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Eduard Douwes Dekker (Pseudonym: "Multatuli")

* 1820 Amsterdam, †1887 Ingelheim

Autorin: Margarete Köhler (2000)
Überarbeitet von Hartmut Geißler
unter Mithilfe von Dr. Nicole Nieraad-Schalke


Im Jahre 1880 kam - 39 Jahre nach Albert Gerhard de Roock - wieder ein Niederländer, der viele Jahre auf Java gelebt hatte, nach Ingelheim, um hier seinen Lebensabend zu verbringen. Es war der ehemalige Kolonialbeamte und Schriftsteller Eduard Douwes Dekker, dem ein Gönner den Kauf eines Hauses auf der Steig finanziert hatte, von wo man den schönen und weiten Blick über Ingelheim hinweg auf Rhein und Rheingau genießen kann.

Eduard Douwes Dekker aus der Multatuli-Biographie Wilhelm Spohrs - Repro: Albert Posch

Dekkers Leben hatte bis dahin einen abenteuerlichen Verlauf genommen. Mit seinem Vater, einem Amsterdamer Kapitän, war er 1839 nach Java gekommen und fand dort bei der Kolonialverwaltung eine Anstellung. 1846 heiratete er auf Java die verarmte Baronesse Everdina ("Tine") Huberta van Wijnbergen (1829-1874). Seine Karriere, die von einem dreijährigen krankheitsbedingten Europaurlaub unterbrochen war, verlief recht erfolgreich. 1856 wurde er zum Assistent-Residenten von Lebak ernannt, einem Regierungsbezirk im Westen von Java. Nebenbei wurde er auch schon schriftstellerisch tätig, schrieb ein kleines Theaterstück und mehrere Artikel.

Sein Versuch, die unkorrekte Amtsführung des javanischen Fürsten seiner Region aufzudecken und anzuprangern, endete mit einem dienstlichen Verweis und der Androhung der Strafversetzung, weil sein Vorgesetzter in die Angelegenheit verstrickt war.

Als er auch beim Gouverneur kein Gehör fand, wurde er 1856 auf eigenen Antrag aus der staatlichen Kolonialverwaltung entlassen. Der nun völlig mittellose Dekker kehrte ohne seine Familie nach Europa zurück, wo er von da an als Schriftsteller umher reiste. Er umgab sich gerne mit jungen Frauen. Unter seinen Verehrerinnen war auch seine spätere zweite Frau, Maria ("Mimi") Hamminck Schepel (1839-1930).

Sein 1859 veröffentlichtes Hauptwerk, der Roman "Max Havelaar", den er unter dem Pseudonym "Multatuli" (lat.: "Ich habe viel ertragen") verfasste, war eine schonungslose und provokative Beschreibung kolonialpolitischer Missstände in Indonesien. Damit erregte er großes Aufsehen in den Niederlanden, denn er war nicht der einzige Kritiker des nach dem Java-Krieg installierten Systems. Von 1850 bis 1870 dauerten in Holland die Parlamentsdebatten um die "koloniale Frage" an, bei der sich Konservative und Liberale kontrovers gegenüberstanden.

Der mutige Autor, der mit seinem Buch den Nerv der Epoche getroffen hatte, war ansonsten eine wahrhaft schillernde Persönlichkeit. Seine Realitätsferne, übergroße Sensibilität und erotische Ausstrahlung brachten dem Glücksspieler und Egozentriker so viele Probleme, dass er ständig auf der Flucht vor seinen Gläubigern war und psychisch und finanziell vom Absturz bedroht war.

Deshalb trennte sich 1870 seine erste Frau Tine, mit der er zwei Kinder hatte und die ihm in die Niederlande nachgereist war, von ihm, denn sie hatte wegen seiner immer schlechten Finanzlage in ständiger Armut leben müssen.

ehemaliges Hotel Multatuli (Foto: Frau Witzke-Paul)

Schon 1866 hatte er fluchtartig die Niederlande verlassen müssen, weil er einen Theaterbesucher öffentlich geohrfeigt hatte und ihm eine Gefängnisstrafe drohte. In den 1870er Jahren jedoch entspannte sich seine persönliche Situation. 1875 heiratete er Mimi und lebte vorrangig mit ihr in Wiesbaden (wegen der dortigen Spielbank). Da die Ehe kinderlos blieb, adoptierte Mimi drei Jahre nach der Hochzeit einen Pflegesohn Eduard (Wouter/Walther) Bernhold (1876-1945), ohne Wissen ihres Mannes, der in dieser Zeit auf einer Lesereise war.

Wie durch ein Wunder kam 1881 Beständigkeit in Dekkers bis dahin so unruhiges Leben. Das großzügige Darlehen eines niederländischen Mäzens, der anonym bleiben wollte, ermöglichte ihm den Erwerb des abgelegenen Hauses auf der Ingelheimer Steig, in dem er fortan mit seiner zweiten Frau und einem Adoptivsohn sehr zurückgezogen lebte. Es ist das Grundbauwerk des ehemaligen Landhotels Multatuli oberhalb von Ingelheim.

Er pflegte keine Kontakte zu den Ingelheimern, die ihn als Eigenbrötler und Sonderling erlebten, der sogar mit ihrem Pfarrer und dem Bürgermeister im Streit lag. Die wenigen Dorfbewohner jedoch, die in seinem Haus verkehrten, erkannten in ihm einen liebenswerten, doch verletzlichen und vom Leben enttäuschten Menschen. Schriftstellerisch hat er in Ingelheim nicht mehr gearbeitet, sondern verbrachte seine Zeit mit Schachkorrespondenz und mit der Erziehung Walters, den er nicht in die Schule von Nieder-Ingelheim gehen ließ. Er baute in seinem Garten Laubengänge und das "Waltherhäuschen", ließ Drachen steigen.

Am 19. Februar 1887 ist er, von Asthma geschwächt, in seinem Haus verstorben. Sein Leichnam wurde nicht in Ingelheim begraben, sondern eingeäschert, und zwar in Gotha, weil dort seit 1878 das erste (und bis 1891) einzige deutsche Krematorium stand.

Seine Witwe verkaufte das Haus in Ingelheim und reiste mit dem Adoptivsohn in die Niederlande zurück.

An seinem 100. Todestag wurde seiner in Ingelheim mit einer Literatur-Ausstellung im Rathaus gedacht. Im Rahmen eines Multatuli-Symposiums gründete sich im selben Jahr die internationale Multatuli-Gesellschaft.

In Holland gilt Dekker heute als einer der bedeutendsten Schriftsteller des Landes. Seine Werke wurden ungefähr 10 Jahre nach seinem Tod von Wilhelm Spohr ins Deutsche übersetzt.

Literatur


Gs, erstmals: 19.06.09; Stand: 27.02.17