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Das Epitaph der Meygen (Maria, Mia) Werberg von Lindenfels


Autor und Fotos: Hartmut Geißler

Meygen (= Maria, M(ar)ia) Werberg von Lindenfels  wurde bisher meist "Ima von Werberg" genannt.

Ihr Epitaph in der Burgkirche:

Foto: Gs


Mia steht als Witwe unter einem krabbenbesetzten Kielbogen mit Kreuzblumen, von Fialen flankiert, eine betende Ritterfrau, hoch reliefiert, in faltenreichem Gewand und Mantel. Ihr Kopf wird von einer spitzen Haube mit zurückgeschlagenem Witwenschleier umrahmt. Zu ihren Füßen zwei Hunde, welche den Blick zu ihr emporwenden. (Krämer) - Die Hunde sollten wahrscheinlich als Symbole der Treue dienen.

Erklärungen:
- Krabben: in gotischer Architektur aus Stein gemeißelte, faltig verbogene Blätter
- Kreuzblumen: auf der Spitze von Türchen sitzende Blumen, von der Seite gesehen mit kreuzförmiger Gestalt
- Fialen: steinerne, schlanke, spitz zulaufende Türmchen, meist mit Kreuzblumen o.ä. an der Spitze

Die Umschrift in gotischen Minuskeln lese ich unter Zuhilfenahme von Helwich (1615) und Rauch, Kunstdenkmäler, S. 502, wie folgt:

1. oben: anno + dni + m + cccc + xlii + ferie + iii / ...
(= anno domini mccccxlii ferie iii)
Im Jahre des Herrn 1442 am dritten Tag (ab Sonntag = Dienstag)...

2. rechts von oben nach unten: p + festu + exaltaton + ste + crucis + obyt + dna + mia + wirberge(r)in + legittima / ...
(= post festum exaltationis sanctae crucis obiit domina maria wirberge(r)in legittima)
nach dem Fest der Erhöhung des heiligen Kreuzes (= 14. September) starb Maria Wirberg, die rechtmäßige (Ehefrau) ...

3. untend(omi)ni [so: Helwich 1615; hingegen Rauch 1934: "vidua"] + Philippi + de + Ingelheim + philippi + militis  ...
des Herren [oder Witwe] des Ritters Philipp von Ingelheim ...

4. links von unten nach oben:
pscpti + quor + aie + requiescat + in + pace (p(rae)sc(ri)pti quor(um) a(n)i(ma)e requiesca(n)t in pace)
[des] vorerwähnten, deren Seelen in Frieden ruhen mögen.

Die Fürbittenformel bei Mia - deren Seelen mögen in Frieden ruhen - scheint für beide Ehepartner gemeinsam gemeint zu sein, weil nach Helwich ihre Epitaphien ursprünglich nebeneinander standen, zusammen mit dem ihres Sohnes Hans im südlichen Seitenschiff, in der Reihenfolge Sohn Hans - Vater Philipp - Mutter Mia, Mias Ehemann also direkt links daneben.

Die Verstorbene erscheint - wie damals üblich - in üppiger, bis zum Boden reichender Kleidung und mit zum Gebet gefalteten Händen. Dass die Umschrift zu Füßen des/der Bestatteten sozusagen auf dem Kopf eingemeißelt war, ist völlig üblich für Grabplatten und Epitaphien jeder Zeit, die entweder als Deckplatten für ein Grab im Boden oder für eine Tumba dienten oder als "Epitaphien" für die Anbringung an einer Wand vorgesehen waren.

In beiden Fällen liest man die Umschrift ringsum vom Zentrum der Platte nach außen, während die Steinmetze sie wahrscheinlich von außen nach innen, also "auf dem Kopf" einmeißeln mussten, was wohl einige Fehler erklärt.

Im Januar 1615 standen ihr, ihres Gatten Philipp und ihres Sohnes Hans Epitaphien nach Helwich, S. 358 und 360, a dextra, d.h. im südlichen Seitenschiff, also damals nicht im Chor, wie 1934, als Rauch sie beschrieb, aber auch nicht voneinander getrennt wie heute.


Die Umschriftinterpretation wirft drei Fragen auf:


1. Wie hieß die Dame wirklich?

"Ima", wie lange Zeit angenommen? Oder "Mia" = M(ar)ia? - Rauch las "nna", was auch immer das heißt - (A)nna?

Die vier völlig gleichen Hasten ("Beinchen") allein lassen jedenfalls keine eindeutige Lesart zu.

In Krienkes Denkmaltopographie wird sie in der Bildunterschrift "Bega" genannt - sicher eine Verwechslung mit Rebecca von Ingelheim (+ 1390) - und im Text "Anna Wirbergerin" (beides S. 400), letzteres wohl nach dem Kunsthistoriker Ernst Emmerling, der sie in der Allgemeinen Zeitung Ostern 1961 "Anna Wirbergerin" nannte ("als welche sie die gotische Umschrift ausweist").

Dies tut die Umschrift aber nicht, denn entweder ist ein a vor zwei n vergessen worden oder die ersten zwei Hasten sollen ein a vor nur einem n darstellen, was aber sehr unwahrscheinlich ist, denn in dieser Umschrift wird der Buchstabe a immer deutlich anders geschrieben, wie in exaltaton, in requiescat, dna und in pace.

Nachdem aber auch das erforderliche r in "Wirbergern" hier eigentlich kein r sein kann, sondern irgendetwas Vermeißeltes, könnte man vielleicht auch davon ausgehen, dass in der Umschrift vom Steinmetzen Fehler begangen worden sind.

Eine Lösung der Namensfrage lässt sich deshalb nur in anderen schriftlichen Quellen finden, z. B. im "Stammbaum" Rudolf Echters von 1902. Dort wird sie als Gattin Philipps von Ingelheim, der 1431 fiel, aufgeführt, ähnlich wie schon vorher in Humbrachts Genealogie von 1708, und zwar so:

(Johannetta) Meygen (Marie) von Werberg zu Lindenfels, Tochter Henns und der Frau Elisabeth v. Eilickheim, + 1442 - Eiligheim liegt nördlich von Stuttgart.

Danach scheint "Meygen" ihr Rufname gewesen zu sein, in einer Verkleinerungsform von Maria abgeleitet. "Maria" könnte in Abkürzung "mia" geschrieben worden sein, aber die Namensform Mia könnte selbst auch ein gebräuchlicher Rufname gewesen sein, denn die Namensform "Mia" kommt in jener Zeit mehrfach vor.  Das Fehlen eines Abkürzungsstriches ist noch an einer anderen Stelle dieser Umschrift festzustellen (s.u. requiescant). Im Jahre 2011 war in Deutschland "Mia" übrigens die beliebteste Namensgebung für neugeborene Mädchen.


2. Hieß ihre Familie Wirberg oder Werberg?

Ein "e" ist jedenfalls nicht zu erkennen. Da in der gotischen Minuskel das i und das e allerdings sehr ähnlich sind, könnte hier ein Verschreibung des Steinmetzen vorliegen, nicht unbedingt eine Namensvariante. Eine Familie "von Wirberg" hat es zwar auf einer gleichnamigen Burg östlich von Reiskirchen gegeben; ihre Burg soll aber schon um die Mitte des 12. Jh. in ein Kloster umgewandelt worden sein, weil die Familie ausstarb.

Der Darmstädter Walther Möller hat sich in seinen "Genealogischen Beiträgen zur Geschichte des Odenwaldes und der Bergstraße" u. a. auch mit der Familie Werberg befasst, konnte aber die Herkunft des Namens letztlich nicht klären.

Die Angehörigen dieses Namens - als erster ein Conrad von Werberg (1335) - erscheinen nach Möller zuerst auf der Starkenburg/Bergstraße und kommen später mit dem Zusatz "von Lindenfels" oder auch "von Heppenheim" vor.

Einen längst verschwundenen Rittersitz Werberg - es braucht ja ähnlich wie in Ober-Ingelheim gar keine Burg im engeren Sinne gewesen zu sein - muss es aber irgendwann gegeben haben, vielleicht bei Lindenfels im Odenwald oder, wie Möller vermutet, in der Nähe von Heppenheim und der Starkenburg, vielleicht aber auch in der Rhön, nordnordöstlich von Bad Brückenau, wo sie das Hessische Ortsnamenbuch lokalisiert. Der Ort und eine Burgruine Werberg sind in einem Truppenübungsplatz aufgegangen.

Zur Form des Familiennamens - Werberg von Lindenfels - führt Brandenstein (S. 286, Anm. 619) folgende Erläuterung an Möllers an:

Die seit 1277 pfälzische Burg Lindenfels war wegen ihrer isolierten und die Lande ringsum weithin beherrschenden Lage stets von großer Bedeutung für ihre Besitzer. Die Pfalzgrafen legten daher auf ihre Instandhaltung und Sicherung immer großen Wert. Angehörige vornehmer Geschlechter wurden durch namhafte Beträge zur Burghut verpflichtet. Diese waren bei drohender Gefahr gehalten, persönlich anwesend zu sein, konnten sich jedoch in Zeiten der Ruhe durch einen Ritter oder Burgmann vertreten lassen. So war dort stets eine starke Besatzung versammelt. Diese Burgmannen wurden stellenweise durch den Zusatz „von Lindenfels“ von anderen gleichen Namens unterschieden. Der Beiname übertrug sich wiederholt auch auf ihre Nachkommenschaft. So haben wir die „Mosbach von Lindenfels“ die „Werberg von Lindenfels“ und andere."(Möller, Archiv NF XXIV, 1952/53, S. 138/39)

Jedenfalls hatte die Familie im 15. Jahrhundert ihren Sitz auf Burg Lindenfels und wurde daher in den zeitgenössischen Urkunden meist "Werberg von Lindenfels" (so bei Brandenstein) genannt. Und so sollten wir unsere Mia auch nennen.


3. Wieso wird Philipp hierin als p(rae)sc(ri)pti, d. h. als "vorerwähnt" bezeichnet?

Das könnte daran liegen, dass Mias Epitaph-Umschrift Bezug nimmt auf das ursprünglich direkt links (?) daneben aufgestellte Epitaph ihres Gatten, denn die Formulierung (quor + aie + requiescat + in + pace) deutet auf einen Plural der (beiden) Seelen ("aie" = "anim[a]e") hin, trotz des ausgelassenen "n" bei requiesc(a)nt (s.o.).

Man beachte hier auch den zarten Doppelkringel ("Rautenquadrangel") am zeilenmittigen Trennpunkt einer insgesamt sehr liebevoll und sorgfältig gestalteten Umschrift!


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Gs, erstmals: 26.10.08, Stand: 25.02.17