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Ingelheimer Lehrer in der Revolution 1848/49

 

Autor: Hartmut Geißler
ausführlich in Geißler, Volksschulgeschichte, in BIG 56

 

Das Lehrerverhalten in der Revolution in ganz Hessen

Klaus Schlupp unterscheidet bei diesem Thema zwischen Lehrern, denen es um schulische Reformen ging, und solchen, die als Mitglieder in (damals oft revolutionären) Turnvereinen, Gesangvereinen und politischen Vereinen politische Änderungen anstrebten.

Nach der Niederschlagung der Revolution veranlasste das Bischöfliche Ordinariat in Mainz eine Umfrage, in der das Verhalten katholischer Lehrer während der vorausgegangen Jahre erfragt wurde.

Man sieht, dass auch die katholischen Lehrer Rheinhessens dem Ruf dieser Provinz gerecht wurden, in der aufrührerichsten Provinz des Großherzogtums zu leben. Denn unter Wühlerei wurde revolutionäres Verhalten verstanden, während eine große Zahl der anderen Vergehen aus Trunksucht bestand. Aus dem Nachlass von Dalwigk kennt Schlupp ebenso viele katholische wie evangelische Lehrer in Rheinhessen (11:12), die revolutionär aufgefallen waren.

Kath. Lehrer 1848 in... gesamt Wühlerei andere Vergehen Lob
Rheinhessen 207 55 17 6
Starkenburg 199 21 10 20
Oberhessen 23 2 2 0

 

Ingelheimer Lehrer in der Revolution

Aus Ober-Ingelheim ist in Dalwigks Verzeichnis "demokratischer" Lehrer, was damals gleichbedeutend mit linksradikal war, nur der evangelische Lehrer Wilhelm Friedrich Landmesser aufgeführt. Vielleicht bekam er deswegen 1849 keine definitive Anstellung in Ober-Ingelheim, wo er seit dem 3. Dezember 1845 schon provisorisch angestellt war, freilich mit dem sehr geringen Gehalt von 260 fl.

Andererseits notierte der Ober-Ingelheimer Bürgermeister Dr. Fritschler auf seine Bewerbung um eine definitive Anstellung vom 4. Juni 1849: Sein Betragen war brav, Dienstleistungen zufriedenstellend. Danach verschwindet er aus den Ingelheimer Unterlagen. Möglicherweise hat er sich woanders beworben.

Das liberal-konstitutionelle Ministerium Jaup hatte wenig Interesse daran, gegen die radikalen Lehrer vorzugehen. Erst unter dem neuen konservativen Ministerium Dalwigk fanden Entlassungen statt. Vermutlich befürchtete die Regierung Jaup Aufstände der rheinhessischen Bevölkerung gegen Lehrerentlassungen. Im April und Mai 1849 hatten in Rheinhessen nämlich Volksversammlungen stattgefunden, bei denen "Demokraten" dazu aufriefen, einen bewaffneten Zug in die Pfalz zu schicken, um dort der Revolution zum Sieg zu verhelfen.

Am 7. April 1849 verbot die Provinzialregierung in Mainz den ausdrücklich genannten (evangelischen) Lehrern Müller und Wenzel in Ober-Ingelheim, ihre Schulsäle für politische Versammlungen zu benützen. Der Bürgermeister in Ober-Ingelheim, Dr. Fritschler, der darüber am 31. Januar 1849 nach Mainz berichtet hatte, wurde aufgefordert, ihnen … zu eröffnen, dass ihnen die Schulsääle nur für die Zwecke der Schule eingeräumt seien und dass es ihnen nicht gestattet sei, dieselben zum Abhalten von Volksversammlungen und dergleichen zu benützen.

Anscheinend hatten sie es vorher schon gemacht.

Verbot des Provinzialkommissars von Dalwigk, Schulsäle für Volksversammlungen zu benutzen

Auf dieses Verbot glaubte der Ober-Ingelheimer Bürgermeister noch einmal am 28. Februar 1850 hinweisen zu müssen, vielleicht im Zusammenhang mit dem Prozessbeginn gegen die Anführer des Aufstandes in Mainz.

Am 22. Juli 1851 erging ein Rundschreiben der Oberstudiendirection in Darmstadt an alle Schulvorstände, das einen zusammenfassenden Bericht über den Zustand der "Schulen" (nicht als Gebäude gemeint) für die Jahre 1848, 1849 und 1850 anforderte, weil die durch das Schuledict vorgeschriebenen regelmäßigen Berichte in der Revolutionszeit nicht immer angefertigt worden waren. Darin wurde auch gefragt,
ob und welche von den Ihnen untergebenen Lehrern sich durch musterhafte Aufführung ausgezeichnet haben, oder ob gegen dieselben Disciplinarstrafen oder ernste Verweise ausgesprochen worden sind

Darauf antwortete der Vorsitzende des evangelischen Ober-Ingelheimer Schulvorstandes Ritsert sehr entschieden:
Keiner der hiesigen Lehrer hat sich in den Jahren 1848-50 durch musterhafte Aufführung ausgezeichnet; im Gegentheil wurden den beiden Lehrern Müller und Wenzel von der Gr.O.St.D.
(Großherzogliche Oberstudiendirection) ernste Verweise ertheilt

Über weitergehende Strafmaßnahmen gegen Ingelheimer Lehrer habe ich bei meinen Recherchen zu dem eingangs erwähnten Aufsatz weder im Ingelheimer Stadtarchiv noch in den beiden kirchlichen Archiven etwas gefunden. Auch ist unter den Ingelheimern, die sich in einem Prozess 1850 wegen ihrer Beteiligung an der Revolution verantworten mussten und deswegen ab Juni 1849 mehrere Monate lang in Mainz gefangen gehalten wurden, kein einziger Lehrer zu finden.

 

 

 

Gs, erstmals: 12.02.17; Stand: 12.02.17