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"wider Ingelheim und verbrant das dorff"


Burger, S. 74 ff, beschreibt diese Ereignisse so:


"Vierzig Jahre Friedenszeit folgten dem Streite um den Mainzer Bischofssitz - vierzig Jahre, aus denen wir nicht hören, ob und wie die Festung Ingelheim besetzt war. Anzunehmen aber ist, daß während dieser Zeit die Mauerwerke wieder in Stand gesetzt und auch die Gebäude des alten Kaisersaals, da sie ja jetzt zu Wohnzwecken genutzt wurden, nicht ganz zerfielen. Wohl fallen in diese vierzig Jahre Auseinandersetzungen zwischen Kurpfalz und Kurmainz, wie die um das Kranenrecht in Weinheim, die manchmal ernsten Charakter annahmen. Aber schließlich wurden sie doch immer wieder, wenn man auch in den einander zugesandten Briefen die drohendste Sprache führt, durch friedliche Übereinkunft entschieden. Die Festung Ingelheim lag in Ruhe und wurde, nachdem sie noch einmal die Feuerprobe bestehen mußte, allmählich als solche aufgegeben.

Diese Feuerprobe wurde nicht so sehr den Mauerwerken der Festung als deren Bewohnern auferlegt. Es war im Bayerisch-Pfälzischen Erbfolgekrieg (1504 - 1505).

Am 1. Dezember 1503 war Georg der Reiche von Bayern-Landshut gestorben. Dieser hatte keine männlichen Nachkommen und darum seine Tochter Elisabeth, die mit dem Pfalzgrafen Ruprecht, einem Sohne des Kurfürsten Philipp (reg. 1476 - 1508) vermählt war, zur Alleinerbin eingesetzt. Kaiser Maximilian aber versagte diesem Testament seine Genehmigung und unterstützte damit die Erbansprüche seines Schwagers Albrecht von Bayern-München. Da Versuche, die Angelegenheit auf gütlichem Wege aus der Welt zu schaffen, ergebnislos blieben, mußten wieder einmal die Waffen entscheiden.

Gegen die Pfalz sammelte sich nun alles, was noch aus früheren Zeiten Groll hegte. Nicht weniger als 164 Fürsten und Städte übersandten Fehdebriefe - der für Kurfürst Philipp gefährlichste Gegner darunter war Landgraf Wilhelm II. von Hessen, der Vater Philipps des Großmütigen. Der Kurfürst von der Pfalz und alle, die ihm helfen wollten, wurden in die Reichsacht erklärt.

So begann der Krieg unter für den Kurpfälzer ungünstigsten Bedingungen. Wohl rüstete auch er. Das Amt Oppenheim hatte 250 (nach einer anderen Quelle 376) Mann zu stellen, dazu elf Reiswagen, zwei Proviantwagen und zwei Streitwagen.

Aber mit größerer Macht, als sie der Kurfürst zusammenbrachte, gedeckt durch die Berufung, Vollstrecker der Reichsacht zu sein, zog der Landgraf durch Oberhessen an den Rhein, den er bei Weisenau überschritt. Niedergebrannte kurpfälzische Dörfer auf dem linken Rheinufer zeigten den Weg, den sein Heer genommen. Über Kreuznach und Bingen, dazwischen wurde zur Freude der Binger auch das kurpfälzische Münster, dem Kurfürst Philipp einen Markt gegeben hatte, der dem Binger Wirtschaftsleben großen Abtrag tat, niedergebrannt, zog das Heer des Landgrafen nun Mainz zu.

Auf dem Wege lag Ingelheim mit der berühmten alten Pfalz. Der „Saal“ war ringsum mit Mauer, Turm und Graben wohl befestigt. Im Burgbezirk standen einige Bauernhütten. Die anderen Bauern flüchteten sich mit Weib und Kind hinter die sicheren Mauern.

Als nun die Pfälzer von den Türmen die hessischen Scharen, in dichte Staubwolken gehüllt, sich nähern sahen, ließen sie die Tore der Pfalz offen, bereiteten aber in fester Entschlossenheit alles zum Empfang des Feindes vor. Die Geschütze stellten sie an klug gewählten Plätzen auf, so daß sie Tore und Vorraum bestreichen konnten. Die Hessen näherten sich noch in Ordnung. Doch als sie die Tore offen sahen und keinen Laut vernahmen, hofften sie auch hier auf gefahrlose Plünderung und drangen in dichten Haufen ein. Schon preßten sich die Beutegierigen durch das zweite Tor, da stürzt gellendes Kriegsgeschrei und krachendes Geschützfeuer sie in völlige Verwirrung. Von Mauern und Türmen spielt das versteckt gehaltene Geschütz in den wilden Haufen. Die Tore schließen sich, und von den Mauern ringsum schleudern die Verteidiger ihre Geschosse auf die Eindringlinge oder treffen sie mit sicher gezielten Armbrustbolzen. Der Rest der Hessen flieht.

Nun läßt der erzürnte Landgraf seine Kriegsmaschinen auffahren. Aber die unerschrockenen Verteidiger erkennen sofort, daß es gar nicht dazu kommen darf und machen Auffahren und Einbau der Geschütze mit den wohlgezielten Steinkugeln ihrer Bombarden unmöglich. Schließlich fanden viele der Plünderer im Dorf das wohlverdiente Ende. Denn die Frauen standen den Männern von Ingelheim an Mut nicht nach. Sie eilten in dem allgemeinen Wirrwarr unbemerkt ins Dorf und steckten es mit eigener Hand an allen Ecken in Brand. Die Hessen hätten dasselbe getan, aber erst nach gründlicher Plünderung. So trieb sie die Habgier in die brennenden Häuser, und mancher wurde von stürzenden Balken erschlagen oder im Keller zusammenbrechender Häuser elend erstickt..."


Diese dramatische und anschauliche Schilderung hat Burger aus dem Buch von Ziehen, der wiederum auf dem oft sehr fantasiereichen Johannes Trithemius fußt (Bell. Bav. 110f.) entnommen. Auch Ludwig Häusser schrieb 1845 in seiner "Geschichte der rheinischen Pfalz", sich auf Trithemius berufend, auf den Seiten 478f.:

"Er (d.h. der Landgraf von Hessen) wandte sich gen Ingelheim, der alten Königspfalz Karls des Großen; sie war jetzt ein pfälzisches Dorf und in die Wände des alten Kaisersaales hatten die Bauern ihre Habe geflüchtet; Thürme, Mauern und Gräben umgaben den Ort; man konnte sich hier militärisch vertheidigen. Die Landleute thaten es mit Muth und Geschicklichkeit; sie ließen die Thore offen stehn und als die Hessen arglos hereinstürzten - in der Meinung, die Veste sei leer - donnerte von allen Seiten das innen aufgestellte Geschütz auf sie los, und kostete Vielen das Leben. Die Wohnungen, die außerhalb des Saales standen, ließen die Bauern durch ihre Weiber anzünden; viele Hessen eilten beutegierig herein und fanden in den Flammen ihren Tod. Indessen hätten die muthigen Vertheidiger des alten Kaisersaales doch einer längeren Belagerung schwerlich widerstehen können; drum war es ein Glück, daß Landgraf Wilhelm sich rheinaufwärts gegen Mainz wandte."

Demgegenüber berichtet Sebastian Münster erstaunlich knapp, aber ohne Erwähnung der spektakulären Einzelheiten von Trithemius:

"Im Jahre 1504 zog Landgraf Wilhelm (von Hessen) gegen Ingelheim und brannte das Dorf (wahrscheinlich Nieder-Ingelheim um Remigiuskirche und Belzer) nieder. Und nachdem er manchen schweren und teuren Schuss (?) auf den Saal abgefeuert hatte und diesen entgegen seinen Absichten nicht einnehmen konnte, zog er mit Verlusten ab." (Gs)

Es fragt sich, warum Sebastian Münster diese Belagerung des Jahres 1504, die möglicherweise auch den elterlichen Hof betroffen haben könnte und die er vor seinem Weggang nach Heidelberg als etwa 16jähriger Augenzeuge miterlebt haben muss (wenn das Anfangsjahr seines Studiums 1505 nach Burmeister stimmt), so knapp abhandelt. Oder wurde ihm das Wenige, das er - allerdings 40 Jahre später! - in der Cosmographie berichtet, später durch andere Personen, z.B. Verwandte, mitgeteilt, weil er 1504 nicht mehr in Ingelheim war, sondern doch bereits beim Studium in Heidelberg?

Oder hat hier Johannes Trithemius, der schon nach einem Jahr Klosterzugehörigkeit mit ca. 21 Jahren zum Abt des Klosters Sponheim (bei Bad Kreuznach, also in der Nähe von Ingelheim) gewählt worden war, auch mit dieser Beschreibung dramatisiert?

Es sind ihm ja an vielen anderen Stellen historische und theologische Fälschungen nachgewiesen und kritisiert worden. In einem seiner Briefe (an Jodocus Beisel (Epist. ad famil. Hagan. 1536, S. 30) schrieb er, dass der Landgraf, bevor er nach Ingelheim zog, bei Kreuznach sein Lager aufgeschlagen hatte, dort ebenfalls Verwüstung und Plünderung verbreitete und auch sein Kloster angezündet habe.

Er verließ ungefähr ein Jahr später (1505 oder 1506) das Kloster wegen unüberbrückbarerer Gegensätze zwischen ihm und den Mönchen. Wie auch immer, eines scheint festzustehen: Das Nieder-Ingelheimer Bauerndorf bei dem befestigten Saal wurde im Zuge der Kriegshandlungen 1504 niedergebrannt. Auch das Haus der Familie Münster, Sebastians Geburtshaus? Oder stand es im Saal und blieb unbeschädigt?

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Gs, erstmals: 26.08.06; Stand: 02.03.17