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Ingelheimer Landwirtschaft im Wandel


Fotos und Autor: Hartmut Geißler


Inhalt:
1. Bevölkerungswachstum und Anpassung
2. Der Weinbau
3. Obst und Gemüse
4. Die Entwicklung des Viehbestandes im 19. Jahrhundert
5. Zur Bauweise der "Hofraithen"
6. Zur Ernährung der rheinhessischen Bauern
7. Heutige Namen erinnern


1. Bevölkerungswachstum und Anpassung

Mühsames Pflügen mit dem Pferd - Repro eines Dias aus dem Nachlass Weyell; HV/Gs


Auch nach dem Beginn der Industrialisierung waren die Ingelheimer Dörfer in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts noch überwiegend landwirtschaftlich geprägt, und dies blieb so weit ins 20. Jahrhundert hinein. Das Foto stammt wahrscheinlich aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Allerdings machte die Landwirtschaft seit der napoleonischen Zeit einen erheblichen Strukturwandel durch. Erstens wurde in der Zeit der Zugehörigkeit zu Frankreich der bislang adlige und kirchliche Großgrundbesitz an neue bürgerliche bzw. bäuerliche Besitzer verkauft bzw. versteigert, die - von Zehntlasten und anderen mittelalterlichen Abgaben befreit - nun in die eigene Tasche wirtschaften konnten, wodurch im Allgemeinen die Produktivität erhöht wurde.

Was aber wohl noch wichtiger war: Als Eigenbesitz konnte dieser Grund nun aufgeteilt werden. Denn durch den französischen Code Civil wurde die Realteilung des bäuerlichen Grundbesitzes, die im Südwesten unter dem Einfluss römischen Rechtes eigentlich schon lange praktiziert wurde, links des Rheines zum Gesetz und wirkte sich nun auch bei früherem kirchlichen Großgrundbesitz aus, den man als neue Besitzer nun auch teilen durfte.

Im Zusammenhang mit der Senkung der Kindersterblichkeit durch bessere Hygiene sowie durch bessere ärztliche Versorgung und der dadurch steigenden Zahl von Erben führte diese Rechtslage dazu, dass der bäuerliche Grundbesitz immer stärker aufgeteilt wurde und so die herkömmliche Bewirtschaftung mit Getreide- und Hackfruchtanbau sowie etwas Viehwirtschaft auf immer kleiner werdenden Parzellen oft keine ausreichende Existenzgrundlage mehr bot.

Kleinbauernhäuser auf dem Zuckerberg ca. 1905; Foto: Hist. Verein/Geißler

 

In der zeitgenössischen Literatur war man der Auffassung, dass pro Person 3 Morgen Land zur Versorgung notwenig waren. Eine fünfköpfige Familie benötigte also 15 Morgen oder knapp 4 Hektar. Bauern mit weniger Besitz mussten entweder Land hinzupachten oder auf außeragrarische Erwerbsmöglichkeiten, zum Beispiel ein Handwerk, zurückgreifen. In Regionen mit Weinbau kann man davon ausgehen, dass das Existenzminimum deutlich unter diesem Wert gelegen haben dürfte.

So urteilt Rettinger über die traditionelle Landwirtschaft im 18. und frühen 19. Jahrhundert vor der Industrialisierung (S. 77).

Links: Blick durch die Karolingerstraße zur Saalkirche hin, damals noch ohne Langhaus. Das Foto aus dem Besitz des Hist. Vereins ist 1910 aufgenommen worden.

 

Das Bevölkerungswachstum der vier Ingelheimer Orte im 19. Jahrhundert:

Ort 1815 1834 1861 1885 1905
Ober-Ingelheim 1738 (100%) 2371 (136%) 2673 (154%) 3160 (181%) 3402
(196%)
Nieder-Ingelheim 
(mit Sporkenheim)
1360 (100%) 2130 (157%) 2352 (173%) 2729 (200%) 3435
(253%)
Großwinternheim 677
(100%)
797
(118%)
811
(120%)
814
(120%)
Frei-Weinheim 192
(100%)
439
(229%)
606
(316%)
701
(365%)
838
(436%)
Summen 3967 (100%) 5737 (145%) 6442 (162% 8489 (214%)


Dies zeigt schon ein ganz erhebliches Wachstum (um 45%!) in den ersten zwei Jahrzehnten des Berechnungszeitraumes, und dies noch lange vor der Industrialisierung und ihrem Arbeitsplatzangebot.

Die landwirtschaftlichen Verhältnisse in den vier Ingelheimer Orten nach Hesse (Stand 1834), gemessen in hessischen Morgen (4 Morgen = 1 Hektar):

Orte Äcker, Gärten, Hofflächen Wiesen Weinberge Wald, Hecken
Ober-Ingelheim 3812,7 154,4 764,3 485,4
Nieder-Ingelheim 6352,7 1089,8 556,8 656,3
Großwinternheim 1765,2 80,6 287,8 138,1
Frei-Weinheim 379,2 388,0 ------- 64,3


Rechnet man diese Flächen zur landwirtschaftlichen Nutzfläche zusammen, also ohne die bei Hesse auch angeführten "Oedungen, Sümpfe, Straße, Wege und Bäche", aber einschließlich der Hofflächen, die bei ihm leider in den Bereich der Äcker und Gärten integriert sind, dann errechnet sich der Anteil der Weinbauflächen Ende 1834:

Orte

Weinberge

Ober-Ingelheim 14,6%
Nieder-Ingelheim   6,4%
Großwinternheim 12,6%
Frei-Weinheim ---------


Zur Entwicklung des Weinbaus s. u.!

 

Die Bevölkerungs- und Berufsgruppenentwicklung in Rheinhessen insgesamt von 1869 bis 1925 (= Bentz, Tafel II):


Die Graphik zeigt zum einen das Bevölkerungswachstum Rheinhessens insgesamt, aber auch, dass die landwirtschaftlich Beschäftigten zwar in absoluten Zahlen ziemlich konstant bleiben, relativ dagegen zurückbleiben.

Bis zur Zählung 1907 sind die Erwerbstätigen in Industrie, Handel und Verkehr sowie in den nichtmateriellen Berufen stark angestiegen, danach nur noch in Handel und Verkehr und in den damals so genannten "nicht materiellen Berufen" (also der heute so genannte "Tertiärer Sektor").

Zwar halfen die Entdeckung der künstlichen Mineraldüngung mit Kali und Stickstoff sowie die Züchtung ertragreicherer Sorten seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Erträge pro Flächeneinheit zu erhöhen. Darauf ist wahrscheinlich der besonders starke Bevölkerungszuwachs in Frei-Weinheim zurück zu führen (so Topp, S. 42).

Auch Kartoffeln wurden nun vermehrt angebaut, und manchen Familien bot die Umstellung auf Zuckerrübenanbau später zeitweise einen Ausweg. Andere  Bauernfamilien suchten die Zukunftschancen ihrer Kinder in besserer Ausbildung und schickten sie z. B. auf die Landwirtschaftliche Winterschule in Mainz, die sich dort seit dem 7. November 1892 um eine wissenschaftlich fundierte Landwirtschaft bemühte. Unter den Schülern der ersten 23 Jahre (von 1892/93 bis 1914/15) stehen die Schüler aus dem heutigen Ingelheim mit 61 nach den Hechtsheimern (87) und Bretzenheimern (81) immerhin an dritter Stelle (100 Jahre, S. 18).

Aber eine immer stärker anwachsende Zahl von Ingelheimer Kleinbauern oder Tagelöhnern musste sich dringend nach anderen Erwerbsquellen umsehen, wollten sie nicht zur Auswanderung gezwungen sein. Dabei half in Nieder-Ingelheim seit den 60er Jahren die entstehende Industrie mit ihrer wachsenden Nachfrage nach Arbeitskräften. So wurden aus vielen Vollerwerbs-Kleinbauern mit schwindender Existenzgrundlage durch ein zusätzliches Einkommen als Industriearbeiter nun Nebenerwerbsbauern, "Freizeitbauern". Topp nennt sie "Arbeiterbauern". Das Gemeindelexikon macht dazu für 1907 folgende Angaben:

Orte Landwirt. Bev. insgesamt Landwirt. Bev. 
mit nichtlandw. Nebenberuf
Nichtlandwirt. Bev. 
mit landw. Nebenberuf
Ober-Ingelheim 1331 50 134
Nieder-Ingelheim 1262 38 281
Großwinternheim 603 51 46
Frei-Weinheim 386 28 91


Der Schwerpunkt von nichtlandwirtschaftlicher Bevölkerung mit landwirtschaftlichem Nebenberuf liegt natürlich eindeutig im industrialisierten Nieder-Ingelheim.


2. Der Weinbau

Hinzu kam die Ausweitung des Weinbaues, weil der wachsende Wohlstand im Kaiserreich auch die Nachfrage nach Wein erhöhte und beim Weinbau auch kleinere Betriebe mit geringer Anbaufläche noch rentabel waren.

Entwicklung des Weinbaus in den vier Ingelheimer Orten von 1787 (Widder) über 1905 (Brillmayer, Rheinhessen) bis heute (2006, Stat. Landesamt) in Hektar und Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche:

Orte

Widder 1787

Hesse 1834

Brillmayer 1905

St LA 2006
Ober-Ingelheim 91,2  ha=11,2% 191,1 ha=14,6% 253,98 ha=19,7%  
Nieder-Ingelheim 36,0  ha=  4,0% 139,2 ha=  6,4% 130,01 ha=  4,8%  
Großwinternh. 35,5  ha= 8,5% 71,9 ha=12,6% 84,12 ha =14,2%  
Frei-Weinheim 0,75 ha= 0,4% (keine Angabe) (keine Angabe)  
         
Ingelheim 153,45 ha 402,2 ha 468,11 ha 640 ha


Diese Vergleiche stehen unter dem Vorbehalt, dass die Angaben vom Ende des 18. Jahrhunderts bei Widder exakt genug sind, um sie mit den wahrscheinlich exakten späteren Zahlen überhaupt vergleichen zu können. Die Vergleichbarkeit der Gemarkungen ist durch Konstanz der Gemeindegrenzen gegeben. Ob die Bezugsgröße für die gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche - die 100% - stets identisch definiert wurde, konnte nicht festgestellt werden. Die Anteile von Hesse - Ende 1834 - erscheinen nämlich relativ hoch, obwohl die Fläche der Hofbebauung eingeschlossen ist. Die Wachstumstendenzen sind jedoch eindeutig festzustellen.

Noch weiter zurückreichende Vergleiche sind nach Rettinger, S. 75, wegen mangelnder Quellen nicht möglich.

Die summarische Zahl für das Jahr 2006 war nur für die heutige Stadt Ingelheim insgesamt zu erhalten, zeigt aber ein weiteres beträchtliches Anwachsen der Weinbaufläche im 20. Jahrhundert.

Während die Anteile der Weinbergflächen in Nieder-Ingelheim von 1787 bis 1905 nahezu gleich geblieben sind, erhöhten sie sich in Ober-Ingelheim und Großwinternheim beträchtlich, von 11,2% auf 19,7% bzw. von 8,5% auf 14,2% der landwirtschaftlichen Nutzfläche.

Demgegenüber sank der Anteil der für den Weinbau genutzten Flächen in 15 Mainzer Umlandgemeinden (aber nicht des Ingelheimer Grundes!) von 1795 bis 1900 von 5,6% auf 4,7%. Allerdings war auf einer vielen kleineren Fläche durch den arbeitsintensiven Weinbau auch ein viel größerer Erlös zu erzielen (Rettinger, S. 75).

Kleinbetriebe konnten nicht alle kellertechnischen Tätigkeiten selbst bewältigen, so dass der Zusammenschluss zu Winzergenossenschaften gesucht wurde, die alle Arbeiten vom Keltern bis zur Vermarktung erledigten. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts haben die Winzergenossenschaften wieder an Bedeutung verloren, da die übrig gebliebenen größeren und mittleren Winzerbetriebe sich heutzutage erfolgreich um eine attraktive Selbstvermarktung bemühen.

Hesse nennt 1835 folgende weiße Rebsorten als die zu seiner Zeit in Rheinhessen am meisten angebauten (S. 45):

1. Riesling
2. Traminer, beide "in besseren Lagen der vorzüglichere Wein"

3. Kleinberg (= weißer Elbling)
4. Östreicher (= Grüner Silvaner), beide "die geringeren Weine"

Er beschreibt im Übrigen den Weinbau seiner Zeit sehr ausführlich anhand einer Abhandlung des Gutsbesitzers Rang zu Laurenziberg (S. 45ff.). Im Anschluss an diese Methoden des Weinbaus gibt er auch einen Überblick über den damaligen Ertrag aus dem Weinbau nach einem Aufsatz aus der "Landwirtschaftlichen Zeitschrift für das Großherzogthum Hessen" Nr. 6 von 1834 (S. 57ff.).

Topp (S. 67) führt folgende Rebsorten für das Jahr 1909 an:

a) Weißweine: Riesling, Östreicher (= Sylvaner), Kleinberger (= Elbling)
b) Rotweine: Portugieser, Frühburgunder, Klebrot (= Pinot noir, Spätburgunder)

Zusätzliche Arbeitskräfte wurden im 19. Jahrhundert und werden bis heute im Weinbau nicht als dauernd angestelltes Gesinde, sondern als saisonale Tagelöhner rekrutiert. Deshalb muss in den Ingelheimer Gemeinden mit starkem Weinbau auch eine erhöhte Beschäftigung von Tagelöhnern zu verzeichnen gewesen sein, die allerdings schon damals als Wanderarbeiter auch aus weiter entfernten Gegenden, z. B. aus dem Hunsrück, zu den saisonalen Arbeiten im Wingert nach Ingelheim kamen, zusätzlich zu den ärmeren, hier ansässigen Ingelheimern, die sich als Tagelöhner verdingen mussten.

Zusätzlich förderte der Weinbau auch damit verbundenes Handwerk, das in Ingelheim gleichfalls anwuchs, z. B. das des Küfers. Rettinger rechnet in den Mainzer Umlandgemeinden ohnehin mit einem Anteil der Handwerker an der Gesamtzahl der ländlichen Haushalte von ca. einem Fünftel (S. 90).

Brillmayer macht bei drei Orten Bemerkungen zum Weinanbau (Stand: 1905):

a) bei Nieder-Ingelheim: Der Weinbau ist stark und der Wein, namentlich der rote, von vorzüglicher Qualität.
b) bei Ober-Ingelheim: Die Gemarkung hat einen sehr starken Weinbau. Der Wein gehört zu den vorzüglichsten in Rheinhessen, besonders der rote, der nach dem Aßmannshäuser der beste rote Rheinwein ist.
c) bei Groß-Winternheim, dessen Wein schon Widder heraushob: In der Gemarkung liegt der Bockstein, welcher früher dem Domkapitel zu Speier gehörte, das ihn zu einem Weinberg anlegen ließ, der vortrefflichen Wein liefert.


Ingelheim wurde im 19. Jahrhundert also allmählich zur "Rotweinstadt", ein Name, der freilich nur einen, wenn auch sehr attraktiven Teil seiner heutigen gewerblichen Existenzbasis aufgreift.


3. Obst und Gemüse

Und schließlich half bei den Problemen des Bevölkerungswachstums gerade in unserer Region auch die allmähliche Umstellung auf den arbeitsintensiven, aber nicht flächenintensiven Anbau von Obst und Gemüse, darunter auch das Luxusgemüse Spargel.

Noch 1835 schrieb Wilhelm Hesse:
Der Obstbau ist in Rheinhessen von geringerm Belange als in andern Gegenden des mittleren Deutschlands, weil der Obstwein keinen Beifall findet, und das Obst selbst als Nahrung weniger als andere Speisen geliebt wird. Doch sind die Hauptstraßen meistens mit Aepfel=, Birn= und Nußbäumen bepflanzt, die Gärten am die Dörfer enthalten zum Theil gute Obstsorten. Der Gemüseanbau wird hauptsächlich von den Gemeinden Gonsenheim und Mombach in der Nähe von Mainz betrieben. Die fleißigen Bewohner dieser Orte versehen die benachbarten Städte, selbst Frankfurt, Wiesbaden und Darmstadt mit ihren Felderzeugnissen.
(S. 66 und 67)

Wahrscheinlich war der damals relativ geringe Anbau von Obst und Gemüse aber eher auf Frische- und Transportprobleme zurückzuführen als eine Geschmacksfrage, denn als die neue Ludwigs-Eisenbahn seit 1859 Nieder-Ingelheim mit Mainz und Bingen verband und von dort mit Anschluss an das preußische Eisenbahnnetz und die wachsenden Industriezentren an Niederrhein und Ruhrgebiet, wurde ein schneller Absatz von frischem Obst und Gemüse auch und gerade von Nieder-Ingelheim aus möglich. Das saisonale Obstgeschäft ermöglichte gerade den Freizeitbauern Nieder-Ingelheims einen zusätzlichen Verdienst.

Die außerordentlich hohe Anzahl von Obstbäumen in Nieder-Ingelheim im Jahre 1904 zeigt die Statistik des Gemeindelexikons von 1909. Wenn man die für 1904 angegebene Zahl der Obstbäume im Kreis Bingen und in den vier Ingelheimer Orten mit der jeweiligen Einwohnerzahl von 1907 vergleicht, ergibt dies folgende Obstbaumdichte

Bereich Einwohner 1907 Obstbäume 1904 Obstbäume pro Einw.
Kreis Bingen 42093 247349 5,87
Ober-Ingelheim 3454 6850 1,98
Nieder-Ingelheim 3793 60752 16,02
Großwinternheim 1765 779 0,44
Frei-Weinheim 3082 884 0,21

 

 

Auch die Erfindung der Haltbarmachung von Obst in Konserven förderte den Ingelheimer Obstanbau. Seit 1912 existierte die Konservenfabrik Adam Heisers am östlichen Ortsrand von Nieder-Ingelheim (Im Kannengießer) als Aktiengesellschaft, die nach dem späteren Besitzer Kathreiner (ab 1938) auch die "Kathra" genannt wurde (heute Bauunternehmen Hilgert).

So wandelten sich viele herkömmlichen Bauernhöfe mit Getreideanbau, Kartoffelanbau und Vieh im Verlauf des 19. und vor allem des 20. Jahrhunderts zu Winzern bzw. Obst- und Gemüsebauern, sofern sie bzw. ihre Kinder die bäuerliche Existenz nicht ganz aufgaben und in Berufe der sich entwickelnden Industrie abwanderten.

Nach 1900 mündete diese regionale Sonderentwicklung in die Gründung von mehreren Obstabsatzgenossenschaften:

- 1901 Gründung des Obst- und Gartenbauvereins Ingelheim
- 1902 Gründung des Obst-, Wein- u. Gartenbauvereins Gau-Algesheim
- 1907 Eröffnung des Obst- u. Spargelmarktes Ingelheim (s. Markthalle)
- 1909 Gründung des Obst- u. Gartenbauvereins Heidesheim
- 1914 Errichtung eines Obstmarktes des Landw. Consumvereins Finthen

VOG-Gebäude und Kühllaster im Jahre 2006; im Hintergrund rechts Gebäude von Boehringer, auf dem Hügel links der Bismarckturm

Diese örtlichen Genossenschaften schlossen sich im Verlauf der Jahrzehnte zur "VOG" zusammen, zu den "Vereinigten Großmärkten für Obst und Gemüse Rheinhessen eG" (so genannt ab 1968; siehe Bild oben).

Im bundesweiten Vergleich zählt die Ingelheimer VOG zu den mittelgroßen Genossenschaften. Im Jahr 2010 lieferten die damals ca. 1.500 genossenschaftlichen Mitglieder folgende Obst- und Gemüsemengen an, um sie durch die VOG vermarkten zu lassen:

- Süßkirschen 9.394 Dezitonnen (dt)
- Sauerkirschen 25.870 dt
- Zwetschen 55.335 dt
- Mirabellen 8.798 dt
- Tafeläpfel 41.613 dt
- Spargel 2.703 dt. (AZ, 19.05.2011)


4. Die Entwicklung des Viehbestandes im 19. Jahrhundert in den Orten des heutigen Ingelheim zusammen (mit einem Vergleich zu heute):

Der Ingelheimer Viehbestand im Vergleich von 1834 (Hesse), 1861 und 1907 (Gemeindelexikon), 1926, 1933 (beide Bernhard) sowie 2007 (Stat. Landesamt:

Viehart 1834

1883

1907

1926 1933 2007
Pferde 323 --- ---  471 394 120
Rindvieh 1631 2228

2030

2313 1186 0
Schweine 1108 589 2050 1927 2215 15
Schafe 13 --- --- --- --- 0

(--- : keine Angaben)

Der heutige Pferdebestand dürfte ausschließlich dem Reitsport dienen, in keinem Falle mehr als Zugtiere wie früher. Hesse führt "Ochsen" (als Zugtiere), "Kühe" (als Milchkühe) und "Rinder" (zum Schlachten) getrennt an. Ihr für heutige Verhältnisse unglaublich hoher Bestand mit einem Höhepunkt im Jahre 1926 (2313 Rinder) setzte sich 1834 in den einzelnen Orten wie folgt zusammen:

Orte "Ochsen" "Kühe" "Rinder" Summen
Ober-Ingelheim 52 523 156 731
Nieder-Ingelheim 80 243 91 414
Großwinternheim 15 217 74 306
Frei-Weinheim 15 109 56 180
Summen 162 1092 377 1631


und 1883 sowie 1907 (Gemeindelexikon):

Orte "Rindvieh"
1883 - 1907
Schweine
1883 - 1907
Ober-Ingelheim 816 -   708  183 -   788
Nieder-Ingelheim 826 -   802 154 -   662
Groß-Winternheim 349 -   316 158 -   345
Frei-Weinheim 237 -   204 94 -   255
Summen 2228 - 2030 589 - 2050


Die große Mehrzahl der "Rindviecher" wurde als Milchkühe für Milch, Käse und Butter gehalten, mit einem deutlichen Schwerpunkt in Ober-Ingelheim, während die "Ochsen" als Zugtiere überdurchschnittlich in Nieder-Ingelheim zu finden waren, wohl wegen der größeren Anzahl kleinerer Höfe als in Ober-Ingelheim. Ober-Ingelheimer Bauer hielten wiederum eine überproportionale Anzahl von "Rindern" zum Verkauf als Schlachtvieh. Die Tiere wurden überwiegend in Stallfütterung gehalten, nur das Jungvieh durfte auf die Weide.

In den meisten Wirthschaften ist dieses (= das Rindvieh) der Obhut des weiblichen Geschlechts überlassen. (Hesse, S. 67)

Bei der Schweinehaltung ist ein starker Anstieg gegen Ende des 19. Jahrhunderts in allen vier Orten festzustellen, der bis zum Zweiten Weltkrieg anhielt.

Heutzutage gibt es fast kein Rundvieh mehr in Ingelheim, jedenfalls keine Milchkühe. Eine kleine Ausnahme bilden einige Limousin-Rinder des Hofes Saufaus, die auf den Rheinauen westlich von Frei-Weinheim grasen und zum Verzehr bestimmt sind. Neuerdings (2016) grasen auch einige "auswärtige" Rinder im Überflutungs-Polder, um den Bewuchs kurz zu halten.


5. Zur Bauweise der "Hofraithen" schreibt Hesse (S. 69-71):

Die Wohnhäuser der Landleute sind entweder einstöckig oder zweistöckig, meistens von Kalksteinen gebaut, mit Ziegeln gedeckt. Sie stehen an der Straße. An sie schließt sich dann das Gebäude, worin die Ställe für das Rindvieh und die Pferde, Räume zur Aufbewahrung des Futters, der Brennereien, der Weinkeltern vorhanden sind, und im Hintergrunde des mit einem Thor geschlossenen Hofraumes befindet sich die Scheune, hinter dieser gewöhnlich der Gemüsegarten. Die Miststätte ist vor dem Stalle in der Mitte hin vertieft, um den Abfluss der Jauche zu verhindern, und in größeren Wirthschaften mit einer Jauchenpumpe versehen. Die meisten Hofraithen sind zu beengt, weil sie in einer Zeit, in welcher der Ackerbau und die Viehzucht noch auf niederer Stufe sich befanden, gegründet wurden ...

Die landwirthschaftliche Bauart ist besonders seit fünfzehn Jahren (also nach der Franzosenzeit; H. G.) wesentlich verbessert worden. Viel hat hierzu die Aufführung solider Schulhäuser beigetragen, indem hierdurch den Landleuten Muster gegeben wurden, mit demselben Kostenaufwande dauerhaftere Gebäude von gefälligerer Form, als dieß früher der Fall war, zu bauen...

Die sehr zahlreiche Klasse der Taglöhner baut gewöhnlich kleine einstöckige Häuser von Lehmsteinen, welche der Bauende selbst bereitet. In solchen Häuschen befindet sich eine kleine Wohnstube für die Familie, eine kleine Küche, ein Stall für eine Kuh und ein kleiner Raum zur Aufbewahrung der Fütterung. Ein Haus der kleinsten Art kostet gewöhnlich 200 - 300 fl.

Solche Tagelöhner-Häuschen dürften verbreitet im Nieder-Ingelheimer Saal und auf dem Böhl gestanden haben.


6. Zur Ernährung der rheinhessischen Bauern (zu Beginn des 19. Jahrhunderts) schreibt Hesse bzw. Rettinger:

Im Sommer gab es morgens um 8 Uhr nach schon 5-stündiger Arbeit ein Stück Kornbrot mit Käse. Das Mittagsessen bestand aus Kartoffeln bzw. anderen Gemüsen mit Schweinefleisch. Oft fiel das Fleisch weg. Wein gab es selten. Zum Abendessen gab es etwa um 19 Uhr Suppe, weichen Käse und im Sommer häufig saure Milch. Nur bei schwerer Feldarbeit war der Speiseplan reichhaltiger. (Rettinger S. 81/82, zusammengefasst aus Hesse S. 73-74).

Hesse fügt hinzu: Die Taglöhner und ärmeren Bürger nähren sich hauptsächlich von Kartoffeln und Milch. (S. 74).

7. Heutige Namen erinnern

Die meisten ehemaligen Ställe und viele Bauernhöfe sind heutzutage zu reinen Wohngebäuden, zu Garagen oder auch zu Gastwirtschaften umgebaut worden, z. T. mit Gästezimmern.

Einige Gebäudenamen halten die Erinnerung an die alte bäuerliche Zeit noch wach, wie zum Beispiel ...

 

 

1. der einzige (?) noch existierende Bullenstall Rheinhessens in Großwinternheim; in ihm wurde der Zuchtbulle des Ortes gehalten - auf dem Bild rechts das quer stehende Gebäude im Hintergrund, neben dem rechts der "Bullenpfad" beginnt.

 

 

 

 

 

oder ...

2. Bettenheimers Weingut und Gutsausschank "Kuhstall" mit Gästezimmern und Ferienwohnung in der Ober-Ingelheimer Stiegelgasse 32

 

oder...

3. An die Zeit der Lagerung von Futterrüben (Runkelrüben) in einer Grube ("Kaut[e]") erinnert noch Wilfried Weitzels Weingut (und früher) Gutsausschank "Zur Rüwekaut" im Ober-Ingelheimer Neuweg 22.

Das Haus wurde 1731 als lutherisches Pfarrhaus erbaut und erhielt 1920 den Spitznamen "Rüwekaut". 1999/2000 war es die Residenz der Rotweinkönigin Sybille I.

 

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Gs, erstmals: 21.11.07; Stand: 15.07.17