Die Kellerei der Winzergenossenschaft in Nieder-Ingelheim


Autor: Hartmut Geißler
nach dem Faltblatt von Gisela Roos zum "Tag des Offenen Denkmals" am 13.09.09
und dem Artikel von Franz Weyell in der Festschrift zur Ingelheimer Festwoche
vom 1. bis 9. September 1951 (Privatbesitz)

sowie nach eigenen Recherchen im Ingelheimer Stadtarchiv


Zeittafel zur Geschichte des Winzerkellers (an Weyells Bericht geprüft und nach eigenen Recherchen ergänzt)

- 18. August 1901: Die Winzergenossenschaft Nieder-Ingelheim wird von 106 Gründungsmitgliedern gegründet. Der frühere Lehrer und spätere Bürgermeister Muntermann den Posten als "Direktor", der Direktor der Spar- und Darlehnskasse Ludwig Prinz sorgt für die Finanzen.

- Im selben Jahr Gründung einer Winzergenossenschaft in Ober-Ingelheim; deren Kellerei wird das Anwesen Grundstraße 102, dessen rückwärtiges Gebäude heute das Restaurant Marone beherbergt.

- 21. Dezember 1902: Der Vorstand beschließt den Neubau einer eigenen Kellerei. Bisher wurde an einer Stelle gekeltert, z. B. bei Werner, Mainzer Straße, und die Weine dann auf verschiedene, von den Mitgliedern angemietete Kellerräume verteilt, keine gute Voraussetzung für eine einheitliche Qualität.

- 1903: Der Architekt Wilhelm Kahm aus Eltville erstellt einen Kostenanschlag für den Bau einer Kellerei ohne Versteigerungssaal für die Winzergenossenschaft. Die Bausumme soll sich auf 70.000,- Mark belaufen.

- 7. Dezember 1903: Das Baugrundstück (Flur I Nr. 278 1/10 Kirchgarten) wird für 17.710,- Mark vom Altbürgermeister Johann Philipp Weitzel gekauft. Es wurde vorher durch Probebohrungen auf seine Tauglichkeit geprüft. Weitere Grundstücke erwarb die Genossenschaft von Caroline von Erlanger sowie 1937 von ihren Erbinnen, den Prinzessinnen von Solms.

- Winter 1903/1904: Die Winzer heben in eigener Arbeit die Baugrube aus. Das Gelände ist insoweit gut gewählt, als der Aushub aus dem oberen Keller ebenerdig abgefahren werden kann.

- Februar 1904: Bei den Aushubarbeiten werden zwei Urnen mit römischen Münzen gefunden. Eine enthielt 500 Kupfermünzen aus konstantinischer Zeit, die für 100,- Mark an das Münzkabinett der Stadt Mainz verkauft wurden.

- 7. April 1904: Die Baugenehmigung wird erteilt. Als Gebühr sind 70,- Mark zu entrichten.

- 2. Mai 1904: Die Grundsteinlegung wird groß begangen.

- Juni 1904: Vergabe der Einzelgewerke an die Handwerker: Andreas Bott, Eltville, Maurerarbeiten; Fr. Struth, Zimmer- und Schreinerarbeiten; Joh. Ph. Malchus, Dachdeckerarbeiten; Jak. Dietz, Steinmetzarbeiten; Ph. Döhn, Glaserarbeiten; Heinrich Esch, Zementarbeiten; Philipp Esch, Tüncherarbeiten; Jakob Struth, Spenglerarbeiten, Johann Wilhelm Barwig, Schlosserarbeiten.

Foto (etwa 1910): Hist. Verein


- Bis November 1904: Die beiden Kellergewölbe sind bereits fertig gebaut, ebenso die Kelterhalle. Die erste Traubenernte wird eingelagert. Der hohe Querbau ist aber noch nicht fertig. Durch den Zeitdruck und auch durch andere Ereignisse erhöht sich die Bausumme von den veranschlagten 70.000,- Mark auf 100.000,- Mark. Über einer Grundfläche von 40 x 22 m erhoben sich zwei Keller, darüber die Kelterhalle. Im Seitenprospekt waren die Brühküche, der Probierraum und die Wohnung für den Kellermeister untergebracht. In den beiden Kellern konnten 500 Doppelstück Platz finden, also weit über eine Million Liter Wein. Eine Waage wurde im Vorgarten eingerichtet.

- 1905: Es zeigen sich Schäden am Neubau. Die Ausmauerung des Fachwerks im Wohntrakt hält nicht. Erst prozessiert man gegen den Maurer Bott, danach gegen den Zimmermann Struth, an dem dann im Zuge eines Schiedsgerichtsverfahrens ein Teil der Schuld hängen bleibt. Die Kellermeisterwohnung kann nicht bezogen werden.

- 1908: Es zeigen sich erhebliche Risse und Set­zungen auf der östlichen Seite des Kellers. Es werden Gutachten eingeholt und eine Reparatur des Gebäudes angegangen. Der Schaden ist massiv, da auf dieser Seite Wasser in den Keller eintritt und der Baugrund dadurch zu weich ist. Es kostet 20.000,- Mark, die Schäden zu beseitigen.

Zusätzliche Untermauerung des Gewölbes, das sich etwas gesenkt hatte,
im zweiten, dem unteren Keller; Foto 2019: H. Geißler

- 1911: Die Genossenschaft verzeichnet einen starken Mitgliederzugang durch den Beitritt der Bauern aus Frei-Weinheim und Sporkenheim. Vor allem die Anbaufläche für Frühburgunder steigt dadurch stark an. Der Absatz des Weines wurde vor allem über Versteigerungen abgewickelt, die bis 1914 in der Gaststätte zum "Goldenen Hirsch" stattfanden und anschließend in Mainz.

- 1. Mai 1932: In der Absatzkrise aufgrund der Weltwirtschaftskrise ab 1929 mussten viele Winzer Kredite vom Reich aufnehmen, die die Genossenschaft übernahm. Zur Verbesserung ihrer Einkünfte eröffnete sie eine Straußwirtschaft in den Gebäuden des Winzerkellers. Den Wirtschaftsbetrieb im Raum neben der Halle führt der Gastronom Wilhelm Hilgert, der auch die Gastwirtschaft Zum Runden Eck in der Unteren Stiftstraße betrieb. Ihm folgten sein Sohn Willi Hilgert bis 1937, dann für kurze Zeit Fritz Schröckert, anschließend Karl Braun aus Frankfurt und schließlich seine Witwe.

- 1934: "Gleichschaltung" des Führungspersonals und Entlassung Muntermanns

- 1935/36: Bemühungen der Reichsregierung um Steigerung des Weinabsatzes durch Schutzzölle, Weinfeste (erste Weinlesefeste in Ober-Ingelheim) und Weinpatenstädte (für NI: Finow, Eberswalde, München-Gladbach, Oldenburg)

- nach der Währungsreform 1948: Dacherneuerung und Umbauten in der Halle. Im Obergeschoss des Wohnhauses wurde ein Gesellschaftsraum mit herrlicher Aussicht auf den Rhein eingebaut.

- 1951: Im Jahr des 50-jährigen Bestehens der Genossenschaft erfolgt der erste Anbau an den Winzerkeller auf der Südostseite, ein neues Treppenhaus, weil der alte Kellerzugang wegen der schlechten Treppe stillgelegt werden musste (jetzt abgerissen).

- 1953: Anbau eines Aufzugs im Nordosten (jetzt abgerissen)

- 1954: Das Bürogebäude auf der westlichen Frontseite wird angebaut. Hier wurde bis 1993 auch der Weinverkauf untergebracht (jetzt abgerissen).

- 1993: Der Winzerkeller steht leer. Die Gastwirtschaft ist nicht mehr verpachtet, die Kellerei schon seit mehreren Jahren nicht mehr wirklich genutzt, der Holzfasskeller ist leer. Das gesamte Gebäude wird an Familie Roos verpachtet.

- 1994: Familie Roos baut im Winzerkeller um. Der Eingangsbereich wird neu gestaltet, der Weinverkauf zieht ins Hauptgebäude um. Die Holztüren werden durch die Glaseinbauten ersetzt, die Terrasse wieder zugänglich gemacht. Der Saal bekommt eine neue Treppe und es wird eine Zwischendecke eingezogen. Die Traubenverarbeitung wird wieder aufgenommen und im Keller reifen wieder in den Holzfässern Rot- und Weißweine heran.

Die Gebäude der Winzergenossenschaft vor dem Umbau (2007; Foto: Gs)
Das Gebäude von unten (Gs)

 

- 2010: Der Stadtrat von Ingelheim fasst den Beschluss, den Winzerkeller zu kaufen, um eine Vinothek zusammen mit der Touristinformation einzurichten.

Die Umbaumaßnahmen ab 2016 gestalteten sich schwieriger und auch kostspieliger als erwartet, sodass das umgebaute Haus erst im Verlauf des Jahres 2019 der erneuten Nutzung etappenweise übergeben werden konnte. Letzte Arbeiten dauerten noch bis ins Jahr 2020.

Es enthält eine anspruchsvolle Gaststätte mit einer großen und dachhohen, bepflanzten, lichten Halle, eine Vinothek Ingelheimer Winzer und die städtische Touristinformation, sowie ein Sitzungszimmer über Vinothek und Touristinformation. Tagungen oder Feierlichkeiten größerer Gruppen können außerdem im dazu umgestalteten oberen Keller durchgeführt werden, während der untere Keller mit hölzernen Zierfässern zu Demonstrationszwecken dienen soll.

Zierfass für den sonnenverwöhnten Jahrgang 1959 im unteren Keller; Foto 2019 H. Geißler

 

Gs, erstmals: 26.02.07; Stand: 22.03.20