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Palatium - villa/curtis - Ortsname und das Verschwinden von palatium als Begriff

 

Autor: Hartmut Geißler

aus Brühl (1968), S. 92-95,
Diefenbach (1921),
Gauert (1965)
,
Zotz, Palatium in Staab (1990),
McKitterick (2007),
Ehlers (2007 und 2020),
Fried (2014),
Hinkmar De ordine palatii
sowie nach einer Durchsicht aller Schriftquellen zur Ingelheimer Pfalzgeschichte bis zur Stauferzeit durch den Autor

Zur weiteren Begriffsgeschichte bis heute siehe "Palatium-Pfalz Begriffsgeschichte"

 

1. Zur Forschungsgeschichte

Im Sprachgebrauch der deutschen Pfalzenforschung wurde der Begriff "Pfalz" oftmals auch für alle Wirtschaftshöfe des Wanderkönigtums benutzt. Ihn genauer zu definieren, fiel freilich schwer:

Nachdem schon Adolf Gauert 1965 seinen Forschungsüberblick mit der Feststellung abschloss, dass "der in königlicher Nutzung stehende Wirtschaftshof" ... ein "unentbehrliches Grundelement im Gefüge der Pfalzen" gewesen sei, versuchte auch Carlrichard Brühl den Begriff "Pfalz" in seiner Untersuchung zu den wirtschaftlichen Grundlagen des (Reise-) Königtums im Frankenreich definitorisch gegenüber den einfachen Königshöfen einzugrenzen:

"Damit stellt sich nun die Frage nach einer Definition des Begriffs „Pfalz“. Aus der Terminologie der Urkunden und Annalen der Zeit läßt sie sich mit Sicherheit nicht herauspräparieren: willkürlich bezeichnen die Quellen einen Ort abwechselnd als villa, curtis, palatium, seltener auch als fiscus, civitas, castrum u. a. m. oder aber - und das kommt gar nicht so selten vor - sie lassen jede ergänzende Qualifikation weg und beschränken sich ausschließlich auf die Nennung des Ortsnamens.

Danach bestimmen zu wollen, was eine Pfalz ist, wäre reine Willkür. Mit Recht wies Heimpel darauf hin, daß in den Quellen häufig nach dem Prinzip des „pars pro toto“ oder „totum pro parte“ verfahren wird. Er unterscheidet daher einen engeren und einen weiteren Pfalzbegriff.

Der engere bezeichnet das eigentliche Wohngebäude des Königs, der weitere den gesamten Siedlungskomplex, also einschließlich des Wirtschaftshofes, der Kapelle, der Befestigung usw. Nur in diesem weiteren Sinne möchte Heimpel, und wir pflichten ihm darin bei, von „Pfalzen“ sprechen, während er für die einzelnen Elemente der Pfalz vorschlägt, die lateinischen Termini (palatium, curtis, capella, castrum) beizubehalten. Natürlich ist auch damit keine Definition gegeben. [...]

Ohne Zweifel waren die Königshallen der Höfe einschließlich der Nebengebäude, ja wohl nicht einmal die großen Pfalzen der „Kernlandschaften“ in der Lage, das gesamte Gefolge des Königs aufzunehmen, das, wie wir gesehen haben, auf über tausend Mann geschätzt werden muß. Rübel hat hier auf die in den Quellen mehrfach zu beobachtende Unterscheidung zwischen palatium und heribergum aufmerksam gemacht und im palatium zu Recht den eigentlichen Königspalast, im heribergum die Unterkunft für das weitere Gefolge oder das Heer erblickt. Doch nicht überall werden feste Gebäude für das Gefolge vorhanden gewesen sein, das häufig in Zelten bei dem Königshof oder der Pfalz biwakiert.“

Zusammenfassend schreibt Brühl: "Man wird in diesem Buch vergeblich nach einer klaren Definition des Begriffes „Pfalz“ suchen. Es gibt sie nicht, und alle bisherigen Versuche - wir möchten meinen: auch alle künftigen - führten und führen zu keinem voll befriedigenden Ergebnis." (S. 770)

Zum Raumbedarf für Regierungszwecke schrieb Brühl nichts. Auch bezog er den Begriffswechsel im zeitlichen Verlauf nicht ein.

Brühls Auffassung von "Pfalz" schließt sich auch Rudolf Schieffer an, der Mitherausgeber und Übersetzer von Hinkmars De ordine palatii (1980); er stellt in Anmerkung 103 auf S. 57 dazu fest:
"Die genaue Bedeutung des Begriffs palatium ist den Quellen der Zeit kaum zu entnehmen; bisweilen werden synonym auch Bezeichnungen wie villa, curtis, fiscus, castrum und civitas verwendet [...]" -
Er betont aber:

"Bei Hinkmars Sprachgebrauch ist weniger an den lokalen Pfalzenbegriff zu denken
[...] als an die personale Bedeutung des Begriffs: Hof, Hofhaltung, Hofgericht, König und Hofleute."
Hinkmar kennt jedoch den Begriff auch lokal für Regierungsgebäude, indem er ausführt: "praetoria" (im Sprachgebrauch Gregors), die man heutzutage Königshöfe ("regia") und häufiger Pfalzen ("palatia") nenne. (Cap. IV, S. 60)

Beispiele für die personale Verwendung des Begriffes: Wenn Erzbischof Leidradus von Lyon 813 oder 814 in einem Brief an Karl davon schreibt, dass in seinem Sprengel die Liturgie "secundum ritum sacri palatii" - entsprechend dem Ritus des Heiligen Palastes verlaufe, dann ist hier sicher kein Gebäude, sondern der heilige (königliche) Hof als Institution gemeint.

Ebenso wird bei den Annalisten der Begriff "palatium" nicht (nur) im Sinne eines Gebäudekomplexes, sondern auch übertragen im Sinne von "Hof" als Personengruppe verwendet, so bei den Annalen von Fulda. Dort heißt es bei dem Aufstand von Ludwigs Söhnen im Jahr 830, dass sie nicht wollten, dass Bernhard (Ludwigs Neffe) genauso wie sie mit Teilen des Reiches ausgestattet würde:
"Quem in palatio esse noluerunt" - den sie nicht im Palast, d.h. in ihrem Kreise
(also gleichberechtigt) haben wollten.

Urkunden, die "in palatio nostro" ausgestellt sind, könnten deshalb nicht unbedingt ein Gebäude, sondern einen Personenkreis ("an unserem Hof" = in unserer Regierung) gemeint haben. Diese These wurde in der Forschung jedoch abgelehnt, weil der Übergang von "palatio nostro" auf "villa/curti regia" oder auf den bloßen Ortsnamen im 10. Jahrhundert im Urkunden-Eschatokoll natürlich Örtlichkeiten meinte - damals. Das schließt allerdings nicht aus, dass der Begriff in Spätantike, Merowingerzeit und früher Karolingerzeit tatsächlich personal gemeint war.

Caspar Ehlers stellte in der Einleitung zum Tagungsbericht über die "Zentren herrschaftlicher Repräsentation im Hochmittelalter" lapidar fest: Es ist bekannt, dass nicht jeder Aufenthaltsort eines mittelalterlichen Königs als "Pfalz" bezeichnet werden darf. (Ehlers 2007, S. 9). Andererseits beantwortete er die selbst gestellte Frage, was eine "Königspfalz" (palatium regis oder ähnlich) von einem "Königshof" ("curia regis" der ähnlich) unterscheide, so: "Man weiß es nicht genau." (Ehlers 2020, S. 33)

 

2. Wie wurde in den Schriftquellen (Chroniken, Viten oder Urkunden) der Ingelheimer Pfalzgeschichte der Begriff "palatium" verwendet?

1. In der frühen Karolingerzeit (Karl, Ludwig) in vier verschiedenen Bedeutungen:

- synonym für villa/curtis (also Pfalz im weiteren Sinn)
- eng für das neu erbaute Palatium, die heutige "Kaiserpfalz" (Einhard, Ermoldus, Poeta Saxo)
- für die Regierung
- als feststehender Formelbestandteil im Eschatokoll

2. In der späten Karolingerzeit, als Ingelheim nicht mehr für Großveranstaltungen benutzt wurde, schwand wohl die Erinnerung an Karls palatium als eine Besonderheit, sodass der Begriff palatium nicht mehr in dieser Bedeutung zu finden ist, er wurde nur mehr in den drei anderen Bedeutungen verwendet, aber auch mitunter im Eschatokoll schon durch villa/curtis oder den bloßen Ortsnamen ersetzt.

3. Im 10. Jahrhundert schließlich wird er überhaupt immer mehr vermieden, bis er zur Zeit Ottos III. vollständig aus den Eschatokollen der Urkunden und Chroniken verschwand. Ausnahmen gab es hier und da, vor allem, was Aachen betrifft, aber nicht in Ingelheim.

Gerhard Streich bestätigte diesen Ingelheimer Tatbestand als eine allgemeine Entwicklung in seinem Beitrag zur Speyerer Tagung "Die Pfalz. Probleme einer Begriffsgeschichte" von 1990 mit folgenden Feststellungen:

"Wir können also für die ottonische Zeit eine weitgehende Einschränkung der Verwendung des Palatium-Begriffs sowohl in der offiziellen Urkundensprache als auch bei der zeitgenössischen Chronistik feststellen. Von nur ganz wenigen Ausnahmen - hier vor allem dem Magdeburg Ottos I. - abgesehen, wird der Ehrentitel Palatium fast ausschließlich den alten karolingischen Pfalzen wie Aachen, Ingelheim (hier irrt Streich; Gs) und Frankfurt zuerkannt, wobei sich eine zunehmende Konzentration auf Aachen, die Pfalz, mit der das Andenken an Karl den Großen am nachhaltigsten verbunden war, herauskristallisiert.

Mit der Bestätigung eines Vergleichs "in palatio Hagenowe in generali curia" 1235 wird – soweit ich das übersehe – zum letzten Male ein Pfalz ausdrücklich als Ausstellungsort einer deutschen Königsurkunde genannt."


3. Folgerungen für das Verständnis der Ingelheimer Verhältnisse:

1. Die örtlichen Verhältnisse Ingelheims haben eine Besonderheit: Wie schon Einhard bemerkte, lag das neue Palatium Karls neben dem bisherigen Königshof, vermutlich in fast 500 m Entfernung. Das war ungewöhnlich. Unter der Ingelheimer "Pfalz" im weiteren Sinne sollte man aber sowohl die Gebäude und den gesamten Besitz des schon bestehenden Königshofes bei der Remigiuskirche verstehen, wozu auch die unter Karl neu gebauten Palastanlage gehörte. Wenn seit dem ausgehenden 10. Jh. königliche Urkunden nur noch in Ingelheim" oder in curti/villa ausgefertigt wurden, folgt daraus keineswegs ein Gebäudewechsel bei der Verhandlung der Gegenstände und ihrer Urkundenbearbeitung, denn auch die frühere Formel mit "palatio" hat nicht Karl neues Palatium gemeint, sie war viel älter. Es spricht freilich einiges dafür, dass solche Regierungsgeschäfte tatsächlich im neuen Palatium stattfanden (siehe Hinkmar). Das macht die Beantwortung der Frage oft unmöglich, welche Gebäude bei den Erwähnungen von Ingelheim als Handlungsort zu verschiedenen Zeiten konkret gemeint waren, z. B. bei der Absetzung Heinrichs IV.

2. Mit der "Pfalz" im engeren Sinne muss man sicherlich aus Traditionsgründen weiterhin die großartige Palastanlage bezeichnen, die heute sogenannte "Kaiserpfalz". Wir sollten uns aber durch ihr eindrucksvolles Modell nicht zu einem Tunnelblick verleiten lassen und unter der Ingelheimer Pfalz nur diese Palastgebäude verstehen.

Mit dieser Unterscheidung würde man Missverständnisse vermeiden, die das notwendigerweise eng begrenzte Modell im Museum suggeriert. Nur aus Karls Regierungsviertel wurde jedoch im hohen Mittelalter die Ritterburg des Ingelheimer Königslandes, der Ingelheimer "Saal". Alles andere geriet in Vergessenheit, sodass man jahrhundertelang den Saal, bzw. sogar nur seine westlichen Gebäude für die ganze Pfalz hielt.

Die Verwaltung von Königshöfen beschreibt Fried (2014) S. 219-230.

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Gs, erstmals: 20.06.14; Stand: 23.04.21