Sie sind hier:   Sebastian Münster > Ingelheim in der Cosmographie  > "Anno Christi 1460"

"anno Christi 1460. zug der bischoff"

 

Burger berichtet darüber S. 72 ff.:

Er (der Schutz der Wehrmauern des Saales) wuchs sogar für die außerhalb ihrer Mauern wohnende Bevölkerung von Ingelheim und Umgebung, die hinter den hohen Mauern Schutz suchte, wenn wieder einmal Kriegslärm die Ruhe störte. Und das sollte alsbald wieder der Fall sein.

Zwischen dem am 18. Juni 1459 zum Erzbischof von Mainz gewählten Grafen Diether von Isenburg-Büdingen und dem Pfalzgrafen Friedrich dem Siegreichen, von seinen vielen Gegnern der „böse Fritz“ genannt, waren Streitigkeiten über die Gerichtsbarkeit bei Lorch entstanden, die zu offener Fehde führten.

Zwischen dem 24. und 28. Mai 1460 erschien eine mainzische Schar in Ingelheim und brannte das Dorf (Nieder-Ingelheim) nieder. Die Besatzung des Saals hatte das nicht hindern können, hielt aber die Tore verschlossen und richtete sich auf eine Belagerung ein. Auf die Nachricht aber, daß der Pfalzgraf mit einem Heere nahe, in Wirklichkeit war er erst bis Oppenheim gekommen, rückten die Belagerer in aller Eile ab. Sogar ihre Geschütze sollen sie im Stiche gelassen haben.

Der Krieg war damit freilich nicht zu Ende. Auch die schwere Niederlage, die Friedrich der Siegreiche dem Erzbischof Diether und dessen Verbündeten bei Pfeddersheim zufügte, brachte keine endgültige Entscheidung. Denn aus den beiden Gegnern wurden nun Bundesgenossen. Erzbischof Diether hatte sich mit Papst Pius II. überwarfen, wurde von diesem abgesetzt und Domherr Adolf von Nassau zu seinem Nachfolger ernannt. Diether beruhigte sich hierbei nicht - und wieder sollten die Waffen entscheiden.

Die pfälzische Besatzung des Saals, die bisher die Anhänger Diethers, des Feindes ihres Herren, hatte bekämpfen müssen, stand nun, nachdem Pfalzgraf Friedrich und Erzbischof Diether sich zur Niederringung Adolfs verbunden hatten, auf Seiten Diethers und geriet damit in Streitigkeiten mit der Besatzung der Festung Gau-Algesheim, die auf Adolf von Nassau geschworen hatte.

Hierdurch kam es zu Plänkeleien, von denen die Chronik von Bingen uns eine schildert. Danach „kamen anno 1463 auf Purificationes Mariae etlich aus dem Volk, das zu Ingelheim im Saale lag vor Algesheim. Dieses gewahr werdend, begaben sich ihrer bei 50 heraus, streiften ihnen nach, die von Ingelheim stellten sich zur Wehr, erstachen der Algesheimer 10 Mann und 24 nahmen sie gefangen, bekamen 17 Armbrust und 3 Handbüchsen. Diese 24 Personen mußten geben 300 Gulden, daß sie ledig wurden."

Nieder-Ingelheim hat in diesem Kriege trotz des Sieges eines bedeutenden Fürsten, der das Pfälzerland groß gemacht hat, schwer gelitten. Ein großer Teil der außerhalb des Saals stehenden Gehöfte wurde vom Feinde niedergebrannt. Namentlich scheint dem Belzen, dem Kern des eigentlichen Dorfes, ein solches Schicksal widerfahren zu sein. Das bei der dortigen Kirche stehende Heiliggeisthospital (d.h. das Spital, für das Münsters Vater tätig war) ging in Flammen auf und lag noch 1472 in Trümmern. Ein Regierungsbefehl hatte nämlich die Wiedererbauung der abgebrannten Gehöfte untersagt, um die Ansiedlung in den sicheren Mauern des Saals zu fördern. Auch andere Häuser blieben als "verheerte Flecken" liegen, und die Not der Zeit haftete noch lange in der Erinnerung. 


Es ist übrigens keineswegs sicher, dass dieses Spital zur Zeit der Geburt und Kindheit Sebastian Münsters überhaupt schon wieder aufgebaut war. Denn die Funktion des Vaters von Sebastian Münster als "Hospitalmeister" musste auch dann weiter ausgeübt werden, wenn das Spital selbst in Trümmern lag, denn die mit dem Hospital verbundenen Einkünfte sollten ja in jedem Falle verwaltet werden. Zur jüngsten Forschung dazu siehe Reiner Letzner, Sebastian Münster und das vermessene alte Ingelheim (= BIG 55).

Gs, erstmals: 26.08.06; Stand: 01.03.17