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Die Gaststätte Zur Alten Post an der Mainzer Straße Nr. 67


Autor und Fotos: Hartmut Geißler
unter Benutzung von Timm, Alte Post, stark erweitert

Barbara Timm, Museologin und ehemalige Archivarin des Stadtarchivs, hat für das Jahrbuch 2011 die Geschichte der am längsten Betriebenen Gaststätte von Ingelheim zusammengetragen, ihre prominenten Besucher und ihre Besitzer bis in die jüngste Zeit. Die folgenden kursiven Zitate sind ihrem Aufsatz entnommen.

Zurzeit (2020) wird das Gebäude renoviert und soll unter neuer Besitzerin nach der Corona-Pause im Jahr 2021 wieder eröffnen. Dies ist am 30. April 2021 geschehen.


Sie soll um 1720 errichtet worden sein, denn...

"Es war die Zeit der Handelsmessen, in der Wagenzüge vom Ober- und Niederrhein kommend durchpassierten und in der alten Poststation bei einem guten Ingelheimer Wein Rast einlegten. Für die Reisenden mussten Räumlichkeiten, für deren Pferde und Wagen Unterstände sowie Austauschpferde bereitgestellt werden. Reitende Boten und Amtspersonen, Vornehme und reiche Gesellschaften hatten besondere Wünsche und erhoben Ansprüche.

Auf der großen Rheinstrecke zwischen Basel und Nymwegen war Nieder-Ingelheim eine wichtige Zwischenstation, da hier auch die Hunsrücker Linie über Kreuznach und Brüssel abzweigte. Von großer Bedeutung war der im Jahre 1704 eingerichtete pfälzische Postwagenkurs von Düsseldorf nach Heidelberg. Die Postwagen dieses Kurses fuhren dreimal in der Woche durch Nieder-Ingelheim. Der Koblenz-Kölner Kurs des Kaiserlichen Reichspostamtes nennt ausdrücklich die Poststation Nieder-Ingelheim. Von Mannheim aus ging jeden Freitagabend um 6 Uhr eine Briefpost nach Mainz und in Richtung Westen bis Boppard und nach dem Rheingau. 

Im 18. Jahrhundert befand sich die Posthalterei im Anwesen des heutigen Gasthauses „Zur alten Post". Um 1790 ist Jakob Friedrich Weitzel, von 1810 bis 1831 Bürgermeister in Nieder-Ingelheim, als „Distributeur der Briefpost“ genannt. Sein Nachfolger war Ludwig Glöckle, Einnehmer der geistlichen Güteradministration (Schaffner) und von 1792 bis 1798 Schultheiß in Nieder-Ingelheim, der 1791 eine Wilhelmine, geb. Sauter aus Neustadt an der Weinstraße in zweiter Ehe heiratete. Ihr Monogramm Ludwig Wilhelmine Glöckle in der prachtvoll geschnitzten Eingangstür zur Gaststube (siehe unten) erinnert noch heute an die Familie. Ludwig Glöckle starb am 18. November 1813 und hinterließ das gut gehende und auch von durchreisenden Ausländern viel besuchte Anwesen seiner zweiten Frau Wilhelmine.

Gaststätte Zur alten Post mit neuem Anstrich 2008; Foto: Gs


Oben das alte Hofgebäude, ein stark modernisierter Barockbau, und unten seine alte Haustür aus dem 18. Jahrhundert.

Tür der Gaststätte Zur Alten Post im Jahr 2006

 

Prominente Gäste und das weitere Schicksal der Gaststätte:

1. Im Jahre 1789 waren der niederländische Arzt und Botaniker Steven Jan van Geuns und sein Göttinger Studienfreund Alexander von Humboldt gemeinsam auf Reisen... Sie besichtigten auch die Ruinen der Pfalz Kaiser Karl des Großen in Nieder-Ingelheim und waren ebenfalls Gäste des Gasthauses „Zur alten Post“, das sich - wie bekannt - unweit der Kaiserpfalz befindet.

2. Hier kehrte Goethe bei seinem Besuch der Pfalzruinen am 4. September 1814 ein und erwähnte die Wirtin Frau Glöckle, außerdem dass die Poststation jetzt von Reisenden, besonders Engländern und Engländerinnen, fleißig besucht wird. (Gs)

3. 1818 kündigte die hessische Provinzialregierung in Mainz der Gaststätte die Ankunft hoher Gäste an, für die viele Pferde zum Wechel gebraucht wurde:

Vom Hessischen Kantonsdelegierten und Oberbürgermeister Werner wurde in einem Verzeichnis aufgeführt, wie viele Pferde 1818 bei der Durchreise der hohen Monarchen nebst begleitenden Personen von der Poststation Nieder-Ingelheim requiriert und wirklich gestellt wurden:

24. September 94 Pferde Ihro Majestät Kaiser Franz I. von Österreich

24. September 42 Pferde Ihro Majestät Zar Alexander I. Pawlowitsch Romanov

30. Oktober 50 Pferde Ihro Majestät der verwitweten Zarin von Russland Maria Fjodorowna, geb. Prin-zessin Sophie Dorothee von Württemberg.

Die Bereitstellung einer so großen Anzahl Pferde stellte besonders für die Posthalterin und Gastwirtin, Wilhelmine Glöckle, eine enorme Herausforderung dar. Täglich wurden nicht mehr als sechs Pferde zum schnellen Wechsel in der Poststation vorgehalten. So mussten sich die zum Kanton Ober-Ingelheim gehörenden Gemeinden Wackernheim und Heidesheim dazu verpflichten, die geforderte Anzahl Pferde bereitzustellen, was von der dortigen Bevölkerung nicht unbedingt mit Wohlwollen aufgenommen wurde. Für die Rückreise der kaiserlichen Majestäten und des Königs von Preußen, Friedrich Wilhelms III., wurden die Postställe der betreffenden Route mit Schreiben vom 17. November 1818 wiederum um nötige Unterstützung aufgefordert, und bei Nichtbefolgung der Anordnung behielt sich die Großherzoglich Hessische Regierung „nach näherer Erörterung, durch wessen Schuld dies geschehen, Ahndung vor“

Mit dem im Jahre 1859 vollendeten Bau der Eisenbahnstrecke zwischen Mainz und Bingen, der „Ludwigsbahn“, gingen die Einnahmen aus der Beförderung von Personen sowie Brief- und Frachtpost verloren, was ständige Eigentumswechsel zur Folge hatte.

Erst im 20. Jahrhundert...

... wurde die Gaststätte wieder zu neuer Blüte geführt. Neben Ingelheimer Stammkunden trafen sich Vereinsmitglieder Nieder-Ingelheims, zum Beispiel der Karnevalverein „Wäschbächer“ und der Nieder-Ingelheimer Turnverein, zu Sitzungen und anderen geselligen Anlässen in den gastlichen Räumen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg unter französischer Besatzung...

... durfte die Gaststätte „Zur alten Post“ als einzige den gesamten Monat über geöffnet haben. Dort befand sich das französische Offizierskasino.

Prominente Gäste aus den letzten Jahrzehnten:

Im umfangreichen Gästebuch kann man bekannte Namen lesen wie den der Sängerin Margit Schramm, Gast der „Wäschbächer“ beim 1. Bal paré am 16.1.1971, Schauspielerin Elisabeth Wiedemann, bekannt aus der Fernsehserie „Ein Herz und eine Seele“ am 24.6.1974. Weiterhin waren Gäste: Fußballer Jürgen Grabowski am 29.7.1974, Sänger Willy Hagara am 12.7.1976, Boxer Karl Mildenberger als Gast des Boxclubs am 3.8.1977, die erfolgreichen Ingelheimer Ruderer des Doppel-Vierers, Olympiasieger 1984 in Los Angeles, und Margit Sponheimer mit den Mainzer Hofsängern am 20.6.1993.

Auch Dr. Rückert, Mainzer Regierungspräsident und früherer Ingelheimer Bürgermeister, besuchte immer wieder seine geliebte Gaststätte. 


Gs, erstmals: 21.01.07; Stand: 01.05.21