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11. Erthaler Straße, Bockstein und Flutgraben


Autor und Fotos: Hartmut Geißler

 

Die zum Mainzer Berg ansteigende Erthaler Straße hieß in älterer Zeit „Mainzer Straße“. Der jetzige Name verweist auf die Adelsfamilie von Erthal und deren Großwinternheimer Besitzungen. Die Umbenennung wurde 1972 nötig, als Großwinternheim der Stadt Ingelheim beitrat und es dort schon eine Mainzer Straße mit langer Tradition gab. Hier führte der Weg durch die "Talpforte" aus dem Ort hinaus in Richtung Mainz.

Wie das Zusatzschild zum Straßenschild erklärt, besaßen die von Erthal in Großwinternheim ein Landgut, sie waren "begütert". Untererthal, der Stammsitz der Familie, ist heute ein Ortsteil der Stadt Hammelburg im unterfränkischen Landkreis Bad Kissingen.

Bedeutendere Spuren als in Großwinternheim hat die Familie freilich in Mainz hinterlassen: 

- Friedrich Karl Joseph Reichsfreiherr von Erthal war der letzte Erzbischof und Kurfürst von Mainz, bevor das linke Rheinufer an Franreich fiel

- Bauherr und vermutlich auch Architekt des "Freiadeligen Ehrtalischen neuen Hofs" ("Erthaler Hof" in Mainz) war der Reichsfreiherr Philipp Christoph von Erthal (1689-1784).


Offenbar schätzte auch diese im Mainzer Kurfürstentum bedeutende Familie den guten Wein aus Großwinternheim, so dass sie dort Grundstücke erwarb.

Schon Widder rühmte 1787 die Großwinternheimer Weinlage "Bockstein":
(Dem) Domkapitel zu Speier gehöret der sogenannte Bockstein von ungefähr 6 Morgen Landes, welcher darum merkwürdig ist, weil der darauf wachsende Wein dem besten Rheingauer gleich gehalten wird.“ ("merkwürdig" im Sinne von bemerkenswert). Das Domkapitel in Speyer hatte den Weinberg aus der Konkursmasse der Obentrauts erworben.

Die frühere Weinlage "Bockstein" lag nordnordöstlich vom alten Ort den Hang hinauf, oberhalb des  Flutgrabens und schaut voll nach Süden in die Sonne.


Am oberen Ende stößt die Straße auf den Flutgraben, der das Wasser vom Mainzer Berg nördlich um den Ort herum führt. Er soll nach Krienke, S. 343, durch eine verheerende Flutkatastrophe des Jahres 1730 in der heutigen Form aus dem Dorfbach entstanden sein. Wenn bei Überschwemmungen das Wasser sich aber den geraden Weg durch das Dorf nach unten sucht, ist anzunehmen, dass dies das ursprüngliche Bachbett war und der Bach als Flutgraben wie in Ober-Ingelheim nördlich um die Höfe herumgeleitet wurde.

Im Mittelalter bildete er zugleich einen Teil des Mauer- und Grabensystems, das in diesem nördlichen Bereich besonders gut zu erkennen ist. Ein weitere Mauerrest wurde 2019 bei Neubauten zwischen Obrntrautstraße und Flutgraben wieder identifiziert (nicht allgemein zugänglich).

Der mit Gebüsch bewachsene Flutgraben, früher auch "Effengraben", weil er als "Gebück" undurchdringlich dicht mit "Effen" (= Ulmen) bewachsen war; Foto: Gs
Wehrmauerrest im privaten Garten des Weingutes Nöth; Foto: Gs


Diesen letzten in dieser Höhe aufrecht stehenden Wehrmauerrest aus dem 15. Jahrhundert, der die  Wehrhaftigkeit des adligen Ortes im Spätmittelalter erahnen lässt, findet man, wenn man die Erthaler Straße aufwärts bis zum Ortsende geht, dann links mit einer Brücke den Flutgraben überquert, wieder nach links biegt, am Graben hinabläuft und mit Erlaubnis des Weingutes Nöth (vorher einholen!) in den ersten möglichen Garten (Privatgrundstück) links einbiegt.


Gs, erstmals: 25.02.06; Stand: 11.01.21