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Die katholische Kirche in Ingelheim in der Zeit des Nationalsozialismus


Autor: Hartmut Geißler
nach: Dürsch in: Meyer-Klausing, S. 167-202


1. Quellenlage

Besser als für die evangelischen Kirchengemeinden ist die Quellenlage für die katholischen Gemeinden Ingelheims. Hier konnte Klaus Dürsch auf umfangreiche Vorarbeiten anderer Autoren zurückgreifen, u. a. auf die Quellensammlung von Pfarrer Dr. Ludwig Hellriegel (Widerstehen und Verfolgung) sowie auf Unterlagen von Wilhelm A. Schönherr und Dr. Peter Schicke. Das Material dafür stammt aus den Pfarrarchiven von Ober- und Nieder-Ingelheim, aus dem Dom- und Diözesanarchiv in Mainz, aus Chroniken von Vereinen sowie aus Zeitungsmeldungen (Dürsch, S. 169).


2. Das "katholische Milieu" seit dem 19. Jahrhundert

Die Reichsgründung 1871 hatte zu einem Deutschen Reich unter Führung des protestantischen Preußens geführt, wogegen sich die nun - ohne das katholische Österreich - in die Minderheit geratenen Katholiken durch den Ausbau eines spezifischen "katholischen Milieus" abgrenzten, zu dem neben den Priestern und der Kirche ein weitverzweigtes Netz von katholischen Vereien, katholischen Presseorganen, katholischen Schulen und der katholischen Zentrumspartei gehörte. Gefördert wurde diese Tendenz noch durch den sog. "Kulturkampf" in Preußen (1871-1887).


3. Die Ablehnung des Nationalsozialismus durch die katholische Kirche schon vor 1933

Schon seit den 20er Jahren des 20. Jhds. hatte sich die katholische Kirche bei verschiedenen Anlässen kritisch mit der aufkommenden "Bewegung" des Nationalsozialismus und seiner nationalistisch-rassistischen Ideologie auseinandergesetzt. Nachdem schon Kardinal Bertram von Breslau 1930 Alarm geschlagen hatte, veröffentlichte auch das Bischöfliche Ordinariat in Mainz unter Federführung von Generalvikar Dr. Jakob Philipp Mayer am 30. September 1930 eine Stellungnahme, in der die Mitgliedschaft eines Katholiken in der NSDAP und eine Teilnahme von überzeugten Nationalsozialisten an den hl. Sakramenten als unvereinbar mit dem katholischen Glauben bezeichnet wurde.

Dies mag einer der Gründe dafür gewesen sein, so Dürsch, dass sich die NSDAP anfangs im mehrheitlich katholisch geprägten Kreis Bingen schwer tat, ebenso in dem Ortsteil von Ingelheim, der am stärksten katholisch geprägt war, in Frei-Weinheim (69 % Katholiken).


4. Die Position der Katholischen Kirche zum Nationalsozialismus ab 1933

Nach der Machtübernahme Hitlers stellte sich die Situation für die Katholiken schwieriger dar, denn einerseits fühlten sie sich zum Gehorsm gegenüber der Obrigkeit verpflichtet, andererseits aber galten die Unvereinbarkeitsbeschlüsse der verschiedenen bischöflichen Ordinariate eigentlich weiter. Diese wurden nun jedoch gelockert und teilweise aufgehoben unter dem Eindruck der anfangs katholikenfreundlichen Politik Hitlers in der ersten Jahreshälfte 1933, als er aus außenpolitischen Prestigegründen ein Konkordat mit dem Vatikan anstrebte und auch als ersten außenpolitischen Vertrag erreichte (20.07.1933). Durch dieses Konkordat glaubte die katholische Kirche eine weitgehende Bestandsgarantie ihrer Tätigkeiten und Organisationen erreicht zu haben, an die sich die Naziregierung freilich später immer weniger hielt.

Deswegen wurden auch vom Mainzer Bischof Hugo die Verbote wieder aufgehoben und NSDAP-Mitglieder wurden wieder zu den Sakramenten zugelassen. Gleichwohl hielten er und sein Nachfolger Stohr an ihrer regimekritischen Linie fest, wie Dürsch urteilt (S. 173).

Der Versuch einer ideologischen Synthese von Katholizismus und Nationalsozialismus - ähnlich dem der "Deutschen Christen" im protestantischen Bereich - in dem nationalkonservativen Bund "Kreuz und Adler" blieb völlig unbedeutend.

Von 1935 an wurde die katholische Kirche immer stärkeren Verfolgungsmaßnahmen seitens des NS-Regimes ausgesetzt: Devisen- und Sittlichkeitsprozesse wurden gegen katholische Geistliche angestrengt, die Reste der Pressefreiheit katholischer Publikationsorgane und der kirchliche Religionsunterricht wurden weiter eingeschränkt. Erst recht nach der päpstlichen Enzyklika "Mit brennender Sorge" von 1937 wurden die Verfolgungsmaßnahmen ausgeweitet durch Predigtverbote, Ausweisungen und Verhaftungen. Während des Krieges wurden immer mehr Geistliche verhaftet und in Konzentrationslager eingewiesen.

Vor diesem Hintergrund ist die Geschichte des katholischen Lebens in den Ingelheimer Orten zu betrachten.


5. Das "katholische Milieu" in Ingelheim während der NS-Diktatur

a) Pfarrer in Ober-Ingelheim war seit 1908 Johann Baptiste Schäfer, der allerdings 1933 so schwer erkrankt war, dass ihm der Kaplan Jakob Bergmann zur Seite gestellt wurde. Dieser bestimmte bis 1936 praktisch das katholische Gemeindeleben in Ober-Ingelheim, bis am 1.12.1936, nach dem Tode Schäfers, Bernhard Klepper neuer Pfarrer wurde und dies bis 1969 blieb.

b) Pfarrer in Nieder-Ingelheim und in der Filialkirche St. Michael in Frei-Weinheim war von 1929 bis 1958 Wilhelm Karl Weil.

c) Das Leben in den Kirchgemeinden und katholischen Organisationen

Dürsch beschreibt ausführlich die Gemeindestrukturen, das Gemeindeleben rund um den Gottesdienst, die religiösen Veranstaltungen wie die Fronleichnamsprozessionen und die Wallfahrten in der Nazizeit, aber auch die Situation der katholischen Zeitschriften, die sozialen Dienste und die Situation der katholischen Vereine sowie den Religionsunterricht.

Generell kann man festhalten, dass katholisches Gemeindeleben, eingebettet in ein vielfach bestehendes und vernetztes katholisches "Milieu", die ganze Zeit des "Dritten Reiches" über möglich war, dass all dies aber immer stärkeren Repressionen und Verfolgungen ausgesetzt war. Politischer Widerstand wurde von der katholischen Seite nicht ausgeübt, sondern man versuchte eher, durch Wohlverhalten gegenüber dem Staat das religiöse Leben möglichst weitgehend erhalten zu können. Die Katholiken blieben jedoch die ganze Zeit unter sich, eine Zusammenarbeit mit den Protestanten oder gar Juden fand zu keinem Zeitpunkt statt.

d) Dürsch fasst seine Erkenntnisse zusammen (S. 200-202):

„Lange Zeit hat der Chronist geschwiegen [ ... ], nicht als ob nichts Wichtiges in unserer Gemeinde geschehen wäre. Nun der tiefste Grund lag darin, dass es unmöglich war, die Wahrheit zu schreiben.“

Mit diesen Worten begann Pfarrer Weil die Chronik seiner Gemeinde nach dem Kriegsende 1945 fortzusetzen. Die Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft hatten auch das Wirken der katholischen Kirche und ihrer Mitglieder in den Ingelheimer Gemeinden nachhaltig verändert.

Von den drei Ingelheimer Gemeinden hatte Ober-Ingelheim in den 1930er Jahren den niedrigsten Katholiken-Anteil. Es war nicht zuletzt diese Tatsache, die dazu beitrug, dass die katholischen Milieustrukturen hier besonders ausgeprägt waren. Dazu passt, dass die Bindung an die Zentrumspartei, die politische Interessenvertretung des Katholizismus, bis 1933 weitgehend erhalten blieb. Der Besuch des Religionsunterrichts durch die Kinder war hier überproportional hoch.

Auch in der Nieder-Ingelheimer Gemeinde war die Kirchenbindung in diesen Jahren noch vorhanden, immerhin besuchten etwa 50 % der Katholiken regelmäßig den Gottesdienst. Allerdings begannen hier antiklerikale Kräfte an Boden zu gewinnen. Besonders die sozialistische Bewegung scheint unter der durch einen hohen Arbeiteranteil geprägten katholischen Einwohnerschaft mehr Anhängerschaft erhalten zu haben. Das galt zwar auch für Ober-Ingelheim, allerdings nicht in vergleichbarem Maße.

Die Frei-Weinheimer Gemeinde gehörte zu einem ausgeprägten katholischen Umfeld. Das wird zum einen an der engen Kirchenbindung der Einwohner und zum anderen an dem hohen Zentrumswähleranteil sichtbar.

Aus der vorliegenden Statistik lässt sich aber für die Jahre 1933 bis 1945 keine signifikante Abnahme der kirchlichen Bindung der drei Kerngemeinden nachweisen. In den Kreisen aber, in denen der Säkularisierungsprozess bereits begonnen hatte, wurde er nun weiter beschleunigt.

Gleichzeitig wurde ab 1933 eine rapide Abnahme der kirchlichen Veranstaltungen und der Berichterstattung über religiös-kirchliche Themen spürbar. Die Vereine wurden verdrängt und in der Regel bis spätestens 1939 zwangsaufgelöst. Zugleich bot die kirchliche Sphäre aber die Möglichkeit, einen Teil der katholischen Netzwerke zu erhalten.

Dass es sich bei der Kirche nicht um einen per se geschützten Raum handelte, belegt die Gestapoüberwachung der Nieder-Ingelheimer Gottesdienste. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs reduzierte sich das aktive Gemeindeleben, da viele Gemeindemitglieder eingezogen wurden.

Bereits in den ersten Wochen nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurden führende Persönlichkeiten aus dem katholischen Umfeld Ingelheims aus ihren Positionen vertrieben. Das betraf in erster Linie die Gemeinderatsmitglieder der Zentrumspartei. Spätestens nach der Auflösung der Partei auf Reichsebene am 5. Juli 1933 verschwanden auch die letzten Zentrumspolitiker aus der Gemeindeverwaltung. Eine Ausnahme stellten die Nieder-Ingelheimer Vertreter dar, die noch eine begrenzte Zeit als Fraktionslose den Sitzungen beiwohnen durften. Auch der Bürgermeister von Frei-Weinheim, der Zentrumsmann Kitzinger, konnte sein Amt noch bis Ende 1934 ausüben.

Wie rasch und skrupellos die Gleichschaltung durchgesetzt wurde, hing zu guten Teilen mit den lokalen Funktionärspersönlichkeiten zusammen. Während in Nieder-Ingelheim mit Franz Bambach ein Bürgermeister im Amt war, der bereits zuvor in die Netzwerke der Lokalelite eingebunden war, hatte Gaul in Ober-Ingelheim als politischer Quereinsteiger weit weniger Bindungen zu den traditionellen Gemeindeführern und konnte seine Ansprüche rücksichtsloser durchsetzen. Kitzinger wusste als Repräsentant des Frei-Weinheimer Katholizismus eine Mehrheit der Einwohner hinter sich. In dieser Gemeinde vollzog sich die Machtübernahme entsprechend langsamer.

Eine weitere Berufsgruppe, die unmittelbar von den Säuberungsaktionen des Regimes betroffen war, war die Lehrerschaft. Im schulischen Bereich waren lokale NSDAP-Politiker und Repräsentanten der katholischen Kirche auf unmittelbare Weise miteinander konfrontiert. Allem Anschein nach war auch hier die personelle Besetzung ausschlaggebend. Mit dem Rektor Wilhelm Haag hatte die Ober-Ingelheimer Volksschule einen überzeugten Nationalsozialisten an ihrer Spitze, der zum Kreis der NSDAP-Funktionsträger gerechnet werden kann, die es sich zum Ziel gesetzt hatten, die Kirche massiv in ihren Rechten zu beschneiden und sie jedes gesellschaftlichen Einflusses zu berauben. Für die Nieder- Ingelheimer Volkschule können hingegen keine größeren Konflikte belegt werden. Die tatsächlichen Streitpunkte zwischen Katholischer Kirche und NSDAP lassen sich nicht mehr bis ins Detail belegen. Oft sind aus den Quellen nur noch die Reaktionen und Folgen der Handlungen herauszulesen.

Betrachtet man den Aufmarsch der HJ anlässlich des Bischofsbesuchs in Ober-Ingelheim, das Unbehagen Bergmanns angesichts der Vorgaben zur Flaggenhissung am 30. Januar 1934 oder den Versuch des Küsters Peter Weis, das Eindringen der HJ in das Kirchengelände zu unterbinden, so handelte sich in erster Linie immer um kirchliche Abwehrreaktionen gegenüber den Übergriffen des Regimes. Meist wurden die Auseinandersetzungen dabei auf eine indirekte Weise ausgetragen, selten wurden die gegensätzlichen ideologischen Inhalte, wie im Fall Bergmanns, offen artikuliert.

Doch auch angesichts der Bedrückung durch das NS-Regime blieben die Ingelheimer Katholiken grundsätzlich staatstragenden und nationalistischen Vorstellungen verhaftet. Protestanten und Juden finden in den Quellen keine Erwähnung, die Perspektive blieb auf das eigene Umfeld beschränkt.

Der Kreis der Personen, die unmittelbar mit harten Sanktionen des Regimes wie Haftstrafen konfrontiert wurden, blieb sehr klein. Sicherlich war deren Systemkritik eher auf individuelle Positionen und nicht auf kirchliche Anweisungen zurückzuführen. Doch es war das katholische Milieu mit seinen tradierten christlichen Vorstellungen und Lebenshaltungen, das den Widerständigen den ideellen Rückhalt bot. Allein die Aufrechterhaltung der Alltagskirchlichkeit und die der nationalsozialistischen Ideologie widersprechenden Glaubensvorstellungen wurden im totalitären Staat der NS-Diktatur damit zum Politikum."

Eine herausragende Person im "katholischen Milieu" von Nieder-Ingelheim war sicherlich Wilhelm Fries, auch wenn er keine offiziellen Ämter in der katholischen Kirchengemeinde und in katholischen Vereinen innehatte.

 

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Gs, erstmals: 25.04.12; Stand: 22.02.17