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Wer war Karl IV.?


Autor: Hartmut Geißler


Rechts: Büste Karls IV. im Prager Veitsdom mit dem böhmischen und dem Reichswappen. 

Auf dem Kopf hat er nur noch den Sockel für die eigentliche Krone, die in den Hussitenkriegen zerstört wurde.


Inhalt

1. Geburt, Taufe, Namen, Kindheit und Erziehung
2. Politik in Italien, Königswahlen und Krönungen, in Frankreich und dem Reich
3. Politik in Böhmen, Hausmachtpolitik, Probleme seiner Zeit
4. Seine Persönlichkeit und Religiosität, Klostergründungen

Links: Kaiser Karl IV., Wandbild, Köln, Wallraf-Richartz-Museum, Dep. 0268
Aus: Wikimedia Commons

1. Er war ein Sohn des böhmischen Königs Johann von Luxemburg, dem dessen Vater, der deutsche König und Kaiser Heinrich VII. (1308-1313), den böhmischen Königsthron hatte verschaffen können. Nach dem Aussterben der männlichen Premysliden nämlich herrschten in Böhmen und Mähren unklare Verhältnisse, die Heinrich ausnutzte, um die Belehnung seines erst 14 Jahre alten Sohnes Johann 1310 mit der böhmischen Krone durchzusetzen. Dieser heiratete tags drauf eine 17jährige Schwester des letzten (tschechischen) Premysliden-Königs, Elisabeth, in Speyer.
Johanns Stellung als bömischer König war aber immer gefährdet, da der tschechische Hochadel weitgehend in Opposition zu ihm, dem "König Fremdling", stand und er sich häufig nicht in Prag, sondern in anderen Regionen Europas aufhielt, u. a. bei Turnieren und Feldzügen. Johanns ältester Sohn (der spätere Karl IV.) wurde 1316 in Prag geboren und in premyslidischer Tradition auf den Namen des tschechischen Nationalheiligen Wenceslav (Wenzel) getauft. Von seiner Mutter Elisabeth lernte er Tschechisch als Muttersprache. Aus seiner Autobiografie geht hervor, dass er später auch die Sprachen Deutsch, Latein, Französisch und Italienisch beherrschte.
Sein Taufpate war der französische König Charles (Karl) IV., der auch sein Firmpate wurde (s. u.).

Seine ersten Kindheitsjahre waren überschattet von innerböhmischen Konflikten, in die auch seine Eltern einbezogen wurden: Sein Vater Johann überfiel die Zufluchtsstätte seiner Mutter, nahm ihr den noch nicht vierjährigen Sohn weg und ließ ihn möglicherweise (dies ist umstritten) zwei Jahre lang in einem dunklen Kellerverlies bewachen - sicherlich Lebensumstände, die einer harmonischen Persönlichkeitsentwicklung Wenzels nicht gerade förderlich waren. Seine Mutter hat er danach wahrscheinlich nie mehr wiedergesehen, und zu seinem Vater hatte er stets ein distanziertes Verhältnis.

Als Siebenjähriger wurde er vom Vater nach Paris geschickt, wie bei den Luxemburgern üblich, und dort am Königshof, genauer in St. Germain-en-Laye, längere Zeit (ca. 1323-30) erzogen, zuerst in der Obhut der Königin, einer Schwester des Vaters, die allerdings bald darauf starb; später auch betreut vom Abt Petrus von Fécamp, dem späteren Avignon-Papst Clemens VI. Auf ihn war der junge Wenzel/Karl selbst bei einer Fastenpredigt aufmerksam geworden. Zeitweise studierte er an der Pariser Universität, und die von ihm dabei erworbene theologische Bildung war für einen Fürsten im Laienstand durchaus ungewöhnlich.

Der Pariser Hof galt damals als Vorbild für alle anderen königlichen Höfe Europa: Er hatte einen Königsheiligen (Ludwig IX.), Paris als große Residenzstadt, eine Metropolitan- und Krönungskirche in Reims und eine Grabkirche in St. Denis.

Mit den beiden französischen Königsfamilien, den Capetingern und den Valois, verbanden Wenzel/Karl mehrere enge verwandtschaftliche Beziehungen: Seine Tante war Königin, er selbst heiratete eine Schwester des Königs und eine seiner Schwestern heiratete später Johann II. von Frankreich. Ein sehr gutes Verhältnis zu Frankreich war daher eine Konstante seiner Politik.

Von seinem Firmpaten, dem französischen König Charles IV., seinem Onkel, wurde ihm der Firmname Charles/Karl gegeben, angeblich weil sein eigentlicher tschechischer Name "Venceslav" für Franzosen zu "bizarr" war und "französische Ohren verletzte" (Seibt, S. 117).

Dieser neue Name Charles/Karl erinnerte natürlich auch an Karl den Großen und verdrängte den Taufnamen Wenzel (tschechisch heute: "Václav"), so dass er in der Abfolge der deutsch-römischen Könige bzw. Kaiser als "Karl IV." gezählt wird. Er selbst hat sich danach offiziell nur "Karl" genannt. Über seine Großmutter war Wenzel/Karl auch letztlich mit Karl dem Großen verwandt.

Viermal war er verheiratet und dreimal verwitwet:

- 1323 mit Margarete von Valois, Blanche genannt (beide sieben Jahre alt), die 1348 starb;
- in zweiter Ehe 1349 mit Anna von der Pfalz (!), die 1353 starb;
- in dritter Ehe 1353 mit Anna von Schweidnitz, die 1362 starb,
- und in vierter Ehe 1363 mit Elisabeth von Pommern, die ihn überlebte und 1393 starb.

Mit diesen vier Ehefrauen hatte er insgesamt elf Kinder.


2. Karls Politik in Italien, Königswahlen und Krönungen, Frankreich und dem Reich

Schon frühzeitig griff er aktiv in die Politik ein (in Italien, wo er in Parma zweieinhalb Jahre einen eigenständigen Hof führte, und in Böhmen) und geriet dabei auch in Konflikte mit seinem Vater Johann. Seine Mutter lebte bei seiner Rückkehr nach Böhmen nicht mehr. 1334 wurde er Markgraf von Mähren. Als sein Vater völlig erblindet war, übertrug er ihm 1341 auch die Regierung seines böhmischen Königreiches. König von Böhmen wurde er 1347 nach dem Tode seines Vaters (auf dem Schlachtfeld in Crécy in der Picardie bei Abbéville), denn er, der gleichfalls an der Schlacht teilnahm, konnte den siegreichen englischen Truppen entkommen.

Währenddessen spitzte sich der Streit im Reich zwischen dem gebannten König Ludwig dem Bayer und Papst Clemens VI., dem früheren Lehrer Karls, immer mehr zu. Durch den Zugriff Bayerns auf Tirol hatte Ludwig sich auch Wenzel/Karl zum Gegner gemacht.

Im Kampf zweier Prätendenten um den Mainzer Erzbischofssitz, Gerlach von Nassau und Heinrich von Virneburg, wurde Wenzel/Karl 1346 von der Mehrzahl der Kurfürsten zum König gewählt, als Gegenkönig zu Ludwig dem Bayer (mit den Stimmen der Erzbischöfe von Köln, Mainz und Trier, seinem Onkel Balduin, des Kurfürsten von Sachsen und seines Vaters Johann von Böhmen) und am 26. November 1346 in Bonn gekrönt, weil Aachen noch zum König Ludwig hielt.

Papst Clemens, sein ehemaliger Lehrer, unterstützte gleichfalls diese Wahl durch seine Approbation, so dass sich Karl nach dem Tode Ludwigs 1347 am 17. Juni 1349 nochmals zum König wählen und nun in Aachen am 25. Juli 1349 krönen lassen konnte. Deshalb werden meist die beiden Jahre 1346 und 1349 zusammen als Beginn seiner Königsherrschaft angegeben. Als König konnte er noch drei Jahrzehnte regieren.

Als deutscher König zog er zweimal nach Italien, im Jahre 1354/55, auch von Petrarca herbeigesehnt, und 1368/69; beim ersten Mal wurde er in Mailand zum langobardischen König und in Rom durch einen vom Papst in Avignon beauftragten Kardinal an Ostern zum Kaiser gekrönt. Er mischte sich allerdings wenig in die konfliktreichen Verhältnisse der italienischen Kommunen ein, in die sozialen Parteienkämpfe zwischen den sog. Guibellinen und Guelfen (benannt nach den beiden Bürgerkriegsparteien im staufischen Deutschland), sondern akzeptierte überall die bestehenden Machtverhältnisse gegen die Zahlung erheblicher Gelder. Seine Absicht, später die Rückkehr der Päpste aus Avignon nach Rom durchsetzen zu können, konnte er allerdings nicht erfüllen.

In Frankreich, zu dessen Königshof er weiterhin sehr gute Beziehungen unterhielt, überließ er Avignon und das Arelat sowie Burgund der französischen Krone. Demgegenüber unterstellte er die Grafschaften Genf und Savoyen dem Reich.

Die Goldene Bulle, eigentlich die Goldkapsel, die das Wachssiegel der bald so genannten Urkunde umschloss (wikipedia)


Im Reich gelang ihm ein Ausgleich mit den Kurfürsten, der 1356 in der "Goldenen Bulle von Eger" kodifiziert wurde, die das Wahlverfahren für den deutschen König, der zugleich römischer Kaiser sein sollte, durch die sieben Kurfürsten festlegte. Die Kurstaaten wurden dadurch gestärkt, und der Approbationsanspruch des Papstes stillschweigend zur Seite geschoben. Diese Regelung blieb bis zur Auflösung des Reiches 1806 in Kraft.

Seinen Sohn Wenzel konnte er noch zu Lebzeiten Juni/Juli 1376 zu seinem Nachfolger wählen und in Aachen krönen lassen.

 

 


3. Politik in Böhmen, Hausmachtpolitik, Probleme seiner Zeit

Das reiche Böhmen, dessen Einnahmen durch ergiebigen Silberbergbau etwa doppelt so groß waren wie die der anderen Kurfürsten zusammen, machte Wenzel/Karl zum Kernland seines Reiches. Prag ließ er zur Hauptstadt ausbauen, zur "Goldenen Stadt", der größten nach Rom und Konstantinopel in Europa, und künstlerisch schmücken (u.a. die Burg auf dem Hradschin, den Veitsdom, die Karlsbrücke, die siebentorige Stadtmauer und die Prager Universität, eine von insgesamt zehn Universitäten, die er gründete). Prag wurde durch ihn dadurch auch zur ersten Residenz des deutschen Königreiches.

Das Bistum Prag wurde 1344 aus der Mainzer Erzdiözese gelöst. Die von ihm erbaute Festung Karlstein (Karlstejn), ursprünglich nur für seine persönlichen Reliquien, wurde später zur Schatzkammer Böhmens und des Reiches.

Am erfolgreichsten war er in seiner Hausmachtpolitik, der er den Vorrang gab vor dem Zusammenhalt des bisherigen königlichen Reichsgutes. Die Lausitz und Schlesien band er an Böhmen. Expansionspläne nach Polen und Ungarn ließen sich allerdings nicht realisieren. Um an Geld zu kommen, das er in großen Mengen für seine Politik brauchte, verpfändete er viele Reichsterritorien, darunter auch das Ingelheimer Reich / den Ingelheimer Grund, und zwar an den Pfalzgrafen bei Rhein (1375/76). Seine Regierungsjahre fielen in ein "Krisen-Jahrhundert" mit einer "kleinen Eiszeit", der Zeit der Päpste in Avignon, des Schismas von 1378 und mit mehrere große Pestepidemien, bei denen auch eine Schwester, eine Tochter und ein Sohn Karls starben.

Es mehrten sich soziale Unruhen, die in den Geißlerzügen und massiven Judenpogromen ihren Ausdruck fanden; bei den letzteren nahm er eine zwiespältige Haltung ein. Judengemeinden z. B. in Nürnberg und Frankfurt schützte er nicht, sie und viele andere jüdischen Gemeinden fielen den Pogromen zum Opfer, obwohl die Judengemeinden an sich unter königlichem Schutz standen.

Die anwachsenden Konflikte zwischen den Städten, vor allem im Südwesten des Reiches, versuchte er durch Friedenspolitik abzubauen, mit nicht sehr großem Erfolg.


4. Seine Persönlichkeit und Religiosität, Klostergründungen

Das Fischer-Lexikon "Geschichte in Gestalten" charakterisiert Wenzel/Karl als "zeit seines Lebens besonnen, nüchtern, abhold allen unsicheren Plänen, ebenso aufgeschlossen für wissenschaftliche und künstlerische Aufgaben wie interessiert an wirtschaftlichen Projekten".

Zeitgenossen waren dennoch oft verblüfft über seinen "eiskalten Realismus" und "Pragmatismus" (Kavka, S. 12).

Persönlich war er sehr religiös. Er betete viel und gab in Böhmen auch der Marienverehrung einen großen Aufschwung. Im Jahre 1332 - also mit 16 Jahren - hatte er in der Nähe von Pavia durch eine Kastrationsvision eine Art persönliches Bekehrungserlebnis, das ihn von sexuellen Ausschweifungen abhielt.

Insbesondere die Verehrung der tschechischen Heiligen Wenzel und Veit hat er gefördert. Über Wenzel verfasste er eine eigene Heiligengeschichte. Er schrieb selbst Predigten und religiös-moralische Betrachtungen, ließ allerdings gegen Auswüchse der Mystiker vorgehen. Auch Karl der Große nahm dabei einen wichtigen Platz ein, dies vielleicht eher aus reichspolitischen Gründen. Insgesamt sechsmal soll Karl an den Heiligtumsfahrten nach Aachen teilgenommen haben.

Seine heute kaum glaubliche Reliquiensammelleidenschaft wurde aber auch schon von Zeitgenossen manchmal als sonderbar empfunden. Bereits bei seiner Krönung in Aachen 1349 hatte er vom dortigen Domkapitel Reliquien Karls des Großen für ein Prager Kloster bezogen, das er 1350 in Prag gründete, ein Stift der regulierten Augustiner-Chorherren zu Ehren Karls des Großen, den Karlshof in der Prager Neustadt. Die Burg zur Aufbewahrung der Reliquien und Reichskleinodien benannte er nach seinem Namenspatron "Karlstein". Er förderte die Karlswallfahrt von Ungarn nach Aachen, die auch durch Ingelheim führte, und gründete in diesem Zusammenhang im Ingelheimer Saal 1354 ein Filialkloster des Prager Karlshofes, das Ingelheimer Augustiner-Chorherrenstift, auch "Karlsmünster" genannt, dessen vier tschechische Augustiner sich insbesondere um die tschechischen Pilger kümmern sollten. Sie waren dem Mutter-Kloster in Prag unterstellt.

Glasgemälde von ca. 1504 in der Karlshofer Kirche in Prag, das im Hintergrund vielleicht die Ingelheimer Saal-Burg darstellen könnte (Saalwächter, BIG 6, S. 63, nach der Beschreibung Navratils von 1877)


So wurde nun die ehemalige Pfalz Karls des Großen zur Karlsverehrung genutzt, diesmal aber als Außenposten eines tschechischen Klosters in Prag, was zeigt, wie sehr sich der politische Schwerpunkt des Reiches ostwärts nach Zentraleuropa verschoben hatte. Das Reich Karls des Großen hatte sein Zentrum in der "Francia", dem Raum zwischen Seine und Rhein, gehabt.

Wenzel/Karl starb am 29. November 1378 in Prag, wo er auch seine letzte Ruhestätte fand. "Seine Nachrufe nannten ihn einen zweiten Konstantin, einen Heiligen, einen Friedenskaiser" (Seibt, S. 398) - interessanterweise aber nicht einen "zweiten Karl".

Siegelabdruck König Karls IV. aus dem Besitz des Historischen Vereins Ingelheim


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Gs, erstmals: 23.03.06; Stand: 04.02.17