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Ludwig der Fromme in Ingelheim


Autor:  Hartmut Geißler;
stark erweiterte Fassung des Ausstellungstextes von 2001 von Dr. Gabriele Mendelssohn

Zu Ludwigs allgemeinen Lebensdaten

 

Vorbemerkungen

Im Unterschied zu seinem Vater Karl, der nach Einhard den Bau des Ingelheimer Palastes "begonnen" hatte, hat Ludwig diesen außergewöhnlichen Palast und die Ressourcen des hiesigen Königslandes und Königshofes oft genutzt, und zwar für hochrangige Veranstaltungen. Seine belegbaren Aufenthalte hier werden im Folgenden in den Handlungszusammenhang des jeweiligen Jahres gestellt, die (Reichs-) Versammlungen ("conventus" oder "placitum" = das beschlossene Treffen) und die wichtigen Ereignisse in den anderen Jahren werden in Klammern eingefügt.

Am Ende wird eine zusammenfassende Charakterisierung von Ludwigs Ingelheimer Aufenthalten versucht. Da die Annales regni Francorum mit ihren ausführlichen Tätigkeitsberichten mit dem Jahr vor dem Aufstand gegen Ludwig (830) abbrechen, sind wir für die letzten elf Jahre seiner Regierungszeit auf andere Quellen unterschiedlicher Qualität angewiesen, auf die beiden Biografien Ludwigs (Vita des "Astronomus" mit einigen Datierungsirrtümern, die Gesta des Theganus, eines Trierer Chorbischofs) und die beiden Annalensammlungen (Annales Bertiniani - Teil II von Ludwigs Kapellan - und Annales Fuldenses, wohl in Mainz verfasst). Zwischen diesen vier Berichten gibt es aber manchmal Unstimmigkeiten.

Die Ortsbezeichnungen werden auch innerhalb derselben Quelle oft unterschiedlich angegeben; sie schwanken zwischen reinen Ortsnamen (z. B. Ingulenheim) und den Begriffen "villa", also Königshof, und "palatium", also Palast (dies bei Urkunden). Informationen darüber, wann der Palast in Ingelheim als solcher benutzt wurde, kann man daraus kaum entnehmen. Man muss ohnehin immer alle drei bzw. vier Aspekte zusammen denken: Der Königshof mit dem Königsland lag in oder bei einem Ort und besaß oftmals einen besonders aufwändig (aus Stein) gebauten Palast, der aber ohne den Königshof mit Land und Leuten gar nicht benutzbar gewesen wäre, denn die Tausende von Menschen und Tieren mussten ja auch versorgt werden. Also gilt auch für Ingelheim: ohne den Belzer bei der Remigiuskirche keine "Kaiserpfalz"!

Thionville/Diedenhofen an der oberen Mosel, eine schon in Merowingerzeiten oft aufgesuchte Pfalz, besaß sicherlich aufwändige Palastgebäude; ihre alte lateinische Bezeichnung "Theodonis villa" wurde geradezu zum Ortsnamen "Thion-ville" und deswegen meist so benutzt.

 

Ludwig in Ingelheim im Umfeld seiner sonstigen Aktionen


791 Nach Ostern (27. März) und vor August: Aufenthalt des 13jährigen Königs von Aquitanien Ludwig in Ingelheim. ("Patri regi rex Hludovicus Engelheim occurrit, inde Hrenesburg cum eo abiit" (Astronomus, cap. 6) = Den König und Vater traf König Ludwig in Ingelheim, von wo er mit ihm nach Regensburg reiste)

(814 Tod Karls des Großen - Ludwig tritt als einziger überlebender Sohn Karls seine Nachfolge an; Versammlung in Aachen)

(815 Versammlung in Paderborn; Überwintern in Aachen)

(816 Versammlung im  "Palatium" von Compiègne (Ann. Fuld.); Kaiserkrönung Ludwigs durch Papst Stephan in Reims; Ludwig nach Aachen)

817 Im Januar verhandelt Ludwig in Compiègne mit Gesandten der dänischen Göttrik-Söhne, die sich über Feindseligkeiten des Heriold beklagen. Er misstraut ihnen und schickt Heriold Hilfe. Jagd bei Nijmegen/Nimwegen. Im Juli hält er in Aachen eine Versammlung ab, in deren Verlauf er seinen erstgeborenen Sohn Lothar zum Mit-Kaiser krönt, während er die anderen Söhne zu Königen in Aquitanien und Bayern macht. Als er danach - wohl am Rhein entlang - in den Wasgenwald (Pfälzer Wald/Vogesen) ziehen will, um dort zu jagen, begegnen ihm unterwegs Gesandte des Kaiser Leo V. von Byzanz; er empfängt sie "in Ingilenhaim palatio iuxta Mogontiacum civitatem" (im Palast zu Ingelheim bei Mainz), und als er hörte, dass ihre Botschaft keine andere sei als die, welche erst vor kurzem Niciforus als Gesandter desselben Kaisers überbracht hatte, entließ er sie bald wieder und reiste weiter, wohin er [eigentlich] wollte." (Ann. r. Fr.) - Zurück in Aachen erfährt er von einem Aufstand seines Neffen Bernard in Italien und befiehlt ihm nach Chalons-sur-Saône zu kommen; dort im Spätherbst Versammlung.

(818 Überwinterung in Aachen; allgemeine Versammlung in Vannes/Bretagne; Krieg in der Bretagne gegen Marman; Tod seiner Frau Irmingard; bei der Rückkehr nach Aachen Gesandtenempfang in der Pfalz Herstal)

819 Nach einer Winter-Versammlung in Aachen im Januar heiratet er auf Anraten seiner Berater die junge Judith. Im Sommer hält er seine erste Ingelheimer Versammlung ("apud Ingilunheim palatium" (Ann. r. Fr.) ab, vom 19. Juli bis zum 7. August. Clemen (1890) hält deswegen dieses Jahr für den Zeitpunkt, an dem der Bau des Kaiserpalastes vollendet war. Verhandelt wird über den Aufstand des Slowenenfürsten Liudewit. Weitere Themen sind vermutlich die Unruhen im Baskenland und der dänische Thronstreit, denn dem von Ludwig unterstützten Heriold wurde die Teilhabe an der dortigen Königsherrschaft verweigert. Danach über  Kreuznach ("Cruciniacum") nach Bingen ("Bingium") und von dort aus mit dem Schiff den Rhein hinab nach Koblenz ("Confluentem"), dann zum königlichen Jagdrevier in den Ardennen; Überwintern in Aachen

(820 Versammlungen in Aachen und Quierzy)

(821 Versammlungen in Aachen, Nijmegen/Nimwegen und Thionville/Diedenhofen; Sommer und Herbst Jagd in den Vogesen)

(822 Beratung in Aachen, Versammlung in Attigny; Herbstjagd; Überwinterung in Frankfurt in zu diesem Zweck neu gebauten Gebäuden (Astronomus))

823 Nach der Überwinterung in Frankfurt hält er dort von Mai bis Juni eine große Versammlung ab und lädt für ein zweites Treffen im November in die Pfalz Compiègne ein. Vom 27. Juli bis zum 21. August urkundet Ludwig dreimal im Ingelheimer "Palatium", ohne dass dieser Aufenthalt in Annalen verzeichnet wäre. Es heißt dort nur, dass er den Rest des Sommers im Wormsgau verbracht habe. Bei dieser Gelegenheit könnte er freilich auch einige Tage in Ingelheim gewesen sein. Einer der Empfänger einer Urkunde war der Abt Adalhard von Corbie, denn das Kloster Corvey an der Weser wurde damals von Ingelheim aus gestiftet. Danach reist der Kaiser weiter über Koblenz zur Herbstjagd in die Ardennen, bevor er zur Versammlung in Compiègne weiterreist.

(824 Versammlung in Compiègne)

(825 zwei Versammlungen in Aachen)

826 Nach der Überwinterung in Aachen kommt Ludwig am 1. Juni in Begleitung seiner Gemahlin, seiner Söhne Lothar und Karl sowie des ganzen Hofstaates nach Ingelheim ("ad Ingilenheim"). Hier findet eine große Versammlung statt ("conventu non modico" - bei einer nicht bescheidenen Versammlung; Ann. r. Fr.). Gleichzeitig wird eine Synode der Bischöfe abgehalten. Verhandelt wird über die Unruhen an den Grenzen des Reiches im Gebiet der Dänen, der Abodriten und Sorben, in der Bretagne und der pannonischen Mark. Es werden zahlreiche Gesandtschaften aus verschiedenen Ländern empfangen. Die wichtigste kommt vom Papst und wird vertreten durch Bischof Leo von Centumcella (Civita vecchia) und den Nomenclator Theophylaktus. Die Verhandlungen drehen sich vermutlich um die Frage der Bilderverehrung (s. Bilderstreit in Byzanz). Aus dem Heiligen Land reist der Abt des Klosters auf dem Ölberg bei Jerusalem, Dominikus, an. Mit den Gesandten der Göttriksöhne aus dem Gebiet der Dänen wird über die innerdänischen Auseinandersetzungen mit Heriold verhandelt. Weiterhin kommen Große der Abodriten und Sorben sowie aus der Bretagne, außerdem die Grafen Baldrich und Gerold aus der pannonischen Mark. Am 24. Juni wird der abgesetzte Dänenkönig Heriold/Harald mit seiner Familie und großem Gefolge in der Mainzer Kirche St. Alban getauft. Diesen Akt feierte Ermoldus als Höhepunkt der christlichen Herrschertätigkeit Ludwigs, weil er offenbar daran die Hoffnung knüpfte, dass die Wikingergefahr nun ein Ende nähme. Die Tauffeier dürfte in Ingelheim stattgefunden haben.
Ein Georgios aus Venedig bietet in Ingelheim den Bau einer Orgel wie in Byzanz an und wird zu ihrem Bau mit Geld nach Aachen geschickt. Schon Karl der Große ließ 812 die mitgebrachte Orgel einer byzantinischen Gesandtschaft nachbauen. Das Modell einer solchen byzantinischen Doppelorgel ist im Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz zu besichtigen:

frühmittelalterliche byzantinische Doppelorgel (Nachbau)
Zeitgenössische Orgeldarstellung aus dem Utrecht-Psalter (um 830!), wo König David sie spielt

 

Im Oktober findet nach der obligatorischen Herbstjagd bei der Pfalz Salz (Landkreis Rhön-Grabfeld), wo Ludwig auch Gesandte empfängt, die angekündigte zweite Versammlung in Ingelheim ("ad Ingilunhaim") statt. Es erscheinen der Abodritenherzog Ceadrag und der Sorbenhäuptling Tunglo, um sich wegen des gegen sie erhobenen Vorwurfs der Treulosigkeit zu verantworten. Danach Winter in Aachen.

(827 zwei Versammlungen in Niumagus=Nijmegen? und Compiègne; Winterjagd bei Compiègne und Quierzy)

828 Noch im Winter (Februar) hält Ludwig in Aachen eine Versammlung ab. Ludwig beschließt, seine Söhne Lothar und Pippin mit einem Heer in die spanische Mark zu senden, weil ein erneuter Sarazeneneinfall befürchtet wird, und trifft die erforderlichen Anordnungen. Weiterhin empfängt der Kaiser bei einer für den Juni angesetzten Versammlung ("placitum") in Ingelheim ("ad Ingilinheim villam", Ann. r.  Fr.) eine Gesandtschaft des Papstes Gregor IV. Diese Versammlung dauert, wie die Annalen verzeichnen, ungewöhnlich lang: "per aliquot dies" - eine ganze Reihe von Tagen lang. Die beiden Notare, der Primicerius Quirinus und der Nomenclator Theophylaktus, sind mit reichen Geschenken angereist. Danach begibt er sich nach Frankfurt, von dort über Worms nach Thionville/Diedenhofen. Im November kehrt er wieder nach Aachen zum Winteraufenthalt zurück. In diesem Jahr verärgert der Däne Heriold den Kaiser durch vorzeitige und eigenmächtige Aktionen gegen Dörfer der Gottrik-Söhne.

(829 von Aachen am 1. Juli zur allgemeinen Versammlung nach Worms; Herbst-Jagd bei Frankfurt; zurück nach Aachen)

(830 Fastenzeit an der Meeresküste (Astronomus); "Conventus" in Aachen; Aufstand der Söhne gegen Ludwig und seine Frau Judith, Entmachtung Ludwigs in Compiègne; Verbannung seiner Frau Judith in eine Kloster; Reichsversammlungen in Compiègne und im Oktober in Nijmegen/Nimwegen; dort gewinnt Ludwig wieder die Oberhand. Es scheint so gewesen zu sein, dass Ludwig selbst eine größere Anhängerschaft im nordöstlichen Reichsteil hatte, seine Söhne hingegen eher im westlichen und südlichen Reichsteil der Francia.)

831 Beim Überwintern in Aachen hält Ludwig in Nijmegen/Nimwegen (Ann. Bert.) um den 1. Februar eine Versammlung ab, auf der er allen verzeiht, die sich im Vorjahr gegen ihn aufgelehnt haben (Ann. Fuld.). Um den 1. Mai kommt er nach Ingelheim "ad Ingulehem" (Ann. Bert.) und bleibt hier einen Monat lang. Dabei versöhnt er sich mit seinem Sohn Lothar und begnadigt Verbannte. Danach reitet er zum Fischen und Jagen nach Remiremont (Elsass), und eine weitere Versammlung findet anschließend mit vielen Gesandtschaften in Thionville/Diedenhofen statt. Zum Überwintern hält er sich wieder in Aachen auf.

(832 das "generale placitum" (Ann. Bert.), die allgemeine Versammlung, wird nach Orléans ("in Aurelianis civitate") einberufen, aber nach Mainz ("Maguntiam") verlegt, weil Ludwig gegen seinen aufständischen Sohn, den gleichnamigen Ludwig, nach Alemannien ziehen wollte; Versammlung in Augsburg  ("Augustburg super Lech", Ann. Bert.); allgemeine Versammlung in Orléans; Weihnachten in Le Mans)

(833 Ludwig erfährt in Aachen von einem erneuten Aufstand seiner Söhne, zieht rheinaufwärts, feiert Ostern und Pfingsten in Worms und wird im Elsass (Colmar) erneut entmachtet und im Kloster Saint-Medard in Soissons inhaftiert. Das Reich wird neu unter den Söhnen aufgeteilt. Auf einer Versammlung in Compiègne tut Ludwig feierlich Buße für alle seine Verfehlungen, wird aber unter der Kontrolle von Lothar in Gefangenschaft gehalten.)

(834 Ludwig wird nach Saint-Denis bei Paris verlegt, kann aber erneut frei kommen; Versammlung in Saint-Denis, Versammlung in Attigny, Ludwig wird wieder als König anerkannt und kehrt nach Aachen zurück. Die friesische Stadt Durstede wird von Normannen verwüstet. Nach einem Feldzug dorthin zieht Ludwig nach Orléans. Dort Versammlung, Überwinterung in Thionville/Diedenhofen)

(835 Weihnachten in Metz, Versammlung und Synode im "palatium" (Ann. Bert.) von Thionville/Diedenhofen; Ostern ebendort; Versammlung in Tramoyes (?) bei Lyon (Astronomus c. 57, Anm. 869); Jagd in den Ardennen, Überwintern im palatium (Ann. Fuld.) von Aachen; von dort nach Thionville; Weihnachtsfest in Metz)

836  Februar/März Versammlung in Thionville/Diedenhofen ("in villa Theodonis" - Ann. Bert. II, "in palatio" - Ann. Fuld) ab, Ostern und Pfingsten in Metz, nach der Jagd eine zweite Versammlung in Worms, dann zum Jagen zur Pfalz ("palatio" - Ann. Bert.) Frankfurt, von wo aus er im Spätherbst zuerst den alten Berater Einhard bei seinen Heiligen Marcellinus und Petrus in Seligenstadt besucht und anschließend auf der Durchreise nach Aachen Station in Ingelheim macht (Ann. Fuldenses: "ad Ingilemheim"). Mehr erfahren wir dazu nicht; er könnte hier, mit dem Boot vom Main her kommend, gelandet sein und sich erst einmal erholt haben, bevor er nach Aachen weiterreiste, vielleicht wieder mit einem Schiff bis Sinzig.

(837 Winter-Versammlung in in Aachen, im Mai in Thionville/Diedenhofen, Versammlung in Nijmegen/Nimwegen wegen der dortigen Normannengefahr; dann in der Bretagne Unterdrückung eines Aufstandes; Versammlung in Aachen mit neuer Verteilung seines Erbes; Überwintern in Aachen)

(838 Versammlung in Nijmegen/Nimwegen im Mai/Juni und in Quierzy im August; Besuch von Paris, Oktober in Attigny; nach der Herbstjagd nicht wie angekündigt in Frankfurt, sondern in Mainz, weil die Pfalz in Frankfurt von seinem aufständischen Sohn Ludwig besetzt gehalten wurde. Wo lagerten damals die Truppen? Etwa auf dem Ingelheimer Freigelände, während sich Ludwig selbst im besser schützenden Mainz aufhielt?)

839 Weihnachten (838) und den Winter verbringt Ludwig in Mainz; sein Sohn verlässt Frankfurt und zieht sich nach Bayern zurück; Ludwig verbringt darauf die Fastenzeit in Frankfurt und Ostern am Bodensee (Pfalz Bodmann oder Konstanz: "villam regiam" - Ann. Bert.). Im Mai jedoch hält er sich wieder in unserer Gegend auf, in Worms, und empfängt in Ingelheim ("in Ingulenheim" - Ann. Bert.; keine Erwähnung in den Ann. Fuld.) eine Gesandtschaft des byzantinischen  Kaisers Theophilus, darunter auch "Sueonen" (= Schweden) aus dem Volke "Rhos" (also frühe "Russen"?); Verhandlungen über Friedens- und Freundschaftsverträge finden statt; Versammlung in Worms;  im Herbst Feldzug in Aquitanien, um dort seine Reichsteilungsregelungen durchzusetzen; September Versammlung in Chalons-sur-Saône; Jagd in den Ardennen; den Winter über in Poitiers.

840 Im Februar erfährt Ludwig in Poitiers von einem erneuten Aufstand seines Sohnes Ludwig in den rechtsrheinischen Gebieten. Er zieht mit einem Teil des Heeres nach Aachen, feiert dort Ostern und zieht von dort nach Thüringen gegen seinen Sohn, obwohl es dem 62jährigen Kaiser gesundheitlich schon längere Zeit schlecht geht. Der Astronomus berichtet von Schleim in der Lunge und einem Geschwür, von Magenbeschwerden, Brustbeklemmungen und Schluckbeschwerden. Auf der Rückkehr von diesem Feldzuge erkrankt der alte Kaiser heftiger, und zwar im Mai 840 in Salz/Rhön. Man bringt ihn zunächst nach Frankfurt, dann main- und rheinabwärts bis auf eine Rheininsel bei Ingelheim, wo Sommerzelte für einen längeren Aufenthalt aufgeschlagen werden. War er nicht mehr transportfähig? Nach angeblich 40tägigem Fasten (Astron. c. 63) stirbt er hier am Sonntag, dem 20. Juni 840, im 63. Lebensjahr.

Die Annales Bertiniani (MGH SS, S. 24) berichten zum Ort seines Todes: "in insula Rheni infra Maguntiam ad prospectum Ingulenheim palatii sita" - auf einer Insel flussabwärts von Mainz, mit Blick auf den Palast in Ingelheim.

An seinem Totenlager bei Ingelheim waren anwesend:
- Erzbischof Otgar von Mainz
- Erzbischof Heti von Trier
- sein Halbbruder, der Erzkapellan Drogo
- und eine große Anzahl anderer Geistlicher.

Seine Frau Judith und sein Sohn Karl waren weit weg in Aquitanien, Lothar in Italien, und Ludwig der Deutsche als Rebell in Bayern.

Seinen Leichnam ließ sein Halbbruder, der Bischof Drogo von Metz  in das Familiengrab im St. Arnulfskloster zu Metz bringen, wo auch Ludwigs Mutter, die Königin Hildegard, bestattet war. Der sterbende Kaiser hatte noch Verfügungen über seine bewegliche Habe getroffen. Drogo erhielt den Auftrag, von den Beamten seiner Kammer ein genaues Inventar seiner Kleinodien, Kronen, Waffen, Gefäße, Bücher und Paramente aufnehmen zu lassen. An Lothar wurden die Reichsinsignien gesandt. Als Grabmal wählt Drogo einen spätantiken Sarkophag aus, der den Zug der Israeliten durch das Rote Meer und ihre Verfolgung durch die Ägypter zeigt - ein Symbol der Taufe und des Triumphes über den Tod.

Sogleich kehrte sein Sohn Lothar aus Italien zurück und riss die Herrschaft an sich (Chronik des Abtes Regino von Prüm).


Bei welchen Gelegenheiten hat Ludwig die Ingelheimer Pfalz benutzt, welche Bedeutung hatte sie für ihn?

Eichler stellte fest, dass unter den 61 Reichsversammlungen Ludwigs (im weitesten Sinne), die er ermittelte, 18 in Aachen stattfanden und auch fast alle anderen im zentralen Bereich der Francia zwischen Seine und Rhein (S. 54 f.). Diesen Bereich unterteilte er noch einmal in drei Regionen: eine zentrale Pfalzengruppe mit Aachen, Nimwegen und Diedenhofen, eine westliche Gruppe mit Compiègne, Quierzy und Attigny und eine östliche mit Ingelheim, Worms und Frankfurt.

Anders als später unter den Ottonen scheinen die Termine hoher kirchlicher Fest für die Reichsversammlungen Ludwigs keine Rolle gespielt zu haben, außer dem für ihn anscheinend symbolischen Termin des Reinigungsfestes Mariae im Februar und der Vermeidung der Fastenzeit (Eichler, S. 70 f.).

Im Jahr 817, also drei Jahre nach seinem Regierungsantritt, benutzte er zum ersten Mal das ausdrücklich erwähnte Palatium in Ingelheim. Als er auf dem Weg zur Jagd in den Vogesen war, trafen ihn unterwegs Gesandte aus Byzanz, und er empfing sie gewiss nicht zufällig in diesem auf Repräsentation angelegten Ingelheimer Palast. Aber besonders bekannt scheint dieser Palast damals noch nicht gewesen zu sein, denn der Verfasser der Annales r. Fr. setzt eigens hinzu, wo sich dieses Ingelheim eigentlich befand: bei der Stadt Mainz. "Ingilenheim" wurde praktisch wohl erst durch die vielen bedeutenden Versammlungen Ludwigs und später literarisch durch Einhards Karlsbiografie (um 830 verfasst und verbreitet) als herausragend bekannt!

Zwei Jahre später, 819, hielt er hier seine erste große Versammlung ab ("conventus"), und diesmal blieb er - sicher zusammen mit seinem Gefolge - fast drei Wochen lang hier. Und danach war Ingelheim (und sein Wein, möchte man hinzufügen) im Reich besser bekannt.

Im Jahre 823 könnte sich Ludwig auch ohne den Anlass einer Reichsversammlung im Juli und August in Ingelheim aufgehalten haben, denn es wurden hier drei Urkunden in seinem Namen für Klöster ausgefertigt, und zwar „in palatio“. Er oder auch nur seine Beamten benutzten somit einen Aufenthalt hier, über den wir nichts weiter wissen, zum Regierungshandeln, so zur Stiftung des Klosters Corvey an der Weser. Rosamond McKitterick (S. 166 ff.) weist am Itinerar Karls überzeugend nach, dass keineswegs alle Urkunden in Karls Namen auch in seiner Anwesenheit ausgestellt wurden. Diese Erkenntnis dürfte auch für Ludwig gelten.

Die beiden Versammlungen des Jahres 826, wiederum drei Jahre danach, im Juni ("conventu") und im Oktober ("generali conventu"), bilden den Höhepunkt seiner Nutzung der Ingelheimer Pfalz. Zwei Reichsversammlungen pro Jahr waren nach Hinkmar von Reims (De ordine palatii, cap. VI = cap. 29, im Jahr 882) die Norm. Sie dürften jedoch die Ressourcen des Ingelheimer Königslandes völlig erschöpft haben, denn ein zweites Mal hielt Ludwigs Regierung keine zwei Versammlungen im selben Jahr hier ab. Dieses „Ingelheimer“ Jahr 826, dessen Verlauf in den Annales r. Fr. ausführlich beschriebenen wird, ist in er Tat beeindruckend. Zu der Sommerversammlung, die ausnahmsweise als "conventu non modico" (nicht maßvoll), d. h. etwa als "ziemlich prunkvoll" charakterisiert wurde, waren viele Gesandtschaften aus aller Herren Länder gekommen. Lag hierin vielleicht der Anlass für Ermoldus Nigellus, die Taufe des Dänen Heriold zum Höhepunkt von Ludwigs christlichem Handeln zu stilisieren? Eigentlich war der Besuch des schon lange entmachteten dänischen Königs ein eher nebensächliches Ereignis mit einer langen Vorgeschichte am Rande von viel wichtigeren Verhandlungen; von Ermoldus wurde seine Taufe jedoch als das Ende der Wikingergefahr gefeiert – ein Irrtum, wie sich bald zeigen sollte.

Im Jahre 828, nach weiteren zwei Jahren, folgte die nächste Versammlung (diesmal "placitum") in Ingelheim, die eine ganze Reihe von Tagen dauerte („per aliquot dies“), wie die Annales r. Fr. betonen.

Drei Jahre später (831) hielt sich Ludwig mit seinem Gefolge den ganzen Mai über in Ingelheim auf und versöhnte sich hier mit den Aufständischen des Vorjahres. Diese Ingelheimer Veranstaltung nimmt eine Mittelstellung zwischen den beiden Versammlungen dieses Jahres ein, vorher in Aachen und anschließend noch in Thionville/Diedenhofen. Es sieht so aus, als ob dies Ludwigs letzte Versammlung in Ingelheim gewesen ist.

Erst fünf Jahre später (836) lesen wir in den Annalen aus Fulda, dass er auf der Rückreise vom Main in Ingelheim Station machte; mehr erfahren wir dazu nicht.

Wieder drei Jahre später (839) benutzte er noch einmal den glänzenden Palast seines Vaters, um erneut mit einer byzantinischen Gesandtschaft zusammen zu treffen. Aufgehalten hatte er sich im Winter davor in Mainz, zur Vorbereitung des Feldzuges gegen seinen abtrünnigen Sohn rechts des Rheines, nicht etwa in Ingelheim, das zum Winteraufenthalt wohl nicht geeignet war. Seine Truppen versammeln sich danach in Tribur, auf der anderen Rheinseite, aber der Empfang der Byzantiner fand in Ingelheim statt.

Im Jahr darauf (840) konnte der sterbende Kaiser gerade noch auf dem Schiff von Frankfurt bis nach Ingelheim gebracht werden, wo er nach mehreren Tagen in seinem Sommerzelt auf der Rheininsel mit Blick auf seinen oft benutzten und wohl auch geschätzten Palast verschied.

Zusammenfassung:

Ludwig benutzte den Palast in Ingelheim häufig, meistens im Abstand von zwei bis drei Jahren, und zwar im Sommerhalbjahr, einmal auch im Mai und einmal im Herbst, niemals aber im Winter, wenn er sich überwiegend in Aachen aufhielt, aber auch nicht, wenn er in der Nähe (in Mainz) war. In Frankfurt waren eigens für Winteraufenthalte geeignete Gebäude errichtet worden, in Ingelheim offenbar nicht. Dass das Ingelheimer Königsgut aber auch Lebensmittel für einen Aufenthalt in Mainz beschaffen musste, ist wahrscheinlich. Ein einziges Mal nutzte er die Ressourcen von Ingelheim sogar für zwei Reichsversammlungen im selben Jahr. Auffällig ist, dass er gern byzantinische Gesandte, wenn nicht in Aachen, dann hier empfangen hat, vielleicht weil dieser Palast als Gebäudeensemble besonders schön gelungen war, besonders repräsentativ. Einhard dürfte mit seiner Heraushebung wohl die herrschende Meinung am Hofe wiedergegeben haben. Für die karolingische Zeit müsste man den Ingelheimer Palast, dessen Bau Karl hatte anfangen lassen, deshalb eher die "Pfalz Ludwigs des Frommen“ als die "Pfalz Karls des Großen“ nennen.

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Gs, erstmals: 04.08.05; Stand: 22.10.17