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Das Marienfenster im Chor der Burgkirche


Autor und Fotos (mit Ausnahme der Rosette): Hartmut Geißler
unter Verwendung von: Das Marienfenster der Burgkirche zu Ingelheim, 2003

 


Dieses mittlere Fenster des Chores, der Anfang des 15. Jahrhunderts (1406) erbaut wurde, ist das einzige, von dem sich erhebliche Teile seit dem Mittelalter erhalten haben. Aber auch von ihm mussten im 19. und 20. Jahrhundert große Teile überarbeitet und ergänzt werden, so dass "nur einzelne Partien [noch] authentisch sind" (Gast, Marienfenster). Die anderen Fenster waren jedoch so stark zerstört, wie schon Goethe 1814 bemerkte, dass sie durch völlig moderne Glasfenster ersetzt werden mussten.

Das Marienfenster aus über 2900 Glasteilen wurde erstmals "1851 vom Ingelheimer Glaser Heinrich Dohn nach Angaben des Großherzoglichen Kreisbaumeisters Ernst Georg Gladbach restauriert." (Ober-Ingelheim. Evangelische Burgkirche, S. 12).

Im Jahr 1934 waren große Fehlflächen durch einfache farbige Gläser gefüllt, die bei der vorletzten Restaurierung 1956, als die im Krieg ausgebauten Gläser wieder eingebaut werden sollten, durch nachempfundene Teile des Michelstadter Künstlers Heinz Hindorf ersetzt wurden, was manche Kontroversen auslöste (s. Ivo Rauch in Das Marienfenster).

So musste z.B. der völlig verschwundene Kopf der männlichen Person gegenüber Maria im oberen Teil, Christus Pantokrator ("Weltenherrscher") oder Gottvater, neu gestaltet werden. Auch die Spruchbänder der Propheten oben links und rechts bekamen neue Texte des damaligen Dekans Seyerle. Die jüngste Restaurierung von 2002 hatte nur erhaltende Ziele und hat nichts Neues geschaffen.

Dieses mittlere Fenster, in vierbahnigem Maßwerk, hat als Thema die Jungfrau Maria, in unterem Teil in der bekannten Geburtsszene, darüber wahrscheinlich sie im Himmel als Himmelskönigin zusammen entweder mit Gottvater oder, wie Kunsthistoriker bevorzugen, mit ihrem Sohn Jesus als Pantokrator ("Weltenherrscher"). Es folgt in Ikonographie und Komposition einer um 1400 weit verbeiteten Tradition, wie Uwe Gast in "Das Marienfenster" darlegt. In vielen Zusammenhängen wurde Maria als oberste Patronin der Ritter verehrt, was auch zum Ingelheimer Ritter-Adel jener Zeit passt. Maria wurde z. B. im rituellen Gebet beim Ritterschlag angerufen.

Zum unteren Teil, der Geburtsszene:

Zentral links sitzt Maria in einem goldenen Gewand, wie eine Königin mit Krone (und Nimbus), auf einem Thron vor einem blauen Sternenhimmel, mit ihrem nacktem Sohn Jesus auf dem Schoß, er ebenfalls mit (Kreuz-) Nimbus. Das Kind zeigt auf sie. Links davon lugt ihr Mann Josef heraus, halb von einem Vorhang verdeckt, eine Hand nachdenklich vor dem Mund, während die andere auf Maria zeigt; unter ihm fressen Ochs und Esel aus einer Futterkrippe.

Gegenüber von Maria kommen die Hl. Drei Könige zur Verehrung, ein Weißer und Weißhaariger kniet vor ihr, in der Hand eine goldenes Gefäß, randvoll mit Goldmünzen gefüllt, das er ihm darbringt. Gefäß und Inhalt erinnern an die Hostien im Kelch. Hinter ihm steht ein dunkelhäutiger zweiter König, über einem Turban eine Krone, auch er mit einem Salbengefäß, die rechte Hand zum Gruß erhoben. Ganz rechts kommt noch der dritte König, auch er dunkelhäutig und mit einer Krone.

Über und unter diesen Figuren rahmt gotische Architektur die Szene ein, mit zwei Posaunen-Engeln rechts und links, und in der Mitte mit einem Stadttor, dem Eingang ins himmlische Jerusalem.



Zum oberen Teil, der himmlischen Szene:

Die beiden gotischen Kielbögen von unten (über Maria und Josef bzw. über den drei Königen) finden hier ihre Entsprechung in einem einzigen großen Kielbogen, der ein Figurenpaar überwölbt, eine Königin mit Krone, ihr gegenüber ein König mit Krone und "Reichsapfel", d.h. der königlichen Kugel mit dem Kreuz darauf, dem Attribut der Könige auf Erden. Aber statt eines Szepters in der anderen Hand erhebt dieser König die freie Hand zu einer die Königin segnende Geste (Interpretation bei einer Restaurierung?), während sie ihre Hände zum Gebet gefaltet hat. Beide sitzen gemeinsam auf einer goldenen Bank.

Welcher Ingelheimer hat da nicht an die Erzählungen von königlichen Paaren in der Ingelheimer Pfalz gedacht?

Hinter ihnen eine rote Fläche und über ihnen wieder ein Stück blauer Sternenhimmel.

Links und rechts von ihnen steht - etwas kleiner - je eine männliche Person, links, erkenntlich am großen Schlüssel, offenbar Petrus und rechts, erkenntlich an Abtsstaab und brauner Kutte, ein Abt, wahrscheinlich St. Wigbert.

Darüber, in gotischer Turmarchitektur, zwei weitere Personen (Propheten mit Spruchbändern) und zwei weitere Engel in Brustbildern.

 


Über allem eine Rosette, in deren Zentrum ein Christuskopf mit Kreuznimbus wie eine Sonne strahlt. Warum diese Rosette nicht symmetrisch auf einer Spitze steht, sondern waagerecht symmetrisch, wodurch sie verdreht erscheint, ist ungeklärt. (Abbildung aus "Das Marienfenster"):

 

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Gs, erstmals: 15.09.11; Stand: 06.03.17