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Der geplatzte Eisenbahnbau über Finthen und der Straßenverkehr

 

Autor: Hartmut Geißler
mit der Erzählung aus Porth, BIG 7, S. 33/34

Die Wackernheimer hätten es gerne gesehen, daß die Strecke Mainz-Bingen im Zuge der Landstraße Karls des Großen (in napoleonischer Zeit "Route Charlemagne" genannt; Gs) an Wackernheim vorbei geführt worden wäre.

Doch da waren angeblich die bösen Finther! Mit ihrem Bürgermeister an der Spitze wehrten sie sich mit Händen und Füßen, natürlich auch mit dem Munde dagegen, daß viele Morgen ihres wertvollen, fruchtbaren Ackerbodens zur ewigen Unfruchtbarkeit durch die Gleisanlagen und andere Bauten verurteilt wären, was der Gemeinde zu unersetzlichem Schaden gereiche. Nach wie vor wollten sie gern das zum Greifen nahe Mainz zu Fuß oder zu Wagen erreichen. Bei dieser Hartnäckigkeit erinnerten sich die maßgebenden Stellen, daß man die Bahnlinie unter erheblich geringeren Grunderwerbskosten durch das dürre, sandige Gelände vorteilhaft nahe beim Rhein bis Ingelheim führen könne, und sie sahen von ihren ersten Plänen ab. Heidesheim wurde somit Bahn- und Poststation für unser Dorf.

Für die Finther war das Siegesgefühl noch nicht recht ausgekostet, als ein nüchternes Erwachen erfolgte. Kaum waren 10 Jahre vergangen, so mußten sie erkennen, daß ihr früherer Ansturm eine große Torheit gewesen war. So lebhaft sie sich vorher gegen den Bahnbau einsetzten, so sehr wünschten sie nunmehr eine direkte Verbindung mit der Stadt. Als man auf dem zuständigen Kreisamt auf das widerspruchsvolle Verhalten der Gemeinde hinwies und dabei dem Bürgermeister ganze Reihen von Eingaben und Bittschriften gegen die geplante Bahnführung unterbreitete, sprach dieser das große Wort gelassen aus: „Die Regierung hat uns schon öfters gezwungen, etwas auszuführen, was uns nicht paßte, warum hat sie es damals nicht getan?“ -

Man ließ die guten Leutchen aus dem östlichen Nachbardorf noch einige Jahre zappeln und baute dann eine Dampfstraßenbahn (nach Mainz; Gs).

Unsere Dorfbewohner schlossen sich auch nicht sogleich voll und ganz der Neuheit im Verkehr an. Noch lange wurde der Mainzergang beibehalten. Dienstags und freitags wanderte man zum Wochenmarkt auf der Chaussee über Finthen, im ganzen 2 ½ Stunden. Wie es Eltern, Großeltern und frühere Vorfahren seit dem Jahre 1200 geübt hatten, so gingen auch weiterhin Frauen und Mädchen mit dem gefüllten Marktkorb auf dem Kopf, dessen Druck durch einen weich ausgefütterten Kringel (Kitzel) gemildert wurde, dem fernen Ziele zu. Es war zu bewundern, wie sie diese Last sicher balancierten und oftmals noch einen Henkelkorb in der Hand trugen.

Ihre Verkaufsstelle hatten sie meistens an der sogenannten „Eck am Dom“, wo sie ihren Marktschatz, wie Butter, Weichkäse, Handkäse, Eier, Obst und Gemüse absetzten. Hatten sie eine größere Menge solcher Lebensmittel zu verkaufen, so vertrauten sie einen Teil ihrer Last einem Fuhrmann an, der gegen geringes Entgelt auf einem Pritschenwagen alles zur Stadt brachte. Kam die Mutter nach Hause, dann erhielten die Kinder als Leckerbissen je einen mürben Weck.

Ungeachtet dieser beibehaltenen Marktgänge verminderte sich der Verkehr auf der früher so stark befahrenen Straße Karls des Großen von Jahr zu Jahr. Sie geriet in einen Dornröschenschlaf. Selten wurde dieser durch ein Weinfuhrwerk gestört, das sich durch ein Schellengeläut von fernher bemerkbar machte. Allerlei fragwürdige Gestalten, spukhaft, und abgerissene Handwerksburschen, zerlumpte Zigeuner, wandernde Korbflicker und Siebmacher mit elenden Pferden vor ihren Wohn- oder Planwagen zogen dann und wann dahin.

Erst gegen Ende des Jahrhunderts, mit der Einführung der Fahrräder und Kraftfahrzeuge aller Art, sollte ein ungeahntes, unvorhergesehenes Erwachen aus diesem Schlafe erfolgen. Steht man in gegenwärtiger Zeit (wohl die Zeit zwischen den Weltkriegen; Gs) etwas abseits, so jagen wie beim Film in fast ununterbrochener Reihenfolge Last- und Personenautos mannigfachster Größe, Bauart, Farbe und Ausstattung nebst größeren und kleineren Motorrädern mit und ohne Beiwagen in beiden Richtungen vorüber. Wobei es einer immer eiliger hat als der andere; bei manchem der Fahrenden könnte man meinen, er wolle noch heute bis an das Ende der Welt gelangen. Man muß die Gelegenheit wohl wahrnehmen, um ungefährdet die Straße zu überqueren.

 

Gs, erstmals: 12.01.2020; Stand: 12.01.2020