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Kämpfe und Einquartierungen im Ingelheimer Grund in Folge der französischen Revolutionskriege

 

 

Autor: Hartmut Geißler


Von 1792 bis 1797 wurde der Ingelheimer Grund immer wieder in die Kämpfe zwischen Franzosen und Reichstruppen um die Festung Mainz einbezogen. Eigentliche Gefechte fanden in Ingelheim kaum statt, die Orte litten aber immer wieder unter Durchzügen, Einquartierungen, erzwungenen Lebensmittel- und Weinabgaben sowie unter Zwangsarbeiten (Schanzarbeiten vor Mainz).

Zweimal befand sich das französische Hauptquartier der Belagerungsarmee in Ober-Ingelheim!

Um die komplizierten Ereignisse dieser Jahre etwas übersichtlicher zu machen, sind die Ereignisse in Ingelheim in der folgenden Tabelle in den Gesamtzusammenhang der Kämpfe gestellt worden, der Dumont entnommen wurde.

Rechts: zeitgenössische Darstellung des französischen Generals Custine

 

Kriegerische Ereignisse von 1792 bis 1797, die Ingelheim betrafen:

Zeit Mainz und Umgebung Ingelheimer Grund Sonstiges
19.10.92 Französische Revolutionstruppen marschieren von Süden durch Nieder-Olm nach Mainz   Jugenheim, Kleinwinternheim werden ausgeplündert (Stroh, Heu, Branntwein, Lebensmittel), aber zunehmend holen die Franzosen diese Abgaben von Kirchenbesitz und Adel.
21.10.92 Übergabe von Mainz an die Franzosen
 
Winter
1792/93
  Fünfzehn Wochen lang liegt eine französische Feldwache auf dem Sporkenheimer Hof (Lehen der Grafen von Ingelheim).  
15.12.92     Änderung der franz. Politik: Aufgabe der Selbstbestimmung, stattdessen in allen eroberten Gebieten Aufhebung der Feudallasten und die Einführung der französischen Staatsform, notfalls mit Gewalt.
Januar bis März 1793 Verfassungs- kampagne zur Wahl des Rheinisch- Deutschen Nationalconvents Kurpfälzisches und nassauisch-zweibrückener Gebiet wird nicht mit einbezogen, damit auch nicht der Ingelheimer Grund.  
18.03.93 Konvent in Mainz beschließt, den „ganzen Strich Landes zwischen Landau und Bingen“ für unabhängig vom Reich zu erklären.    
26./27.
03.1793
Französische Stellungen im Hunsrück und an der Nahe brechen unter dem preußischen Angriff zusammen.    
1.4.1793 Preußische Truppen in Nieder-Olm, Stadecken dient als Hauptquartier    
ab 10.4.
1793
Belagerungsring um Mainz von Preußen, Hessen und Österreichern, die sich  rücksichtslos gegenüber den Bauern der Umgebung verhalten Frei-Weinheim hat in den letzten Monaten von 1792 bis Mitte 1793, also in knapp einem halben Jahr, nicht weniger als 1.920 Mann (Franzosen, später aber auch Preußen und Sachsen) mit 224 Pferden aufzunehmen, die kleinen Trupps, die nur für eine Nacht sich selbst einquartierten, nicht mitgerechnet. Der Ort hat damals nur 166 Einwohner mit 42 Häusern und ungefähr 30 Scheuern.

Am 22.01.1793 ereignet sich ein Artillerieduell auf der Winkeler Au.

In der deutschen Armee begleitet Goethe den Großherzog Karl August von Weimar und nutzt von seinem Quartier bei Marienborn aus die Gelegenheit zu einem Ausflug nach Rüdesheim. Dabei kommt er das erste Mal durch Ingelheim, und zwar am 9. Juni 1793.
Täglich werden Truppen- und Waffentransporte, Schanzarbeiten, Schützengräben und Verpflegung durch Bauern der Umgebung gefordert.
Zu Einzelheiten dieser Zeit in Gau-Algesheim
Mitte Juni 1793 Regelrechte Belagerung von Mainz; einmonatige Beschießung mit Zerstörung vieler Gebäude durch die Reichstruppen Dabei verbrennen im Mainzer Archiv der Reichsritterschaft (Kanton Oberrhein) u.a. auch wertvolle Urkunden, die die alten Privilegien der Ingelheimer enthielten und bis 1728 im Turm der Ober-Ingelheimer Burgkirche aufbewahrt worden waren.

Aus den Resten der dabei auch zerstörten Liebfrauenkirche erwarb später der französische Buchhändler Leroux eine Porphyrsäule, die aus der Ingelheimer Pfalz stammen und als Mittelstütze in der Sakristei verwendet worden sein soll, für sein Grabmal auf dem neuen Mainzer Friedhof (1806).
 
23.07.93 Kapitulation von Mainz, Reichstruppen besetzen die Festung     
seit Mitte 1794 Erneute französische Vorstöße aus der Pfalz in Richtung Mainz Bingen und Frei-Weinheim sind im Juli vorübergehend in französischer Hand.

Die französischen Oberbefehlshaber Michaud und Kléber nehmen Quartier in Ober-Ingelheim (letzterer vom 1.12.94 bis zum 13.02.95).

In Nieder-Ingelheim muss der Konfirmandenunterricht ausgesetzt werden, und die Saalkirche wird von September 1794 an als Magazin und Gefängnis zweckentfremdet.

Pfarrer und Lehrer sind von ihren rechtsrheinischen Auszahlungsstellen abgeschnitten; um Geld für ihre Unterstützung zusammen zu bekommen, wird u.a. der Ingelheimer Wald bei Daxweiler für 40 Jahre verpachtet.
 
Ende 1794 Bau von Schanzen, Schützengräben,  unterirdischen Unterständen auf den Mainzer Höhen; Zwangarbeit der Bauern aus der Umgebung an den Mainzer Linien   Einquartierungen, Frondienste, Verschuldung der Gemeinden, Verwüstung der Felder, Verbrauch des gesamten Weines – die Bauern im Umland von Mainz stehen vor dem Ruin.
Frühjahr 1795   Der französische General Schaal, der den linken Flügel der Einschließungsarmee von Mainz kommandierte, verlegt sein Hauptquartier ("Quartier générale devant Mayence") nach Ober-Ingelheim.
 
Dort nehmen auch die Kontributionskommissare Cavaignac und Merlin de Thionville (Namen anklicken) Quartier.

In Ober-Ingelheim, und in den Orten des Selztales liegt französische Kavallerie, die als Reserve gedacht war.
Bubenheim wird stark beschädigt.

Der Fährbetrieb in Frei-Weinheim muss von November 1795 bis August 1797 völlig eingestellt werden.

Nieder-Ingelheim gerät nun in kriegerische Handlungen. Beschädigungen an Häusern werden gemeldet, als Haubitzenkugeln in den Ort fallen. Dazu müssen die Gemeinden zur Deckung der durch den Krieg entstandenen Schulden Kapital aufnehmen und ihren Pfarrern und Lehrern, die von den Auszahlstellen ihrer Gehälter getrennt sind, Unterstützungen gewähren.


29.10.95 Aufsprengung des französischen Belagerungs- ringes um Mainz durch die österr. "Erstürmung der Mainzer Linien", Flucht der Franzosen.
In den nächsten Monaten liegen nur kaiserlich- österreichische Besatzungen rund um Mainz.
Das französische Hauptquartier in Ober-Ingelheim wird verlassen, die Franzosen ziehen sich westwärts über die Selz zurück. 
Der Kommissar Merlin de Thionville verliert dabei seinen großen Reisewagen in Nieder-Ingelheim.
Dabei wird Jugenheim sechs Stunden lang brutal geplündert.
bis
Ende 1795
Französische Rückeroberung von Rheinhessen und eines Teiles der Pfalz    
Anfang 1796 Allmählicher Rückzug der Österreicher in die Festung Mainz    
April bis Juli 1796 Erneute französische Belagerung von Mainz   Verbrennung Schwabenheims wegen eines Attentats auf franz. Soldaten; Großwinternheim entgeht demselben Schicksal nur knapp.
1797   wieder französisches Hauptquartier in Ober-Ingelheim  
Weih- nachten 1797 Abzug der österreichischen Truppen aus Mainz nach dem Frieden von Campo Formio vom 17.10.97    
30.12.97 erneuter Einzug der Franzosen in die Festung Mainz    

 

Erst der Friedensvertrag von Campo Formio 1797 zwischen Österreich und Frankreich brachte also den Ingelheimern nach fünfjährigem Krieg wieder Ruhe, er war allerdings verbunden mit der faktischen Abtretung des gesamten linken Rheinufers an Frankreich.

Danach reorganisierte die Regierung in Paris die hiesige Verwaltungsstruktur (anfangs durch den Elsässer Juristen Franz Joseph Rudler), indem sie ab 1798 die neu gewonnenen Gebiete schrittweise in die französische Departementsverfassung einbezog.

Die Orte des Ingelheimer Grundes (und einige mehr) wurden zum Kanton Oberingelheim zusammengeschlossen. Es begann eine Zeit von 15 Jahren, in denen die Ingelheimer Dörfer zu Frankreich gehörten.

Nach der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 rückten erneut die deutschen und verbündeten Truppen über den Rhein vor. Nun machten vor allem die Russen den Ingelheimern viel zu schaffen, wobei das kleine Frei-Weinheim als Übersetzplatz über den Rhein besonders mitgenommen wurde. Einen Bericht vom 28. Januar 1814 über das Auftreten und Verhalten der Russen in seiner Gemeinde schließt der Frei-Weinheimer Maire (Bürgermeister) mit den elegischen Worten "sie (die Russen) waren uns nicht geneigt". Sein Ort hatte auch besonders viel unter den wilden Einquartierungen (von Versprengten und Drückebergern) zu leiden. So berichtet er aus dieser Zeit, dass die einquartierten Kosaken zu 15 Regimentern gehörten.

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Gs, erstmals: 26.11.06; Stand: 08.02.17