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Der Aufstieg der NSDAP in den Ingelheimer Orten


Autor: Hartmut Geißler
nach: Würz in Meyer/Klausing, S. 70-92
vgl. auch Wahlen, Volksabstimmungen


Einleitung

Im Sammelband zur weiteren Erforschung des Nationalsozialismus in Ingelheim hat Dr. Markus Würz, Mitarbeiter am Lehrstuhl Zeitgeschichte des Historischen Seminars der Universität Mainz, den Beitrag Der Aufstieg des Nationalsozialismus verfasst. Darauf stützt sich die folgende Darstellung in erster Linie.

Er betont zu Beginn die bekannte Tatsache, dass sich das Scheitern der Weimarer Republik nicht nur auf eine einzige Ursache zurückführen lässt, sondern auf ein komplexes Ursachenbündel:

- die institutionellen Rahmenbedingungen des politischen Systems,
- die ökonomische Entwicklung,
- die politische Kultur,
- das soziale Gefüge der Gesellschaft,
- politisch-ideologische Faktoren (Nationalismus, Militarismus),
- massenpsychologische Momente und
- die Rolle einzelner Persönlichkeiten in führenden Positionen.

Wenn man nun nach den Wurzeln des Nationalismus hier in Ingelheim sucht, so müsste man eigentlich alle obigen Spiegelstriche (außer dem ersten) auf die Ingelheimer Orte anwenden. Zu fragen wäre außerdem, ob und inwieweit das Aufkommen des Nationalsozialismus aus der Ingelheimer Geschichte und Gesellschaft selbst zu erklären ist oder ob die neue Bewegung nicht eher von außen nach Ingelheim getragen und dort aufgenommen wurde bzw. werden musste. Der Titel des Buches lautet ja Freudige Gefolgschaft und bedingungslose Einordnung ...? - Leider beantwortet das Buch diese selbst gestellte suggestive Frage explizit nicht, obwohl sich implizit die eine oder andere Folgerung ziehen lässt.

In der lokalpolitischen Landschaft der Ingelheimer Orte spielten sicherlich die politischen und wirtschaftlichen Ereignisse der Reichspolitik die alles überlagernde Rolle:

- Kriegsende mit Niederlage,
- Revolutionen,
- Inflation,
- Separatismus,
- Weltwirtschaftskrise

An eigenständigen kommunalpolitischen Themen gab es außer der Bewältigung der Wirtschaftskrise vor allem einen Streit, den um eine Vereinigung der Ingelheimer Orte und ihrer Infrastrukturen. Der aber war irrelevant für die Frage nach dem Aufkommen der Nationalsozialisten.


Die Entstehung und das Anwachsen der NSDAP in Ingelheim

Die Quellenlage zu den Anfängen ist schlecht; für Nieder-Ingelheim gibt es einen mit Vorsicht zu verwertenden Bericht des Alten Kämpfers Hans Kiesl, rückblickend von 1936. Er stammte aus Bayern, hatte dort deutsch-völkischen Gruppierungen und Wehrverbänden angehört und in Reinheim im Odenwald schon eine NSDAP-Ortsgruppe gegründet. 1928 bekam er eine Anstellung als landwirtschaftlicher Arbeiter auf dem Windhäuser Hof bei Elsheim, von wo er nach Nieder-Ingelheim umzog. Dort gründete er im Verlauf dieses Jahres zusammen mit zwei Bekannten aus Reinheim, denen er gleichfalls eine Anstellung als landwirtschaftliche Arbeiter besorgt hatte, 1928 eine NSDAP-Gruppe. Das war also NS-Import aus Bayern. Die Gruppe wurde zum 1.1.1929 von der Gauleitung Hessen als eigenständige Ortsgruppe anerkannt, mit damals etwa 15 Personen unter der Leitung von Karl Schneider (aus Reinheim!).

In Ober-Ingelheim gründete sich nach Würz, S. 79, zur etwa gleichen Zeit eine Ortsgruppe der HSDAP, die von dem Schriftsetzer Philipp Kolb geleitet wurde. Dieser war zwar in Nieder-Ingelheim geboren, aber nach Bayern verzogen, wo er 1926 der NSDAP in Traunstein beigetreten war. Auch dies war also eher ein Import aus Bayern. Aus ungeklärten (wirtschaftlichen?) Gründen trat er schon 1929 wieder aus der Partei aus.

Über eine Zusammenarbeit der beiden Ortsgruppen von Nieder- und Ober-Ingelheim in dieser Anfangszeit ist nichts bekannt.

Im überwiegend katholischen und vom Zentrum dominierten Frei-Weinheim wurde erst im März 1933, also erst nach der Machtergreifung der Nazis, eine Ortsgruppe der NSDAP gegründet

Die Aktivitäten der frühen Ingelheimer  Nationalsozialisten beschränkten sich zuerst auf persönliche Ansprachen, auf das Verteilen von Parteizeitungen und Handzetteln. Außerdem nahmen sie an Veranstaltungen anderer Ortsverein teil, z. T. auch als Saalschützer.

Eine erste eigene Veranstaltung, die für den 23. Juni 1929 geplant war, konnte nicht stattfinden, weil keiner der Ingelheimer Gastwirte seinen Saal dafür zur Verfügung stellen wollte.

Schließlich fand eine erste Veranstaltung am 18. Juli 1929 im Nieder-Ingelheimer Rathaussaal statt, mit geringer Besucher-Resonanz.

Auch die Ergebnisse der Wahlen zum hessischen Provinzialtag im November 1929 zeigen die noch geringe Akzeptanz der neuen "Bewegung":

- in Frei-Weinheim       2 Stimmen,
- in Ober-Ingelheim     8 Stimmen,
- in Nieder-Ingelheim 18 Stimmen.

Im folgenden Jahr 1930 intensivierten die Ingelheimer Nationalsozialisten ihre Aktivitäten, geleitet von den zuständigen Bezirksführung in Stadecken: Eine erste Veranstaltung in einer Nieder-Ingelheimer Gaststätte fand im Lokal Biebesheimer statt (März) und im April auch in Ober-Ingelheimer Lokal Wenzel. Bei dieser Veranstaltungen mit 350-400 Gästen waren auch zum ersten Mal Gegner anwesend, die den Verlauf u.a. durch Absingen der sozialistischen "Internationale" zu stören versuchten. Weitere Veranstaltungen folgten in diesem Jahr 1930. Eine beabsichtigte Konkurrenzfeier zur offiziellen Feier zur Rheinland-Befreiung im Juni 1930 wurde durch das Binger Kreisamt verboten, weil nicht genug Polizei für beide Veranstaltungen zugleich zur Verfügung stünde.

Die Reichstagswahl am 14. September 1930 brachte der NSDAP auch in den beiden Ingelheim überraschende Erfolge, die aber noch deutlich unter dem Durchschnitt im Reich (dort waren es 18,3%) blieben:

- in Frei-Weinheim                23 Stimmen =   5,6%
- in Nieder-Ingelheim         306 Stimmen = 13,2%
- in Ober-Ingelheim            260 Stimmen = 13,4%


Diese Erfolge und die wachsende Resonanz in Ingelheim ließen die Nationalsozialisten ihre Parteiarbeit weiter ausbauen:

- auch in Frei-Weinheim fanden nun Versammlungen statt;
- eine Kreisleitung der NSDAP wurde von Ober-Ingelheim aus in Bingen aufgebaut; ihre Leitung übernahm der Ober-Ingelheimer Vorsitzende Adolf Prosi, Korrespondent bei Boehringer;
- Untergliederungen wurden aufgebaut: SS, HJ, NS-Frauenschaft;
- Theateraufführungen mit nationalsozialistischen Stücken fanden statt, so das Stück "Blut", gespielt von der NS-Laienbühne Mainz.

Damit versuchten sie sich in die reiche Laien-Theaterkultur Ingelheims zwischen den beiden Weltkriegen einzugliedern.

Ein Höhepunkt der Wahlkampfaktivitäten zwischen 1930 und 1933 war sicherlich, dass die Nationalsozialisten den Reichstagsabgeordneten Prinz August Wilhelm von Preußen, seit dem 1.4.1930 Mitglied der NSDAP, dazu gewinnen konnten, im Juni 1932 in der völlig überfüllten Turnhalle Ober-Ingelheims zu sprechen (2000 Besucher).

 

Eine wachsende Zahl von NSDAP-Wählern

Der allgemeinen Stimmung im Reich folgend, gewiss aber auch durch erfolgreiche Wahlkämpfe in den Ingelheimer Orten selbst konnte die NSDAP in den Wahlen von 1931 bis 1933 zunehmend mehr Wähler anziehen, mit leichten Schwankungen in den drei Orten und generell mit einem leichten Rückgang bei der zweiten Reichstagswahl 1932 (wie auch im Reich insgesamt):

Orte LT 11/31 LT 6/32 RT 7/32 RT 11/32 RT 3/33
FW

77 St. =15,4%

97 St.
=26,1%
135 St.
=*
107 St.
=*
213 St.
=33,9%
NI

804 St.
=31,9%

745 St.
=32,1%
901 St.
=*
684 St.
=*
1119 St.
=38%
OI 773 St.
=34,5%
703 St.
=38,1%
877 St.
=*
710 St.
=*
940 St.
=38%

* = prozentualer Anteil nicht zu errechnen, da die Gesamtzahl der abgegebenen gültigen Stimmen nicht zu ermitteln war


Auch noch im März 1933 lagen die Ergebnisse der Ingelheimer Orte ähnlich wie im ganzen Kreis Bingen, aber unter den Ergebnissen in Rheinhessen, in Hessen oder gar im Reich:

NSDAP
3/1933 in/im
Kreis
Bingen
Rhein-
hessen
Hessen Reich
FW:  213 St. = 33,9% 37,8% 43% 47,4% 43,9%
NI: 1119 St. = 38%
OI:   940 St. = 38%

Bewertend kann man diese Ergebnisse der letzten noch einigermaßen freien, wenn auch durch das Verbot der KPD etwas verzerrten Wahl wohl so zusammenfassen:
Auch die Ingelheimer Orte - am wenigsten noch Frei-Weinheim - waren vom allgemeinen Zeitgeist erfasst, aber keinesfalls eine Hochburg des Nationalsozialismus
geworden. Der Kreis Bingen, der mehrheitlich katholisch geprägt war, lag mit seinem Ergebnis zwischen den Ingelheimer Ergebnissen von Frei-Weinheim und den beiden Ingelheim.


Wahlerfolge trotz relativ geringer Verankerung in der Bevölkerung - warum?


Würz (S. 83) stellt fest:
"Trotz des voranschreitenden Ausbaus der Parteiorganisation, der Intensivierung der Propaganda und den guten Wahlerfolgen gelang es den Nationalsozialisten aber vor 1933 nicht, sich maßgeblich innerhalb der Gemeinden zu verankern. Aufgrund der letzten Wahltermine und der Amtszeiten hatte die lokale NSDAP keine Gelegenheit erhalten, sich mit eigenen Kandidaten an eine Bürgermeister- oder Beigeordnetenwahl zu beteiligen. Außerdem verfügte die Partei nicht über ein eigenes Presseorgan. Sie war daher auf Anzeigen in der lokalen Ingelheimer Zeitung angewiesen, um ihre Veranstaltungen über Plakate und Flugblätter hinaus bekannt zu machen. Gleichzeitig fehlte ihr so ein Forum für weitere Propaganda.

Vor allem war es der NSDAP aber nur begrenzt gelungen, örtliche Meinungsführer, d. h. Honoratioren wie Pfarrer, Lehrer, Großbauern oder führende Lokalpolitiker, auf ihre Seite ziehen zu können, die dann wiederum als Multiplikatoren hätten wirken können. Ausnahmen waren hier beispielsweise die Lehrer Dr. Jakob Haag und Philipp Hamm, die beide an der Ober-Ingelheimer Volksschule wirkten.

Als Erklärung für die Wahlerfolge der Nationalsozialisten in den Ingelheimer Gemeinden scheint man daher vor allem die Wirtschaftskrise in Betracht ziehen zu müssen."

Er weist darauf hin, dass nicht nur die Weltwirtschaftskrise die gewerbliche Wirtschaft insgesamt, sondern schon vorher die Abriegelung des linken Rheinufers die Landwirtschaft, vor allem die Winzer, stark geschädigt hatte. Er konstatiert eine regelrechte Agrarkrise, durch die nicht nur die Landwirte selbst, sondern auch die von ihnen abhängigen Handwerker (wie Küfer, Fuhrunternehmer) betroffen waren, mit gravierenden sozialen Folgen.

Zeitungsmeldungen zur Entwicklung von Wirtschaft und sozialer Situation siehe hier!

Am Ende seiner Untersuchung resümiert Dr. Würz:

"Der Durchbruch der NSDAP in den Ingelheimer Gemeinden

Es war der NSDAP zwischen 1929 und 1933 vor allem in Ober-Ingelheim sowie in Nieder-Ingelheim gelungen, Fuß zu fassen. Beide Ortsgruppen hatten es in diesem Zeitraum geschafft, eine solide Parteistruktur auf lokaler Ebene zu etablieren, die es vermochte, den Massenzulauf nach der Regierungsübernahme aufzunehmen.

Begründet während der Krise der Landwirtschaft und der Weltwirtschaftskrise, hatte die Partei es vor Ort verstanden, ein starkes Reservoir an Mitgliedern und Wählern hinter sich zu vereinen. Besonders die enge Kooperation mit der Freien Rheinhessischen Bauernschaft war hier von Bedeutung gewesen. Die Unterstützung zentraler lokaler Meinungsführer zu gewinnen, hatte die NSDAP aber nur bedingt zustande gebracht. Um dieses Defizit auszugleichen, setzte die lokale NSDAP auf die Zusammenarbeit mit dem reaktionären Stahlhelm, die sich schließlich auch nach der Machtübernahme fortsetzte.

Die Durchsetzung der NSDAP wurde in den Gemeinden Ober-Ingelheim und Nieder-Ingelheim besonders durch tiefe Gräben in den kommunalpolitischen Verhältnissen begünstigt. Gleichzeitig bestanden engagierte Bemühungen einzelner politischer und gesellschaftlicher Gruppierungen, der NSDAP entgegenzutreten. Die Überwindung dieser Gegensätze durch eine Ausschaltung oder Einbindung der Opposition in das NS-Regime wurde während und nach der Machtübernahme zur ersten Aufgabe der Nationalsozialisten."


Ergänzung (Gs): Ohne das totalitäre und terroristische Nazi-Regime, das seit 1933 im ganzen Deutschen Reich aufgebaut wurde, wäre ihnen das innerhalb der Ingelheimer Verhältnisse allein sicherlich nicht gelungen.

 

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Gs, erstmals: 16.11.11; Stand: 22.02.17