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Die "wandernden" Säulen der Ingelheimer Pfalz


Autor und Fotos: Hartmut Geißler

Ermoldus Nigellus rühmte die Pfalz als einen „Prachtbau ..., von hundert Säulen getragen“. Wenn auch die Zahlen seines Preisgedichtes ("hundert Säulen", "tausend Türen", "tausend Kammern", "hundert Schiffe", "tausend Geweihe") Zitate aus klassisch-römischer Dichtung  und sicher nicht wörtlich zu nehmen sind, weisen doch einerseits schriftliche Überlieferungen und andererseits archäologische Befunde darauf hin, dass in der karolingischen Pfalz eine erhebliche Anzahl von Säulen verbaut worden sein muss (55-60). Die verschiedenen Pfalzmodelle tragen dieser Vorstellung auf unterschiedliche Weise Rechnung, z. B. mit einem Säulengang auf der Innenseite des Halbkreisbaues und säulengetragenen Wandelgängen.


Wo gingen sie hin und wo kamen sie her?

Dass in Ingelheim selbst nur eine einzige, die rechte Marmorsäule im Museum (s. u.), in zwei Bruchstücken erhalten geblieben ist, zeigt, wie systematisch der Raubbau an der Kaiserpfalz nach dem Ende ihrer ursprünglichen Nutzung betrieben worden sein muss, wahrscheinlich schon vor der Verpachtung an die Kurpfalz ab 1375. Zwei weitere Säulen, die man der Ingelheimer Pfalz zuschreibt, sind mittlerweile "zurückgekehrt", eine aus Mainz und eine aus Bingen. Die Mainzer Säule diente von 1760 bis 1892 als Brunnensäule für einen Laufbrunnen, der auf dem Mainzer Schillerplatz an der Stelle des heutigen Fastnachtsbrunnens stand.

Eine von Rauch noch "in situ", d.h. an der Originalstelle, gefundene, etwas beschädigte Säulenbasis (Schwarz-weiß-Bild unten rechts oben) aus dem Halbkreisbau, drei Säulenschäfte und drei Kapitellreste (zwei Abgüsse von Kapitellen im Mainzer Landesmuseum, ein Original) werden im Museum ausgestellt:

Das vorletzte Modell (oben links) versuchte durch säulengetragene Wandelgänge der Überlieferung von vielen Säulen gerecht zu werden.

Einer der drei Säulenschäfte des Museums zusammen mit einem gleichfalls hier gefundenem Kapitell und der Säulenbasis vermittelt in der obigen Fotomontage eine Vorstellung der Ingelheimer Säulen, die aus den verschiedensten römischen Spolien (d. h. wiederverwendeten Bauteilen) zusammengesetzt waren - kein unübliches Verfahren jener Zeit, auch in Italien selbst.

 

In Ingelheim befinden sich also nur noch bzw. jetzt wieder drei Säulenschäfte der einstmals so vielen Säulen (dazu einige Bruchstücke weiterer Säulen im Magazin).

Der linke Säulenschaft besteht nach der neuesten Expertise (siehe unten) aus "Granodiorit", der mittlere aus "Biotit-Granit" und der rechte aus "Calcit-Marmor".

Wo sind die anderen?

Das granitähnliche Material der linken und der mittleren Säule ist sehr verwitterungsfest, und Säulen dieses Materials behalten über Jahrhunderte ihren Wert. Als seit der Mitte des 11. Jahrhunderts die nicht mehr von Kaisern benutzte Pfalz verfiel, umgebaut und seit Mitte des 14. Jahrhunderts verpfändet wurde, bediente sich daher wer konnte aus den wertvolleren Ruinenresten; einige Säulen wurden wohl im Verlauf kriegerischer Ereignisse mitgenommen, andere ließen die Pfandherren (das Mainzer Erzstift, später die Stadt Mainz und dann die Pfälzer Kurfürsten) oder möglicherweise die in Ingelheim Begüterten (so das Kloster Eberbach und St. Stephan in Mainz) abtransportieren. Von diesen Besitzverhältnissen stammen die Vermutungen, dass solche Säulen aus der Ingelheimer Pfalz stammen müssten.

Seit dem 16. Jahrhundert (in Sebastian Münsters Cosmographia) wurde diesen "verschleppten" Säulen immer wieder nachgespürt. Dabei wurden möglicherweise auch Säulen mit der Ingelheimer Pfalz in Verbindung gebracht, die gar nicht aus Ingelheim stammen. Diesem Problem kann hier nicht im Einzelnen nachgegangen werden. In einer unveröffentlichten Frankfurter Magisterarbeit von Peter Feldmann (von 1993) werden zwanzig Säulen bzw. Säulenfragmente aufgezählt, die - zu Recht oder Unrecht - mit der Ingelheimer Kaiserpfalz in Verbindung gebracht wurden bzw. noch werden.

Ernst Emmerling beschrieb in neun Zeitungsartikeln von 1949 bis 1963 (zusammengefasst in BIG 17) den Standort, die Geschichte und das damalige Aussehen von neun Säulen(schäften). Er stützte sich dabei auf die entsprechende Zusammenstellung von Cohausen 1876. Seiner Darstellung folgend werden hier einige von ihnen im Zustand von 2005 dargestellt.

 


1. Die sechs Säulen der Brunnenhalle des Heidelberger Schlosshofes, vier und der Teil einer fünften Säule (links) aus Granodiorit, die sechste (hinterste) Teilsäule aus Marmor.
Sie wurden vom Pfalzgrafen Philipp dem Aufrichtigen von Ingelheim nach Heidelberg geholt, wo sie sein Sohn Ludwig in die Brunnenhalle hat einbauen lassen, wie es Ottheinrich dem Ingelheimer Kosmographen Sebastian Münster selbst bestätigt hat. Zu Einzelheiten hier!

 

 

 

 

2. Die Oppenheimer Säule als Kriegerdenkmal für den Krieg 1870/71, neben dem Rathaus
Sie war früher in der Burg Landskrone eingebaut, wo sie als einzige Säule die Holzdecke des "Kaisersaales" getragen haben soll, und soll vom Pfälzer Kurfürsten Philipp dem Aufrichtigen (1476-1508) von Ingelheim auf die Burg Landskrone gebracht worden sein. Sie ist die größte der bekannten Ingelheimer Säulen aus granitähnlichem Material.

Neben ihr unser verdientes Vereinsmitglied Margarete Köhler

 

 

 

 

 

3. Ein Säulenschaft im Wiesbadener Park an der Ecke Wilhelmstraße / Frankfurter Straße
Daneben weist eine Tafel auf die Ingelheimer Herkunft hin: "Säule der Kaiserpfalz zu Ingelheim".

Früher soll die Säule im Kloster Eberbach, das zeitweise Besitzungen in Ingelheim hatte, verbaut gewesen sein.

 

 

 

 

 

 

 

4. Ein verkürzter Ingelheimer Säulenschaft in Bingen am Rheinufer
Er wurde unerwartet am 23. August 1991 bei Abbrucharbeiten in der Binger Gerbhausstraße gefunden, vom Gartenbauamtsleiter Bruhn "gerettet" und 1994 für ein Denkmal zu Ehren Victor Hugos, des Verehrers der Rheinromantik, verwendet.

 

 

 

 

 

 

5. Opferstock in der katholischen Kirche "St. Johannes Evangelist" in Großwinternheim
Auch dieses Säulenschaftfragment soll aus der Ingelheimer Pfalz stammen.

Erläuternder Text neben dem Opferstock:

"Der Opferstock stammt aus einer Säule der Ingelheimer Kaiserpfalz mit schmiedeeisernen Arbeiten aus der Wende des 14. zum 15. Jahrhundert.
Der Opferstock ist mit 3 Schlössern gesichert. In diesem wurden Almosen für die Armen das Jahr über gesammelt. Von den 3 Schlössern hatte der Pfarrer, der Küster und der erste Kirchenjurat je einen Schlüssel, nur die drei zusammen konnten diesen öffnen. Heute bittet der alte Zeuge um eine Spende für die Kirche."

 

 

 

 

 

 

 

6. Säule im Kreuzgang von St. Stefan, Mainz
Sie soll aus demselben "Granit" bestehen, ist aber rot überstrichen. Das Mainzer Stefansstift besaß von 1270 bis zur Französischen Revolution das Recht auf die Einkünfte des Nieder-Ingelheimer Zehnten.

Der Kreuzgang wurde 1499 errichtet, als der Ingelheimer Reichsbesitz schon über 100 Jahre verpfändet war.

 

 

 

7. Der am weitesten nördlich gelegene Ort, an den es Ingelheimer Säulen verschlagen haben soll, ist die Burg Reichenberg im gleichnamigen Ort (an der B 274 von St. Goarshausen nach Nastätten, nach ca. 5 km).

Die Burg, die früher den Grafen von Katzenelnbogen gehörte, ist heute in Privatbesitz, steht z. Z. (2005) zum Verkauf und kann nicht allgemein besichtigt werden. Die Grafen von Katzenelnbogen hatten auch in unserer Region Rechte und Besitzungen, so in Engelstadt, Ockenheim und Stadecken (Burg Stadeck).

 

 

 

8. Die Grab-Säule auf dem Mainzer Hauptfriedhof (Grabstätte Leroux-Gaßner, Fläche 16, nach der Restaurierung des Grabmales im Jahre 2006)

Die Säule soll früher in der Sakristei der 1793 zerstörten Liebfrauenkirche (neben dem Dom) als Mittelstütze gedient haben. Nach Mainz könnte sie in der Verpfändungsphase des Ingelheimer Grundes im 14. Jahrhundert gekommen sein, als zeitweise auch Mainzer das Pfandrecht in Ingelheim hatten. Nachdem diese Kirche 1793 beim Bombardement durch deutsche Reichstruppen zerstört worden war und 1803 abgebrochen wurde, ließ sie der französische Buchhändler Augustin Leroux für sein Grabmal kaufen und auf den neu angelegten Friedhof bringen. Er starb 1806.

Auf der oberen Platte steht eine Urne aus dem gleichen Material wie der Säulenschaft, wohl aus einem Bruchstück davon. Von Cohausen (s. u.) glaubte aus ähnlichen Säulen in Mettlach und Paris ihre ursprüngliche Höhe errechnen zu können: ca. 11 Fuß.

Sie ist heute Bestandteil eines Familiengrabes der Familie Gaßner: großes Bild hier!

 

Anders als die vorher hier abgebildeten Säulen besteht die Friedhofssäule nicht aus einem granitähnlichem Material, sondern aus "Verde antico" bzw. "Verdello", einer grünlichen, grob gemusterten Marmorart aus Griechenland (Peloponnes).

Carl August von Cohausen hat sie 1852 so beschrieben: "Eine hellgrüne Grundmasse zieht sich um nierenförmige und sanfteckige Stücke, die zwischen Erbsen- und Faustgröße wechseln. Diese Stücke sind graugrüner gemeiner Serpentin, schwarzgrüner edler Serpentin und weißer kristallinischer Marmor.“

Ähnliche Säulen, die aber natürlich nicht in Ingelheim verbaut gewesen sein müssen, gab es nach Cohausen noch in Mettlach (2) und Paris (4). Die Mettlacher Säulen kannte Cohausen aus seiner Zeit als Leitender Direktor der Keramikfabrik Boch in Mettlach (s. u.!).

 

 

 

 

 

 

Rechts die zwei von Cohausen gemeinten Säulen aus griechischem Verdello im ehemaligen Kreuzgang der Mettlacher Abtei, schön blank geputzt. Der Kreuzgang gehört jetzt zum Verwaltungssitz der Firma Villeroy & Boch, bei der von Cohausen zeitweise beschäftigt war.

Sie sind durch den Hinterausgang in den öffentlichen Park gut erreichbar.

 

Wenn alle die der Ingelheimer Pfalz zugeschriebenen Säulenschäfte hier tatsächlich in karolingischer Zeit verbaut waren, dann muss man feststellen, dass sie zumindest aus vier verschiedenartigen Materialen bestanden haben.

Welche Säulenart aber zu welchem Gebäude gehört hat, lässt sich heute nicht mehr feststellen.

Links das granitartige Granodiorit, in der Mitte tectonisierter Quarzit-Marmor (diese beiden im Museum); rechts die aus Verdello vom Mainzer Hauptfriedhof



Und woher stammten die Ingelheimer Säulen?

Die Andersartigkeit der Friedhofssäule (und der Mettlacher Säulen) führt zu der Frage, woher die Baumeister Karls des Großen ihre Säulen eigentlich bezogen haben, denn selbst herstellen konnten die Karolinger sie nicht. Die in römischer Zeit betriebenen Steinbrüche waren längst geschlossen.

Dazu gab es in der Vergangenheit zwei Meinungen:

1. Mehrere frühmittelalterliche Quellen, auf die sich auch Sebastian Münster in seinem Text über Ingelheim stützt, erwähnen, dass Karl sich wertvolle Bauteile (Marmor, Mosaik und Säulen) aus Italien beschafft habe; erwähnt werden Ravenna und Rom als Herkunftsorte. Näheres dazu hier! Ausführlich hat Günther Binding 2003 die Probleme bei der Beschaffung und dem Transport von hochwertigen Säulen im Frühmittelalter, auch aus Rom, beschrieben.

2. Forscher des 19. und 20. Jahrhunderts hingegen, beginnend mit August von Cohausen (1876) und Paul Clemen (1890), waren der Meinung, dass die vielen Säulenschäfte der Ingelheimer Pfalz nicht über solche weiten Wege und vor allem nicht über die Alpen transportiert worden sein könnten, sondern dass sie aus römischen Ruinen unserer Region stammen müssten, für die sie z. B. in den römischen Granitsteinbrüchen im Odenwald bei Bensheim („Felsenmeer“) hergestellt worden sein könnten. Cohausen als "Conservator der Alterthümer in Wiesbanden" urteilte nach dem Augenschein und bezeichnete sie nach einem Steinbruch im ägyptischen Syene mit "Syenit". Heute nennt man das Gestein im Felsenmeer Hornblendegranit oder Melaquarzdiorit. Syenite findet man auch in Italien.

Im Jahr 2007 hat sich diese Kontroverse wahrscheinlich klären lassen, denn eine chemisch-petrographische Analyse des Landesamtes für Geologie und Bergbau in Mainz stellte fest, dass alle drei Säulenschäfte im Ingelheimer Museum nicht von den Gesteinen des Felsbergs im Odenwald bzw. aus Auerbach stammen können. Damit ist nicht gesagt, dass nicht andere Säulen der Region, die mit der Ingelheimer Pfalz in Verbindung gebracht werden, z. B. diejenigen In Heidelberg, doch aus dem Odenwälder Steinbruch stammen können; dies müsste jedoch durch weitere Vergleichsanalysen bewiesen werden.

Also doch aus Italien?

Dafür spräche die Herkunft des Materials der rechten Calcit-Marmor-Säule im Museum, die nach der Analyse des Landesamtes entweder aus den Alpen oder dem Apennin stammt. Gewissheit darüber könnten nur weitere Analysevergleiche mit italienischen Säulen bringen, die aber sehr aufwändig und teuer wären. Die acht Säulen aus rotem Porphyr in der Aachener Pfalzkapelle jedenfalls stammen mit Sicherheit aus dem Mittelmeerraum, nämlich aus Ägypten. Auch die Verdello-Säule des Mainzer Friedhofes muss irgendwann aus Griechenland in unsere Gegend gelangt sein, entweder schon in römischer Zeit oder tatsächlich erst durch Karl, was ihren Transport über die Alpen und ggf. auch über den Apennin voraussetzen würde, denn der Seeweg um Italien herum, dann auf der Rhône nach Norden und weiter in unsere Gegend, wäre wohl noch umständlicher gewesen. Aber auch ihn hält Fried/2014, S. 184, für möglich. 

Ein Transport mit Ochsenkarren über ein oder sogar zwei Gebirge - über die Alpen wahrscheinlich auf der Brenner-Passstraße - war eine großartige logistische Leistung. Zum Brenner hinauf wohl über Po, Etsch, Eisack und nach Überwindung des Passes durch Karren wieder auf Flüssen, wahrscheinlich über Inn, Donau, Altmühl, Rezat, Main und Rhein - eine riesige Kraftanstrengung aus politischen Prestige-Gründen!

Als Heutige stehen wir jedenfalls vor dem Phänomen, dass solche Säulenschäfte, Säulenbasen und Kapitelle aus wertvollem Material zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten eine mehrfach wiederholte Verwendung gefunden haben, dass sie sozusagen durch Raum und Zeit gewandert sind (Geißler 2008).

 

Gs, erstmals: 07.08.05; Stand: 19.11.17