Sie sind hier:   Ingelheim ab 1945 > Kultur  > Jahrtausendfeier 1948

Die Jahrtausendfeier der Synode von 948 im Jahre 1948


Autor: Hartmut Geißler
nach Zeitungsberichten, Archivalien des Ingelheimer Stadtarchivs
und Ernst Emmerling


Mit diesem dreitägigen Fest beginnt drei Jahre nach dem Krieg wieder das Ingelheimer Kulturleben. Es ist sozusagen der vielbeachtete Auftakt zu den folgenden Jahrzehnten Ingelheimer Kulturgeschichte: Historisches Erinnern und Darstellen, Museum, Theater, Musik.

Die Eröffnung der 1000-Jahr-Feier der Ingelheimer Synode von 948 fand in der Turnhalle zu Nieder-Ingelheim in Anwesenheit von Vertretern der Landesregierung von Rheinland-Pfalz — Justiz- und Kultusminister Dr. Süsterhenn —‚ der Landesregierung von Hessen — Kultusminister Dr. Stein — statt. Die Landeshauptstadt Mainz war durch Oberbürgermeister Dr. Kraus vertreten, sowie Rheinhessen durch den Reg. Vizepräsident Dr. Boerckel und die Landräte. Die Johannes-Gutenberg-Universität vertraten die Professoren Armbruster, von Buddenbrock, Büttner, Flemming und Schmidt. Die umliegenden Städte und Gemeinden waren durch ihre Bürgermeister repräsentiert, wie die Schulen vor allem durch den Kreisschulrat Spang. Darüber hinaus waren zahlreiche Vertreter der ortsansässigen Industrie und des Gewerbes erschienen — an ihrer Spitze die Herren Dr. Ernst Boehringer, Albert Boehringer und Julius Liebrecht. Die Kirchen repräsentierten der Propst von Rheinhessen sowie die Pfarrer der evangelischen und katholischen Kirchengemeinden. Für die Besatzungsmacht waren der Gouverneur von Rheinhessen — Ms. Guerin — und der Universitätsoffizier — Ms. Fasse — erschienen. (BIG 38, S. 115)

Ottos Monogramm über dem Eingang zur Turnhalle, die als Festhalle diente

 

"Ein bedeutendes Ereignis im Jahre 1948 war die Jahrtausendfeier zur Erinnerung an die 948 unter dem deutschen Kaiser Otto dem Großen abgehaltenen Synode in Ingelheim. Der Festschmuck an der Nieder­-Ingelheimer Turnhalle zeigt das SIGNUM DOMINI OTTONIS MAGNI ET INVICTISSIMI IMPERATORIS AUGUSTI (Monogramm des großen und unbesiegten Kaisers des Erhabenen). Insbesondere schloß die wiedergegründete Mainzer Universität ein freundschaftliches Band mit Ingelheim." Aus: Ingelheimer Chronik, S. 222

 


Die Initiative dazu ging 1947 vom Rechtshistoriker Prof. Adalber Erler aus, der im Ingelheimer Neuweg wohnte, weil er im zerbombten Mainz selbst keine Wohnung gefunden hatte. Er lehrte an der 1946 von der französischen Besatzungsmacht neu gegründeten Mainzer Universität.

Die Mainzer Allgemeine Zeitung berichtete:

"16. April 1948 - "Die abendländische Passion, ein Schauspiel über die Ingelheimer Synode 948" ist ein Festspiel, das Karl Heinz Rühl vom Mainzer Stadttheater für die Feierlichkeiten der tausendsten Wiederkehr der Synode Ottos des Großen schrieb. Es wird auf der Freilichtbühne Ingelheim-Süd aufgeführt. Die Inszenierung wird Prof. Hanns Niedecken-Gebhardt (Göttingen) übernehmen.

5. Juni 1948: Aus Anlaß der 1000jährigen Wiederkehr der Synode, die Otto der Große am 7. Juni 948 in der Pfalz zu Ingelheim abhielt, will die Stadt durch ein dreitägiges Fest den Gedanken an dieses glanzvolle historische Ereignis wachhalten. Im Mittelpunkt der geplanten Veranstaltungen, die vom 5. bis 7. Juni 1948 dauern, steht ein Festakt, bei dem der Historiker Professor Dr. Erler, der mit anderen zusammen die Anregung zur Feier dieses Ereignisses gab, über "Die Bedeutung der Synode zu Ingelheim 948 für Staat und Kirche" sprechen wird. Unter Mitwirkung der örtlichen Musik- und Gesangvereine werden die Festveranstaltungen umrahmt und ausgestaltet. Das Festspiel "Die abendländische Passion" soll dreimal gespielt werden. Für die Jugend gibt es eine Aufführung des Märchenspiels "Rumpelstilzchen" durch die Mainzer Puppenspiele Willi Biondino, Ingelheim. Der Auftakt ist die Eröffnung des zoologischen Ingelheimer Museums, Sammlung Carlo Freiherr von Erlanger, Ingelheim-Mitte, Marktplatz 10. Begrüßung durch Dr. Emmerling, Geschichtliche Hinweise durch Herrn Heinrich Saalwächter, Erklärung des Museums durch Professor Dr. von Buddenbrock, Universität Mainz. Auch das historische Museum wird mit einer Ansprache von Professor Dr. Erler, Ingelheim, wiedereröffnet. Anschließend soll die Neugründung des historischen Vereins durch Herrn Heinrich Saalwächter, Ingelheim, vorgenommen werden. Museums-, Stadt- und Kaiserpfalz-Besichtigungen sind vorgesehen.

7. Juni 1948 - Im Geiste eines vereinten Europas. Bürgermeister Dr. Rückert unterstrich in seiner Ansprache anläßlich der Synoden-Feier, daß unser Blick auf das große Ereignis vor 1000 Jahren auch helfen könne, in einer geistig und politisch nach neuen Zielen strebenden Zeit diese Ziele zu erreichen. Es gelte, ins Bewußtsein zu bringen, daß jenseits des nationalen Denkens erkannt werden muß, daß das Wohl des einzelnen und seines Volkes nur im Bund mit allen europäischen Völkern gewährleistet ist."

Emmerling bringt in seinen Erinnerungen 1979 weitere Einzelheiten:

Die Initiatoren, insbesondere Professor Erler von der Mainzer Universität, wollten durch die Veranstaltung ganz dezidiert Anstöße zum Ingelheimer Kulturleben geben und dies der Öffentlichkeit auch durch die Eröffnung der beiden Museen sichtbar machen. Sie sahen die Synode als großes Friedenswerk Ottos des Großen, in einem damaligen Europa, das "noch in ungetrübter Einheit von Kirche und Staat" (Emmerling S. 184) gewesen sei. Es scheint, dass man damals unter "Europa" wohl nur das karolingisch -"abendländische" (nicht-kommunistische) Westeuropa verstand. Man suchte, so Emmerling, nach einem "neuen Gesamtempfinden" nach dem totalen Zusammenbruch des nationalsozialistischen Wahns.

Einaldungsblatt zum Theaterstück; Stadtarchiv Ingelheim

Regisseur des Schauspiels, das in den Hauptrollen von Schauspielern des Mainzer Stadttheaters sowie Ingelheimer Laienschauspielern, darunter die beiden Söhne von Albert Boehringer junior, gespielt wurde, war der aus Ober-Ingelheim stammende Hanns Niedecken-Gebhard, der schon früher mehrere Schauspiele im Freilichtthater geleitet hatte.

Er beschrieb seine Vorstellungen so:

Das Festspiel „Die abendländische Passion" ist ein eigens für die Jahrtausendfeier der Synode von Ingelheim 948 - 1948 geschaffenes Werk. Drei Männer standen Pate bei der Geburt dieses Kindes: Der Historiker, der Theaterpraktiker und der Bühnendichter. Der Kenner der Rechtsgeschichte schuf die genaue stoffliche Unterlage, der Dramaturg und Regisseur entwarf die Skizze für den Aufbau des Festspiels, der Dichter hauchte den historischen Figuren Leben ein, so dass sie als Menschen von Fleisch und Blut auf der Bühne lebendig werden konnten.

Während im Drama das Wort das entscheidende Gewicht hat, braucht das Freilichtschauspiel eine auf bildhafte Wirkung angelegte dramaturgische Grundlage. Es müssen sich verschiedene Bilder aneinanderreihen, die den Fortgang des geschichtlichen Stoffes folgerichtig aufzeigen. Dabei muß auf starke Gegensätzlichkeit der Bilder geachtet werden. Die Charakere des Stücks müssen durch wenige markante Striche gezeichnet sein. Einzelauftritte sprechender Figuren müssen mit lebenerfüllten Massenszenen kontrastieren. Das lyrische Moment der Dichtung darf, wenn auch nur vorsichtig, anklingen, das heitere Moment soll nicht vergessen werden. Diesen Grundsätzen versucht unser Spiel sorglich gerecht zu werden.

Die Charaktere des Spiels:

  • Kaiser Otto ersteht als der überlegene Fürst, der sein Regententum aus tiefer sittlicher Verantwortung trägt und mit geschichtsbildender Kraft die Zentralfigur des Werks darstellt.
  • König Ludwig von Frankreich ist der höfliche, galante König des westlichen Abendlandes.
  • In einer schönen Liebesszene mit Gerberga, der Schwester Ottos, ist ein Ruhepunkt in die Dramatik des geschichtlichen Geschehens eingebaut.
  • Der große Gegenspieler der weltlichen Gewalt ist die Figur des Papstes Agapet II., der die kirchliche Macht repräsentiert.
  • Hadamar, der Abt von Fulda, ist der kluge Diplomat, der die Brücke schlägt zwischen geistlicher und weltlicher Macht.
  • Mit wenigen Strichen sind die gegensätzlichen Temperamente der weiblichen Gestalten gezeichnet. Gerberga, die leidenschaftliche Hadwig, die dem sorglos heiteren Leben hingegebene Schwester, Editha, die repräsentative aus englischem Geblüt stammende Gemahlin des Kaisers. Eine interessante und eindrucksvolle Figur: Wladna, die wendische Fürstentochter, die dem jugendlichen Otto zu einem frühen Erlebnis wird.
  • Die lebendigste Gestalt der Dichtung ist der Narr, eine in allen Epochen der Theaterliteratur zu findende Figur, halb Narr und Lustigmacher, wie der spätere Hanswurst, halb Philosoph und tiefer Kenner menschlicher Schicksale wie er in Shakespeares Dramen uns oft entgegentritt. Er wirbelt durch den Raum, er taucht immer wieder auf, um dem Zuschauer das Geschehen zu erklären und Stimmung sowie Gedanken des Zuhörers auszusprechen. Ihm gehört der Prolog, der in das Spiel einführt, sowie der Epilog, der das Publikum entläßt, nachdem er die Moral von der Geschichte erklärt hat.
  • Die Massenszenen: Der Gegensätzlichkeit der Gesamtkomposition entsprechen die Massenszenen. Im ersten Bild eine lebendige Soldatenszene, die sich um die Lagerfeuer abspielt. Im dritten Bild, das wie ein Nachtstück anhebt, die nur von Fackeln beleuchtete, düstere Heimkehr der müden Krieger aus der Schlacht mit der ergreifenden Episode des sterbenden Verwundeten. Im vierten Bild beim Papst zu Rom die festliche Repräsentation des weltmännischen Papstes im Kreise der geistlichen Würdenträger, und schließlich die Feierlichkeit der Synode zu Ingelheim, in der sich die Vertreter von Staat und Kirche vereinigen, um unter Orgelklang und Glockengelaute in einer feierlichen Prozession das Spiel zu enden.

Die regieliche Anlage unseres Spieles erwächst aus der schönen Gegebenheit unserer Ingelheimer Freilichtbühne. So wird in unserer Aufführung der Gesamtraum als sogenannte Simultanbühne behandelt, in der alle Schauplätze nebeneinander gebracht werden. Ein dekorativ aufgebautes großes Zelt ist der Ort, in den die Fürstlichkeiten sich zu Gesprächen zurückziehen; der Ort, in dem der schöne Ludwig von Frankreich mit seiner jugendlichen Gemahlin sich in einer höfisch stilisierten, lyrisch ausschwingenden Liebesszene findet. Ein im Hintergrund herabgelassener, nach alten Vorbildern gemalter Gobelin bildet den Hintergrund für die Vermählungsfeier der Fürsten am Hofe Ottos des Großen. Im entlegensten Sektor der Bühne ist der Schauplatz bei Rom gedacht, wo der Papst, umgeben von der hohen Geistlichkeit, Hadamar, den Abgesandten des Kaisers, empfängt. Im Schatten der hochragenden, ehrfurchtgebietenden uralten Bäume erleben wir die dramatischen Massenszenen des Feldlagers und die gerade für unsere heutige Generation tief ans Herz greifende Szene der Verwundeten. Für die Repräsentation der Synodenfeier wird der Gesamtraum der Freilichtbühne herangezogen und die breite Fahrstraße als feierlicher Prozessionsweg über die steile Treppe hinauf der Entfaltung des feierlich-repräsentativen endlosen Zuges genützt.

Kostüm und Licht: Als Hilfsmittel der Darstellung wird das Licht herangezogen, das dank einer durchdacht aufgebauten Beleuchtungsanlage vielfältigste Lichtwirkungen gestattet. Der für jede Freilichtaufführung bestimmende künstlerische Faktor des Kostüms soll der Aufführung Glanz verleihen. Stilistisch gebunden an das Kostüm der Zeit, komponiert in bewußt malerischen Farbwirkungen werden Kostüm und Licht als gestaltende Elemente des Freilichttheaters wesentlich herangezogen. Und so möge unser Festspiel als lebendig gewordene Vergangenheit in der Erschütterung unserer Zeit Mahnung und Aufruf für unsere heutige Gegenwart bedeuten und zu einem tiefgehenden und erhebenden Gemeinschaftserlebnis werden.

Emmerling berichtet, alle Bühnenhäuser der Umgebung seien zerstört gewesen, die Zuschauer deshalb sehr theaterhungrig, das Wetter hervorragend - es wurde ein voller Erfolg. Nur zwei Wiederholungen an den beiden folgenden Abenden habe es noch geben können, weil man dann die geliehenen Kostüme habe zurückgeben müssen.

Ein Textbuch des Stückes, mit Schreibmaschine auf Durchschlagpapier geschrieben, ist im Stadtarchiv vorhanden. Auch wenn sein Inhalt der historischen Realität nicht ganz entspricht, so dürfte es doch sehr beeindruckend gewesen sein. Es entspricht dem Geist des Jahres 1948, nur drei Jahre nach dem totalen Zusammenbruch, erfüllt von der Hoffnung auf ein vereintes (West-)Europa, das den "Horden aus dem Osten" (im Stück sind geschichtsfälschend die Wenden damit gemeint) standhalten kann.

Aus demselben Geist entstand am zweiten bedeutenden karolingischen Pfalzort Aachen zwei Jahre später der seitdem vergebene Karlspreis.

Das neue Zoologische Museum mit der Sammlung aus den Expeditionen Carlo von Erlangers wurde am ersten Festtag, dem 5. Juni 1949, in zwei neuen Schauschränken im ehemaligen Tanzsaal des Jung'schen Anwesens am Nieder-Ingelheimer Rathausplatz eröffnet (das Haus links neben der Pestalozzi-Schule), seine Exponate waren vom Mainzer Konservator Stadelmann restauriert worden.

Am zweiten Festtag, einem Sonntag, dem 6. Juni, fanden in allen Kirchen Festgottesdienste statt, und das Historische Museum wurde in der ehemaligen Kinderschule hinter dem (Nieder-) Ingelheimer Rathaus ("Haus Mett") wieder eröffnet; ausgestellt waren die geretteten Objekte, hauptsächlich Bodenfunde und Steindenkmäler der Kaiserpfalz.

Prof. Erler hielt die Eröffnungsansprache. Anschließend wurde der Historische Verein nach einer Phase der Stilllegung in der Nazizeit mit dem Weingutsbesitzer Heinrich Saalwächter als neuem Vorsitzenden wieder gegründet.

Der Hauptfestakt dieses Tages begann um 15 Uhr im (Nieder-) Ingelheimer Rathaus, musikalisch umrahmt vom Collegium Musicum der Mainzer Universität. Er wurde durch Lautsprecher auf den Rathausplatz übertragen. Ansprachen hielten der Kultus- und Justizminister Süsterhenn der Landesregierung, Prof. Erler mit dem Festvortrag über "die Bedeutung der Ingelheimer Synode 948", Ministerialdirektor Viehweg aus Wiesbaden ("aus der amerikanischen Zone"), Superintendent Becker und der Mainzer Oberbürgermeister Dr. Kraus. Interessanterweise sprach kein Vertreter der französischen Besatzungsmacht bei dieser Gelegenheit, obwohl das Ereignis, dessen gedacht wurde, eine französische Beteiligung durchaus nahegelegt hätte.

Es folgten Führungen durch die Museen und die Pfalz sowie Konzerte durch die Vereine an verschiedenen Stellen der Stadt. Am dritten Tag gab es noch eine Führung Emmerlings durch Ober-Ingelheim sowie das Märchenspiel der Mainzer Puppenspiele Willi Biondino und die dritte Freilichtaufführung.

Emmerling weist auf die Festschrift hin ("gehaltvoll", aber "auf schlechtem Papier", im Stadtarchiv erhalten) und auf einen Sonderstempel der Post, der bis Ende 1949 gültig blieb.

Zum Schluss seiner Erinnerung veranschaulicht er die damaligen Lebensbedingungen an der Frage der Verköstigung der auswärtigen Gäste. Es gab keine Gaststätte, also kümmerte sich Dr. Rückert u.a. um den Superintendenten Becker, während Emmerlings Familie die folgenden Gäste am runden Tisch bewirtete: den katholischen Theologen Prof. Reatz, zugleich Rektor der Mainzer Universität, Prof. Behrens, Direktor des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz, den Zoologen Prof. von Buddenbrock, Prof. Erler, Prorektor der Mainzer Uni, Dr. Nessler vom Stadtarchiv Ludwigshafen und Dr. Sprater, den Leiter des Historischen Museums der Pfalz in Speyer. Auf dem Tisch stand eine große Terrine Spargeleintopf - es war Spargelzeit in Ingelheim - und etwas Wein. Der Nachmittagskaffee stammte aus einem CARE-Paket der Tante von Frau Emmerling aus Kolumbien.

Zurück zum Seitenanfang

 

Gs, erstmals: 22.03.06; Stand: 08.08.20