ausgehändigt und hatten nun meistens ein bis drei Tage Zeit, um ohne Kontakt zur Öffentlichkeit, also in Klausur, darüber zu beraten und durch Boten bei den Regierungsmitgliedern nachzufragen, bis die Punkte entscheidungsreif waren und dem König zur Entscheidung übermittelt wurden. Seine Entscheidungen übernahm man dann und bestätigte sie in einer Vollversammlung.

Seyfahrt schließt aus den Formulierungen Hinkmars: Das Volk nahm an dem allem keinen Anteil, nur den Beschluß, ob man Krieg führen sollte oder nicht, scheint man dem Volke stets zur öffentlichen Sanktion noch einmal vorgelegt zu haben. Die anderen Beschlüsse wurden zu Schluß feierlich verkündigt. Man öffnete dann wohl die Tore der eigentlichen Pfalz und ließ, soweit dies möglich war, das Volk in den Versammlungsraum herein. (S. 113)


Für welche dieser Funktionen könnten die Gebäude des Ingelheimer Palatiums geplant, gebaut und genutzt worden sein?

Man muss nach den Worten Einhards davon ausgehen, dass die Planung und der Baubeginn der Ingelheimer Palastgebäude unter Karl stattfanden, nicht etwa erst unter seinem Sohn Ludwig, so dass sie architektonisch einen Zustand politischen Denkens und Handelns zur Zeit Karls des Großen widerspiegeln müssten. Dazu passt, dass bis 791 der erste Verfasser der Annales regni Francorem die Beratung des Königs durch die Franci hervor hebt, während der Fortsetzer die Rolle des Königs stärker betont (Zotz in Staab S. 85).

Beweise für die Richtigkeit der folgenden Überlegungen über den Zusammenhang von politischen Prozeduren, ihrem Raumbedarf und den vorhandenen Gebäuden gibt es bislang nicht. Gibt es jedoch alternative, plausiblere Konzeptionen?

1. Der Empfang der Hochadligen und die Aushändigung der Kapituarien könnze im Mittelbau des Halbkreisbaues stattgefunden haben. In den sehr großen zweistöckigen Räumen des Halbkreisbaues könnten die Adligen – sozusagen in Arbeitsgruppen – vertraulich mit ihren Beratern und wegen des fließenden Wassers in den Türmen auch durchaus in Klausur getagt haben. Sie könnten durch Boten über den Säulengang, von dem aus die Räume von innen her zu betreten waren, untereinander und mit den Ministerialen der königlichen Regierung kommuniziert haben, die ihre Diensträume im Nordflügel gehabt haben können. Die niederen Adligen und natürlich das meiste Gefolge mussten draußen im freien Feld warten, wo wohl auch die Zelte der Hochadligen standen, wie das ein unbekannter Dichter von Paderborn erwähnt (Karolus Magnus et Leo papa, MGH Poetae Lat. I., p. 377). Dass der Halbkreisbau als reinesd Unterkunftsgebäude für hohe Gäste gedient hätte, wird dadurch eher unwahrscheinlich. Bei schönem Wetter, so fügt Hinkmar hinzu, benutzte man auch abgetrennte Bereiche im Freien für solche vertraulichen Verhandlungen – im Innenhof des Ingelheimer Halbkreisbaues oder außerhalb? An beiden Orten (drinnen wie draußen) tagten die geistlichen und weltlichen Großen - jedenfalls nach Hinkmar - in zwei voneinander getrennte Kurien. Die beiden Flügel des Halbkreisbaues könnten diese Einteilung widerspiegeln. Ob die karolingischen Versammlungen in aller Regel einen gemischt weltlich-geistlichen Charakter hatten oder ob es auch nur eines Themenbereiches gegeben hat, ist in der Forschung umstritten. Eichler (Reichsversammlungen S. 34 f.) glaubt nicht an institutionell verfestigte Strukturen.

2. Währenddessen war der König mit seinen Bediensteten damit beschäftigt, Geschenke entgegenzunehmen, die Vornehmen zu begrüßen, mit den selteneren Gästen Gespräche zu führen, den Älteren Trost zu spenden, mit den Jüngeren Freude zu haben und dergleichen sowohl im geistlichen als auch im weltlichen Bereich; doch so, daß er stets, wenn dies der Wunsch der abgesonderten Berater war, zu ihnen kommen und auch, solange er wollte, bei ihnen ausharren konnte. (Übersetzung Schieffer)


Als Orte solcher Tätigkeiten des Königs kann man sich in Ingelheim vorstellen:

a) Geschenke entgegenzunehmen – etwa im hohen Zwischenbau zwischen Nordflügel und Halbkreisbau. Dort könnten die „Geschenke“ in Empfang genommen und registriert worden sein, vielleicht nicht bei allen Personen durch den König selbst, sondern durch Ministeriale. Diese „Geschenke“ waren die dona annualia – Jahresgeschenke, nach Hinkmar Steuern: vectigalia, quae nobis annua dona vocantur – Steuern, die man uns gegenüber als jährliche Geschenke bezeichnet (Quaternionen 868).  Zu diesem Zweck müsste es eine Registratur mit Skriptorium (dieses auch für andere Aufgaben) und einen Tresorraum (!) gegeben haben, wohl auch im Nordflügel. Vielleicht diente auch die religiös geheiligte Trikonchienkapelle als sicherer Tresor.

b) Die Vornehmen zu begrüßen – wahrscheinlich in der hohen Pfeilerhalle (sog. Heidesheimer Tor) im Halbkreisbau, durch die die Adligen, von ihren (?) Lagerplätzen und denen ihres Gefolges kommend, den Palast möglicherweise betraten.

c) Mit den selteneren Gästen Gespräche zu führen, den Älteren Trost zu spenden – in Empfangsräumen des Nordflügels und auf seinen Terrassenvorbauten mit Blick ins Rheintal

d) Mit den Jüngeren Freude zu haben – je nachdem, worin die Freude bestand, ein Ausreiten hinunter zum Rhein oder gesellige Spiele oder Mahlzeiten – aber wo? Vielleicht auch im Nordflügel in einem repräsentativen Speisesaal, der ebenfalls mit Frischwasser versorgt war? 
Die Teilnehmer der Reichsversammlung sollten jedoch im Allgemeinen ihre Verpflegung selbst mitbringen (s. Eichler S. 85 mit Anm. 361), was durchaus als zumutbar erscheint, da bei Heereszügen nach Karls Anordnung Proviant für drei Monate auf Ochsenkarren mitgenommen werden musste.

e) Zu ihnen kommen – der Gang vom Nordflügel zu den Räumen des Halbkreisbaues war für den König, falls gewünscht, jederzeit möglich.

f) Auch die obligatorischen Fragen des Königs nach Neuigkeiten aus den Reichsteilen, die Hinkmar erwähnt, könnten gut in Empfangsräumen des Nordflügels abgelaufen sein.

3. Nach Beendigung der Gruppenberatungen wurden dem König schriftliche Stellungnahmen vorgelegt, wie Seyfahrt (S. 113) sie charakterisiert, und danach wurden entweder in Anwesenheit des Königs oder auch in seiner Abwesenheit … aus dem Kreis der zuvor genannten Großen in gewohnter Weise die Geistlichen und die Laien jeweils an ihren gebührenden Platz gerufen, wozu man entsprechend ehrenvolle Sitze (subsellis … honorificabiliter praeparatis) vorbereitet hatte.

Diese ratifizierende "Vollversammlung", wie man sie vielleicht nach heutigen Gepflogenheiten bezeichnen könnte, kann natürlich nur in der Aula regia zusammen getreten sein, und zwar so, dass dort zwei Gruppen von Sitzmöglichkeiten (wohl Bänke) vorbereitet wurden, wo Repräsentanten der beiden Kurien sorgfältig die ihrem Rang entsprechenden Plätze zugewiesen bekamen und sich wahrscheinlich wie im britischen Unterhaus gegenüber saßen.

Nach den Worten Hinkmars muss es auch Schlussversammlungen gegeben haben, an denen der König sich vertreten ließ, weil er Wichtigeres zu tun hatte. Wenn der König teilnahm, dann muss man sich ihn wohl als Präsidium auf seinem Reise-Klapp-Thron in der erhöhten Apsis der Aula vorstellen, umgeben von seinen persönlichen Beratern.

Über das weitere Verfahren berichtet Hinkmar nichts, wohl weil es eine allseits bekannte Selbstverständlichkeit war. Seyfahrt (S. 114) erwähnt aus einer anderen Quelle, dass nach den Beschlüssen der Palast auch für das restliche Volk geöffnet wurde, das dann - soweit möglich - hineinströmte.  Diese großartigen Regierungsräume besichtigen zu können, muss schon sehr attraktiv gewesen sein.

Nicht selten war ein Verfahren des Königsgerichtes mit einer Reichsversammlung verbunden, wie zum Beispiel 788 der Tassilo-Prozess. König und Adelsversammlung fungierten dabei als Gericht und tagten sicher auch in einer großen Königshalle. Solche Verfahren aus der Zeit Ludwigs des Frommen stellte Eichler, (Reichsversammlungen S. 97-102), zusammen.

Außerdem dienten Reichsversammlungen als Sammelpunkte für Kriegsbeschlüsse und Kriegszüge. Ohne Feldzug diente die Heeresversammlung zur Musterung des Aufgebotes durch den König (Seyfahrt, S. 117/118). Diese Prozeduren fanden natürlich auf freiem Felde statt, nicht in Gebäuden. Es muss  also bei den Gebäuden auch ein großes Freigelände für einige tausend Krieger, ihre Zelte und ihre Tiere gegeben haben und dieses war im Osten der Pfalzgebäude zweifellos vorhanden (s. Flurname Herstel).

 

Folgerungen


Diese gedankliche Zuordnung von Räumen des Ingelheimer Palastiums für die von Hinkmar beschriebenen Prozeduren bei Reichsversammlungen ergibt, wie ich meine, ein plausibles Gesamtkonzept für die Baukonzeption der Ingelheimer Pfalz unter Karl und Ludwig. Ihre Gebäude bildeten, so gesehen, eine Art Regierungsviertel für Gesetzgebung, Rechtsprechung und Regierung des Reiches, wie Eichler (Reichsversammlungen S. 87) die Funktionen der Reichsversammlungen mit modernen Begriffen zutreffend charakterisiert.

Darin ist bisher nur die Nutzung der heute sogenannten Vorhalle nördlich der Aula ausgespart geblieben. Das ist derjenige Bereich, der am längsten mit Gebäuden überbaut war, der von den Augustiner-Chorherren seit dem 14. Jahrhundert und nach ihnen vom Kurpfälzer Verwalter, dem Fauth, bewohnt wurde, auch noch als die ruinösen Reste der meisten Teile des nach dem Ende des Reisekönigtums offenbar nicht mehr benutzten Nordflügels und der Halbkreisbau vom anwachsenden Bodenniveau verschluckt und in Vergessenheit geraten waren.

In diesen Räumen zeigten die Augustiner des 14. und 15. Jahrhunderts den Raum ihrer Bibliothek, in denen das Geburtsbett Karls gestanden und wo er das Glaubensschwert von einem Engel empfangen habe. Könnten diese Sagen aus der Stauferzeit ein spätes Echo des Tatbestandes sein, das sich dort tatsächlich königliche Wohnräume befunden haben? Viel Platz für sie wäre dort freilich nicht gewesen. Außerdem verlief der andere Zweig der Wasserleitung durch den Nordflügel, nicht durch dieses Gebäude nördlich der Aula regia, obwohl man sich diese Quellwasserversorgung natürlich bevorzugt auch für die königliche Tafel vorstellen möchte. Muss man stattdessen an einen prächtigen Regierungs-Speisesaal bei dem Eintritt der Wasserleitung in den Nordflügel denken? Ein allgemeines Festmahl von König, Gefolge und den versammelten Adligen kann hingegen aus Platzgründen nur in der Aula regia stattgefunden haben, wie wahrscheinlich auch die Osterfestessen unter den Ottonen.

Wenn man jedoch den Bereich dieses heute versuchsweise "Vorhalle" genannten Gebäudes als unzureichend für königlichen Wohnräume einschätzt, dann kommt man nicht umhin, sich nach einem anderen Standort umzusehen. In Frage kommt dafür das große und niemals bäuerlich besiedelte Gelände der ehemaligen Jesuitenmission nördlich der Remigiuskirche, das sich heute das Haus St. Martin und die Familie Boehringer teilen, und das große Hanggelände des Emmerlingschen Parkes (s. Villa Padjarakan). Weiteren Aufschluss könnten nur Ausgrabungen in diesen Bereichen bringen.

Weinfurter weist, Adalhart-Hinkmar folgend, auf weitere Personen (mit - ungenanntem - Raumbedarf!) hin:

Doch am Hof hielten sich noch viel mehr Personen auf. Zu nennen sind die militärischen Elitetruppen, die stets einsatzbereiten Königsvasallen, die Lohn und Unterhalt in verschiedenster Weise erhielten und von Adalhard als Erste unter den Anwesenden am Hof erwähnt wurden. Dann gab es die Gruppe der ‚Schüler‘ (discipuli), junge Adlige, die bei den Amtsinhabern gewissermaßen in die Lehre gingen und Schulen (scholae) bildeten. Die dritte Gruppe am Hofbestand aus ‚den Dienern und Vasallen der höheren und geringeren Leute‘, je nachdem, wie viele sich ein jeder leisten konnte. (S. 146)

Mussten diese alle, wenn sie sich z. B. mit Ludwig in Ingelheim aufhielten, mit Zelten Vorlieb nehmen oder gab es für sie auch Häuser?

Natürlich muss es bei der Remigiuskirche schon vor dem Bau des Palastes Verwaltungsgebäude gegeben haben und sie dürften auch danach weiter bestanden haben und genutzt worden sein. Für den Tassilo-Prozess des Jahres 788 zum Beispiel ist es ja zweifelhaft, wie weit der Bau der neuen Pfalz-Gebäude unter Karl schon gediehen war, denn Einhard schreibt ausdrücklich, dass der Bau von Karl nur begonnen worden sei. Falls man damals also die Aula regia noch nicht benutzen konnte, dann muss man sich diese Reichsversammlung mit dem Prozess noch in – vielleicht als veraltet empfundenen – Gebäuden des Königshofes bei der Remigiuskirche vorstellen.

Am Beispiel des Königshofes in Annappes (Nordfrankreich) wird vielfach die Bauausstattung eines königlichen Fiscus (nicht eines Palatiums!) dargestellt - viele Quellen gibt es nicht dazu:

Jeder Fiskalbezirk bildete einen zusammenhängenden Komplex, und schon in seinem Äußeren, in den Baulichkeiten, kommt die Größe des Betriebes zum Ausdruck. Das vornehmste Gebäude ist ein Steinhaus, aus mehreren Kammern bestehend, mit einer rings umlaufenden Veranda (solariis) und einem Kellergeschosse versehen. Es war wohl zur vorübergehenden Aufnahme des Königs geeignet und wurde auf dessen oder seiner Gemahlin Befehl dem Königsboten zur Verfügung gestellt. Säulengänge dienten zum Schmuck und mögen dem Ganzen einen ansprechenden Anblick gewährt haben. Die geringeren Wirtschaftsgebäude waren aus Holz gezimmert und wohl nach der Größe des Fiskalbezirkes an Zahl und Ausdehnung wechselnd. Da waren die Frauenarbeitshäuser (genitia) mit mehreren Kammern, Ställe, Küche, Kelter, Brau- und Backhäuser, Vorratshäuser wie Speicher und Scheuern. Eine Mühle mag bei jedem Gute gewesen sein und viele kleine Holzhäuser, um den unmittelbaren Knechten des Gutes Unterkunft zu gewähren. Und der ganze Gebäudekomplex sollte in Ordnung und wohlbewacht sein, weshalb er mit einem Zaun umgeben war. So ward ein großer Hof gebildet, zu dem ein Tor (vielleicht aus Stein) einen Zugang eröffnete. Im fiscus Asnapium finden wir noch einen kleinen Hof, der ebenfalls umzäumt und mit Bäumen bepflanzt war. (Steinitz, 1911, S. 350)

Der Fiscus Ingelheim dürfte größer gewesen sein und entsprechend auch größere und mehr Gebäude besessen haben.

Man darf jedenfalls bei der Vorstellung von der Ingelheimer Pfalz seinen Blick nicht auf die Gebäude der heute so genannten „Kaiserpfalz“, wie sie das Modells zeigt, beschränken. Denn das kann wahrscheinlich nur einen Teil der neugebauten Regierungsgebäude Karls darstellen.

Zur architektonischen Grundausstattung einer Pfalz muss demnach, wenn man Hinkmars Darstellung ernst nimmt, viel mehr als Königshalle, Königsunterkunft und Pfalzkapelle gehört haben, nämlich: 

- umfangreiche und zahlreiche Tagungsräume für die Gruppen der Reichsversammlungen
- Regierungsgebäude für viele Personen und viele Verwaltungsfunktionen: Apocrisiar (für die geistliche Verwaltung), Pfalzgraf (für die Rechtsprechung), Seneschall, Mundschenk, Stallgraf, Quartiermeister, vier Oberjäger, Falkner, Türhüter, Säckler (für die "Geschenke"), Zahlmeister, Kellermeister und deren Diener und Helfer (s. Hinkmar, cap. V, Z. 275 ff.)
- Verwaltungsgebäude für das Königsland (die eigentliche Curtis regia)
- und natürlich viel freier Platz für Versammlungen im Freien, für die Heerschau und für die Zelte und Tiere der Besucher

Wenn man andererseits durch weitere Ausgrabungsergebnisse zu dem Schluss kommen sollte, dass Halbkreisbau und Nordflügel doch der Königsunterkunft im weitesten Sinne  gedient hätten, dann müsste eine auch eine andere Antwort auf die Frage gefunden werden, wo dann das Regierungshandeln und die Gruppenbesprechungen der Reichsversammlungen stattfanden.

Jedenfalls hatte Ingelheim für zweieinhalb Jahrhunderte Räume und Platz für all diese Bedürfnisse zu bieten, bis die Zeit des Reisekönigtums zu Ende ging und anschließend allmählich die Erinnerung an dessen Gepflogenheiten verschwand.


Die Pfalzgebäude in ottonischer und salischer Zeit

Leider wissen wir über die spätere Nutzung der Ingelheimer Palastgebäude unter den Ottonen und frühen Saliern im 10. und 11. Jahrhundert, das heißt in der Epoche ihrer intensivsten Nutzung (!), noch weniger als aus der karolingischen Zeit.

Die Chronisten rühmen zwar glänzende Osterfeste und Hoftage, lassen aber völlig offen, wo was stattfand und wie es ablief. Eine kleine Ausnahme bildet nur die Erzählung Ekkehards von St. Gallen über seine Belohnung als Chorleiter bei einer Ostermesse im Jahre 1030.

Seyfahrt (S. 125) berichtet zusammenfassend, dass aus den conventus und placita der karolingischen Epoche nun colloquia, also Gespräche, geworden seien, was auf ein Nachlassen der Mitbestimmungsmöglichkeiten der Adelsversammlungen hinweisen könnte. Konkrete Einzelheiten hat er aber nicht gefunden. Muss man sich nun einen andersartigen Raumbedarf vorstellen? Fanden keine Klausursitzungen mehr statt, so dass man auf die Reparatur der unterbrochenen Wasserleitung von Heidesheim zu den Türmen verzichten konnte? Diese Nutzungshypothese könnte eine plausible Antwort auf die Frage geben, warum die teure unterirdische Wasserleitung nur relativ kurz in karolingischer Zeit benutzt wurde.

Thietmar von Merseburg schreibt über die Ingelheimer Osterfestfeier Heinrichs II. im Jahre 1017: Palmarum (14. April) feierte der König im Mainz und in Ingelheim Ostern (21. April), und in dieser Gegend gab es niemals zuvor eine ehrenvollere und machtvollere Osterfeier. Und weil wegen der Größe dieser Feier sehr wichtige Probleme nicht zu Ende behandelt werden konnten, wurde eine [weitere] Reichsversammlung nach Aachen anberaumt.

Welche Handlungen und welcher Raumbedarf verbergen sich hinter der Charakterisierung als ehrenvoll (honorifice), machtvoll (potestative) und Feier(lichkeit) (solempnitatem)? Sind darunter eher Manifestationen von majestätischer Größe, z. B. Reiterspiele, als politische Tagungen zu verstehen, und reichten dafür die mittlerweile renovierten, aber veralteten Palastgebäude Karls des Großen (welche?)(einschließlich der neuen Saalkirche Ottos I.) überhaupt noch aus? Es fehlen Quellen, um diese Fragen beantworten zu können.

Jedenfalls ließ sich damals Ostern (mit einer Reichsversammlung bzw. einem "Hoftag") offenbar besser in Ingelheim feiern als in Mainz. Lag es nur am großen Freigelände für die vielen Besucher oder auch an hier vorhandenen Gebäuden, die es in Mainz (noch) nicht gab? Adlige, die häufiger nach Ingelheim mussten und nicht immer auf Zelte angewiesen sein wollten, werden nun mit eigenen Gebäuden in Ingelheim erwähnt, wie schon früher unter Karl dem Großen in Aachen. Ein Beispiel: Im Jahre 994 schenkte Otto III. dem Markgrafen Hugo von Tuscien (Toskana!) wegen der häufigen und hilfsbereiten Beherbergung seines Vaters (Ottos II.), seiner Mutter Theophanu und seiner selbst einen Bauplatz für ein Haus in Ingelheim (infra curtem et palatium nostrum Inglinheim vocatum – innerhalb unseres Königshofes und Palastes, der Ingelheim genannt wird; in Texten dieser Zeit wird infra sehr häufig in der Bedeutung innerhalb verwendet, wie eigentlich intra).

Wo lagen solche Häuser in Ingelheim?

Es gibt noch viel zu forschen zur Ingelheimer Pfalz im weiteren und vollständigen Sinne.

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Gs, erstmals: 16.12.2014; Stand: 30.01.2017