Sie sind hier:   Remigiuskirche NI > Remigius und Kilian

St. Remigius und St. Kilian - eine einzige Kirche mit Doppelpatrozinium oder zwei verschiedene Kirchen?


Autor: Hartmut Geißler

nach: Saalwächter, Aus der Geschichte,
Zur Zweihundertjahrfeier
und
Schmitz
, Pfalz und Fiskus
und nach Hinweisen von Holger Grewe aufgrund der derzeitigen Grabungen


In der Jubiläumsschrift von 1939 - "Zur Zweihundertjahrfeier" - schrieb Pfarrer Weil (?):
Nachdem die Kirche bei der pfälzischen Kirchenteilung 1707/09 den Katholiken zugelost worden war, hätten diese den Namen ihrer bisherigen Pfarrkirche im Saal, die dem Hl. Remigius geweiht war (Irrtum; Gs), mitgenommen und auf die frühere Kilianskirche, die etwa 150 Jahre von Protestanten benutzt worden war, übertragen. Auf den Namen des Remigius sei der Neubau im Januar 1740 neu geweiht worden.

Damit der alte Namen St. Kilian nicht in Vergessenheit geriete, habe der Mainzer Bischof Ludwig Maria Hugo (1921-1935) auf Bitten der Nieder-Ingelheimer Gemeinde 1932 St. Kilian zum zweiten Kirchenpatron erklärt.

Auf eine diesbezügliche Nachfrage des Hist. Vereins erklärte Frau Manstein vom Dom- und Diözesanarchiv am 15.11.2006:
"In den Beständen des Dom- und Diözesanarchivs Mainz läßt sich zur Geschichte des St. Kilian-Patroziniums in Nieder-Ingelheim lediglich das Gesuch des Pfarrers Wilhelm Weil vom 14. Juli 1932 an das Bischöfliche Ordinariat, den hl. Kilian als zweiten Patron der Pfarrkirche erklären zu wollen, nachweisen (Best.: Pfarrakten 1800-1945 Nieder-Ingelheim St. Remigius Nr.: 6 (Gottesdienst; Kirchenpatrone, Haupt- u. Nebenpatron).

Die Genehmigung erteilte Bischof Hugo am 22. Juli 1932. In seinem Gesuch erläutert Pfarrer Weil, daß der hl. Kilian der ursprüngliche Patron der Nieder-Ingelheimer Pfarrkirche gewesen sei, während der hl. Remigius der Patron der mittlerweile evangelischen Palastkirche war." - Mit dieser Annahme zum Namen der Palastkirche irrte Pfarrer Weil freilich.

Vielleicht geht dieser Doppelname auch auf den Unterschied zwischen Titulus einer Kirche und ihrem Patron zurück, die sich bei St. Michael in Ober-Ingelheim beobachten lässt, die noch 1771 (Antwort der Gemeindeverwaltung OI auf einen Fragebogen der Mannheimer Akademie) den "Namen" der "Allerheiligsten Dreifaltigkeit" führte, aber als Patron den Hl. Michael zugeordnet bekam. 

Demgegenüber gehen Classen, Schmitz, Stratman, auch Prof. Felten, Mainz, und Holger Grewe 2010) davon aus, dass es sich bei St. Remigius und St. Kilian um ein und dieselbe Kirche gehandelt hat, nämlich um die heute so genannte "Remigiuskirche", die nach dem Übergang an das Bistum Würzburg bis zur Reformation zwei Patrozinien gehabt habe.

Ein Zurücktreten des Gebrauchs des ursprünglichen Patroziniums (Tituli?) im Spät-Mittelalter zugunsten St. Kilians sei auch bei den beiden anderen damals an Würzburg übertragenen Kirchen des Wormsgaues (St. Maria in Oppenheim und St. Martin Kreuznach) zu beobachten; aus dem Spätmittelalter ist auch der Name für diese Kirche in Nieder-Ingelheim als Kilianskirche überliefert.

Schmitz:
"Das Zurücktreten des ursprünglichen Patroziniums berechtigt im Falle Ingelheims jedoch nicht zu der Annahme eines Wechsels des alten Titelheiligen Remigius von der Würzburger Kirche auf die sogenannte Saalkirche. Für eine solche Hypothese bieten die Quellen keinen Anhaltspunkt. Im Gegenteil ist man bei vorurteilsloser Bewertung der Nachrichten zu 948 gezwungen, unter der als Tagungsort der Synode erwähnten Remigiuskirche die Würzburger Kirche auf dem 'Belzen' zu verstehen. Ebenso willkürlich wie die Annahme eines Patrozinienübergangs von der Würzburger Kirche auf die Saalkirche im 8./9. Jahrhundert ist die von seiner Rückführung im Zuge der kurpfälzischen Kirchenteilung von 1705, in deren Gefolge die heutige Remigiuskirche auf dem 'Belzen' der katholischen Gemeinde Nieder-Ingelheims zugesprochen wurde.

Richtig scheint uns vielmehr zu sein, daß zu dem älteren Remigiuspatrozinium der Kirche auf dem 'Belzen' während ihrer Zugehörigkeit zu Würzburg Kilian als zweites Patrozinium hinzugetreten ist und Remigius vorübergehend in den Hintergrund gedrängt hat und daß später, nachdem sie aus dem Würzburger Besitz ausgeschieden war, das ältere Patrozinium wieder in den Vordergrund gerückt ist.

Nur undeutlich läßt sich die ursprüngliche Funktion der Remigiuskirche ausmachen. Man wird wohl nicht fehlgehen, wenn man in ihr die alte Fiskalkirche der merowingerzeitlichen villa Ingelheim sucht. Sie dürfte, was sich allerdings erst für spätere Zeit einwandfrei nachweisen läßt, bereits im 8./9. Jahrhundert Pfarrkirche der in ihrer Umgebung auf dem 'Belzen' vermuteten ältesten dörflichen Siedlung gewesen sein, wofür nicht zuletzt die bei ihr liegenden Zehntrechte sprechen.

Vielleicht kann gerade auch ihre in der Urkunde von 822 sich von der sonst gebräuchlichen Terminologie (basilica) abhebende Bezeichnung als ecclesia hierfür als Anhaltspunkt und Stütze dienen. Charakteristisch für ihre rechtliche Stellung innerhalb des Krongutbezirks ist jedenfalls, daß sie während des ganzen Mittelalters einzige Pfarrkirche von Nieder-Ingelheim, Frei-Weinheim und Sporkenheim war und später den Rang einer Mutterkirche gegenüber den ausgepfarrten Filialkirchen dieser Orte sowie zwei weiteren Kirchen auf dem Häuser Hof und in dem Heilig-Geist-Spital und schließlich gegenüber den beiden dem hl. Michael bzw. dem hl. Petrus geweihten Kapellen im Saal besaß." (Schmitz, S. 309f.)

Wenn die Synode von 948 in einer "Remigiuskirche" stattgefunden hat, wie es der daran teilnehmende Flodoard u. a. berichten, und wenn dies die heutige Remigiuskirche gewesen sein soll, dann war sie freilich zwei Jahrhunderte nach ihrem Übergang an das Bistum Würzburg in der Karolingerzeit immer noch nicht nach dem heiligen Kilian benannt. Das müsste dann erst später, irgendwann im (Spät-? so Schmitz) Mittelalter, geschehen sein.

Einen Patron St. Kilian erwähnt keine der Quellen über die Synode von 948.

Sie muss im 10. Jahrhundert groß genug gewesen sein, um die große Anzahl aller Teilnehmer an der Synode von 948 aufzunehmen. Dies scheinen die derzeitigen Grabungsbefunde auch nahe zu legen. Schließlich war sie die Kirche, in der Karl der Große das Weihnachtsfest 787 und das Osterfest 788 feierte, als es die Saalkirche noch nicht gab.

 

Zurück zum Seitenanfang

Gs, erstmals: 30.08.11; Stand: 19.02.17