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Die "Kaiserliche" - eine Zuckerfabrik in Schwabenheim


Autor: Ernst Emmerling (BIG 22, 1972)


Eine napoleonische Zuckerfabrik in der Schwabenheimer Propstei
(in Auszügen)

In der bewegten Geschichte der Propstei in Schwabenheim an der Selz/Pfaffenhofen ist diejenige der Gründung einer Rübenzuckerfabrik durch Napoleon eine der interessantesten...

Bevor wir aber die Ereignisse in Schwabenheim betrachten, muß der wirtschaftliche Hintergrund geschildert werden, vor dem alleine eine solche Unternehmung möglich war. Bis weit in das 18. Jahrhundert hinein kannte man nur den kolonialen Rohrzucker und beschäftigte sich in Europa nur damit, ihn zu raffinieren.

Erst im Jahre 1747 gelang es dem Berliner Apotheker Marggraf, den Zuckergehalt der Runkelrübe nachzuweisen. Seinem Schüler Franz Karl Achard (1753-1821) aber war es vergönnt, in etwa 25jähriger Forschungen die eigentliche Zuckerrübe zu entdecken und die Möglichkeit zu ihrer industriellen Verwertung zu schaffen. Aber alle Fabrikgründungen konnten sich nicht halten, da die Fabrikationsmethoden zu teuer und wohl auch nicht genügend durchgebildet waren. Sie konnten nicht mit dem billigeren Kolonialzucker konkurrieren. Außerdem unternahm man von England aus das Äußerste, um die Entstehung dieses Industriezweiges zu verhindern. Man bot Achard im Jahre 1802 den enormen Betrag von zweihunderttausend Talern, wenn er sich bereit fände, seine damals noch umstrittenen Erkenntnisse zu widerrufen.

Wechselnde Erfolge und gegensätzliche Meinungen kennzeichnen die Entwicklung bis zum Jahre 1806. Damals verordnete Napoleon I. am 21. November in Berlin die Kontinentalsperre, die gegenüber England und seinen Waren die völlige Blockade bedeutete. Dieser Sperre traten nach den Rheinbundstaaten 1807 Preußen und Rußland, 1808 auch Österreich bei. Damit wurde der Rohrzucker sehr teuer. Wenn man auch die vollständige Blockade nicht durchhalten konnte und der Schmuggel blühte, so fand die Rübenzuckerbereitung nun weit günstigere Voraussetzungen. In dem verarmten Preußen konnte man nicht viel zu ihrer Förderung beitragen. Um so intensiver geschah dies in Frankreich, für das die Kontinentalsperre zu einer ergiebigen Geldquelle geworden war.

1810 ordnete der Kaiser eine fünfzigprozentige Kontinentalsteuer an, die in diesem Jahr 150 Millionen Francs einbrachte. Man betrieb mit diesen erheblichen Mitteln die Herstellung von Ersatzstoffen für Kaffee und Indigo. Zugleich wurden vielerorts Zuckerfabriken und Fachschulen gegründet und für den Zuckerrübenanbau geworben.

Dies ist der Augenblick, in dem wir unsere Betrachtung wieder den Schwabenheimer Begebenheiten zuwenden müssen. Im Jahre 1796 tobte der Revolutionskrieg um die Festung Mainz. Die französischen Truppen fluteten zurück über Schwabenheim und drangen wieder vor, wobei Plünderungen und Übergriffe nicht ausblieben. Es wurde behauptet, die Einwohner des Dorfes hätten auf Soldaten geschossen. Auf diesen Verdacht hin wurde Schwabenheim auf Befehl des Brigadegenerals Lorge am 28. September angezündet und in zwei Tagen gänzlich niedergebrannt.

Die Bevölkerung befand sich in bitterster Notlage. Ein Jahr später, im Jahre 1797, wurde das linke Rheinufer im Frieden von Campo Formio der französischen Republik einverleibt. Infolge dieses Vertrages wurde die Propstei in Pfaffenhofen, das damals trotz unmittelbarer Nachbarschaft nicht zu Schwabenheim gehörte, aufgehoben und alle ihre Rechte auf Frohnden und Zehnten beendet. Die dazugehörige Kirche wurde der katholischen Gemeinde zugesprochen. Das dafür viel zu große Gutsanwesen diente zunächst als Pfarrhaus.

Der Boden der Umgebung erwies sich als für den Rübenanbau günstig. Aber die Wahl des Standortes der Fabrik mag durch die Lage der Bevölkerung mit veranlaßt worden sein. Die Tatsache, daß der damalige Präfekt des Departements Donnersberg, Jeanbon St. André, Eigentümer des benachbarten Windhäuser Hofes bei Elsheim war, sicherte dem jungen Unternehmen dessen Gunst.

Die Errichtung der Fabrik wurde durch einen Erlaß des Unterpräfekten des Bezirks Mainz [Esebeck] gesichert, vom 7. April 1812 datiert und in zwei Sprachen gedruckt. Er ist bedeutsam genug, um hier abgedruckt zu werden.

"Der Präfekt vom Donnersberg, Reichsbaron, Benachrichtigt seine Verwaltungsuntergebene, daß zufolge eines Dekrets Sr. Maj. vom 24ten März 1812, zu Sauerschwabenheim, in dem Gebäude, das gegenwärtig zum katholischen Pfarrhaus dient, eine kaiserliche Fabrik von Runkelrübenzucker angelegt werden soll. Da der Präfekt durch die Anpflanzung der Runkelrüben die Lieferung des rohen Stoffes, den diese Fabrik nöthig hat, sichern will, so ladet er die Märe der Kantone Oberingelheim, Niederolm, Wörstädt, Alzei und Woelstein ein, die Landeigenthümer und Bauern ihrer Gemeinden zu Sumissionen zur Runkelrübenpflanzung für die neue Fabrik aufzumuntern und solche von ihnen anzunehmen. Diese Sumissionen müssen vor dem 20ten April den Mären überschikt werden, welche sie der Unterpräfektur mittheilen. Den Sumissionären, welche es verlangen, soll ausgesuchter Samen dazu gegeben werden, dessen Werth zu einem mäßigen Preiße angeschlagen, ihnen von dem Werthe der Pflanzen, die sie liefern, abgerechnet wird. Der Direktor der kaiserlichen Fabrik wird sie im Augenblik der Ablieferung um den höchsten Preis, den sie im Handel haben, baar bezahlen, und nichts desto weniger übernimmt unterdessen der Präfekt im Namen dieses Direktors und der Regierung, deren Agent er seyn wird, die Verpflichtung, alle Runkelrüben, die von den gemachten Sumissionen herkommen, anzunehmen, wenn nur die Qualität annehmbar ist. Durch dieses Mittel kann der Landbauer wegen dem Absaze seines Erzeugnisses, das auf diese Art schon voraus verkauft ist, und dessen Preis regelmäßig bezahlt wird, ruhig seyn. Der Präfekt verläßt sich, in Betreff eines so wichtigen Gegenstandes, auf den Eifer und das wohlverstandene Interesse seiner Verwaltungsuntergebenen; er zweifelt nicht, daß sie durch alle die Vortheile der Anstalt, welche Se. Maj. ihnen bewilligt, bestimmt werden, dem Aufrufe, der bei dieser Gelegenheit an sie erlassen wird, mit Eifer zu entsprechen. Baron von St.-André"

Ein handgeschriebener Nachsatz besagt: „den Runkelrüben Samen kann man auf der Unterpräfektur erhalten.“

Dieser Erlaß wurde zwei Tage später an die Bürgermeister mit einem Zusatz weitergegeben, den wir auf der nächsten Seite finden: „Die Landeigenthümer sind demnach sowohl über den Absatz als auch über den Preis ihres Erzeugnisses, der ihnen im Augenblike der Ablieferung bezahlt wird, beruhigt. Sie werden, meine Herren, den weisen Zwek dieser Masregeln einsehen. Es ist nun Ihre Pflicht, Ihre ganze Thätigkeit anzuwenden, um dem Zutrauen der Regierung zu entsprechen, die sich bei dieser Gelegenheit den Privatunternehmern gleichsezt, um einen neuen Zweig der Nationalindustrie zu beleben, und mit allen Individuen, die dergleichen Fabriken zu errichten autorisirt wurden, in Konkurrenz kömmt. Da die Runkelrübe also ein freier Gegenstand des Handels bleibt, so kann ihre Anpflanzung vervielfältigt werden, ohne daß man je für den Absaz fürchten darf. Obgleich die Einladung des Herrn Baron Präfekten insbesondere an die Märe der der neuen Fabrik zunächst liegenden Kantone gerichtet ist, so darf doch der Eifer der Märe in den andern mehr entlegenen Kantonen, die gleichfalls bei der Austheilung der mit Runkelrüben anzupflanzenden Hektarenzahl angesezt sind, darum nicht nachlassen; und ich glaube ihnen ausdrücklich bemerken zu müssen, daß sie durch ihre Lage nichts weniger als ausgeschlossen sind, ihre Sumissionen zu übergeben. Ich empfehle blos allen Herrn Mären, mir mit Genauigkeit in dem vorgeschriebenen Zeitraume ihre Sumissionen einzusenden, damit ich auf der Stelle dem Herrn Baron Präfekten Bericht davon erstatten kann.“ (Ausschnitt aus der Verlautbarung vom 7. April 1812.)

Wenn man diese Texte liest, so wird einem deutlich, wie in einer musterhaften Weise Anbau, Absatz und Fabrikation der Zuckerrüben organisiert ist und dem Bauern der Erfolg sichergestellt bleibt. Und man muß sich klar darüber sein, daß Schwabenheim nur einen kleinen Ausschnitt des Systems bildete, das sich über den ganzen Bezirk des Kaiserreiches erstreckte. Hier war eine für jene Zeit sehr gute und fortschrittliche Verwaltung am Werk. Die Art, wie der Zuckerrübenanbau aufgebaut und gefördert wurde, wirkt auf uns heute wie ein Vorläufer des Genossenschaftswesens, das sich jedoch erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts entfaltet hat. Aber diese solide Grundlage bestand nur so lange, wie des napoleonische Reich dauerte. Der Präfekt starb noch während seiner rheinhessischen Amtszeit, und 1813 ging die Herrschaft zu Ende. Damit war auch die Fabrik in Schwaben heim nicht mehr lebensfähig; ähnlich erging es einer Zuckerfabrik bei Trier. Die englische Konkurrenz beherrschte wieder das Feld. Nur in Frankreich konnte sich eine kleine Zahl von Betrieben unter staatlichem Schutz halten."

Gs, erstmals: 04.01.06; Stand: 21.08.14