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Römische Straßen und ein Vicus in Ingelheim


Autor: Hartmut Geißler
unter Mithilfe von André Madaus und Anke Karioth (2017)

 

Eine römische "Straße" (Via strata) war tief ausgehoben und meistens geschottert. Nur sehr selten, etwa an wichtigen Stellen wie in Siedlungen, war sie mit einem Plattenbelag (pavimentum) gepflastert. Durch einen gewölbten Straßenkörper und begleitende Gräben wurden die Wege entwässert. Sie verliefen außerdem möglichst gerade, um nicht nur für den Handel, sondern auch für das Militär eine kurze Verbindung zu bilden und die Baukosten zu senken. Die Via Appia Antica südlich von Rom ist die wohl berühmteste noch erhaltene und bis heute benutzte Römerstraße. Im zweiten Beispiel aus Ambrussum (heute Pont Ambrois, Province) erkennt man noch sehr gut die Spurrillen. - Beide Fotos: André Madaus

Die Via Appia
Römische Provinzstraße bei Ambrussum

 

In Ingelheim (siehe Karte weiter unten) werden drei römische Straßen vermutet bzw. sie konnten nachgewiesen werden:

1. Von rechts nach links verläuft die kürzeste der römischen Straßen von Mainz nach Bingen, deren Verlauf in der napoleonischen Zeit erneuert wurde. Dabei sollen Pflasterreste bei Wackernheim gefunden worden sein, die damals der Bautätigkeit Karls der Großen zugeschrieben wurden, wahrscheinlicher aber schon aus römischer Zeiten stammen. Sie heißt heute in Ingelheim "Mainzer Straße" bzw. "Binger Straße" (Namenswechsel bei der Einmündung der Grundstraße). Entlang dieser Straße wird der Vicus (Gewerbegebiet) vermutet, dessen angenommene Lage hier umkringelt ist: im Osten (rechts) etwa auf der Höhe des Kaiserpfalz-Gebietes (nördlich davon) und im Westen etwa bis zur heutigen Wilhelm-Leuschner-Straße.

2. Eine zweite nachgewiesene Straße (nördlich außerhalb des Bildrandes) führte von Mainz über Budenheim und Heidesheim - etwa parallel zur heutigen Autobahn - nach Bingen. Sie führte weiter ins Nahetal nach Kreuznach und über den Hunsrück nach Trier bzw. parallel zum Rheintal nach Koblenz und Köln. Diese Straße bestand aus einer festen Geröllschicht von 4 bis 5 Meter Breite und ist in den Gemarkungen Budenheim und Heidesheim sowie an der Ingelheimer Neumühle angeschnitten worden. Die komplizierten Fragen des Verlaufs der verschiedenen römischen Straßen zwischen Mainz und Bingen diskutiert ausführlich Dotzauer.

3. Von Süden kommend entlang der heutigen Grundstraße wird eine dritte Straße (gestrichelte Linie) vermutet. Sie könnte in der Nähe des Nieder-Ingelheimer Friedhofs die Binger Straße gekreuzt und dann weiter in Richtung Nord-Westen zum Rhein geführt haben. Im Kreuzungsbereich der beiden vermuteten Straßen sind einige Rechtecke eingezeichnet. An diesen Stellen wurden Siedlungsreste entdeckt, die dem ehemaligen Vicus zugeschrieben werden. Auf der Spitze stehende Dreiecke markieren Grabfunde aus römischer Zeit. Gräber wurden in der Regel entlang von Straßen errichtet. Ein ganzes Gräberfeld (gepunktetes Oval) wird entlang der vermuteten Nord-Süd-Straße angenommen. Vereinzelte Streufunde (drei Kringelchen auf der Spitze stehend) sind nördlich der Mainzer Straße - links und rechts der Belzerstraße und weiter östlich mitten im Saalgebiet (Kaiserpfalz) - eingezeichnet.

 

Im Museum wird ein Stein mit Fahrrinne ausgestellt (Foto rechts). Dabei handelt es sich wahrscheinlich um ein Stück der Pflasterung einer römischen Straße, denn diese hatten aufgrund der gleichen Achsbreite der Wagen stets ausgefahrene Rinnen. Der Stein wurde 1962 bei Ausschachtungsarbeiten an der Binger Straße Nr. 118 in der Nähe der Selz gefunden. Links ein Foto vom Ausgrabungsbefund aus dem damaligen Zeitungsbericht, auf dem in der rechten unteren Ecke der Stein aus dem Museum zu erkennen ist:



Ein Vicus war kein Bauerndorf, sondern eine gewerbliche Kleinsiedlung an einer Durchgangsstraße oder ein Stadt-Viertel einer größeren Stadt wie Mainz. Auf dem Lande handelte es sich oft um Marktorte für Villae rusticae, in denen Handel und Gewerbe betrieben wurde. Manche Vici waren aber auch reine Töpfersiedlungen oder Orte, wo Erz verarbeitet wurde. Wieder andere entwickelten sich an Thermal- und Heilquellen.

Charakteristisch für viele bislang bekannte Vici sind so genannte Streifenhäuser, deren Giebel zur Straße ausgerichtet waren. Bei den Ausgrabungen in Remagen konnten 2017 aber auch ganz andere Strukturen in einem Vicus nachgewiesen werden.

Der Ingelheimer Vicus könnte so ähnlich ausgesehen haben wie der Vicus im bayerischen Mengen-Ennetach an der Donau, der im dortigen Museum so skizziert wird:

 

Insgesamt muss man sich bisher bei der Lokalisierung und dem Ausmaß eines römischen Vicus in Ingelheim auf vereinzelte Funde und Vermutungen stützen. Um eine genauere Vorstellung zu bekommen, wären weitere Funde notwendig, vor allem größere Ausschnitte von Gebäudefundamenten. Da die in Frage kommenden Flächen mit neuzeitlichen Gebäuden überbaut sind, besteht aber durchaus die Möglichkeit, dass spätere Generationen einmal mehr finden und die heutigen Vermutungen präzisiert werden können.

Sein Name ist nirgendwo schrftlich erwähnt und in der Zeit der "Völkerwanderung" untergegangen.

Die dem Ingelheimer Vicus zugeordneten Funde finden sich im Ingelheimer Ausstellungskatalog ab S. 58:

- Mauern (zweimal: Binger Straße 15 und 17 sowie östl. des Friedhofs)
- Baureste (neben dem Weingut Saalwächter)
- zwei Brunnen (Erlanger Park und Binger Straße 17)
- Kulturschichten, Mauer, Estrich (Binger Straße 29)
- Streufunde (achtmal)


Wer anschauliche Beispiele für einen römischen Vicus sucht, der sei hier auf vier archäologische Parks verwiesen:

a) den Europäischen Kulturpark Bliesbruck-Reinheim an der deutsch-französischen Grenze; dort wurden keltische Hügelgräber sowie aus römischer Zeit eine große Villenanlage und ein ausgedehnter Vicus mit Thermen gefunden

b) den Vicus Schwarzenacker im Saarland; hier wurden verschiedene Gebäude nachgebaut, ein kleines Museum zeigt Funde von den Ausgrabungen

c) den Archäologiepark Belginum an der Hunsrückhöhenstraße; Belginum war eine Siedlung an der alten Römerstraße Mainz - Trier, die auch durch Ingelheim führte

d) den archäologischen Landschaftspark in Nettersheim in der Eifel an der Straße Trier-Köln
    sowie auch bei youtube

 

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Gs, erstmals: 03.08.05; Stand: 08.01.18