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Die Kaiserpfalztafel von 1628

 

Autor: Hartmut Geißler
mit Abbildungen aus dem Museum bei der Kaiserpfalz
sowie mit Unterstützung von Renate Fath (Museum)


Als Johann Wolfgang von Goethe 1814 Ober- und Nieder-Ingelheim vom Rheingau aus besuchte, suchte er in Nieder-Ingelheim auch die Reste des "Palastes Carls des Großen" auf und war von dem, was er sah, ziemlich enttäuscht: 

"Carl des Großen Palast fanden wir halb zerstört, zerstückelt, in kleine Besitzungen vertheilt, den Bezirk desselben kann man noch an den hohen, vielleicht spätern Mauern erkennen."

Als den Palast Karls sah man nämlich jahrhunderlang bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts nur noch die Wehrmauern und Gebäude im Westen des "Saales" an, als Reste einer Art Ritterburg, wie sie schon Sebastian Münster im 16. Jahrhundert abbildete und Lamey/Schöpflin im 18. Jahrhundert zeichnen ließ und weiter bis ins 20. Jahrhundert hinein (Saalwächter). Es waren die westlichen Wehrmauern, Reste der Aula regia, die man aber lange nicht mehr als Reste einer Königshalle erkannte, die Reste der kurpfälzischen Schaffnerei, die das Augustiner-Chorherrenstift abgelöst hatte, und die Saalkirche. Deswegen sah Goethe auch im ehemaligen Eingangstor zur Schaffnerei (gegenüber der Saalkirche - so eindeutig bei Lamey beschrieben) das "Tor" zur Pfalz des großen Karl.

Von den anderen karolingischen Großbauten, dem Nordflügel und dem Halbkreisbau, deren Reste im Boden lagen, hatte man schon lange keine Ahnung mehr.

An diesem Schaffnereitor mauerte man in der Zeit der spanischen Besatzung der Kurpfalz 1628 die Informationstafel ein und stellte einen Säulenrest davor auf. Beim Abriss der Torreste im 19. Jahrhundert wurden Tafel und Säule in die Kirchhofmauer gegenüber eingemauert, wo sie bis zum Abriss dieser Mauer wegen des Erweiterungsbaus des Langhauses 1962-64 blieben.

Die Tafel hat zwar unter dem "Zahn der Zeit" gelitten, wurde aber in jüngster Zeit behutsam restauriert, um im künftigen Museumsneubau ausgestellt zu werden.

Die historischen Hinweise auf der Tafel bestehen aus Angaben der Cosmographie Sebastian Münsters, deren letzte Auflage (zufällig) im selben Jahr 1628 erschien.

Als Vorgriff darauf hat uns das Museum freundlicherweise ermöglicht, eine Abbildung der Tafel von 1628 und einen Kupferstich des Tores zu veröffentlichen. Der Kupferstich wurde vom Dresdner Maler Otto Wagner in der „Folge von sechs Landschaften“ (in mehreren Auflagen zwischen 1838 und 1846) herausgegeben.

So mag auch Goethe 1814 das verfallende Pfalzgelände gesehen haben. Entstanden kann eine solche Darstellung romantischen Verfalls mit Kind und Hühnern aus der Gefühlslage des Vormärz zwischen 1830 und 1848, aus unerfüllter Sehnsucht nach neuer Reichseinheit, auf dem Hintergrund der Erinnerungen an das alte, zerfallene Kaiserreich. Gemeint war sozusagen Deutschland als träumendes Kind in den rückständig-landwirtschaftlich genutzten Ruinen alter Größe. Ist das etwa ein (preußischer?) Adler, der aus der Ferne auf das Tor zu fliegt?

"Säulenrest vom Pallast Carl d. Großen zu Ingolheim" (sic!); Copyright: Museum bei der Kaiserpfalz Ingelheim, Foto: Albrecht Haag
Informationstafel am Tor zur Kurpfälzer Schaffnerei; Copyright: Museum bei der Kaiserpfalz Ingelheim, Dauerleihgabe Historischer Verein, Foto: Albrecht Haag

 

Die Tafel wurde erst vor kurzem wieder aufgefunden und behutsam restauriert. Der heute nicht mehr lesbare Text in der rechten oberen Ecke konnte 1764 bzw. 1814 noch gelesen werden und deshalb aus den Abschriften von Lamey 1764 und Goethe 1814 ergänzt werden.

Die Inschrift

VOR 800 IAHREN IST DIESER [SAAL DES GROSEN] |
KEYSERS CARLEN NACH IHM [LUDWIG DES MILDEN] |
KEYSERS CARLEN SOHN IM IAHR I044 ABER KEYSER HEINRICHS |
[V]ND IM IAHR I360 KEYSERS CARLEN |
KÆNIGS IN BÖHMEN PALLAST GEWESEN VND HAT KEY |
SER CARLEN DER GROSE NEBEN ANDEREN GEGOSENEN SEYLL |
DIESE SEYL AVS ITALIA VON RAVENNA ANHERO IN DIESEN |
PALLAST FÜHREN LASEN WELCH MAN BEIJ REGIERVNG |
KEYSERES FERDINANDI DER ZT VNDT KÆNIGS IN |
HISPANIEN PHILIPPI DES 4T AVCH DERER VERORDTNETER |
HOCHLOBL REGIERUNG IN DER VNTEREN PFALZ EIN (den?) 6 T |
APRILIS ANNO I6Z8 ALS DER CATHOLISCHE GLAVBEN |
WIEDERVMB EINGEFÜHRT WORDEN IST AVFGERICHT: |
MUNSTERUS IN HISTORA VON INGELHEIM DES H |
REICHS THAL FOL DCLXXXIX

Zu Form und Inhalt der Tafel

1. Es ist eine völlig schmucklose Tafel mit erhabenem Rand, aus rotem Sandstein, wie er z. B. an der Nahe oberhalb von Bad Kreuznach vorkommt. Die Schrift besteht aus Großbuchstaben, die hier und da durch Ligaturen verbunden wurden, z. B. KÆNIGS. Die Worte werden mit verschieden großen Abständen nicht sehr gekonnt in Zeilen angeordnet, einmal wurde KEY|SER zeilenübergreifend getrennt. Die Schreibweise von U/Ü schwankt zwischen V und I I. Die Zahl 2 wurde als Z geschrieben. Bei „HISTORA“ wurde das zweite I vergessen, das von den beiden Abschreibern Andreas Lamey und Johann Wolfgang von Goethe ergänzt wurde. Alles in allem war die Tafel kein Kunstwerk, sondern diente allein einer nüchternen Information, keinem barocken Schmuckbedürfnis.

Dass man im selben Jahr trotz der Kriegssituation auch sehr gute Steinmetzarbeiten fertigen konnte, zeigt das Epitaph für Anna Amelia Lopes de Villanova in der Burgkirche.

2. Der Inhalt besteht aus
a) historischen Hinweisen und
b) aktuellen religiös-politischen Angaben.

zu a) die historischen Hinweise:

Die Benutzung des Ingelheimer "Pallastes" durch "Kaiser" wurde aus der Beschreibung Ingelheims in Sebastian Münsters Cosmographie entnommen, und zwar - nach der angegebenen Seitenzahl "FOL (folium = Blatt) DCLXXXIX" zu urteilen - entweder aus der von 1574 oder von 1578 (Dank an Frau Fath). Es war also schon ein älteres Buch, das der Verfasser des Textes benutzte.

Sebastian Münster nannte sieben Könige bzw. Kaiser:

Karl den Großen,
seinen Sohn Ludwig "den Milden" (den Frommen),
Otto I. (der Große) mit der Synode von 948,
Heinrich III. (mit seiner Hochzeit),
Heinrich IV. (bei seiner Absetzung),
Friedrich I. (mit der "Erneuerung" des Palastes),
Karl IV. (Einrichtung des Augustiner-Stifts).

Daraus wurden für die Tafel aber nur vier "Kaiser" ausgewählt:

Karl d. Gr.,
Ludwig d. Fr.,
Heinrich III.
und Karl IV.

Der Grund hierfür ist unbekannt. Es fällt jedoch auf, dass bei Karl IV. (wie auch bei Sebastian Münster) ausdrücklich erwähnt wird, dass er König in Böhmen war, obwohl der einzige Hinweis auf eine Benutzung durch Wenzel/Karl der Ausstellungsort der Gründungsurkunde des Augustinerstiftes ist. Ob Karl zu diesem Zweck mit Sekretariat und Zeugen wirklich selbst in "Nider-Ingelheim" war, kann bezweifelt werden. Von einer Benutzung als Palast durch ihn kann jedenfalls keine Rede sein

Hatte der Autor vielleicht einen Bezug zu Böhmen? Stammte er möglicherweise aus dem ehemaligen Mutterkloster für die Ingelheimer Augustiner, dem Prager Karlshof, der unter dem Krieg auch stark gelitten hatte, aber unter den siegreichen Habsburgern fortbestand?

Vielleicht wurde eine platzsparende Auswahl dadurch nötig, dass man unbedingt noch eine Erklärung der Pfalzsäulen einfügen wollte, nämlich dass sie Karl d. Gr. aus Italien aus Ravenna nach Ingelheim habe holen lassen. Dass diese Granitsäulen "gegossen" seien, wurde auch wörtlich aus der Cosmographie übernommen. Die Säule, die unter der Tafel vor dem Tor aufgestellt wurde, stamme deshalb auch aus Ravenna.

zu b) Die aktuellen politisch-religiösen Angaben:

Als Zeitangabe, wann diese Säule ("Seyl"; Sebastian Münster: "seülen") "aufgerichtet" worden sei, werden nun die 1628 herrschenden Regierungen angegeben, nicht nur einfach das Jahr: in der Regierungszeit der beiden Habsburger, des Kaisers Ferdinand II. und des Königs Philipp IV. in Spanien, sowie unter der von diesen beiden Regierungen eingesetzten Übergangsregierung in der unteren Pfalz (also der Pfalz bei Rhein, im Gegensaz zur Oberpfalz, die sich Bayern genommen hatte).

Gemeint war damit die provisorische spanische Verwaltung. Von 1623 bis 1628 nämlich war Guillermo/Guilelmo de (Wilhelm von) Verdugo di Fauleria als spanischer „Gubernator“ in der Rheinpfalz eingesetzt. Er war der Sohn eines spanischen Adligen und einer thrüringischen Mutter aus der Familie von Mansfeld. Er residierte in Kreuznach und starb auch dort.

Er war „der älteste Sohn des Francisco de Verdugo und der Dorothea von Mansfeld [...] und stand schon vor 1600 in spanischen Diensten. 1612 wurde er spanischer Kriegsrat in Brüssel und Gubernator von Geldern, 1617/18 „maestre de campo“ eines wallonischen „tercio“ im 1. Mantuanischen Erbfolgekriegs, 1619 bis 1622 kämpfte er im böhmischen, pfälzischen und niederländischen Krieg. Aus der böhmischen Konfiskationsmasse (enteigneter tschechisch-protestantischer Adliger) wurde ihm Duppau (Doupov, Bez. Karlovy Vary) für 41.000 fl. verkauft."

(Aus: Verdugo [Vertugo] di Fauleria, Guillermo [Guilelmo] de [Wilhelm von] | Der Dreißigjährige Krieg in Selbstzeugnissen, Chroniken und Berichten (30jaehrigerkrieg.de))

Verdugo profitierte also von den Enteignungen böhmischer Adliger nach der Schlacht am Weißen Berg und hatte somit Beziehungen nach Böhmen, sodass es gut möglich ist, dass ihm jemand aus Böhmen, aus Prag nach Kreuznach gefolgt war und diesen Text verfasste. Lässt die dialektalen Schreibweise von "KÆNIG", die nicht aus dem hier gesprochenen Rheinhessisch zu stammen scheinen, auf Thüringen oder auf Böhmen schließen? "Keyser" wurde wie bei Sebastian Münster geschrieben, der aber "künig", nicht "KÆNIG" schrieb.

Wenn sich diese habsburgische Regierung vorgenommen hatte, dem katholischen Glauben in der reformierten Rheinpfalz wieder zur Geltung zu verhelfen, dann brauchte sie dazu Personal, theologisch gebildetes Personal mit universitärer Bildung. Auf seine Bildung jedenfalls muss der Autor stolz gewesen sein, weil er - für die damalige Zeit eher ungewöhnlich - eine so genaue Quellenangabe für seine Zitate aus der Cosmographie machte. Wer es war, wird man wahrscheinlich nie erfahren können.

 

Die politische Absicht

Auch hierbei sind wir nur auf plausible Vermutungen angewiesen. Mit Sicherheit kann man ausschließen, dass diese Tafel dieselbe Funktion gehabt hätte wie heute die Informationsschilder für Touristen. Denn in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges gab es weder eine solche Museumskultur wie heute noch einen prosperierenden Tourismus.

Es müssen stattdessen politische Motive gewesen sein, die mit der Auflösung der besiegten Kurpfalz und mit der Rekatholisierung zusammenhängen. Die reformierte, ketzerisch-calvinistische Kurpfalz hatte (für einige Jahre, was man damals aber noch nicht wusste) aufgehört zu existieren und damit auch ihre Herrschaft über den Ingelheimer Grund. Was sollte nun mit diesen Reichspfandgebieten werden? Sollte der Ingelheimer Grund wieder an den Kaiser, der nun in Wien residierte, zurückfallen, also wieder reichsunmittelbar werden?

Schon kurz nach der Eroberung der Kurpfalz durch niederländisch-spanische Truppen (1621) hatte sich das Niersteiner Rittergericht - auch Nierstein gehörte zum Pfandgebiet - am 26. Mai 1621 brieflich an den Kaiser Ferdinand II. gewendet, mit der Bitte, die Pfandschaft aufzuheben und die Pfandgebiete wieder direkt dem deutschen König zu unterstellen. Die Regierung in Wien antwortete erst ein halbes Jahr später mit der problematischen Aufforderung, die Originalurkunden der Pfandschaft einzusenden, und schickte außerdem eine Kopie des Briefes an Spinola. Mehr wurde daraus nicht, im Gegenteil, die Regierung Ferdinands erwog sogar, die Oppenheimer Pfandgebiete (mit dem Ingelheimer Grund) im Austausch gegen andere Gebiete dem Kurfürstentum Mainz zu überlassen. (Reifenberg, S. 191)

Solche Bestrebungen müssen dadurch aber noch nicht ausgestorben sein, denn auch sieben Jahre später war die Zukunft des rheinpfälzischen Gebietes noch offen. So könnten katholisch gebliebene Ingelheimer Adlige weiterhin auf eine Reichsunmittelbarkeit durch die Aufhebung der Reichspfandschaft gehofft haben, und dazu passten der Hinweis auf die große "kaiserliche" Vergangenheit des "Pallastes" in Nieder-Ingelheim zusammen mit dem Hinweis, dass die Säulen aus Oberitalien stammten, und die Rekatholisierung hervorragend.

Ob nun einheimische, katholische Adlige diese Tafel herstellen und anbringen ließen oder ob dies auf Befehl des spanischen Gouverneurs in Kreuznach geschah, wird sich kaum klären lassen.


Gs, erstmals 02.04.21; Stand: 14.04.21